919 – Die Wahl von Herzog Heinrich zum König – Der Übergang vom ostfränkischen zum Deutschen Reich

Ort
Salzgitter
Veranstalter
Geschichtsverein Salzgitter e.V.; Förderverein Burg Lichtenberg e.V.; Fachdienst Kultur der Stadt Salzgitter
Datum
16.02.2019
Von
Thomas Wozniak, Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften, Eberhard Karls Universität Tübingen

Im Jahr 919 begann Herzog Heinrich I. von Sachsen damit, die Königsherrschaft im ostfränkischen Reich zu übernehmen und war über zwei Jahre lang bemüht, diese zu stabilisieren. Es überrascht nicht, dass aus Anlass der 1100. Wiederkehr dieses Ereignisses die Person, die Zeit und die Umstände dieses Prozesses erneut in den wissenschaftlichen Fokus geraten. Nach einer Tagung in Quedlinburg im vergangenen Jahr[1] fand nun in Salzgitter, der Herkunftsregion von Heinrichs zweiter Frau Mathilde, die zweite Tagung statt, die sich ausdrücklich mit König Heinrich I. beschäftigte.

In ihren Grußworten nannten HARTMUT SCHÖLCH (Salzgitter) und JÖRG LEUSCHNER (Badenhausen / Salzgitter) neben dem Jahr 919 weitere zentrale Daten, an die im Jahr 2019 erinnert wird: die Einführung des Frauenwahlrechts 1919, die Gründung von BRD und DDR 1949 sowie den Mauerfall 1989. Aufgrund des großen Andrangs musste die Tagung vom Fürstensaal des Schlosses Salder in den geräumigeren Kuhstall verlegt werden. In seiner Einführung betonte BERND ULRICH HUCKER (Vechta), das Ziel der Tagung sei, die Landesgeschichte mit der Reichsgeschichte zu verbinden – gerade in dieser so quellenarmen Zeit des Mittelalters.

Im ersten Vortrag ging es vor allem um die familiären und räumlichen Voraussetzungen, die zur Herrschaft der Liudolfinger führten. Dafür betrachtete CASPAR EHLERS (Frankfurt am Main) nicht nur die angekündigten drei, sondern tatsächlich alle sechs liudolfingischen Generationen vom Beginn des 9. Jahrhunderts (Liudolf, gestorben 866) bis zum Tod Heinrichs II. im Jahr 1024. Diese familiären Verhältnisse verband er dann mit den Orten und Räumen der Ereignisse, die auf verständlichen Karten präsentiert wurden. Weitere übersichtliche Blockgrafiken, welche die politischen Beziehungsgeflechte in Europa anschaulich verdeutlichten, ergänzten den Vortrag. Im Vordergrund standen dabei neben den Frauenkonventen die kirchlichen Gründungen in ausgewählten Kirchenprovinzen vor und nach dem Stichjahr 919.

In ihrem Vortrag betrachtete BARBARA KLÖSSEL-LUCKHARDT (Wolfenbüttel) vor allem die beiden Siegel König Heinrichs I. Ausgehend von den Arbeiten Hagen Kellers und Otto Posses stellte sie die Besonderheiten der vermutlich aus Bergkristall geschnittenen Siegelstempel und ihrer Abbilder dar. Daneben wurde näher auf das „HEGINRIC“-Medaillon eingegangen, welches dem Fundkomplex „Klein-Roscharden II“ entstammt, sich heute im Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin[2] befindet und als Leitbild den Flyer der Tagung zierte. Am Ende des Vortrags stand die vorsichtig formulierte These, dass solche in Bergkristall geschnittenen Siegelnegative auch eine Funktion als Schmuckobjekte wie durchscheinende Scheibenfibeln gehabt haben könnten.

Anschaulich machte GERD ALTHOFF (Münster) seinen „Standpunkt im Konzert der Forschung“ deutlich und fragte, ob Heinrich I. ein König gewesen sei, der seinen Freunden nichts abschlug. Den Weg, „die ottonische Geschichtsschreibung zu verstehen, bevor man sie kritisiere“, beschritt er über drei Stationen: 1) den Vergleich der Herrschaft zwischen Konrad I. und Heinrich I., 2) die Einung im ostfränkischen Reich als Heinrichs zentrales Anliegen und Voraussetzung für seine Ungarnabwehr, 3) den Bruch Ottos I. mit dem Herrschaftsverständnis seines Vaters nach dessen Tod 936. Auch wenn der Vortrag überwiegend auf dem analytischen Vergleich der Darstellung Widukinds von Corvey mit der Memorialüberlieferung aufbaute, betonte Althoff, dass auch die anderen zeitgenössischen historiographischen und urkundlichen Quellen das entworfene Bild bestätigten.

Wie MATTHIAS SPRINGER (Magdeburg) zeigte, kann 919 kaum von „Deutschland“ gesprochen werden, vielmehr sei das ostfränkische Reich nur ein unmittelbarer Vorgänger des Deutschen Reiches gewesen. Als mögliche Daten für den Übergang nannte er die in der Forschung diskutierten Jahre 843, 887, 911, 919 und 955 – aber erst die Lechfeldschlacht 955 habe die alles überragende und alle vereinende Gemeinschaftsidee geliefert. Warum das Jahr 919 bei Nichtfachleuten so beliebt sei, erklärte er mit dem wirkungsmächtigen Werk von Wilhelm von Giesebrecht, dessen Darstellung es bis in die Schulbücher geschafft hatte. Erst Otto von Freising gab im 12. Jahrhundert die von ihm in Paris gehörte, aber nicht geteilte Idee französischer Gelehrter wieder, nach der „manche Leute Konrad I. als letzten Karolinger betrachten und Heinrich I. als ersten deutschen Herrscher.“ Bei der Betrachtung helfen auch die Königstitel in den Urkunden kaum weiter, weil dort oft nur die Bezeichnung rex über eine bestimmte gens genannt wird.

Der Frage, ob der Sachsenherzog Heinrich ein Vogelsteller sei, ging BERND ULRICH HUCKER (Vechta) über die Kategorisierung aller bekannter Beinamen (unter anderem humilis, martell, magnus) nach. In den Einträgen der Pöhlder Annalen aus der Mitte des 12. Jahrhunderts sei Finkelere verlesen und irrtümlich zu einem als Dinklar gedeuteten Ortsnamen gemacht worden. Die in den historiographischen Quellen hervortretende Jagdleidenschaft Heinrichs I. sei nicht mit der populären, aber minderwertigen Tätigkeit des Singvögelfangens gleichzusetzen, sondern mit der Beizjagd, „einem beliebten Sport beim sächsischen Adel“. Der Vortrag endete in einer kurzen Übersicht der Orte in der Gegend des Harzes, die für sich in Anspruch nehmen, dass die Großen des Reichs Heinrich I. hier beim Vogelfang vorgefunden hätten. Dabei betonte er, dass es nicht darum gehe, den konkreten Ort zu finden, und verwies stattdessen auf eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit Münz- und Montanstätten des Harzes.

Grundlegendes zu den wirtschaftlichen Bedingungen während der Herrschaft Heinrichs I. (919–936) bot der Vortrag von SEBASTIAN STEINBACH (Heidelberg), der neben dem Königsdienst, der Grundherrschaft und dem Fernhandel auf die Münzen, die Monetarisierung und die allgemeinen Rahmenbedingungen („Klimaoptimum 900–1200“) einging. Die liudolfingische Gesellschaft stelle sich als eine Holz- und Agrargesellschaft dar, in welcher der König neben Klöstern und Stiften der größte Grundherr sei. Anhand des Getreidebedarfs der Mönche eines Klosters oder des Metallbedarfs zur Versorgung eines Heers von 2.500 Kriegern mit Waffen und Rüstung zum Kampf zeigte er die grundlegende Wirtschaftssituation auf, auf denen die liudolfingische Gesellschaft basierte. Diese sei eine Bedarfsgemeinschaft gewesen, die Wehrzwecke verfolgt habe.

Einem der bekanntesten Themen im Umfeld Heinrichs I., dem Burgenbau zum Schutz vor den Ungarn, widmete sich Jörg Leuschner. Ausgehend von den beständigen Übergriffen der Ungarn, die sehr ausführlich fast jahrweise aufgeführt wurden, näherte er sich der bekannten Stelle in der Sachsengeschichte des Widukind von Corvey (I, 35), die seit Carl Erdmann 1943 als „Burgenordnung“ bezeichnet wird. Anhand von Beispielen wie der Pfalz Werla, an der in letzter Zeit aktuelle Grabungen neue Erkenntnisse gebracht haben, der ebenfalls bei Widukind genannten Steterburg sowie der Stadtmauer von Worms (Hoftag 926) verallgemeinerte er die Besonderheiten dieser Bauwerke als vermeintliche Anforderungen an alle neuen Burgen im gesamten ostfränkischen Reich, während die grundlegende Frage, wie eine Burg im 10. Jahrhundert überhaupt ausgesehen habe und was sie alles nicht gewesen sei, vernachlässigt wurde.

In ihrem Vortrag näherte sich CHRISTINA KELLNER-DEPNER (Salzgitter) behutsam und methodisch vorbildlich einem Steigbügelfund aus Salzgitter an, der in der Ausstellung des Städtischen Museums Schloss Salder, auf dem die Tagung stattfand, als ein Beleg für die Ungarneinfälle im Sachsen des 10. Jahrhunderts präsentiert wird. Der Vortrag betrachtete die Kampfesweise und Ausrüstung der Ungarn und kam besonders auf die Steigbügel zu sprechen, zumal das in der Ausstellung gezeigte Exemplar als „steppennomadisch, höchstwahrscheinlich 10. Jahrhundert“ eingestuft wird. Allerdings zeigt der Vergleich des schwachovalen Steigbügels mit vierkantigen Bügelarmen und floraler Silbertauschierung, dass bekannte ungarische Gegenstücke teilweise ganz anders ausgeführt sind. Die Fundumstände als Oberflächenfund eines Sondengängers mit der groben topographischen Verortung „Salzgitter“ lassen wiederum Datierung und Zuordnung unsicher erscheinen.

Der Vortrag von GERD BIEGEL (Braunschweig) zum Thema: „‚Deutsches Reich‘ und regionalgeschichtliche Rezeption“ musste aus Krankheitsgründen entfallen. Kurz fasste BERND ULRICH HUCKER (Vechta) die Ergebnisse der einzelnen Vorträge am Ende zusammen und dankte allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Um die bei dieser Tagung entstandenen Impulse und Ergebnisse weiteren Kreisen zugänglich zu machen, sollen die Vorträge zeitnah als Tagungsheft des Salzgitter-Jahrbuches veröffentlicht werden.

Konferenzübersicht:

Moderation: Bernd Ulrich Hucker (Vechta) / Jörg Leuschner (Badenhausen / Salzgitter)

Hartmut Schölch (Salzgitter): Grußwort

Jörg Leuschner (Badenhausen / Salzgitter): Begrüßung

Bernd Ulrich Hucker (Vechta): Einführung

Caspar Ehlers (Frankfurt am Main): Drei Generationen liudolfingischer Geschichte. Orte und Räume (Mitte 9. Jahrhundert bis 919)

Barbara Klössel-Luckhardt (Wolfenbüttel): König Heinrich I. im zeitgenössischen Siegel- und Münzbild

Gerd Althoff (Münster): Heinrich I. – Ein König, der seinen Freunden nichts abschlug?

Matthias Springer (Magdeburg): „Francia et Saxonia“ oder neue Reiche und alte Namen

Bernd Ulrich Hucker (Vechta): War der Sachsenherzog Heinrich ein Vogelsteller?

Sebastian Steinbach (Heidelberg): Königsdienst, Grundherrschaft und Fernhandel – Wirtschaftliche Grundlagen von Herrschaft in der Zeit Heinrichs I. (919–936)

Jörg Leuschner (Badenhausen / Salzgitter): Burgenbau unter König Heinrich I. als Schutz vor den Ungarn – Wirklichkeit oder Legende?

Christina Kellner-Depner (Salzgitter): Der Steigbügel aus Salzgitter – Ein Beleg für die Ungarneinfälle in Sachsen im 10. Jahrhundert?

Bernd Ulrich Hucker (Vechta): Zusammenfassung und Tagungsende

Anmerkungen:
[1] Tagungsbericht: Michael Belitz, 919 – plötzlich König. Heinrich I. und Quedlinburg, 22.03.2018 – 24.03.2018 Quedlinburg, in: H-Soz-Kult, 07.05.2018, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7687 (17.02.2019).
[2] Vgl. https://ikmk.smb.museum/object_print.php?id=18206256&lang=deg=de (17.02.2019).

Zitation
Tagungsbericht: 919 – Die Wahl von Herzog Heinrich zum König – Der Übergang vom ostfränkischen zum Deutschen Reich, 16.02.2019 Salzgitter, in: H-Soz-Kult, 26.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8189>.