Haus und Herrschaft (visuell) – Interdisziplinäre und transkulturelle Zugänge

Ort
Bonn
Veranstalter
Steffen Kremer / Andrea Stieldorf / Svenja Trübenbach / Harald Wolter-von dem Knesebeck, Sonderforschungsbereich 1167 „Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Datum
25.01.2019 - 26.01.2019
Von
Steffen Kremer / Svenja Trübenbach / Johanna Beutner, Kunsthistorisches Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Seit den Untersuchungen Joachim Eibachs ist das Haus kein hermetisch geschlossener Container mehr, nicht mehr das „ganze Haus“ Wilhelm Heinrich Riehls und Otto Brunners: „Das Haus stand nicht allein auf weiter Flur, sondern in einem herrschaftlich und gemeindlich definierten Kontext“[1] und war so in eine Vielzahl sozialer Netzwerke und Interaktionen mit der Außenwelt – wie Verwandtschaft, Freundschaft, Nachbarschaft und Gastfreundschaft – als „offenes Haus“ eingebunden. Im Rahmen des von Joachim Eibach und Inken Schmidt-Voges geleiteten Arbeitskreises „Haus im Kontext: Kommunikation und Lebenswelt“ wurde ihm rezent große und umfassende Aufmerksamkeit zuteil. Das daraus entstandene Handbuch versteht und untersucht das Haus als Gebäude, als soziale Gruppe und als gesellschaftliches Ordnungsmodell[2], verweist jedoch auch auf den bisherigen Mangel „an einer neuen Auslotung der Bedeutung des Hauses für den Bereich von Herrschaft und Politik in vormodernen Gesellschaften […]“.[3]

Anknüpfend hieran rückte der Workshop der SFB-Teilprojekte „Der König als Gast – Haus und Herrschaft in der profanen Wandmalerei“ (Kunstgeschichte) und „Bilder vom König. Macht und Herrschaft der ostfränkisch-deutschen Könige im Siegel- und Münzbild (936–1250)“ (Historische Grundwissenschaften und Archivkunde) das seit der Debatte um Otto Brunner vergleichsweise in den Hintergrund getretene Thema von „Haus und Herrschaft“ in den Fokus eines interdisziplinären und transkulturellen Austauschs. Dabei konnte und sollte das „Haus“ in seinem Verhältnis zur „Herrschaft“ nicht nur in seiner architektonischen Gestalt, sondern auch in seiner symbolischen Dimension in den Blick genommen werden – wenngleich der gebaute Raum die sichtbarste Komponente herrschaftlicher Zeichensysteme sein mag.[4] Denn für die dynastische Identitätsbildung tritt das genealogische Haus als ebenso wichtiger Faktor heraus, wie auch die Frage nach dem für die rechte Haus- und Herrschaftsführung relevanten, konventionellen Ordnungswissen.

Weiterführend ging es den VeranstalterInnen darum, Aufmerksamkeit auf die materielle und visuelle Ebene von Haus und Herrschaft zu lenken, sodass ein Schwerpunkt auf bildlichen Darstellungen beziehungsweise Text-Bild-Relationen lag. Der Workshop folgte damit dem Hinweis von Philipp Hahn, dass für ein breiteres Verständnis „bildliche Darstellungen häuslicher Ordnungskonzepte mit in den Blick genommen werden müssen“[5] und erweiterte ihn gleichzeitig um den Aspekt der Visualisierung weiterer Ebenen des Hauses. Diesen und anderen Zugängen zum Thema gingen in dem Workshop arrivierte VertreterInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen aus den Disziplinen Archäologie, Germanistik, Geschichte, Indologie, Kunstgeschichte und Tibetologie nach. Diskutiert wurden dabei nicht nur verschiedene Ebenen des Hausbegriffs, sondern auch unterschiedliche Formen von Macht und Herrschaft.

So stand am Beginn das Haus als Gebäude im Fokus, wobei JONAS FROEHLICH (Tübingen) und SIMON LORSCHEID (Bonn) die Verortung des Hauses im landschaftlich-territorialen Raum sowie seine Interaktionen und Abhängigkeiten mit dem Umland und anderen Häusern wie Herrschaftsträgern aus archäologischer und historischer Perspektive diskutierten. Burgen bildeten demnach den weithin sichtbaren Mittelpunkt von Grundherrschaften und gerade für den Niederadel das Fundament seiner Macht, die heute archäologisch beispielsweise anhand der Überreste von Gerichtsplätzen oder Kerkern fassbar sein kann. Die Bauten dienten weniger dem Ausweis militärischer Potenz oder dem Schutz von Personen als vielmehr jenem von Rechten, die sich im Falle des Jagdrechts etwa über Tierknochenfunde rekonstruieren lassen. Darüber hinaus waren die meist erhöht gelegenen Anlagen wichtige Zentren lokaler Wirtschaft und Verwaltung.

Im Rahmen des architektonischen Hauses wurden aber auch innerhäusliche Raumaufteilungen und Zugänglichkeiten vorgestellt. Dabei zeigte SANDRA J. SCHLAGE (Bonn) am Beispiel des südindischen Ceṭṭināṭu Hauses der Kolonialzeit, wie im Vergleich zum europäischen Kulturraum zwar unterschiedliche Wertesysteme (vor allem kastengebundene Reinheit/Unreinheit) den Zugang regulierten, aber ganz ähnliche Aufteilungen und Staffelungen von Räumen unterschiedlicher Offenheit und Privatheit in den Häusern zu beobachten sind. Auch Areale für Besucher, Gäste und damit die Gastfreundschaft insgesamt spielten eine zentrale Rolle.

An diese materiellen Aspekte anknüpfend wurde anschließend die künstlerische Gestaltung des Hauses fokussiert. Im Falle der von SVENJA TRÜBENBACH und STEFFEN KREMER (beide Bonn) besprochenen profanen Wandmalereien öffnete sich das Haus nicht nur buchstäblich durch die fingierte Scheinarchitektur der Fassade und die dargestellte Gastfreundschaft, sondern fand sich auch in den Malereien selbst als Symbol wieder und bekräftigte so den in den Bildern artikulierten Herrschaftsanspruch der Auftraggeber. Hier, wie auch in anderen vorgestellten und diskutierten Bildmedien, diente es der topographischen Verortung und damit Ausbildung von Herrschaft, ebenso wie der dynastischen Identitätsbildung. Damit trat es in Konkurrenz zu andernorts verwendeten, arboresken oder vegetabilen Bildspendern (zum Beispiel Stammbäume), wie MICHAEL HECHT (Münster) ausführte.

Die von TERESA RAFFELSBERGER (Bonn) betrachteten Tempelmalereien in Ladakh, die einen palastartigen Komplex zum Gegenstand haben und dabei auch den Herrscher und seine Familie inszenieren, spiegeln anhand der räumlichen Nähe zum Herrscher im Zentrum der Darstellung die Hierarchie der Hofangehörigen. Die bedeutungsvolle Position der Küche im häuslichen und herrschaftlichen Kontext zeigte sich zudem nicht nur hier, sondern auch in der indischen sowie europäischen Tradition, sodass an dieser Stelle die interdisziplinäre und transkulturelle Zusammenarbeit Erkenntnisse jenseits einer eurozentristischen Perspektive generierte.

Der Abendvortrag von INKEN SCHMIDT-VOGES (Marburg) eröffnete neue Perspektiven auf die Phänomene „Haus“ und „Herrschaft“. So zeigte ein genauerer Blick, dass Haushalte mitnichten immer nur von verheirateten Paaren geführt wurden und die patria potestas ebenso wenig absolut war; zudem konnte man zur Miete wohnen oder mehrfach umziehen und nicht selten teilten sich mehrere Haushalte ein Gebäude. Vormoderne europäische Gesellschaften waren in vielerlei Hinsicht auf das Haus bezogen, sodass die These eines „Europa als Hausgesellschaft“ in den Raum gestellt wurde. Daneben wurde die zentrale und für weiterführende Untersuchungen wichtige Frage aufgeworfen, wann, von wem und warum das Modell des Hauses bemüht wurde.

Die Beiträge des zweiten Tages führten dann von der territorialen zur häuslichen Herrschaft, wobei dort verstärkt genderspezifische Aspekte wiederum einen Bogen zur Nutzung (außer-)häuslicher Räume schlugen. ELISABETTA CAU (Gießen) veranschaulichte anhand italienischer wie niederländischer Gemälde und Druckgrafiken insbesondere des 16. und 17. Jahrhunderts die Folgen der Grenzüberschreitung der Frau – von deren Gehorsam die Ehre des Mannes maßgeblich abhing – vom häuslichen in den außerhäuslichen Raum. Der Diskurs um Grenzsetzungen und ihre stetigen Aushandlungsprozesse spiegelt sich visuell in der Inszenierung von architektonischen Grenzen und Schwellensituationen wie Türen, Fenstern oder Treppen. Neben dem nur bedingt durch die Mauern des Hauses gewährten Schutz der Frau vor äußeren Einflüssen und Angriffen wird sie dabei häufig, auch für sich selbst, zum „Sicherheitsrisiko“.

Im Rahmen der von PETER GLASNER und CHRISTIAN MEIERHOFER (beide Bonn) vorgestellten Texte, die die Herrschaft des Hausvaters betrafen, zeigte sich das fiktionale Potenzial der Inszenierung von Haus und Hausherrschaft, wobei genealogische Erfindungen sowie häusliche Regelwerke in humanistischen Kreisen bisweilen zum Selbstzweck werden konnten. Eine mögliche Erklärung für den hohen Bedarf an normativer Gebrauchsliteratur in der Frühen Neuzeit bietet ein durch den Zuzug vieler Menschen in die Stadt gesteigertes Bedürfnis nach städtischer Kultivierung. Die dem Thema inhärenten didaktischen Implikationen konnten dabei nicht nur zur „Domestizierung“ der Frau, sondern auch derjenigen des Mannes dienlich sein. Einen entsprechenden Hausstand anzulegen, konnte etwa ganz konkrete wirtschaftliche Probleme mit sich bringen. Häuslicher Konsum, jenseits der von Brunner konstatierten Autarkie, zeigte sich demnach auch als eng mit Herrschaft verknüpft, wie LUCAS BURKART (Basel) anhand außerordentlich detaillierter venezianischer Nachlassinventare vor Augen führte. Die hier häufig anzutreffende, (vermeintlich) exotische Herkunft der Waren galt nicht nur als Qualitäts- und Gütesiegel, sondern lässt auch auf eine Integration der damit verknüpften Wertvorstellungen in die venezianische Welt schließen.

Die Diskussionen im Rahmen des Workshops haben gezeigt, dass im bildlichen ebenso wie im schriftlichen Bereich stets das Verhältnis idealtypischer Normen und gelebter sozialer Praxis zu berücksichtigen ist. So referieren Dar- und Vorstellungen vom Haus nicht absolute Wirklichkeit, wirken aber auf diese ein, insofern sie zu entsprechendem Verhalten aufrufen. Die für den Workshop wichtige Fragestellung nach dem stark kritisierten Konzept Otto Brunners vom „ganzen Haus“ und dem Gegenentwurf Joachim Eibachs vom „offenen Haus“ wurde diskutiert und letzterem auf Anregung von LUCAS BURKART (Basel) der Vorschlag eines „verflochtenen Hauses“ entgegengesetzt, das den Aspekt der sozialen Interaktion mit der Umwelt ebenso deutlich betont, aber anders nuanciert. Die Untersuchung insbesondere der materiellen Hinterlassenschaft bürgerlicher und adeliger Häuser sowohl im städtischen wie auch ländlichen Umfeld zeigte, dass das Konzept und der Begriff des „offenen Hauses“ auch weiterhin seine Gültigkeit behält, jedoch noch um weitere Aspekte ergänzt und spezifiziert werden kann. Die Häuser der Eliten zeichneten sich im Vergleich zu jenen niederer Schichten vor allem durch eine sehr stark regulierte und anders gelagerte Offenheit aus, indem sie vor allem für Verwandte und Freunde beziehungsweise offizielle Gäste okkasionell und kontrollierter geöffnet werden und Weltoffenheit demonstrieren konnten. In diesem Sinne zeigten sie ein erhöhtes Maß der Vernetzung mit anderen Häusern, Höfen, Machthabern und Herrschaftsträgern, aber auch dem Fernhandel. Der Begriff des „verflochtenen Hauses“ verortet die Häuser, basierend auf ihrer Materialität und Ausstattung (Import von (exotischen) Luxusgütern, transkulturelle Adaption von Baudekor und -materialien, bildliche Inszenierung von freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Netzwerken) in der (angestrebten) Lebenswelt ihrer Auftraggeber. Damit zeigen sich im Ergebnis vollständig andere Mittel der Öffnung (beziehungsweise Verflechtung oder Vernetzung) des Hauses als sie in niedrigeren sozialen Schichten anzutreffen sind[6], und die im Kontext der Ausbildung und/oder des Erhalts von Macht und Herrschaft stark auf die Demonstration der Ehre des Hauses abzielen.

Konferenzübersicht:

Harald Wolter-von dem Knesebeck (Bonn): Begrüßung und Einführung

Jonas Froehlich (Tübingen): Macht und Mörtel – Burgen und niederadelige Herrschaftsbildung

Simon Lorscheid (Bonn): Haus Pesch bei Pier – Eine Motte des Hochmittelalters zwischen Adel und Nicht-Adel im ländlichen Raum des Rheinlandes

Sandra J. Schlage (Bonn): Die Architektur des Ceṭṭināṭu Hauses (Südindien): Visueller Ausdruck von sozial konstruierten Dualitäten und Machtgefällen

Svenja Trübenbach (Bonn): Zu Bedeutung des Herrscherbesuchs für die Hausehre und deren Vermittlung in der Fassadenmalerei

Steffen Kremer (Bonn): Von der Macht zur Herrschaft – Das „Haus“ in der profanen Wandmalerei

Michael Hecht (Münster): Das Adelshaus in der Vormoderne als Konzept und Symbol

Teresa Raffelsberger (Bonn): Der König und die Seinen – Konzepte von Haus und Herrschaft im Königreich von Ladakh (16.–19. Jahrhundert)

Öffentlicher Abendvortrag
Inken Schmidt-Voges (Marburg): „Haus“ und „Herrschaft“ – Neue Perspektiven auf ein altes Problem

Lucas Burkart (Basel): Herrschaft durch Konsum. Venezianische Haushalte der Renaissance

Elisabetta Cau (Gießen): (Physische oder symbolische) Grenzen – Darstellungsweisen und Folgen des Übertritts

Peter Glasner (Bonn): Haus und Hausvater – Zur Visualisierung von Besitz und Herrschaft bei Herrman (von) Weinsberg (1518–1597)

Christian Meierhofer (Bonn): Haussemantik und Textherrschaft bei Hans Sachs

Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] Joachim Eibach, Das Haus. Zwischen öffentlicher Zugänglichkeit und geschützter Privatheit (16.–18. Jahrhundert), in: Susanne Rau / Gerd Schwerhoff (Hrsg.), Zwischen Gotteshaus und Taverne. Öffentliche Räume in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Köln 2004, S. 183–206, hier S. 186; vgl. ders., Das offene Haus. Kommunikative Praxis im sozialen Nahraum der europäischen Frühen Neuzeit, in: Zeitschrift für Historische Forschung 38/4 (2011), S. 621–664.
[2] Vgl. Inken Schmidt-Voges, Das Haus in der Vormoderne, in: Joachim Eibach / Inken Schmidt-Voges (Hrsg.), Das Haus in der Geschichte Europas. Ein Handbuch, Berlin 2015, S. 1–18.
[3] Ebd., S. 18.
[4] Vgl. Pierre Bourdieu, Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum, in: Martin Wentz (Hrsg.), Stadt-Räume, Frankfurt am Main 1991, S. 25–34., hier S. 27 f.
[5] Philipp Hahn, Trends der deutschsprachigen historischen Forschung nach 1945. Vom ‚ganzen Haus‘ zum ‚offenen Haus‘, in: Eibach / Schmidt-Voges, Das Haus, S. 55.
[6] Vgl. Eibach, Das offene Haus, S. 655.

Zitation
Tagungsbericht: Haus und Herrschaft (visuell) – Interdisziplinäre und transkulturelle Zugänge, 25.01.2019 – 26.01.2019 Bonn, in: H-Soz-Kult, 28.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8198>.