Geschichte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1949-1992

Ort
Würzburg
Veranstalter
DFG – Forschungsprojekt „Geschichte eines Leitmediums. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung von ihrer Gründung 1949 bis zur Gegenwart“, Lehrstuhl für Neueste Geschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Datum
15.02.2019
Von
Frederic Schulz, Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Im Rahmen des DFG-Projekts „Geschichte eines Leitmediums. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung von ihrer Gründung 1949 bis zur Gegenwart“ unter Leitung von Peter Hoeres (Universität Würzburg) fand ein zweiter Workshop statt [1], auf dem laufende Forschungsarbeiten mit Historikern und Journalisten der FAZ diskutiert wurden.

PETER HOERES eröffnete mit dem Verweis auf FAZ-Gründungsherausgeber Erich Welter, der bereits 1961 eine Geschichte der Zeitung für nötig erachtet hatte – spätestens zum 25-jährigen Bestehen. Dem komme man nun im 70. Jahr des Bestehens der Zeitung nach, so Hoeres. Gleichwohl sei der Financier der Würzburger Forschungsarbeiten nicht die FAZ, sondern die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die drei Teilprojekte bewilligt hat. Während andere große Weltzeitungen wie etwa die Times oder Le Monde bereits Gegenstand mehrerer umfassender Forschungsarbeiten waren, weise der Forschungsstand über die FAZ bislang ein erhebliches Missverhältnis zu ihrer Bedeutung als Leitmedium für die Bundesrepublik im vordigitalen Zeitalter auf.

Die sich in den Würzburger Arbeiten niederschlagende Philosophie des Projekts beinhaltet, die Geschichte der FAZ nicht isoliert, sondern in Beziehung zu anderen Funktionssystemen wie Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft zu erforschen und zu interpretieren. Neben der Inhaltsanalyse erlaubt das Quellenfundament den Blick in die „Blackbox Redaktion“. Die Arbeiten des Würzburger Forscherteams fußen nämlich auf den hauseigenen Archivbeständen der FAZ, die man nach langen Verhandlungen von der FAZ zur Verfügung gestellt bekommen hatte.

ROXANNE NARZ (Würzburg), die in ihrem Promotionsvorhaben die Geschichte des Feuilletons in der Ära Karl Korn untersucht, sprach im ersten Vortrag des Workshops über die Positionierung des Feuilletons gegenüber der „68er“-Revolte und deren Rückwirkungen auf die innerredaktionellen Dynamiken der FAZ. Die gesellschaftlichen Spannungen in der Bundesrepublik fanden in der Zeitung ihren Widerhall. Narz bescheinigte dem Feuilleton in der Auseinandersetzung um „1968“ eine vermittelnde Position zwischen Protestbewegung und breiter Öffentlichkeit. Während die Ressorts Politik und Wirtschaft der Protestwelle tendenziell skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, begegnete das Feuilleton den gemäßigten Kräften wohlwollend-kritisch, den radikalen Kräften mit Distanz. Die Lust am Versprechen des Aufbruchs drang in der Berichterstattung immer wieder durch. Das führte unweigerlich zu Spannungen innerhalb der Gesamtzeitung. Anhand der Beispiele Hochschulpolitik und politisches Theater legte Narz das weltanschauliche Spannungsfeld und die Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Ressorts frei. Narz zeigte auf, dass sich somit innerhalb ein und derselben Zeitung zwei zentrale zeitgenössische Deutungsdiskurse der „68er“-Bewegung widerspiegelten. Für das Feuilleton bedeutete „1968“ die Stabilisierung und Konsolidierung eines veränderten kulturkritischen Profils.

FREDERIC SCHULZ (Würzburg) widmet sich in seinem Promotionsvorhaben dem Politikressort der FAZ von 1949 bis 1989. Der zeitliche Fokus seines Vortrags lag auf der Ära Willy Brandts. Die Jahre 1969 bis 1974 stellten für das Ressort eine entscheidende Scharnierzeit dar, da binnen dieser Zeit die Weichen für eine verstärkt konservative Profilierung gestellt wurden. Schulz zeigte die Genese der „Tern-Krise“ auf, also die Entlassung des politischen Herausgebers Jürgen Tern im Jahr 1970, unter anderem wegen dessen Nähe zur sozialliberalen Bundesregierung. Der eigenmächtige Kurs Terns war eine Störung der Kollegialverfassung der FAZ. Dazu kam, dass man der neuen Regierung gezielt hatte offen gegenüberstehen wollen. Schulz ging weiter auf die inneren Strukturreformen im Politikressort ein, die der Entlassung Terns folgten sowie die damit verbundenen personellen Umstrukturierungen. Ab 1971 waren alle entscheidenden Schaltstellen im politischen Ressort mit konservativen Redaktionsmitgliedern versehen. Das senkte das ressortinterne Konfliktpotential, schwächte im Ressort jedoch den Meinungspluralismus. Zudem war ab 1974 auch der letzte politische Herausgeber aus der Generation der „Wilhelminer“ aus der Zeitung ausgeschieden – der „Konsensjournalismus“ (Hodenberg) war passé.

Zum Wirtschaftsressort der FAZ sprach im Anschluss MAXIMILIAN KUTZNER (Würzburg), der die wichtigsten Erkenntnisse seiner frisch abgeschlossenen Dissertation über die Geschichte des Wirtschaftsressorts (1949–1992) vorstellte. Der Sinn der Zeitungsgründung, die Durchsetzung und Popularisierung der Marktwirtschaft, materialisierte sich im Wirtschaftsressort, wie sich an der intensiven Unterstützung für die Politik der Sozialen Marktwirtschaft in den 1950er- und 1960er-Jahren zeigte. Das Ressort sensibilisierte in dieser Phase das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard, aber auch den antagonistischen Bundesverband der Deutschen Industrie für die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit, wie Kutzner anhand von Archivquellen aus diesen beiden Institutionen aufzeigen konnte. Ein zweiter Schwerpunkt seiner Ausführungen war die Verbindung des Wirtschaftsressorts zu den Unternehmern, die einerseits bei der Gründung der Zeitung als Finanziers eine gewichtige Rolle spielten, andererseits selbst Zielgruppe der Berichterstattung des Wirtschaftsressorts waren. Kutzner beleuchtete die unterschiedlichen Funktionen des Ressorts für diese Lesergruppe, die von der Vermittlung von wirtschaftsrelevanten Informationen, über das Scouting neuer Themen wie etwa der Public Relations in den 1950er-Jahren, die Tradierung eines bestimmten unternehmerischen Leitbildes in den 1970er-Jahren oder die Popularisierung der Börsenberichterstattung in den 1980er-Jahren reichten.

PETER HOERES (Würzburg) gab Einblicke in Thesen und Ergebnisse seiner im Herbst erscheinenden Gesamtdarstellung über die Geschichte der FAZ. Hoeres skizzierte die Geschichte der FAZ, als eine „eher unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte“, ob ihrer späten Gründung 1949, als der Anzeigenmarkt längst aufgeteilt war, und Lokalzeitungen die deutsche und Frankfurter Presselandschaft dominierten. Zudem stand kein großer Verlag hinter der Zeitung. Hoeres interpretierte die Rolle der FAZ für die Geschichte der Bundesrepublik einerseits als Teil einer sich vollziehenden Fundamentalliberalisierung, wiewohl Elemente davon schon von Anfang an angelegt waren. So war das Feuilleton, in der Tradition der Frankfurter Zeitung, bereits Teil der liberalen Moderne, gewissermaßen ein „Agent der Nachkriegsmoderne“. Das ordoliberale Wirtschaftsressort war von Beginn an kritisch gegenüber der deutschen Kartelltradition eingestellt, was dann in den 1950er-Jahren auch zu Konflikten mit einigen Förderern aus der Wirtschaft führte. Das politische Ressort hingegen wirkte als „Agent der Verwestlichung“ und der Westbindung spätestens ab 1955, nach dem Konflikt mit Herausgeber Paul Sethe, der die Zeitung verließ. Zugleich war der konservative Politikteil aber andererseits auch „Widerlager“ gegen die Fundamentalliberalisierung und -politisierung sowie gegen die Pazifizierung der Gesellschaft. Weiter ging Hoeres in seinem Vortrag auf die einzigartige Konstruktion der Zeitung unter Führung eines Herausgebergremiums und einer tragenden Stiftung ein sowie auf die große Binnenautonomie der drei Ressorts. Die Arbeitsatmosphäre war liberal, die Praxis war weitgehend „government by discussion“. Stark vereinfacht ausgedrückt könne man sagen, es gab „drei Zeitung in einer“, so Hoeres. So heterogen die Zeitung insgesamt aufgestellt war, so tendenziell homogen waren jedoch die Ressorts. Hoeres stellte einige ausgewählte Schlaglichter aus seinem Buch vor, so etwa die NS-Vergangenheitspolitik der Zeitung. Er sprach außerdem über Frauen in der männerbündisch geprägten Zeitung und charakteristische Eigenheiten der FAZ, die am Beispiel der strengen internen Sprachpolitik der Zeitung aufgezeigt werden konnten – zu konstatieren ist ein permanentes Bemühen um Stil und Ausdruck.

In der Diskussion ging es unter anderem um die Interpretation der in Teilen stark politisierten und bisweilen ideologisch aufgeladenen Quellensprache aus den persönlichen Nachlassen und Redaktionsprotokollen. Ute Daniel gab zu bedenken, dass eine noch so politisiert erscheinende Quellensprache nicht zwangsläufig zu bedeuten habe, dass solche Auseinandersetzungen auch wirklich Teil der politischen Sphäre seien. Rainer Hank zeigte sich skeptisch hinsichtlich Aussagekraft des Leitbilds der Wirtschaftsredaktion. Begriffe wie „ordoliberal“ solle man nicht allzu „akademisch-ideologisch“ deuten. Alle der insgesamt vier Wirtschaftsherausgeber in der Geschichte der FAZ seien eher unakademisch und „hands-on“ orientiert zu Werke gegangen. Thomas Maissen regte an, zu überlegen, ob Fragen nach der politischen Linie der Zeitung und der Ressorts nicht vielmehr Fragen des (sprachlichen) Duktus seien. Ließe sich eine „liberale“ Ausrichtung nicht eher mit „Diskussionsfreudigkeit“, „Offenheit“ übersetzen? Die viel beschriebene Liberalität der FAZ sei mehr als Grundhaltung zu verstehen, jedoch weniger auf unmittelbaren politischen Liberalismus ausgelegt, sondern mehr auf Vertrauen gegenüber den Mitarbeitern der Zeitung, dies sei ähnlich bei der Neuen Züricher Zeitung (NZZ), deren Geschichte Maissen geschrieben hat.[2]

Mit diesem Problemkreis eng verknüpft war die Frage, wie man sich interredaktionelle Dynamiken erklären könne. Hank warb dafür, solche Dynamiken strukturalistisch, also durch Korpsgeist, Binnenwettbewerb, Ressortegoismen, kurz durch die FAZ-Verfassung zu erklären. „Der fehlende Chefredakteur erklärt alles“, so Hank. Für Daniel Deckers müsse man auch eine „Tiefengrammatik“ aus der Zeit vor 1949 aus der Zeit der Frankfurter Zeitung mitdenken, um dynamisierte Ressortmentalitäten zu erklären, die mitunter basaler sein könnten als Fragen der politischen Ausrichtung einzelner Redakteure oder gar ansatzweise geschlossener Ressorts. In Bezug auf die im Kreis deutscher Leitmedien besondere Herausgeberverfassung der FAZ bemerkte Deckers, dass die freiheitlich gehaltene Verfassung der FAZ auch als ein Kind ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Zeit verstanden werden könne. Sie sei gewissermaßen das Deutungsangebot einer Zeitung, die versuchte, eine neue Gesellschaftsordnung und ein neues Ideal einer freiheitlichen Gesellschaft in ihren Institutionen, ihren Strukturen zu konservieren.

Wie man Ergebnisse und Thesen über die Geschichte der FAZ grundsätzlich einzuordnen könne, war Gegenstand einer weiteren Debatte. Daniel lobte die akribische und detaillierte Forschungsperspektive auf das Einzelmedium FAZ. Doch was sagen die Erkenntnisse über die Zeitung wirklich aus, ohne eine breit aufgestellte Vergleichsperspektive in Bezug auf das Mediensystem in seiner historischen Entwicklung und andere Zeitungen? Hoeres entgegnete, dass dies durchaus geschehe, der medienhistorische Forschungsstand werde berücksichtigt und es werde immer vergleichend eingeordnet, wo dies möglich sei. Nur sei das Würzburger Projekt in der Forschungsdichte und Tiefe zu einem deutschen Printmedium leider noch relativ einsam. Forschungsprojekte zu anderen deutschen Leitmedien anzustoßen, sei hoffentlich eine Folge des Projekts, so Hoeres. Maissen brachte in Fragen der vergleichenden Einordnung immer wieder „vergleichende Fußnoten“ aus der Geschichte der NZZ, die er als die „kleine“ gleichwohl „ältere Schwester“ der FAZ bezeichnete. So war beispielsweise bei der NZZ im Unterschied zur FAZ ein drängendes Thema, unabhängig von Aktionären und Inserenten zu sein. Die Sorge, dass man mit zu viel politischer Nähe „Seele und Auftrag korrumpieren“ könne, wurde in der NZZ nicht empfunden; die Zeitung war eng mit dem Freisinn verbunden. Historische Parallelen sah Maissen etwa in einer Art personeller „Flurbereinigung“ um 1970 herum sowie in der ähnlich männerbündisch strukturierten Unternehmenskultur.

TIAGO MATA (London) rundete den Workshop mit einem Vortrag über die 175-jährige Geschichte des britischen Economist ab und offerierte dadurch eine zusätzliche internationale Vergleichsperspektive zur FAZ. Die historische publizistische Agenda des Economist war auf die Unterstützung des politischen Liberalismus und den freien Welthandel ausgelegt. Der Economist war zwar ein Medium mit einem Schwerpunkt auf (wirtschafts-)politische Nachrichten. Doch insbesondere war er darüber hinaus, wie Mata zeigen konnte, eine elementarer Informationskompass für das internationale Handel- und Bankenwesen und die Finanzmärkte. Der Economist, so der Befund Matas, war auch ein Wegbereiter der modernen business intelligence, der Geschäftsanalytik, mit Hilfe derer Managemententscheidungen getroffen werden. Die Geschichte des Economist biete ein Verstehensangebot für das Zusammenspiel von Medien und Kapitalismus.

Im Herbst 2019 erscheint die Gesamtgeschichte der FAZ von Peter Hoeres „Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ“ bei Benevento. Erste Ergebnisse aus den Dissertationsprojekten zur FAZ werden ebenfalls ab Herbst erwartet. Sie erscheinen bei Mohr Siebeck, in einer neuen medienhistorischen Reihe, herausgegeben von Dominik Geppert und Peter Hoeres.

Konferenzübersicht:

Einführung von Peter Hoeres (Würzburg)

Sektion Feuilleton und Politik

Roxanne Narz (Würzburg): „Sind wir in dieser Zeitung eigentlich für den Marxismus?“ – „1968“ und das Feuilleton

Frederic Schulz (Würzburg): „Die F.A.Z. ist für die Regierung eine Art ‚Big Brother‘“ – Das politische Ressort der FAZ in der Ära Brandt

Sektion Wirtschaft

Maximilian Kutzner (Würzburg): Funktionen des Wirtschaftsressorts der FAZ von 1949 bis 1992

Sektion Gesamtgeschichte

Peter Hoeres (Würzburg): Aspekte einer Gesamtgeschichte der FAZ

Gastvortrag

Tiago Mata (London): 175 years of the Economist magazine

Diskutanten
Ute Daniel (Braunschweig) / Daniel Deckers (Frankfurt am Main) / Rainer Hank (Frankfurt am Main) / Thomas Maissen (Paris)

Anmerkungen:

[1] Zur Projektseite: http://www.geschichte.uni-wuerzburg.de/institut/neueste-geschichte/dfg-projekt/ (20.02.2019); Zum Bericht der Tagung vom 16.01.2018: Geschichte eines Leitmediums. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung von ihrer Gründung 1949 bis zur Gegenwart, 16.01.2018 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 10.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7599> (20.02.2019).

[2] Thomas Maissen, Die Geschichte der NZZ 1780–2005, Zürich 2005.

Zitation
Tagungsbericht: Geschichte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1949-1992, 15.02.2019 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 02.04.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8201>.
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Veröffentlicht am
02.04.2019