Gesundheit erzählen. Ästhetik, Performanz und Ideologie seit 1800

Ort
Freiburg im Breisgau
Veranstalter
Letizia Dieckmann / Julian Menninger / Michael Navratil, Graduiertenkolleg 1767 „Faktuales und fiktionales Erzählen“, Sonderforschungsbereich 1015 „Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken"
Datum
25.10.2018 - 27.10.2018
Von
Nikola Keller / Amelie Mussack, Graduiertenkolleg 1767 "Faktuales und fiktionales Erzählen", Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Während Gesundheit bislang primär als Differenzkategorie zur Krankheit verstanden wurde, war es das zentrale Anliegen der interdisziplinären Nachwuchstagung, den Gesundheitsbegriff aus der Perspektive der Literatur- und Kulturwissenschaften, aber auch der Medizin, der Psychologie, der Ethnologie und der Rechtswissenschaft in seiner Eigensemantik zu konzeptualisieren. Gesundheit und Gesundheitserzählungen wurden dabei im Rahmen dreier Panels in ihrer deskriptiven, performativen und normativen Dimension in den Blick genommen.

Nach der Begrüßung durch MONIKA FLUDERNIK (Freiburg im Breisgau), Sprecherin des Graduiertenkollegs 1767 sowie Vorstandsmitglied des Sonderforschungsbereichs 1015, und dem Einleitungsvortrag der Organisator/innen eröffnete MATÍAS MARTÍNEZ (Wuppertal) die Tagung mit der Frage, ob Gesundheit überhaupt erzählt werden könne und illustrierte sie am Beispiel unterschiedlicher Gesundheitsapps. Gesundheit werde dort zwar nicht in Abgrenzung zur Krankheit, sondern durch die stetige Optimierung des eigenen Körpers sowie der eigenen psychischen Konstitution als Annäherung an eine gesellschaftliche Norm konzeptualisiert; protonarrative Strukturen ergäben sich jedoch erst durch verdeckte Abgrenzungen zur Krankheit. Der „Mittelzustand“ Gesundheit zwischen Erlangen und Verlust sei somit für seine Narrativierung abhängig von einer zumindest impliziten Bezugnahme auf die Idee von Krankheit.

Dass das Gesamtwerk Thomas Manns als Abfolge von Gesundheits-, respektive Krankheitsnarrativen zu gliedern sei, zeigte MICHAEL NAVRATIL (Potsdam) und stellte dabei verschiedene Zustände von Gesundheit heraus: zunächst einen dekadenten Gesundheitsverdacht im Frühwerk bis zum Ersten Weltkrieg, sodann die bewusste, instrumentelle Krankheitswahl der Protagonisten des Zauberbergs (1924) sowie des Doktor Faustus (1947), die sich in einem Genesungsunwillen zeige, und schließlich die autonome Krankheit im Spätwerk Manns, im Rahmen derer sich das Individuum vom Krankheitszustand emanzipiere. Das problematische Abhängigkeitsverhältnis von physischem Zustand und moralischer Bewertung werde dort von einer freieren Deutungs- und Wertungsperspektive abgelöst.

Im Zentrum des Vortrags von ANNA S. BRASCH (Bonn) stand die Parallelität von Gesundheitsdiskursen der Lebensreformbewegung um 1900 und gegenwärtigen Diskussionen um Selbstoptimierung, Fitness und gesunde Ernährung. Bezogen auf Thomas Langs Roman Immer nach Hause (2016) erläuterte sie, wie die historische Lebensreform zum Archiv und – mittels einer ironischen und zuweilen skeptischen Erzählinstanz – zugleich zur Reflexionsfolie für zeitgenössische Gesundheitsdiskurse werden könne.

INGA WILKE (Freiburg im Breisgau) lenkte den Blick auf den gegenwärtig vielfach formulierten Wunsch nach mehr Achtsamkeit als universalem Heilsbringer gegen Stress und Belastungen im Alltag. Anhand individueller Selbstaussagen von Teilnehmenden an Achtsamkeitskursen, wie Kursen zum „Waldbaden“, zeigte sie, dass deren Besuch als Schritt zur individuellen Innenschau wahrgenommen werde. Die hieraus folgende körperliche wie psychische Gesundheit könne – hierin besteht die im Rahmen der Tagung häufig benannte Paradoxität – wiederum in den Dienst der Leistungssteigerung gestellt werden.

Der Abendvortrag von PAULA-IRENE VILLA (München) widmete sich in einem breiten Panorama Gesundheitsversprechen der Gegenwart jenseits der Gesundheit. Zentrale Errungenschaft der Moderne und zugleich fundamental für deren Selbstverständnis sei das Recht des Subjekts zur individuellen Selbstverfügung über den eigenen Körper. Inwiefern darüber hinaus innerhalb gegenwärtiger Gesundheitsoptimierungsdiskurse einerseits die Natürlichkeit, die zugleich auch das Gesunde sei, stark betont werde, andererseits das Maßhalten eine zentrale Rolle spiele, zeigte Villa mit Blick auf die Themenbereiche der kosmetischen Chirurgie, der Fitness, der Ernährung und der sogenannten individualisierten, respektive maßgeschneiderten Medizin. Wo jedoch genau das natürliche und gesunde Maße ende und der ungesunde Wahn beginne, und inwiefern mehr Freiheit, Mündigkeit und Selbstbestimmtheit mit einer Logik der permanenten Optimierung und den (selbstauferlegten) Zwängen vereinbar seien, werde jeweils individuell und gesamtgesellschaftlich verhandelt, wodurch sich neue (Un-)Freiheiten ergäben.

Am Beispiel von Hilary Mantels Giving Up the Ghost (2003) und John Bayleys Iris: A Memoir of Iris Murdoch (1998) eröffnete MONIKA CLASS (Mainz) eine körperlich-experimentelle Dimension von Gesundheit, die anhand dreier unterschiedlicher Modi zu charakterisieren sei: Dsy-appearance, Disappearance und absent body. Sie argumentierte, dass sich Gesundheit innerhalb der beiden biografischen Erzählungen binnendifferenzieren lasse und als Teil von Krankheitserzählungen stets direkt oder indirekt miterzählt werde.

Auch LISA MÜLLER (Freiburg im Breisgau) nahm die Scharnierstelle zwischen Krankheit und Gesundheit in den Blick. In den Narrativen chronisch Erkrankter ging sie dem Umgang mit Krankheit jenseits der Krankheit nach. Diese werde häufig als Wendepunkt im Leben verstanden, im Zuge dessen sich – nach einer Phase der Um- oder Neuorientierung – eine Verschiebung der Bezeichnungen „gesund“ und „krank“ ausmachen lasse. Der vor der Erkrankung gelebte (Arbeits-)Alltag werde in der Retrospektive mit Einengung und Druck verbunden; der Ausweg daraus sei, trotz körperlicher Erkrankung, mit einer Rückgewinnung von Autonomie verbunden, woraus sich eine gesündere Lebensweise ergebe.

Am Beispiel sogenannter, aus der Zeit des deutschen Kaiserreichs stammender „Irrenbroschüren“ – Heften von als geisteskrank Entmündigten, die an die Öffentlichkeit treten, um sich trotz juristischer und medizinischer Beweislast zu rehabilitieren – lenkte CORNELIA BRINK (Freiburg im Breisgau) einerseits den Blick auf eine frühe Form von „heilenden“ Selbsterzählungen. Andererseits stellte sie geschlechtsspezifische Strategien der Selbstnormalisierung heraus, mittels derer die Texte ihre Überzeugungskraft gewännen und so der „negative“ Beweis geistiger Gesundheit erbracht werden könne. Zentral sei jeweils die Anschlussfähigkeit an gesamtgesellschaftlich geteilte Normen.

CARL EDUARD SCHEIDT und LISA SCHÄFER-FAUTH (beide Freiburg im Breisgau) erläuterten die Aufgaben von und die Gründe für einen narrativen Ansatz in Medizin und Psychologie. Neben dem Nutzen für die Behandelnden wurde anhand von Fallbeispielen aufgezeigt, inwiefern das Erzählen für die Patient/innen selbst zur Ressource werde: Von der Krankheit zu erzählen sei bereits ein Weg zur Gesundung, denn dies schaffe Ordnung, Sinn und Autorenschaft, könne Bewältigungsprozesse in Gang bringen und zur Identitätsarbeit beitragen.

CHRISTOPHER KOPPERMANN (Freiburg im Breisgau) untersuchte Gesundheitserzählungen von Patient/innen in der Psychotherapie, welche als Gesunderzählen (Prozess), „gesund“ erzählen (Form) sowie von Gesundheit erzählen (Inhalt) verstanden werden können. Anhand einiger Patient/innenbeispiele verdeutlichte Koppermann, inwiefern diese über eine eigene, implizite Gesundheitstheorie verfügten. Psychische Gesundheit bestünde dabei primär in der Abwesenheit oder Überwindung negativer Affekte.

Mit den therapeutischen Funktionen des Schreibens, speziell des Bloggens, für an Depressionen Erkrankte befasste sich MARCELLA FASSIO (Oldenburg). Diese reichten von Kohärenzstiftung, gegen die Krankheit Anschreiben, Selbstermächtigung und Bewältigung über die Aufklärung der Öffentlichkeit bis hin zur Vergemeinschaftung mit Betroffenen. Dabei kämen auch, und damit schloss Fassio an die Beiträge von Müller und Koppermann an, andere Gesundheitskonzepte zur Sprache, im Zuge derer sich eine Umdeutung der Krankheit einstelle. Zwar bleibe trotz des Bloggens häufig die Depression bestehen; dennoch: gesund seien diejenigen, die mit der Krankheit umgehen könnten.

LETIZIA DIECKMANN (Freiburg im Breisgau) griff mit Giulia Enders’ Bestseller Darm mit Charme (2014) den Prototyp zeitgenössischer Gesundheitssachbücher auf und fragte, wie Gesundheit performativ erzählt werde. Inhaltlich äußere sich dies in einer auf der Skepsis gegenüber der Forschung basierten Selbstermächtigung der Lesenden zu einer gesunden Lebensweise durch das vermittelte (anatomische) Wissen, das Hilfe und Handlungsanweisung zugleich sei. Kennzeichnend seien weiterhin die vereinfachende, bildhafte Sprache, die Comic-Bebilderung und damit einhergehende Anthropomorphisierung des Darms sowie nicht zuletzt die einerseits an den Aufbau klassischer Gesundheitsratgeber angelehnte Struktur des Ratgebers und das andererseits jugendlich, unkonventionell und bisweilen unterhaltsame Auftreten der Autorin selbst.

Basierend auf seiner ethnographischen Feldforschung in Namibia lenkte YANNICK VAN DEN BERG (Freiburg im Breisgau) den Blick auf Praktiken der Heilung und des Gesundens in Trauerprozessen. Dabei identifizierte er mehrere Trauerphasen, die allesamt durch gesamtgesellschaftliche Regeln und normierte Abläufe gekennzeichnet seien. Er machte weiterhin deutlich, wie in einem kulturellen Kontext, in dem die Mortalitätsrate sehr hoch sei, formalisierte Strukturen und Rituale des gottesdienstlichen Handelns zum Mittel der Bewältigung für Angehörige, aber auch für die jeweiligen Dorfgemeinschaft, würden. Diese gliederten nicht nur den Trauerprozess, sondern trügen auch im Sinne einer katharsis-Praxis zur Bewältigung des Schmerzes über den Verlust bei.

ANTHONY MAHLER (Basel) kommentierte Christoph Wilhelm Hufelands diätetisches Handbuch Makrobiotik oder Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern (1797). Gemäß dem Telos der Makrobiotik, den „Lebensfaden“ möglichst weit auszudehnen, sei der dort verwendetet Gesundheitsbegriff nicht temporär und situativ, sondern auf die gesamte Lebenszeit ausgerichtet. Gesund sei in dieser Perspektive, was die Gesundheit dauerhaft erhalte. Hierbei wirke laut Mahler nicht nur die von Hufeland präsentierte diätetische Lebensform – bereits die Lektüre des Werks selbst sei, so die frühen Rezeptionszeugnisse, heilsam.

Der Abendvortrag FLORIAN STEGERS (Ulm) schlug eine Brücke zwischen Gesundheitskonstruktion und Staatswesen und konkretisierte diese Verbindung am Beispiel der politischen Medizin der DDR. Der Staat konzipiere neue Definitionen von Gesundheit und Krankheit. Steger zeigte diese Form von Gesundheitsprävention anhand von „Tripperburgen“ auf, in welchen dissidente Frauen mehrere Wochen festgehalten wurden, oft unabhängig von ihrem tatsächlichen Gesundheitszustand. In diesem System wurde das Prinzip „Gesund für den Staat“ so ausgelegt, dass die vermeintliche Notwendigkeit, die Gesellschaft vor „Herumtreiber/innen“ zu schützen, eine Internierung von nicht-linientreuen Individuen als legitim und geboten erscheinen ließ.

FRANK SCHÄFER (Freiburg im Breisgau) stellte die Frage, inwiefern Gesetzestexte Gesundheitserzählungen darstellen könnten. Zum einen ließen sich diese nur schwerlich überhaupt als Erzählung lesen. Zum anderen werde der Gesundheitsbegriff dort kaum je verwendet, da die Gesundheit ein Zustand ohne Normverletzung sei, sodass die Beschäftigung damit in der Regel allenfalls ex negativo erfolge. Juristisch betrachtet sei Gesundheit zwar ein Recht, dessen Beschädigung sanktioniert werde und es gebe ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, nicht aber ein Recht auf Gesundheit.

STEFAN WILLER (Berlin) analysierte anhand dreier Romane – J. M. Coetzees Slow Man (2005), Oliver Sacks’ A Leg to Stand On (1984) sowie Max Barrys Machine Man (2011) – narrative Strategien von Gesundungserzählungen, in welchen sich das Erzählpotential überhaupt erst aus einem dynamischen Gesundheitsverständnis ergebe. Ziel und Strategien solcher normativer Genesungserzählungen seien die Betonung des Gelingens und das Überkommen des Krankheitszustandes hin zu einer persönlichen Rehabilitation und gesellschaftlichen Akzeptanz eines alternativen Gesundheitszustandes.

Narrative der Selbstoptimierung und Lebenszeitverlängerung im Kontext gegenwärtiger Visionen einer Welt ohne Krankheiten beschrieb JULIAN MENNINGER (Freiburg im Breisgau) als besonders signifikante Zeugnisse einer Umbewertung des Gesundheitsbegriffs. Gesundheit werde hier nicht länger als selbstverständlicher und unmarkierter Normalzustand des Körpers betrachtet, sondern als erstrebenswertes Ideal konstruiert. Wie die Konsequenzen eines solchen neuen Gesundheitsverständnisses kritisch reflektiert und solche Narrative dekonstruiert werden könnten, stellte Menninger am Beispiel literarischer Gegenerzählungen wie Juli Zehs Corpus Delicti (2009) und Eugen Ruges Follower (2016) heraus.

SOPHIA BURGENMEISTER (Freiburg im Breisgau) befasste sich in einer diachronen Perspektive mit den Debatten um die Frage nach Fleischverzicht oder Fleischverzehr. Zum einen nähmen hier – unabhängig vom sozio-historischen Kontext – Verfechter/innen und Gegner/innen beider Ernährungsformen die Gesundheit als Argument für sich in Anspruch; damit verbundene Begriffe wie Vitalität, Arbeitskraft und Durchhaltevermögen und der Verweis auf die (Un-)Natürlichkeit der einen sowie der jeweils anderen Ernährungsform ließen sich zum anderen in beinahe identischer Weise bei beiden Parteien ausmachen. Darüber hinaus ließe sich, trotz der Erweiterung der Debatten um die vegane Ernährungsweise, über die Jahrzehnte hinweg eine erstaunliche Konstanz der Diskurse beobachten.

JANA VIJAYAKUMARAN (Bonn) nahm anhand der Gattung des Aufstiegsromans, dessen narratives Grundgerüst der Konnex von Arbeit, Vitalität und Gesundheit bilde, den „Gesunden Menschen“ in der Literatur um 1900 in den Blick. Die Texte legten ein normatives, spezifisch männlich konnotiertes Gesundheitsverständnis offen, das an den körperlich und seelisch stets gesunden Protagonisten, den Aufsteigerfiguren, besonders deutlich werde. Durch die Anbindung an außerliterarische Ideologeme werde die Gesundheit nicht primär als Gegenbild zur Krankheit konzeptualisiert, sondern als Komplement zu (bürgerlicher) Arbeit und Leistung. Dabei werde die Gesundheit zum imperativischen Ideal und der gesunde Mensch zum Leitbild der bürgerlichen Gesellschaft erklärt.

Ein hingegen zunächst dezidiert auf Frauen bezogenes Gesundheitsverständnis präsentierte CLAUDIA MÜLLER (Freiburg im Breisgau). Anhand von Henry de Montherlants Le songe (1922) sowie Marthe Bertheaumes Sportive (1925) zeigte sie, wie gerade am Beispiel des Sports weibliche Schönheitsideale und allgemeiner noch Weiblichkeit insgesamt in der französischen Zwischenkriegszeit reflektiert und neu definiert wurde. Wenngleich das inhärent subversive und emanzipatorische Potential teilweise innerhalb der beiden Romane selbst relativiert werde, sei das propagierte Ideal der neuen Frau und der belle santé doch als Element eines gesamtgesellschaftlichen Erneuerungsprogramms zu verstehen, innerhalb dessen nicht zuletzt auch das richtige Maß sportlicher Betätigung diskutiert würde.

Die Tagung war ein gelungenes Beispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit: Geistes- , Natur-, Sozial- und Rechtswissenschaften ergänzten sich produktiv und ermöglichten eine breite Perspektivierung des Tagungsanliegens, der Frage, ob und wie sich Gesundheit erzählen lasse. Dabei konnten Paradoxien und Ambivalenzen von Gesundheitsnarrativen der Moderne deutlich herausgestellt werden: So ist einerseits charakteristisch, dass Gesundheit kein Selbstzweck, sondern Mittel für Leistungsfähigkeit und Pflichterfüllung ist. Andererseits wurde deutlich, dass gerade in den letzten Jahrzehnten sowohl der Wunsch nach Maßhalten und Natürlichkeit als auch permanente (technikgestützte) „medizinische“ Begleitung Versuche der Gesundheitsoptimierung entscheidend mitbestimmen. Insbesondere die Beispiele aus der klinischen Forschung zeigten, wie individuell die Konzepte Gesundheit und Krankheit aufgefasst werden können. Gerade diese Individualität, welche allgemeingültigen Definitionen von Gesundheit entgegensteht, lässt den Ansatz eines flexibleren, dynamischen oder eben erzählerischen (respektive erzähltheoretischen) Zugangs zum Thema Gesundheit besonders plausibel erscheinen.

Konferenzübersicht:

Eröffnung
Matías Martínez (Wuppertal): Kann man Gesundheit erzählen?

Panel I: Deskriptive Perspektiven

Michael Navratil (Potsdam): Dekadenter Gesundheitsverdacht, instrumentelle Krankheitswahl und die Autonomie des Körpers. Konzepte der Gesundheit im Werk Thomas Manns

Anna S. Brasch (Bonn): Der Monte Verità – und Steve Jobs. Die Lebensreform im historischen Roman der Gegenwart

Inga Wilke (Freiburg im Breisgau): „... diese Erkenntnis, dass mir das gut tut“ – Gesundheit herstellen, deuten und erfahren in „Muße“-Kursen

Paula-Irene Villa (München): Maßgeschneidert. Gesundheitsversprechen der Gegenwart jenseits der Gesundheit

Monika Class (Mainz): The Shifting Health Horizon in Hilary Mantel’s Giving Up the Ghost (2003) and John Bayley’s Iris: A Memoir of Iris Murdoch (1998)

Lisa Müller (Freiburg im Breisgau): „Wo viel verloren wird, ist manches zu gewinnen“ –
Verlustverarbeitung, Neuorientierung und Muße-Erfahrungen in Zeiten chronischer Krankheit

Panel II: Performative Perspektiven

Cornelia Brink (Freiburg im Breisgau): „Anti-Vernunft“ und „geistige Gesundheit“. Über Norm, Normalität und Selbstnormalisierung im deutschen Kaiserreich

Carl Eduard Scheidt / Lisa Schäfer-Fauth (beide Freiburg im Breisgau): Narrative Medizin. Grundlagen und Anwendungsbeispiele

Christopher Koppermann (Freiburg im Breisgau): Sieg über die Gefühle? – Gesundheitserzählungen von Patienten in der Psychotherapie

Marcella Fassio (Oldenburg): Sich gesundschreiben? – Bloggen als selbsttherapeutische Praktik in Mental Health Narrativen

Letizia Dieckmann (Freiburg im Breisgau): Vom charmanten Umgang mit Gedärmen – Gesundheitsnarrative in zeitgenössischen Sachbüchern

Yannick van den Berg (Freiburg im Breisgau): Zum Chronischen einer Performanz der Gesundheit: Überlegungen anhand einer Darstellung gottesdienstlichen Handelns und seiner Alltäglichkeit

Anthony Mahler (Basel): Erzählen als Kunst, den Lebensfaden zu verlängern. Zu Hufelands Makrobiotik

Florian Steger (Ulm): Gesund für den Staat. Über Unrecht in der DDR-Medizin

Panel III: Normative Perspektiven

Frank Schäfer (Freiburg im Breisgau): Gesundheitsrecht: Gesundheit kodifizieren, Gesundheit erzählen

Stefan Willer (Berlin): Vom Maß der Glieder. Amputation und Literatur

Julian Menninger (Freiburg im Breisgau): Ewiges gesundes Leben. Heilserzählungen zwischen life supplements, Nanorobotik und künstlicher Intelligenz

Sophia Burgenmeister (Freiburg im Breisgau): Gesundheitsdiskurse um Fleischverzehr und Fleischverzicht

Jana Vijayakumaran (Bonn): Aufstieg statt Untergang? – Zur Poetik des „gesunden Menschen“ in der Literatur um 1900

Claudia Müller (Freiburg im Breisgau): „La nouvelle sportive idéale“ – Gesundheit als Motiv und Metapher in der Sportliteratur der französischen Zwischenkriegszeit

Zitation
Tagungsbericht: Gesundheit erzählen. Ästhetik, Performanz und Ideologie seit 1800, 25.10.2018 – 27.10.2018 Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-Kult, 08.04.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8214>.