Kindheitsgeschichte(n) – Grenzen mit- und überdenken

Ort
Hildesheim
Veranstalter
Wiebke Hiemesch / Meike Baader, Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft, Arbeitsbereich Historische Bildungsforschung, Universität Hildesheim; Rafaela Schmid, Department Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Professur Historische Bildungsforschung, Universität zu Köln
Datum
25.01.2019 - 26.01.2019
Von
Eva Reuter, Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft, Institut für Erziehungswissenschaft, Stiftung Universität Hildesheim

Zum Workshop traf sich eine interdisziplinäre Gruppe Forschender und Interessierter, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf Kindheitsgeschichte(n) und deren Problemfelder und Grenzziehungen blickten. Der Workshop gliederte sich in drei Panels, die in sich thematisch stimmig ausgestaltet wurden. Dabei fanden insgesamt 13 Beiträge Platz, in denen die Forschenden aktuelle Projekte aber auch grundlegende Theorieüberlegungen vorstellen konnten und zur Diskussion stellten. Gefördert wurde der Workshop durch das Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Hildesheim, das Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen sowie die Graduiertenschule der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Das erste Panel „Postkoloniale Perspektiven“ eröffnete MANFRED LIEBEL (Potsdam) mit einer Kritik am bisherigen Eurozentrismus aktueller Kindheitsforschung des globalen Nordens. Liebel spannte dabei einen Bogen zur Kolonialzeit und dessen Nachwirkungen im Denken über Kinder und Kindheit. Sein Vortrag stellte nicht nur die Frage in den Fokus, inwieweit postkoloniale Perspektiven in einer neuen Form der Kindheitsforschung mitgedacht werden können und müssen, sondern auch, wie (sozial-)pädagogische Arbeit von eurozentristischen Logiken durchdrungen ist.

Daran anschließend stellte SUSANNE QUITMANN (München) ihr Dissertationsprojekt vor. Sie rekonstruierte und kontextualisierte die Situation von Kindern, die zwischen Mitte des 19. und Mitte des 20. Jahrhunderts in privat-staatlicher Kooperation von Großbritannien aus in Siedlerkolonien geschickt wurden, um dort auf Farmen, in Haushalten oder in Heimschulen als Arbeitskräfte angelernt zu werden. Dabei betonte Quitmann die Relevanz einer differenzierten Betrachtung von Kindheitsgeschichte entlang diverser Differenzkategorien und die Berücksichtigung der Sichtweise von Kindern selbst. Ihren Vortrag baute sie entlang dreier Grenzziehungen auf, die ihr bei der Analyse der Quellen begegneten: die Landesgrenzen, die Grenzüberschreitung als Handlungsoption sowie die Grenzen im Forschungsprozess selbst.

Nach einer kurzen Pause setzte SILKE HACKENESCH (Köln) das Panel fort. In ihrem Beitrag zur Vulnerabilität afroamerikanischer Kinder und Jugendlicher thematisierte sie mit Bezug zu historischen aber auch aktuellen Ereignissen die problematische Situation von Kindern und Jugendlichen aus nicht-weißen Familien. Aus ihren Beobachtungen leitete Hackenesch die These ab, dass das vermeintliche Unschuldsideal des 20. Jahrhunderts von Kindheit bei dieser Gruppe nicht greift. Jene Kinder und Jugendliche fielen durch die Anrufung rassistischer Stereotype aus dem Schutzsystem und erfuhren somit verstärkt rassistische Gewalt.

ANNIKA DÖRNER (Göttingen) schloss mit ihrem Beitrag zum Kolonialen in Lebenswelten von Kindern und Jugendlicher das Panel, indem sie eine direkte Schnittstelle zwischen Kolonial- und Kindheitsgeschichte sichtbar machte. Sie fragte nach spezifisch auf Kinder ausgerichteten kolonialen Narrativen, Imaginationen, Bildern und Praktiken, denen sie auf der Basis von historischem Schulmaterial, Missionsgesellschaften und Kolonialgruppen nachging. Dabei fragte sie nach Formen der Vermittlung und Verarbeitung ‚des Kolonialen‘ in kindlichen und jugendlichen Lebenswelten. Auffallend sei dabei, dass Lehrmittel an Schulen oft mit kolonialen Narrativen arbeiteten, die stark mit einer Romantisierung und Exotisierung angereichert waren, um die Kolonialisierungspraxis und Sklaverei zu legitimieren.

Das zweite Panel „Historische Zugänge“ wurde von MEIKE BAADER (Hildesheim) eröffnet. Ihr Beitrag rekonstruierte vier Kritikstränge der Kindheit von 1960 bis 1990, die sich gegen das bürgerliche, moderne Ideal der Kindheit und das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie richteten: erstens die Kritik der Erfindung der bürgerlichen Kindheit von Philip Ariès, zweitens die feministische Perspektive von Shulamith Firestone, drittens die „anti-freudianische“ Perspektive von René Schérer und letztlich viertens die Position von Ernst Bornemann, der dem Narrativ von Kindheit Normalisierung und Exotisierung vorwirft. Im Vergleich würde deutlich, dass eine Kritik am Bild des Kindes als Fremden einher ging mit der Kritik an der bürgerlichen Kindheit um 1970 und zugleich stark mit einer Kritik an dem Modell der bürgerlichen Kleinfamilie verknüpft war.

CLAUDIA MOISEL (München) setzte die Diskussion mit ihrem Beitrag zur Geschichte der Bindungstheorie im 20. Jahrhundert fort und rückte John Bowlby und seine viel zitierte Bindungstheorie in den Fokus. Dabei beleuchtete sie sowohl die Genese wie auch die deutsche Rezeptionsgeschichte seiner Theorie und schlägt schließlich den Bogen zur Frage, welche Bedeutung derartige Verwissenschaftlichungsprozesse auch für die Kindheitsforschung haben.

Anschließend skizzierten LAURA MOSER und MAX GAWLICH (Heidelberg) ihr aktuelles Forschungsvorhaben zu Praktiken der Sorge in Zeiten der Krise, in dem sie unterschiedliche Narrative zur Geschichte der Frühen Kindheit nach 1945 nachzeichneten. Nach einer historischen Einordnung thematisierten sie das Spannungsfeld zwischen Auflösungserscheinungen und Beharrungskräften hinsichtlich der Betreuungspolitik jener Zeit, in der vor allem Mütter und Kinder zum Objekt staatlicher Fürsorgepolitik wurden. Dabei nahmen sie Bezug zu dem Forschungsprojekt »Modellprojekt Tagesmütter« aus den Jahren 1974 bis 1978. Im Fokus der Auseinandersetzung und Analyse standen die Sichtbarmachung von Kleinkindern als historische TeilnehmerInnen in vielfältigen und sich wandelnden Beziehungsgeflechten.

Der letzte Beitrag des Panels wurde von MICHÈLE HOFMANN (Solothrun) beigesteuert. Hofmann warf die übergeordnete Frage auf, wie Kindheit, Jugend und Erwachsenheit in jeweils konkreten gesellschaftlichen Kontexten relational in ein Verhältnis gebracht wurden und werden. Dabei rekonstruierte sie die Pathologisierung von primär früher Kindheit im Diskurs über den sogenannten Kretinismus und im Diskurs über ‚Idiotie‘. Innerhalb dieser Diskurse würden sich die Fragen nach einem Ideal von vermeintlich gesunder Kindheit und dem Ideal von Bildung überschneiden. Sie konnte zeigen, dass Kindheit historisch von starken Normierungsprozessen beeinflusst wurde und sich ein Narrativ über eine „normale Kindheit“ bildete, das eng verknüpft war mit der zeitgenössischen, bürgerlichen Idealisierung von Bildung.

Panel drei umfasste Beiträge aus dem Themenbereich „Sexualität, Körper und Geschlecht“, welches JULIA KÖNIG (Mainz) mit Überlegungen zu einer kritischen Theorie „kindlicher Lust“ eröffnete. König verfolgte dabei – einerseits historisch-systematisch und andererseits kritisch-theoretisch – die Fragestellung, wie Forschung dem Gegenstand kindlicher Sexualität in verschiedenen sozio-historischen Kontexten gerecht werden kann. Mit Referenzen zu Michel Foucault und Theodor W. Adorno rekonstruierte König die „Erfindung“ kindlicher Sexualität in der Moderne und ging dabei sowohl auf die verschiedenen strategischen Formationen von kindlicher Sexualität wie auch auf den Zusammenhang von sachlichen und semantischen Konstellationen ein. Sie hielt fest, dass kindliche Sexualität als Gegenstand in jeweils unterschiedlichen Konstellationen auftauche, wobei eine Analyse dieses Gegenstandes nicht isoliert betrachtet erfolgen sollte. Die Analyse historischer Prozesse der Hervorbringung von Wissen über kindliche Sexualität würde mit Blick auf Leerstellen innerhalb der Kindheitsgeschichte erkenntnisreiche Einblicke auf verschiedene Realitäten kindlicher Sexualität eröffnen.

FRANK HENSCHEL (Leipzig) führte die Diskussion in dem Panel mit seinem Beitrag zu Diskursen der sozialistischen Tschechoslowakei fort. Entlang der Frage, wie strukturelle Dimensionen der Ersatzfürsorge in der Tschechoslowakei aussahen und welche Rolle kindliche Sexualität dabei spielte, diskutierte Henschel Kindheit als komplexe Kategorie von Diskursen, die durch ebenso komplexe Wissensordnungen durchsetzt ist. Historisch skizzierte er seine Überlegungen anhand der Nachkriegszeit (ab 1945) in Osteuropa und konzentrierte seinen Blick auf den Diskurs um den Begriff des „Defektes“, in dem kindliche Sexualität problematisiert und pathologisiert wurde. Henschel resümierte, dass (kindliche) Sexualität und ihre Äußerungen insgesamt als Symptom eines Versagens der Familie gewertet wurden und durchtränkt waren von biopolitischen, staatlichen Zugriffen.

Der nächste Beitrag zu Bagatellisierung und Repression von DAGMAR LIESKE (Frankfurt) thematisierte den Umgang mit TäterInnen und Opfern sexueller Missbrauchsfälle in der Zeit von 1933 bis 1945. Sie gliederte ihren Vortrag in drei Abschnitte, in denen sie zunächst erstens ihren Forschungsgegenstand konkretisierte und kontextualisierte, bevor sie zweitens einen Überblick über die Kriminalpolitik und das Sexualstrafrecht der NS-Zeit gab, um schließlich drittens einen Blick in das Forschungsmaterial zu eröffnen. Anhand von Fallbeispielen arbeitete Lieske heraus, dass männliche Sexualstraftäter als Gefahr für die „Volksgemeinschaft“ und den „Volkskörper“ gesehen wurden, woraus ein punktuell härteres Vorgehen gegen sexuelle Gewalt mit gleichzeitiger partieller Aufwertung der kindlichen und jugendlichen ZeugInnen in der NS-Zeit resultierten. Allerdings, so ihr vorläufiges Fazit, fand dies nicht unter Bezugnahme und Berücksichtigung der Vulnerabilität der Betroffenen statt. Außerdem stellte Lieske heraus, dass Sexualstraftätern, denen zeitgleich homosexuelle Neigungen unterstellt wurden, häufig ein höheres Strafmaß drohte.

Schließlich bildeten ANNA FANGMEYERs (Halle-Wittenberg) Ausführungen zu sozio-epistemologischen Grenzen des Mit- und Überdenkens von Kindheitsgeschichte(n) den Abschluss des Panels. Der als Abschlussbetrachtung angelegte Beitrag griff wissensgeschichtlich und sozio-epistemologisch die Frage auf, auf welche Weise die verschiedenen AkteurInnen innerhalb des Feldes der Kindheitsforschung (an)erkanntes Wissen über Kindheiten und Kinder konstruieren sowie fortschreiben. Innerhalb der Produktion dieses Wissens, bleibe das Wissen an sich unhinterfragt, so ihre These. Aus ihren Überlegungen um Hervorbringungskontexte kindheitsgeschichtlichen Wissens formulierte Fangmeyer die These in die Richtung weiter, dass jene Hervorbringungskontexte häufig in Vergessenheit geraten sobald intendiert ist, jene Prozesse zu erforschen, in denen Kindheit als soziale Kategorie zu verschiedenen Zeitpunkten mit Bedeutungen gefüllt wurden.

Bei der Konzeption des Workshopsprogramms wurde großen Wert darauf gelegt, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen historischen, empirischen und theoretischen Zugängen zu schaffen. Dadurch wurden diverse Leerstellen, Grenzen aber auch Überschneidungsmomente sichtbar, die fruchtbare Anknüpfungspunkte für den Austausch lieferten. Denn obwohl alle Beteiligten im weitesten Sinne eine historische Auseinandersetzung mit Kindheit(en) verfolgten, wurde gerade in den Diskussionen besonders deutlich, wie unterschiedlich Perspektiven, Erkenntnisinteresse und Forschungsstrategien sein können. Der Workshop endete mit einer daran anschließenden Diskussion über die Begrenzungen kindheitstheoretischem und kindheitshistorischem Nachdenkens.

Konferenzübersicht:

Panel 1 – Postkoloniale Perspektiven:

Manfred Liebel (Potsdam): Postkoloniale Perspektiven der Kindheits- und Kinderrechtforschung

Susanne Quitmann (München): Grenzen überwinden? Britische child migrants in Australien und Canada

Silke Hackenesch (Köln): „In America, black children don’t get to be children“– Zur Vulnerabilität afroamerikanischer Kinder und Jugendlicher

Annika Dörner (Göttingen): Abenteuer, Unterhaltung und Wissen aus Kolonie und Übersee. Das Koloniale in Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, 1910-1933

Panel 2 – Historische Zugänge

Meike Baader (Hildesheim): Normalisierung, Orientalisierung und Anti-Freudianismus. Kritik der Kindheit in den 1970er bis 1990 Jahren

Claudia Moisel (München): Bowlby Revisited. Eine Geschichte der Bindungstheorie im 20. Jahrhundert

Max Gawlich (Heidelberg) / Laura Moser (Heidelberg): Beziehung statt Bindung – Kindheitsgeschichte als Beziehungsgeschichte

Michèle Hofmann (Solothurn): Abgrenzung von Kindheit, Jugend und Erwachsenheit im Zusammenhang mit »Geistesschwäche« im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Panel 3 – Sexualität, Körper und Geschlecht

Julia König (Mainz): Kindliche Lust – Erwachsene Konstruktionen, Irritationen und der Vorrang des Objekts. Überlegungen zu einer kritischen Theorie kindlicher Lust

Frank Henschel (Leipzig / Kiel): Kindheit, Sexualität, Devianz in wissenschaftlichen Diskursen der sozialistischen Tschechoslowakei

Dagmar Lieske (Frankfurt): Zwischen Bagatellisierung und Repression – Zum Umgang mit sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im nationalsozialistischen Staat

Anna Fangmeyer (Halle-Wittenberg): Zu den sozio-epistemologischen Grenzen unseres Mit- und Überdenkens von Kindheitsgeschichte(n)

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Kindheitsgeschichte(n) – Grenzen mit- und überdenken, 25.01.2019 – 26.01.2019 Hildesheim, in: H-Soz-Kult, 13.04.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8217>.