„mit vorsichtig ausgewählten Ausländern zusammenkommen“. Internationale Tagungen und wissenschaftlicher Austausch in der Zeit des Nationalsozialismus

Ort
Heidelberg
Veranstalter
Andrea Albrecht, Germanistisches Seminar, Universität Heidelberg; Lutz Danneberg / Ralf Klausnitzer, Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
18.02.2019 - 20.02.2019
Von
Sandra Schell, Universität Heidelberg

Inwiefern können Weltkongresse und Tagungen Aufschluss über die internationalen Kooperations- und Austauschnetzwerke sowie Konkurrenzkonstellationen im deutschen Wissenschaftsbetrieb zwischen 1933 und 1945 geben? Im Rahmen des von der DFG geförderten Projekts „NS-Wissenschaft. Internationale akademische Beziehungen Deutschlands von 1933 bis 1945 am Beispiel der Philosophie und Philologie“ waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen eingeladen, sich mit der Praxis der anhaltenden internationalen Wissenschaftsbeziehungen am Beispiel von Tagungen und Kongressen auseinanderzusetzen. Die interdisziplinäre Anlage der Tagung erlaubte es, institutionsbezogene und disziplinübergreifende Verbindungslinien zu diskutieren, die über eine rein personenbezogene Perspektivierung hinausgehen.

Im Eröffnungsvortrag präsentierte HOLGER DAINAT (Bielefeld) Überlegungen zur „(Vor)Geschichte des wissenschaftlichen Tagungsbetriebs“, wodurch er zugleich einen allgemeinen Hintergrund für die Diskussion der nachfolgenden Beiträge lieferte. Dainat verdeutlichte exemplarisch anhand der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Berlin 1828, inwieweit Tagungsformate vom frühen 19. Jahrhundert bis heute einem historischen Wandel unterliegen. Die fiktionalisierte Darstellung dieses Kongresses in Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt (2005) diente Dainat als Ausgangspunkt, um wesentliche Strukturmerkmale des wissenschaftlichen Tagungsbetriebs herauszuarbeiten. Den Naturwissenschaften kam dabei eine Pionierrolle zu, auch mit Blick auf die zunehmende Internationalisierung: Obgleich sich im ausgehenden 19. Jahrhundert deutschsprachige Tagungen vornehmlich in national geschlossenen Wissenschaftsräumen abspielten, waren sie keineswegs rein nationalstaatlich reglementiert. Insgesamt erkannte Dainat in der Entwicklung des Tagungsbetriebs einen Trend zu Großveranstaltungen, der auch die Gestaltung des Tagungsprogramms prägte: Dem Festcharakter und dem Begleitprogramm sei eine größere Bedeutung zugesprochen worden, wohingegen das Themenspektrum des wissenschaftlichen Programms häufig so breit gewesen sei, dass tiefgreifende Diskussionen wohl oftmals ausblieben. Erst der disziplinäre Differenzierungsprozess im ausgehenden 19. Jahrhundert habe zur Gründung von Fachverbänden mit eigenen, kleineren Tagungen geführt, die eine Verwissenschaftlichung der Vorträge im Rahmen profilierter Sektionsbildung erlaubten.

RALF KLAUSNITZERs (Berlin) Beitrag über die „Pläne für den ‚Ersten Weltkongress der Germanisten‘“ verlängerte Dainats Problemaufriss in den Untersuchungszeitraum der Tagung. Das zwischen 1937 und 1942 aufwändig vorbereitete, aber schließlich nicht durchgeführte Projekt stand Klausnitzer als Beispiel für die Leitfrage seines Vortrags ein, in welchem Maße das Primat des Politischen nach 1933 internationale Projekte ins Spannungsfeld politischer Lenkungsansprüche rückte. Dabei konnte er zeigen, dass neben kulturpropagandistischen Interessen vornehmlich der Status und die Interessen einzelner Akteure über Erfolg und Misserfolg der Kongressorganisation entschieden. Solche Beobachtungen seien symptomatisch für die stagnierende Entwicklung der sich zunehmend isolierenden Wissenschaft im Deutschland der 1940er-Jahre. Am Beispiel des 3. Internationalen Literarhistoriker-Kongresses in Lyon 1939 wies Klausnitzer nach, dass der internationale Wissenschaftsaustausch, trotz der von den Nationalsozialisten früh propagierten Absage an die Internationalität, nicht ausgesetzt wurde. Er bilanzierte, dass die bis in die Kriegsjahre hinein strategisch funktionalisierte akademische Internationalität für das Selbstverständnis der deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Nationalsozialismus unverzichtbar gewesen sei.

Der Nationalsozialismus bildete zur internationalen Dimension der Wissenschaft insofern ein aporetisches Verhältnis aus, als für die ‚eigene‘ dezidiert nationale Wissensproduktion globale Anerkennung erstrebt wurde. Daran anknüpfend zeigte HELKE RAUSCH (Freiburg) am Beispiel internationaler Eugenik-Kongresse, in welchem Maße sich das Verhältnis zwischen den USA und NS-Deutschland in den 1930er-Jahren im wissenschaftlichen Spannungsfeld eines (mitunter inszenierten) internationalen Austauschs und einer hermetischen deutschen Wissenschaftstaktik bewegte. Mit Blick auf die Praxis der wissenschaftlichen Zusammenarbeit in der Eugenik plausibilisierte Rausch die These, dass die transatlantischen Beziehungen nicht nur vom Wissenschaftskalkül der NS-Politik, sondern vor allem auch von Interessen im amerikanischen Wissenschaftsraum geleitet waren. Bis 1937 konnte so der ‚eugenische Transatlantizismus‘ von deutscher Seite noch als dem Frieden dienende Strategie ausgegeben werden, später speiste die Eugenik bevölkerungswissenschaftliche Legalitätsfiktionen und wurde Teil der NS-Kriegspropaganda. Die sich zuspitzende außenpolitische Lage forcierte 1941 den Abbruch des transatlantischen Austauschs, die Deutschen orientierten sich in der Folge stärker an einer paneuropäischen Wissenschaftsgemeinschaft der Achsen-Mächte; in den USA distanzierte man sich im Zeichen einer demokratisch fundierten Reformeugenik von den rassistischen Implikationen der deutschen Wissenschaft und richtete das Interesse verstärkt auf die sozialdemokratisch gesteuerten eugenischen Forschungsprogramme in Skandinavien. Rausch wertete die wissenschaftliche Zusammenarbeit als Element der ‚extremen Moderne‘: Zwar konnte die Eugenik auf beiden Seiten des Atlantiks reüssieren, doch während es in NS-Deutschland zu einer ungehemmten Radikalisierung in Gestalt bevölkerungspolitischer und rassenhygienischer Exzesse kam, wurden solche Umsetzungen in den USA durch ihre demokratische Verfasstheit weitgehend verhindert.

Dass zur Internationalität der Wissenschaft auch die erzwungene und mithin ‚ungewollte Internationalität‘ exilierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählt, rief FRANK-RUTGER HAUSMANN (Freiburg) mit seinen Überlegungen zur „Deutschen Romanistik im Exil (1933–1945)“ in Erinnerung. Sein Interesse galt vornehmlich einer Generation von jungen Romanistinnen und Romanisten, die in die USA emigrieren mussten. Das Anliegen, die Erinnerungen jener Wissenschaftlergeneration zu erhalten, die die systematische Ausgrenzung des Nationalsozialismus ‚erleben‘ und ‚erleiden‘ mussten, hatte Hausmann 1989 und 1991 zu zwei Forschungsreisen in die USA und nach Kanada motiviert. Auf der Grundlage persönlicher Interviews zeigte Hausmann, wie das Exil einerseits dieser Generation als tiefe seelische Verletzung galt, andererseits aber auch wissenschaftliche Ermöglichungsräume eröffnete. Die internationale Forschung, so Hausmanns These, konnte vom wechselseitigen Einfluss auch profitieren: Die nordamerikanische Domäne synchroner Sprachforschung beeinflusste beispielsweise auf produktive Weise die zumeist sprachhistorisch ausgerichtete Arbeit der exilierten deutschen Romanistik und umgekehrt. Nach 1945 wirkten die deutschen Exilantinnen und Exilanten mit großer Versöhnungsbereitschaft am Wiederaufbau der deutschen Romanistik mit.

Der Frage, welche Kontinuitäten sich im Verhältnis ausländischer und deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Zäsur von 1933 hinweg quantitativ und qualitativ beobachten lassen, widmete sich JOHANNES DAFINGER (Klagenfurt). Mit Blick auf die „Vorträge ausländischer Wissenschaftler in Deutschland und deutscher Wissenschaftler im Ausland“ zeigte er, welche Rolle dabei die teilweise bereits vor dem Ersten Weltkrieg etablierten bilateralen Freundschaftsgesellschaften für die Internationalisierung der Wissenschaften spielten. Nach 1933 fungierten sie als institutionelle Basis für den zwischen-staatlichen Austausch, was Dafinger insbesondere für den Kontakt zwischen Deutschland und osteuropäischen Ländern sowie Spanien, Portugal und Italien aufzeigte. In den 1940er-Jahren nahm die Bedeutung bilateraler Vereine für die informelle, die traditionelle Diplomatie umgehende Beziehungspflege noch zu. Die Vorträge deutscher Gelehrter im Ausland hatten, so Dafinger, oftmals völkisch-rassistische Europakonzepte zum Thema. Obgleich die Veranstaltungen nicht zwangsläufig propagandistisch intendiert waren, seien die deutschen Vortragenden durchaus mit einem kulturpropagandistischen Bewusstsein aufgetreten.

HANS-JOACHIM DAHMS (Wien / Berlin) setzte sich in seinem Vortrag mit den wohl prominentesten geisteswissenschaftlichen Beispielen internationaler Kongresse auseinander: den internationalen Philosophie-Kongressen 1934 in Prag und 1937 in Paris. Der Begegnungsraum, den die Kongresse regimetreuen und exilierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern boten, sei als außergewöhnliches Spannungsfeld anzusehen, das in besonderem Maße Auskunft über die internationalen akademischen Beziehungen liefern könne. Dahms zeigte, dass vor allem der Prager Kongress mit seinen Sektionen zur „Krise der Demokratie“ und zur „Aufgabe der Philosophie in der Zeit“ zum Politikum wurde. Die ‚schwache akademische Leistung‘ der Deutschen und das gegen die NS-Wissenschaft gerichtete Prager Schlussplädoyer zur Freiheit des Geistes sei von den deutschen Wissenschaftspolitikern als Eklat wahrgenommen worden. Der themenspezifische Pariser Kongress zu Ehren René Descartes wurde von deutscher Seite entsprechend kontrollierter vorbereitet: In der außenpolitisch angespannten Lage entsandte das Reichserziehungsministerium eine politisch konforme Delegation und organisierte den deutschen Auftritt vor Ort äußerst straff.

NS-konforme und exilierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler trafen auch in der Türkei aufeinander, insbesondere an den Universitätszentren Istanbul und Ankara. PASCALE ROURE (Istanbul) widmete sich in ihrem Vortrag der Teilnahme türkischer Delegationen an internationalen Kongressen für Philosophie und Geschichtswissenschaft. Anhand einer textnahen Analyse von Ziyaeddin Fındıkoğlus Bericht über den Prager Philosophie-Kongress 1934 arbeite sie heraus, wie sich die reformierte Universität Istanbul um die internationale Anerkennung der ‚neuen Türkei‘ bemühte. Roure hob hervor, dass die große Präsenz exilierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die NS-deutschen Aktivitäten in Istanbul eindämmen konnte. Die Universität Ankara habe hingegen nationalistische Interessen der konservativen türkischen Eliten vertreten und somit der NS-Propaganda einen Nährboden geliefert. Durch den Einsatz politisch konformer Gastprofessorinnen und -professoren in Ankara habe die NS-Führung versucht, die Entwicklung der Universität zu lenken und auf diese Weise, so Roures Vermutung, dem Istanbuler Einfluss auf die türkische Wissenschaftsentwicklung entgegenzuwirken.

Eine disziplinäre Weitung des Tagungsthemas lieferten die zwei Beiträge aus dem deutsch-norwegischen DFG-Projekt „,Nordic Music‘. Resistance, Persecution, Collaboration, and Reintegration in Norway’s Music Life 1930–1960“. Mit einem Blick auf die kulturelle Praxis stellte MICHAEL CUSTODIS (Münster) dar, welche Rolle die Musik für die Widerstandsarbeit norwegischer Künstlerinnen und Künstler im Stockholmer Exil spielte. Er machte deutlich, wie die Musik Exilierten eine Möglichkeit bot, sich der Integrität der eigenen, verdrängten Kultur zu vergewissern. Custodis’ Vortrag veranschaulichte, in welchem Maße die zunächst auf ‚reine Ästhetik‘ zielende und folglich unpolitisch wahrgenommene Musik(wissenschaft) ab 1933 ins Spannungsfeld von Widerstand und Politisierung geriet: Repräsentierte Deutschland für das norwegische Musikleben bis in die 1940er-Jahre noch den wichtigsten Bezugspunkt, formierte sich in den 1930er-Jahren ein eigenkultureller ‚musikalischer Nationalismus‘, so dass in den deutsch besetzten Gebieten ab 1940 die widerständige Mehrheit mit überzeugten NS-Kollaborateuren und einer Gruppe Angepasster durchsetzt war. Der Widerstand, der sich vor allem im schwedischen Exil formierte, forcierte ein musikalisches Selbstverständnis, das nationale und kulturelle Eigenständigkeit betonte und noch nach 1945 den Diskurs der norwegischen Erinnerungspolitik in der Musik(wissenschaft) prägte.

ANDREAS BUßMANNs (Münster) mikrohistorische Fallstudie über „GW Müller im Reichskommissariat Norwegen“ exemplifizierte aus einer akteursbezogenen Perspektive die ideologische Kulturarbeit der deutschen Besatzung in Norwegen der Jahren 1940–1945. Bußmann wertete Müllers Arbeit als Beispiel für die außenpolitische Strategie, über ästhetische Kommunikation hegemoniale Ansprüche zu vermitteln. Die kulturpropagandistische Indienstnahme der Musik demonstrierte er anhand des norwegischen Komponisten Edvard Grieg: Anlässlich seines 100. Geburtstags hatte Müller diesen als Stifter pan-germanischer Beziehungen inszeniert und die norwegische Kultur als bloßes Derivat der deutschen gedeutet. Grieg aber galt der norwegischen Öffentlichkeit als künstlerisches Symbol für die Unabhängigkeit von Schweden, was letztlich auch zum Scheitern von Müllers Kulturarbeit beigetragen habe.

SÖREN FLACHOWSKY (Berlin) beleuchtete in seinem Vortrag zum Reichserziehungsministerium die internationalen Beziehungen aus institutioneller Perspektive und betonte damit einmal mehr, welches Gewicht die Wissenschaftsgeschichte den strukturellen Voraussetzungen wissenschaftlicher Arbeit beizumessen hat. Als Ausgangspunkt seiner Überlegungen dienten ihm die ihm Rahmen des REM geführten Diskussionen um eine Neuordnung des internationalen wissenschaftlichen Verbandswesens zwischen 1940–1942 – eine Neuordnung, mit der Deutschland seinen Hegemonieanspruch über Europa auch auf ‚geistigem Gebiet‘ durchsetzen wollte. Politische Großraumvorstellungen weiteten sich von der NS-Außenpolitik auf den Bereich der Wissenschaften aus und stimulierten hier den ‚Krieg mit geistigen Waffen‘. Flachowsky erläuterte, dass sich die NS-Kultur- und Wissenschaftspolitik infolge der Besetzung Westeuropas weite Ermöglichungs- und Wirkungsräume erhoffte und zugleich Strategien entwickelte, um Deutschlands ‚wissenschaftliche Anziehungskraft‘ auszubauen. Demgemäß erkannte beispielsweise die NS-Führung das Vorgehen gegen internationale Dachverbände unter ‚ausländischer‘ Führung als außenpolitisches Ziel an. Der Reichsforschungsrat konnte sich dabei als zentrale Institution gegen Alternativen, etwa gegen die von Theodor Vahlen favorisierte Reichsakademie durchsetzen. Als Gründe für das Scheitern der Neuordnung des wissenschaftlichen Verbandswesens benannte Flachowsky neben der mangelnden Kollaborationsbereitschaft ausländischer Funktionsträger auch konfligierende Interessen im polykratischen Machtsystem des Nationalsozialismus.

Im abschließenden Vortrag wählte WOLFGANG SCHIEDER (Köln) die Biographie des Biochemikers und Nobelpreisträgers Adolf Butenandt als repräsentativen Fall für einen Rückblick auf die deutsche Wissenschaftsgeschichte von der Weimarer Republik bis in die frühe deutsche Bundesrepublik. Im Fokus des Vortrags stand die Analyse von Butenandts Auslandsreisen während des Dritten Reichs nach West- und Osteuropa sowie seine Reise in die USA und nach Kanada 1935, die ihm einen Ruf der Harvard University und damit die Option eintrug, Deutschland zu verlassen. Obgleich der nationalkonservativ gesinnte Wissenschaftler Butenandt dem NS-Regime durchaus ambivalent gegenüberstand, zeigte Schieder, dass er bis zum Ende des Dritten Reichs als NS-Kulturpropagandist fungierte – und dies obgleich ihm das Regime 1939 untersagte, den Nobelpreis in Schweden anzunehmen. Butenandt diente Schieder als Exempel für die große Bereitschaft der deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sich dem politischen System des Nationalsozialismus gegenüber loyal zu verhalten und so zum Werkzeug nationalsozialistischer Kulturpropaganda zu werden.

Insgesamt betrachtet konnten die Vorträge und die angeregten Diskussionen der germanistischen, geschichts- und musikwissenschaftlichen Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer eine reiche Vorstellung davon vermitteln, welche Erkenntnisse die Auseinandersetzung mit internationalen Tagungen und Kongressen hervorbringen kann, wenn man diese wissenschaftshistorisch angemessen kontextualisiert. Das bedeutet auch, sie als signifikante Schnittstelle zwischen Ideologie und Praxis auszuloten und in Rechnung zu stellen, dass auf diesen Schauplätzen fachlicher und öffentlicher Verhandlung von Wissens- und Geltungsansprüchen fixierte und gleichsam offizielle Formate der Präsentation und des Austauschs ebenso bedeutsam sind wie die nur schwer rekonstruierbaren Vorgänge informeller Kommunikation. Die Beiträge der Heidelberger Tagung verdeutlichten aufgrund ihrer Qualität als Fallstudien, unter welchen komplexen politischen, gesellschaftlichen, kulturellen sowie ideen- und wissenschaftsgeschichtlichen Bedingungen internationaler wissenschaftlicher Austausch zwischen 1933 und 1945 stattfand. Die Diskussionen lancierten ferner konzeptuelle und methodische Überlegungen zur Analyse von „Internationalität“: Existierende Begriffsangebote – Internationalismus, Universalismus, Globalität, Kosmopolitismus, ‚reine Wissenschaft‘ etc. – bedürfen einer Explikation, um die fachhistorischen Zugänge weiterhin gewinnbringend miteinander in einen interdisziplinären Dialog zu setzen. Eine Publikation der Beiträge ist von den Veranstaltern geplant.

Konferenzübersicht:

Holger Dainat (Bielefeld): „wozu gerade Deutschland und nicht zuletzt die Forscher dieser Versammlung den vordringlichsten Beitrag leisten müßten.“ Zur (Vor)Geschichte des wissenschaftlichen Tagungsbetriebs

Ralf Klausnitzer (Berlin): Hochfliegende Hoffnungen. Die Pläne für den „Ersten Weltkongress der Germanisten“ zwischen 1937 und 1942 und ihr Scheitern

Helke Rausch (Freiburg): Transatlantischer Faschismus? Akademische Kontakte anlässlich der internationalen Eugenik-Kongresse in den 1930er Jahren

Frank-Rutger Hausmann (Freiburg): „Ungewollte Internationalität“. Deutsche Romanistik im Exil (1933–1945)

Johannes Dafinger (Klagenfurt): Vorträge ausländischer Wissenschaftler in Deutschland und deutscher Wissenschaftler im Ausland auf Einladung bilateraler Freundschaftsgesellschaften (1933–1945)

Hans-Joachim Dahms (Wien / Berlin): Zu den internationalen Philosophie-Kongressen in den 1930er Jahren

Pascale Roure (Istanbul): Akademische Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei im Rahmen internationaler Kongresse für Philosophie und Geschichtswissenschaften (1933–1945)

Michael Custodis (Münster): Musik als Widerstand. Norwegische Gegenpropaganda im Stockholmer Exil

Andreas Bußmann (Münster): Goebbels‘ Mann im Norden: Zur Kulturarbeit von Georg Wilhelm Müller im Reichskommissariat Norwegen (1940–1945)

Sören Flachowsky (Berlin): Europäische Großraumwissenschaft unter deutscher Hegemonie. Das Reichserziehungsministerium und die geplante Neuordnung des internationalen wissenschaftlichen Verbandswesens 1940–1942

Wolfgang Schieder (Köln): Wissenschaftstourismus? Adolf Butenandts Auslandsreisen während des ‚Dritten Reiches‘

Zitation
Tagungsbericht: „mit vorsichtig ausgewählten Ausländern zusammenkommen“. Internationale Tagungen und wissenschaftlicher Austausch in der Zeit des Nationalsozialismus, 18.02.2019 – 20.02.2019 Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 16.04.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8221>.