Die Welt der Sicherheit und ihre Grenzen. Medialität von Unfällen und Risikodiskurse im Deutschen Kaiserreich

Ort
Saarbrücken
Veranstalter
Amerigo Caruso, Neuere Geschichte und Landesgeschichte, Universität des Saarlandes; Birgit Metzger / Clemens Zimmermann, Kultur- und Mediengeschichte, Universität des Saarlandes, Saarbrücken
Datum
14.03.2019 - 16.03.2019
Von
Michael Buchner / Annika Haß, Historisches Institut, Universität des Saarlandes, Saarbrücken

Die Tagung widmete sich der Beschreibung und medialen Dynamik von Unfällen in der Öffentlichkeit des Deutschen Kaiserreichs. Die Ausgangsthese lautete, dass Unfälle und insbesondere deren mediale Darstellung eine eigene Dynamik entwickelten. Sie stießen öffentliche Debatten an, welche schließlich zu gesellschaftlichen Veränderungen führen konnten. So ließe sich nicht nur die Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs im Besonderen, sondern auch allgemein die Bewertung von Kategorien wie Verantwortung und Schuld, Vertrauen und Expertenwissen, soziale Gerechtigkeit oder die Bewertung menschlicher Gesundheit erforschen.

An eine heterogene Forschungslage anknüpfend, zielte die Tagung darauf ab, einen konkreten historischen Kontext aus einer Vielzahl historischer Analyseperspektiven zu betrachten – darunter Moderne, Staatlichkeit, Nation, Medien und Kommunikation. Zu den behandelten Fallbeispielen gehörten insbesondere Unfälle in den Bereichen Bergbau und Industrie, Militär (Marine, Zeppelin), Medizin und im privaten Waffengebrauch sowie auch (Natur-)Katastrophen.

MICHAEL FARRENKOPF (Bochum)[1] wies in seinem Eröffnungsvortrag zur Verbindung zwischen Grubenunglücken und deren Medialisierung auf die enge Verflechtung zwischen der wirtschaftlichen Elite des Bergbaus und der politischen Elite sowie dem Verlagswesen hin. Nicht nur Kaiser Wilhelm besuchte nach Grubenunglücken den Unfallort, wenn er in der Nähe war, auch Baedeker veröffentlichte Artikel ganz im Sinne der Unternehmerfamilie in der Essener Zeitung. Der Rückgriff von Farrenkopf auf risikosoziologische Betrachtungen[2] in seiner Analyse führte zu einer Erweiterung der Bewertung von Unfällen. Er unterschied zwischen einer vormodernen und modernen Bewertung von Unfällen: Erstere rechtfertigte das Unglück mit göttlicher Fügung und Schicksal, während letztere von einer Berechenbarkeit eines Risikos und Verantwortung des Einzelnen ausging. So kam beim Übergang von vormodernen in moderne Gesellschaften die zweite zur ersten Interpretationsmöglichkeit hinzu. Durch diesen tendenziellen Wechsel der Betrachtung von der Gefahr zum Risiko sei das Deutsche Kaiserreich und auch der Umgang mit Unfällen im Bergbau geprägt gewesen. Es zeigte sich, wie fruchtbar der Rückgriff auf Ansätze aus anderen Disziplinen für die historische Analyse sein kann.

Auch der Vergleich zwischen unterschiedlichen Diskursen in verschiedenen politischen Systemen kann viel zur Untersuchung der Fragestellung beitragen. So verglich BIRGIT METZGER (Saarbrücken) die mediale Resonanz von Militärunfällen im Deutschen Kaiserreich und der französischen Dritten Republik. In ihrer Forschung erweise sich die Kreuzung von unterschiedlichen Quellentypen sowie deren Einordnung in unterschiedliche Bereiche der Öffentlichkeit als besonders ergebnisreich. So war der Expertendiskurs über Militärunfälle – wie nicht anders erwartet – ein transnationaler, von dem Wunsch nach gemeinsamen Fortschritt geprägter. Auch die politische Ausrichtung der Presse erwies sich als entscheidender Faktor in der Bewertung von Unfällen und in der sozialdemokratischen sowie liberalen Presse zur Forderung nach einer Untersuchung der Ursachen. Die französische Demokratie stand dabei unter größerem Rechtfertigungsdruck und hinterließ eine Vielzahl an administrativen und statistischen Untersuchungen der jeweiligen Unfälle.

SEBASTIAN ROJEK (Stuttgart) sah in der medialen Resonanz von Unfällen in der Marine einen Auslöser für den Wandel von einer Vertrauenskultur zu einer Forderung nach Experten und Expertenwissen in der Leitung der Marine. In den Vorträgen von RÜDIGER HAUDE (Aachen) und JÜRGEN BLEIBLER (Friedrichshafen) stand die symbolische Perspektive am Beispiel von Zeppelinunglücken im Vordergrund. Aus beiden Vorträgen ergab sich, dass der Ausbau und weitere Investitionen in die Technik der Luftschiffe trotz offensichtlicher Schwächen und gerade aufgrund der vielen Unglücke intensiviert wurden. Zeppelinunfälle wurden als Herausforderung begriffen, auf die mit weiterer Forschung zu reagieren war.

Das folgende Panel sprach sich insgesamt für eine stärkere Berücksichtigung der ökonomischen Dimension von Unfällen aus. JULIA MOSES (Sheffield / Göttingen) zeichnete in ihrem Beitrag zunächst die Verbreitung des Konzepts der Unfallentschädigung am Beispiel Preußens und Italiens nach, betonte aber gleichzeitig die globalgeschichtliche Dimension des Phänomens. Der junge Sozialstaat des späten 19. Jahrhunderts begann in zunehmendem Maße, Unternehmer für Arbeitsunfälle haftbar zu machen, wobei die Kategorie des Unfalls allmählich immer mehr ausgedehnt wurde, bis sie schließlich auch typische Berufskrankheiten umfasste.

Unmittelbar an Moses Beitrag anknüpfend verwies TORSTEN RIOTTE (Frankfurt am Main) in seinem Vortrag darauf, dass das mit dem preußischen Eisenbahngesetz von 1838 erstmals eingeführte Prinzip der Gefährdungshaftung nicht für die so genannten freien Professionen funktionierte. Weil es dem ärztlichen Selbstverständnis im 19. Jahrhundert widersprochen habe, allgemein Verantwortung für möglicherweise bei Behandlungen entstandenen Schäden abzutreten, die Ärzte gleichzeitig aber immer weniger bereit waren, mit ihrem – insgesamt deutlich zunehmenden – Privatvermögen zu haften, entwickelte die Versicherungswirtschaft das Instrument der Privathaftpflichtversicherung. Dieses fand innerhalb kürzester Zeit enorme Verbreitung innerhalb der Ärzteschaft. Damit veranschaulichte der Beitrag Riottes besonders eindrücklich die Bedeutung der ökonomischen Dimension von Unfalldefinitionen. Was als Unfall anerkannt wird und welche Risiken damit versicherbar sind, richtet sich demnach nicht zuletzt nach der ökonomischen Attraktivität bestimmter Risiken für die private Versicherungswirtschaft.

Demgegenüber widmete sich FABIAN TRINKAUS (Saarbrücken) in einem regionalgeschichtlichen Fallbeispiel den Unfällen im Hüttenwerk Neunkirchen. Dabei kam er zu dem auf den ersten Blick überraschenden Befund, dass es trotz zunehmender Mechanisierung und technischen Fortschritts im frühen 20. Jahrhundert zu einem Anstieg der Unfallzahlen kam. Als Erklärung verwies Trinkaus auf die mit dem Einsatz neuer Maschinen gleichsam unweigerlich verbundene Entstehung neuer Formen von Unfällen und illustrierte damit die Verschränkung von technologischem Wandel, Veränderung von Arbeitspraktiken, damit einhergehenden Unfällen sowie begleitenden Unfalldiskursen.

NICOLAI HANNIG (München) stellte schließlich mit der „Kommerzialisierung der Katastrophenlust“ um 1900 eine weitere ökonomische Dimension des Unfalldiskurses in den Mittelpunkt seines Beitrags. Der sich in dieser Zeit ausbreitende Massenkonsum machte sich eine wohl seit jeher latent vorhandene Faszination an (Natur-)Katastrophen zunutze. Besonders eindrucksvoll zeigte sich dies an den massenhaft verbreiteten Postkarten mit Katastrophenmotiven, die Hannig für seine Fallstudie auswertete. Die anschließende Diskussion drehte sich sodann auch um den Aussagegehalt und die methodischen Probleme, die mit dem Medium der Bildpostkarten, das von der Mediengeschichte lange Zeit vernachlässigt wurde, verbunden sind.

Der Vortrag von DAGMAR ELLERBROCK (Toronto / Dresden), der das dritte Panel zum Themenkomplex Sicherheit und Gewalt am letzten Konferenztag einleitete, erhielt durch das Attentat in Neuseeland am Vortag einen traurigen Aktualitätsbezug. Ausgehend von allgemeinen kulturwissenschaftlichen Überlegungen zur spezifischen Waffenkultur einer Gesellschaft zeigte Ellerbrock wie die deutsche Waffenkultur, die sich über Jahrhunderte hinweg durch eine weitgehende Toleranz und allenfalls marginale Regulierung des privaten Waffenbesitzes ausgezeichnet hatte, um 1900 immer stärker in Umbruch geriet. Die technische Innovation der Selbstladepistole fand in Zusammenhang mit Prozessen der Industrialisierung und Urbanisierung sowie der Ausdehnung von Massenkonsum und Massenkommunikation zunehmende Verbreitung in immer weiteren Bevölkerungskreisen. Dies führte zu einer intensiven Presseberichterstattung über den „Revolverunsinn“ beziehungsweise die „Revolverkrankheit“ und zwang schließlich auch die Reichsbehörden zu einer Reaktion, die allerdings erst 1928 mit der Verabschiedung eines deutschen Waffengesetzes ihren Abschluss fand.

Wie auch in der anschließenden Diskussion festgehalten wurde, handelt es sich bei der Herstellung von Sicherheit somit immer um einen ambivalenten Prozess. Wo der Revolver dem Einzelnen zur Gewährleistung seiner persönlichen Sicherheit dienen kann, entstehen für die Gesellschaft als Ganzes damit gleichzeitig neue Quellen der Unsicherheit. AMERIGO CARUSO (Saarbrücken) ergänzte diese Perspektive mit einem Blick auf das so genannte staatliche Gewaltmonopol und der Rolle privater Gewalt im Deutschen Kaiserreich. Am Beispiel professionaler Streikbrecherbanden einerseits, die als paramilitärische Organisationen in transnationalen Netzwerken operierten, sowie der so genannten Zechenwehren andererseits, die als eine Form privater Hilfspolizei unter der formalen Kontrolle preußischer Behörden standen, konnte Caruso nachweisen, dass der Anspruch des staatlichen Gewaltmonopols in der Praxis des Kaiserreichs nicht flächendeckend eingelöst werden konnte. Damit plädierte der Referent abschließend auch überzeugend dafür, die in der Historiographie häufig anzutreffende Kontrastierung der „schwachen“ Weimarer Republik mit dem vermeintlich „starken“ Staat des Deutschen Kaiserreichs vor 1914 zu überdenken.

In seinem synthetisierenden Abschlussvortrag spann CLEMENS ZIMMERMANN (Saarbrücken) schließlich die wichtigsten Ergebnisse der Tagung mit Blick auf eine künftige Mediengeschichte des Unfalls im 20. Jahrhundert weiter. In diachroner Perspektive rückte er dabei insbesondere die Auswirkungen einer veränderten Medienlandschaft und des damit einhergehenden Wandels medialer Praktiken vom späten 19. bis ins frühe 21. Jahrhundert auf die Unfallberichterstattung in den Mittelpunkt. Dabei stellte Zimmermann eine gewisse Ambivalenz der Entwicklung fest, nach der es einerseits zu einer gewissen Verstetigung von Unfall-, Katastrophen- und Risikodiskursen komme, die Berichterstattung aber andererseits immer punktuell angelegt bleibe.

In den regen Diskussionen wurden Themen ergänzt, eigene Perspektiven in Frage gestellt und versucht sowohl das Thema der Tagung als auch der einzelnen Vorträge weiter voranzubringen. Die Anmerkungen waren kritisch, sachlich und konstruktiv, wie man sie sich für eine Tagung wünscht. Dabei kristallisierten sich insgesamt vor allem zwei Perspektiven für eine künftige „Unfallgeschichte“ heraus. So könnten Unfälle zum einen als eine Art Sonde benutzt werden, um den sich stets im Fluss befindenden Grenzen zwischen Sicherheit und Unsicherheit in vergangenen Gesellschaften nachzuspüren, wie etwa Dagmar Ellerbrock mehrfach betonte. Unfälle würden dabei, so Sebastian Rojek, die historischen Akteure oft erstmals dazu zwingen, implizit vorhandene Annahmen explizit zu benennen. Sie lägen damit, so Rojek weiter mit Bezug auf Reinhart Kosellecks[3] berühmte Kategorien, an der Schnittstellte zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont.

Zum anderen aber stellen Unfälle stets ein Medienereignis dar beziehungsweise werden durch die Medien überhaupt erst zum Ereignis. Damit aber stellt sich für eine Mediengeschichte des Unfalls unweigerlich die Frage nach der „Erzählbarkeit“ von Unfällen sowie nach dem Wandel narrativer Strukturen im Zeitverlauf. Auch hierzu lieferten die Beiträge der Tagung wichtige methodische Anregungen. So wurde etwa von mehreren Tagungsteilnehmer/innen gefordert, die Definition des Konzepts Unfall selbst zu hinterfragen: Was ist als Unfall definiert? Welche Konsequenzen folgen daraus? Welche Personen sind Unfällen ausgesetzt? Diese und andere Fragen bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für künftige Forschungen zur Unfallgeschichte der Moderne.

Konferenzübersicht:

Frank Hirsch (Saarbrücken): Begrüßung

Amerigo Caruso / Birgit Metzger (beide Saarbrücken): Begrüßung und Einführung

Öffentlicher Abendvortrag
Michael Farrenkopf (Bochum): Grubenunglücke im Deutschen Kaiserreich. Mediale Resonanz und politische Funktionalisierungen

Panel 1: Staat und Nation
Sektionsleitung: Christian Jansen (Trier)

Sebastian Rojek (Stuttgart): „wenn wir keine Sicherheit haben [...] dann wäre es Selbsttäuschung und Thorheit eine Flotte zu unterhalten“ – Öffentliche Debatten um Staatlichkeit und Sicherheit am Beispiel von Marineunfällen im Deutschen Kaiserreich

Birgit Metzger (Saarbrücken): Vermeidbare Risiken und besondere Vorkommnisse: Militärunfälle und Öffentlichkeit in Deutschland und Frankreich

Rüdiger Haude (Aachen): Das „Wunder von Echterdingen“: Der mediale Umgang mit Zeppelin-Unfällen. Havarie und Auferstehung eines nationalen Symbols

Jürgen Bleibler (Friedrichshafen): Der Absturz des Marine-Luftschiffs L 2.Vom politischen und medialen Umgang mit der größten Luftfahrtkatastrophe vor dem Ersten Weltkrieg

Panel 2: Risiko und Verantwortung
Sektionsleitung: Katja Patzel-Mattern (Heidelberg)

Julia Moses (Sheffield / Göttingen): The Accidental Century: Risk, Work and Transnationalism, c. 1838-1918

Fabian Trinkaus (Saarbrücken): Arbeitsrisiken, Unfälle und Unfallpolitik in der Eisen- und Stahlindustrie. Das Beispiel Neunkirchen (Saar)

Torsten Riotte (Frankfurt am Main): Kunstfehler versichern? Die Entstehung der Haftpflichtversicherung für Ärzte im Kontext individueller Verantwortung bei Unfällen am Arbeitsplatz

Nicolai Hannig (München): Schaulust und Kommerz. Zur Medialität von Naturkatastrophen um 1900

Panel 3: Sicherheit und Gewalt
Sektionsleitung: Peter Wettmann-Jungblut (Saarbrücken)

Dagmar Ellerbrock (Toronto / Dresden): Da hört der Spaß auf. Unfälle und die Neuverhandlung von Sicherheit im frühen 20. Jahrhundert am Beispiel des privaten Schusswaffengebrauchs

Amerigo Caruso (Saarbrücken): (Un-)Sicherheit und Privatisierung von Gewalt. Bewaffnete Streikbrecherbanden, „Streikterrorismus“ und Zechenwehren im späten Kaiserreich

Clemens Zimmermann (Saarbrücken): Überlegungen zur Mediengeschichte des Unfalls im 20. Jahrhundert

Anmerkungen:
[1] Farrenkopf ist Mitglied des Direktoriums des Deutschen Bergbau Museums Bochum und ein ausgewiesener Spezialist des von ihm vorgetragenen Themas. Vgl. unter anderem Michael Farrenkopf, Schlagwetter und Kohlenstaub. Das Explosionsrisiko im industriellen Ruhrbergbau (1850-1914), Bochum 2003.
[2] Er bezog sich auf Wolfgang Bonß, Vom Risiko. Unsicherheit und Ungewissheit der Moderne, Hamburg 1995.
[3] Reinhart Koselleck, „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ – zwei historische Kategorien, in: Ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1979, S. 349-375.

Zitation
Tagungsbericht: Die Welt der Sicherheit und ihre Grenzen. Medialität von Unfällen und Risikodiskurse im Deutschen Kaiserreich, 14.03.2019 – 16.03.2019 Saarbrücken, in: H-Soz-Kult, 16.04.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8225>.