Sozialismus als Erfahrung und Erinnerung. Junge Forschung im etablierten Feld – 16. Potsdamer Doktorand_innenforum zur Zeitgeschichte

Ort
Potsdam
Veranstalter
Christopher Banditt / Nikolai Okunew / Henrike Voigtländer; Doktorandinnen und Doktoranden des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam
Datum
21.02.2019 - 22.02.2019
Von
Pia Schmüser, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Das 30. Jubiläum des Mauerfalls sorgt für einen Boom in der Erinnerungskultur: Unzählige Vorträge, Festveranstaltungen und Fernsehsendungen widmen sich ,1989‘. Darüber hinaus ist die sozialistische Erfahrung und Erinnerung virulent in Forschung und öffentlichen Debatten, beispielsweise als mögliche Erklärung für den Erfolg populistischer Bewegungen oder als Vergleichsfolie für Migrationserfahrungen. Vor diesem Hintergrund lud das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung zum diesjährigen Doktorand/innenforum „Sozialismus als Erfahrung und Erinnerung. Junge Forschung im etablierten Feld“.

Bereits der Titel verdeutlichte zwei angestrebte Blickwinkel auf das Thema: einen Fokus auf den von Zeitgenossen tatsächlich im Alltag erlebten und unter dem Eindruck von Wende- und Transformationsprozessen erinnerten Sozialismus und die Frage nach Ansätzen und Positionierungen von Nachwuchswissenschaftler/innen gegenüber der etablierten Forschung. Entsprechend setzte sich das Programm aus Vorträgen zusammen, die überwiegend Einblicke in laufende zeithistorische Qualifikationsarbeiten boten, und einer öffentlichen Podiumsdiskussion, bei der nicht zuletzt auch Nachwuchsforschung und etablierte Forschung und Aufarbeitung aufeinandertrafen.

Nach der Begrüßung durch FRANK BÖSCH (Potsdam) eröffneten JULIANE FÜRST (Potsdam) mit einer Keynote-Speech und VIOLETA DAVOLIŪTĖ (Jena) mit einer kurzen Antwort das Forum. Fürst betonte die Vielschichtigkeit des Sozialismus und verwies hier auf die notwendige Unterscheidung in der marxistischen Ideologie zwischen dem Sozialismus als Zwischenstadium auf dem Weg zum Kommunismus einerseits und der gelebten und erfahrenen Realität des Sozialismus andererseits. Die Erfahrung des Sozialismus sei für Zeitgenossen sofort gleichsam zur Erinnerung geworden, diese wiederum in weitere Erfahrungen eingegangen, sodass Erfahrung und Erinnerung letztlich nicht voneinander zu trennen gewesen seien. Fürst machte dabei drei Felder als prägend für Erfahrung und Erinnerung des Sozialismus aus: erstens Emotionen als deren affektive Dimension, zweitens Materialismus in staatlichem Anspruch und Alltagserfahrung sowie drittens die Selbstdarstellung und -definition des Einzelnen in ständiger Relation zum omnipräsenten Staatskollektiv. Davoliūtė unterstützte Fürsts Ausführungen und plädierte dafür, den individuellen kulturellen Kontext jedes einzelnen sozialistischen Staates vor, während und nach seiner sozialistischen Phase stärker zu berücksichtigen. Eine kurze anschließende Diskussion stellte unter anderem die Frage nach dem methodischen Umgang mit Paradoxien, die sich aus der von Fürst benannten Vielschichtigkeit des Sozialismus ergeben, und bot als Antwort einen verstärkten Blick auf die Subjektebene an. Diese Eröffnungsrunde war ein gelungener Einstieg für die Tagung, auf den viele Beiträge zurückkamen.

So thematisierten auch der Kommentar von RALF AHRENS (Potsdam) und die anschließende Diskussion der ersten Sektion „Wirtschaft und Arbeitswelten“ vorwiegend die Gewichtung von Staat und Subjekten in den vorgestellten Untersuchungen, damit verbunden die Auswahl und Repräsentativität der genutzten Quellen sowie die Länderspezifik der Untersuchungsgegenstände. Eingeleitet wurde die Sektion von ALEKSANDAR RAKONJAC (Belgrad), der die Umsetzung sowjetischer Modelle in der jugoslawischen Wirtschaft zwischen 1945 und 1947 nachzeichnete. Hier hätten mangelnde Expertise in Jugoslawien sowie die bündnis- und ideologisch bedingte Nähe zur UdSSR zur weitgehenden Übernahme des sowjetischen Modells geführt, oft auch unter direkter Anleitung von Experten aus der UdSSR. Anschließend untersuchte SEBASTIAN LAMBERTZ (Köln) Arbeit als vom Staat angebotenes und von der Bevölkerung angenommenes Sinn-, Identitäts-, Integrations- und Legitimationsinstrument in der Tschechoslowakei zwischen 1953 und 1963. Die Konfrontation des Systems mit größerem Bevölkerungsunmut angesichts der Währungsreform von 1953 habe in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren auch zu Verschiebungen in Verständnis und Funktionalisierung von Arbeit geführt, gleichwohl das Regime weiterhin Arbeit erfolgreich zur Systemstabilisation habe nutzen können. Im letzten Vortrag der Sektion stellte PAVEL ŠINKOVEC (Kiel) juristische, ideologisch-theoretische und wissenschaftliche Konzeptionen von Wirtschaftskriminalität in der Tschechoslowakei in den 1970er- und 1980er-Jahren vor und präsentierte anhand ausgewählter Beispiele die Darstellung von Wirtschaftskriminalität in populären Medien. Šinkovec unterschied hier zwischen einer dichotomen Gegenüberstellung von als deviant und asozial charakterisierten Wirtschaftskriminellen und einer anständigen Mehrheitsgesellschaft einerseits und andererseits einer differenzierteren, vor allem psychologisierenden Darstellung.

CORNELIA BRUHN (Jena) eröffnete die zweite Sektion zur „(Pop-)Kultur“ mit einem Vortrag zur FDJ-Singebewegung, der sich auf Erinnerung und Selbstverständnis von ehemaligen Bewegungsmitgliedern in Zeitzeugeninterviews konzentrierte. Bruhn setzte sich von früheren Forschungsauffassungen der Singebewegung als staatlichem Propagandainstrument ab, denn ihre Befunde verwiesen auf eine differenziertere und ambivalentere Haltung der Akteure und Akteurinnen zwischen Regimekritik und genuiner sozialistischer Überzeugung. Auch der zweite Vortrag der Sektion von NIKOLAI OKUNEW (Potsdam) beschäftigte sich mit dem Kulturbereich Musik in der DDR und thematisierte, ebenfalls zum Teil auf Zeitzeugeninterviews gestützt, die Heavy-Metal-Subkultur. Zentral wurde unter anderem in Vortrag und Diskussion diskutiert, wie politisch diese Subkultur war – die Zeitzeugen verneinten dies mitunter energisch – und ob es im DDR-System überhaupt möglich gewesen sei, nicht politisch zu sein, oder ob hier auch das bewusst Apolitische oder Indifferente als politisch gewertet werden müsse. ANNA GRUTZA (Flensburg) wandte sich stärker der Hochkultur zu und beschloss die Sektion mit einer philosophisch und literaturwissenschaftlich informierten Untersuchung der Dialektik des Individuums und der Gesellschaft zur Zeit des Kalten Krieges als Epoche des Raums und des mental mappings. Grutza stellte dabei nicht nur die Blockkonfrontation, sondern auch systemübergreifenden Kultur- und Warentransfer in den Mittelpunkt, hier betrachtet anhand von Literatur und Literaturrezeption und fokussiert auf die dortige Dialektik des Wahren und des Schönen. BODO MROZEKs (Potsdam) Kommentar und die Diskussion der Sektion thematisierten unter anderem die Relevanz der Untersuchungsgegenstände angesichts der eng umrissenen Kulturbereiche und den Zeitzeugenumgang.

Der erste Tagungstag endete mit der eingangs erwähnten öffentlichen Podiumsdiskussion, die sich unter dem Titel „Sozialistische Erinnerung und postsozialistische Aufarbeitung“ der DDR-Erinnerung und -Aufarbeitung widmete. Geladen waren mit der Historikerin und Soziologin KATHARINA LENSKI (Jena), dem Stellvertretenden Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur JENS SCHÖNE (Berlin), der Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung MARTINA WEYRAUCH (Potsdam) und dem Thüringischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur PETER WURSCHI (Erfurt) Vertreter/innen aus Aufarbeitung, politischer Bildung und Wissenschaft. Besprochen wurden unter anderem Phasen, Brüche und Kontinuitäten der DDR-Aufarbeitung. Dabei wurde unterstrichen, dass die anfängliche Fokussierung auf Diktaturopfer notwendig und berechtigt gewesen sei, man hier aber nicht stehen bleiben könne, wie auch insgesamt die starre Täter-Opfer-Dichotomie aufgebrochen werden müsse, um der tatsächlichen Lebenswirklichkeit der ehemaligen DDR-Bevölkerung gerecht werden zu können. Ähnlich verhalte es sich mit oft einhergehenden Fortschreibungen und Reifizierungen von Ost-West-Narrativen und -Kategorien des Kalten Krieges in Forschung und Aufarbeitung. Auch die verbreiteten, mitunter mit Opfergeschichten verknüpften Heldenerzählungen verstellten letztlich den Blick auf den Großteil der Bevölkerung der DDR und ihren Alltag. Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Aufarbeitung habe hier den Kontakt zur Bevölkerung verloren. Doch auch das Verhältnis von Forschung und Aufarbeitung gestalte sich nach wie vor schwierig im Hinblick auf Kompetenzen, Austausch und Verständnishürden. Gefordert wurden zum einen eine Refokussierung auf Alltags-, Gesellschafts- und Mikroebene und zum anderen eine Verantwortungsethik der politischen Aufarbeitung. Ferner wurde für einen Methoden- und Perspektivenpluralismus plädiert gegenüber einer häufig monierten Erfahrungs- und Deutungskonkurrenz zwischen verschiedenen Zeitzeugen- und Forschungsperspektiven. Ebenso sprach man sich dafür aus, verstärkt die Transformationsphasen und Kontinuitäten zu Staatsbeginn und nach dem Ende der DDR zu betrachten, um so auch von starren dichotomen Ost-West-Kategorisierungen loszukommen.

Die dritte Sektion „Out of the Picture“ begann mit einem Vortrag aus der Disability History, in dem MARIA-LENA FAßIG (Kiel) Konstruktionen von Behinderung in tschechoslowakischen illustrierten Zeitschriften vorstellte, exemplarisch in der Jugendzeitschrift Mladý Svět in den 1970er- und 1980er-Jahren. Trotz teils erheblicher Variationen und Entwicklungen – im gewählten Beispiel etwa von individuellen Leidens- und Überwindungsnarrativen hin zu einem Fokus auf aktuelle Probleme für behinderte Menschen und im gesellschaftlichen Umgang mit ihnen – seien generell immer Praktiken von Prävention, Rehabilitation und Integration maßgeblich gewesen, die ihrerseits trotz Bedeutungsveränderungen stets auf Homogenisierung ausgelegt gewesen seien. Der Kommentar von KATJA STOPKA (Potsdam) und die Diskussion unterstrichen, dass es sich bei Faßigs Ansatz primär um eine Diskursgeschichte handelt, die über die Konstruktion von Behinderung etwas über die ,Normalgesellschaft‘ und ihre Normalitätsvorstellungen aussagen möchte und sich nicht auf Erfahrungen und Selbstwahrnehmungen von behinderten Menschen konzentriert. LISA STÄDTLER (Bremen) kehrte zur DDR zurück mit ihrem Vortrag zur Tätigkeit Hilde Eislers, langjährige Chefredakteurin der Zeitschrift Das Magazin, als Nachlassverwalterin ihres Mannes Gerhart Eisler. Bemerkenswert sei hier das große Engagement, das Eisler trotz ihres eigenen beruflichen Erfolgs in diese Erinnerungsarbeit investiert habe, und ihre einhergehende Selbstdarstellung als Teil der Eisler-Familie, aber auch die Funktionalisierung dieser Selbstverortung zur Akkumulation symbolischen sozialen Kapitals. Hier wogen Kommentar und Diskussion ab, welche Ansatzpunkte zwischen Eislers Redaktionstätigkeit, Nachlassverwaltungsengagement und Selbstrepräsentation den größten Mehrwert gegenüber verwandter bisheriger Forschung bieten könnten.

Unter dem Titel „Langes Ende?“ blickte die letzte Sektion auf das Ende des Staatssozialismus und die Folgezeit. JENNY PRICE (Warwick) beschäftigte sich mit Demokratisierungs- und Transformationsprozessen nach der Wende in Ostdeutschland. Sie gab mit anschaulichen Mikrostudienbeispielen Einblicke in Alltagserfahrungen, Handeln und Partizipation lokaler Akteure und Akteurinnen sowie in entstehende Konfliktpunkte bei der Aushandlung neuer Strukturen vor Ort. Auch CHRISTOPHER BANDITT (Potsdam) blickte auf Wende und Transformationszeit in Ostdeutschland, untersuchte jedoch mit einem wirtschaftshistorischen Ansatz Brüche und Kontinuitäten in der Ausprägung sozialer Ungleichheiten. Er konnte Nivellierungen, aber auch das Fortbestehen alter Ungleichheiten herausarbeiten, mitunter vorgeformt durch die DDR-Zeit. ALEKSANDRA KONARZEWSKA (Tübingen) präsentierte im Kontrast dazu eine literaturwissenschaftliche Untersuchung der narrativen Darstellung des realen Sozialismus und seines Zerfalls in der polnischen Gonzo-Literatur. Den Abschluss der Sektion bildete ALEXANDER SVETLOVs (Kiew) Vortrag über Kontinuitäten in der ukrainischen Staatsführung über 1991 hinaus, der bspw. die Sektoren Politik, Wirtschaft und Medien umfassende Patronage-Netzwerke, Korruption, Amtsmissbrauch und KGB-Hintergründe beleuchtete. Die unterschiedlichen Zugänge dieser Sektion wurden auch im Kommentar von ANJA SCHRÖTER (Potsdam) und der Diskussion thematisiert, wenngleich man sich bemühte, Schnittmengen zu identifizieren im Umgang mit Brüchen und Kontinuitäten in der Betrachtung von Transformationsprozessen.

Die Abschlussrunde verband noch einmal gelungen die relevantesten übergreifenden Punkte der Sektionen. Als ein Kernproblem kristallisierte sich die Zeitzeugenarbeit und deren Verhältnis zu „harten“ Quellen wie Archivmaterial heraus. Hier wurde für eine sich ergänzende Quellenbasis mit transparenter Quellenkritik, Offenlegung von Quellenkonflikten und Herstellung von Plausibilitätsstufen plädiert. Daneben kam erneut die Frage nach angemessenen Analysekategorien auf, die die tatsächlich als relevant erlebten Erfahrungen der Zeitgenossen träfen, wobei insbesondere Begriffe wie „(nicht) politisch“ oder „Regimekritik“ problematisch erschienen. Weiterhin wurden insgesamt mehr transnationale Perspektiven sowie Geschichten „von unten“ gefordert. Wohl am eindrücklichsten hervorgehoben wurde in direktem Anschluss an die (vermehrt als unbefriedigend beurteilte) Podiumsdiskussion die Wahrnehmung von verschiedenen generationellen Interessen in Aufarbeitung und Forschung. Es wurde deutlich, dass Nachwuchswissenschaftler/innen an vielen alten Fragen und Kategorisierungen der etablierten Forschung kaum mehr Interesse haben und diese eher als Zugangshindernisse wahrnehmen. In dem spezifischen Blickwinkel der „Nachgeborenen“ liege eine große Stärke, die es in stetem Dialog mit älterer Forschung und Aufarbeitung sowie mit Mut zur Revision und zur eigenen Begriffs- und Theoriebildung auszuspielen gelte. Hier wurde schließlich die Idee in den Raum gestellt, eine gemeinsame schriftliche Positionierung als Nachwuchssozialismusforschung zu erarbeiten.

Abschließend lässt sich festhalten, dass das Doktorand/innenforum eine gelungene Tagung darstellte, die beide Hälften ihres Titels ernstnahm und die geweckten Erwartungen weitgehend einlöste. Die Vorträge gaben spannende Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte, veranschaulichten, dass das Themenfeld Sozialismus noch lange nicht ausgeforscht ist, boten eine Vielfalt an Zugängen und Untersuchungsgegenständen und regten einen intensiven Austausch an. Besonders begrüßenswert war zum einen die vielfache Abkehr von traditionellen top-down-Perspektiven und eine Hinwendung zu kultur-, gesellschafts-, alltags- und mikrogeschichtlichen Zugriffen, zum anderen die Forderung, starres Ost-West-Denken aufzubrechen. Die Tagung unterstrich dabei sowohl den Mehrwehrt von Forschungsansätzen, die die Geschichte einzelner sozialistischer Staaten nicht ausschließlich im West-Vergleich betrachten, sondern sie in ihrer Eigenständigkeit ernst nehmen, als auch das Potenzial von transnationalen Ost-Ost-Vergleichen und von nationalen diachronen Vergleichen über den Zeitraum von 1945 bis 1990 hinaus. Das Plädoyer der Tagung, so in dem nach wie vor oft politisch und moralisch aufgeladenen Feld der Sozialismusforschung von überkommenen Kategorien und Dichotomien wegzukommen und verstärkt auch Kontinuitäten und Parallelen in den Blick zu nehmen, kann nur begrüßt werden. Die Tagung deckte bereits ein erfreuliches regionales Spektrum an Untersuchungsräumen ab, wobei das Fehlen eines Vortrags zur Geschichte Russlands als Lücke auffiel. Auch die interdisziplinären Ansätze waren willkommen und ließen ihr Potential erkennen, zu dessen voller Entfaltung allerdings eine rundere Einbindung in den geschichtswissenschaftlichen Rahmen der Veranstaltung mitunter wünschenswert gewesen wäre. Gerade die produktive Verarbeitung der Podiumsdiskussion in der Abschlussrunde verdeutlichte schließlich eindrücklich die Bruchlinien des Nachwuchses zu großen Teilen der alten Sozialismusforschung und -aufarbeitung. Viele wichtige Fragen, so wurde offensichtlich, hat die bisherige Forschung noch nicht gestellt, sodass das Feld insgesamt noch Lücken zu schließen hat und in Teilen auch der Revision oder wenigstens der Refokussierung bedarf. Die meisten dieser Umstände werden freilich schon länger diskutiert, dennoch konnte das Forum die Dringlichkeit der diversen Problemlagen hervorheben und sogleich einige seiner eigenen Forderungen umsetzen. Man darf gespannt sein, ob, in welcher Form und mit welchem Ertrag die Idee einer gemeinsamen Positionierung als Nachwuchssozialismusforschung in naher Zukunft Gestalt annimmt.

Konferenzübersicht:

Frank Bösch (Potsdam): Begrüßung

Juliane Fürst (Potsdam), Violeta Davoliūtė (Jena): Keynote-Speech und Antwort

Sektion 1: Wirtschaft und Arbeitswelten
Moderation: Christopher Banditt (Potsdam)
Kommentar: Ralf Ahrens (Potsdam)

Aleksandar Rakonjac (Belgrad): The Beginning of a New Order. Implementation of Soviet Economic Methods in Yugoslavia (1945–1947)

Sebastian Lambertz (Köln): Legitimität durch Sinnstiftung? Arbeit als Identitätsmarker und Selbstermächtigung in der Tschechoslowakei zwischen 1953 und 1963

Pavel Šinkovec (Kiel): „A Socialist Citizen is also stealing...“ Conceptions and Depicting of Economic Criminality in 1970s and 1980s Czechoslovakia

Sektion 2: (Pop-)Kultur
Moderation: Florian Völker (Potsdam)
Kommentar: Bodo Mrozek (Potsdam)

Cornelia Bruhn (Jena): Lieder für den Sozialismus. Die FDJ-Singebewegung (1965–1990) als Erfahrung von sozialistischem Alltag, politischen Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen Visionen

Nikolai Okunew (Potsdam): Red Metal. Heavy Metal als DDR-Subkultur zwischen Konflikt und Integration

Anna Grutza (Flensburg): Paradoxe Erfahrungswelten: Das Schöne und das Wahre im Kalten Krieg

Öffentliche Podiumsdiskussion: Sozialistische Erinnerung und postsozialistische Aufarbeitung
Katharina Lenski (Jena) / Jens Schöne (Berlin) / Martina Weyrauch (Potsdam) / Peter Wurschi (Erfurt)
Moderation: Henrike Voigtländer (Potsdam)

Sektion 3: „Out of the Picture“
Moderation: Henrike Voigtländer (Potsdam)
Kommentar: Katja Stopka (Potsdam)

Maria-Lena Faßig (Kiel): Disability in illustrierten Zeitschriften der sozialistischen Tschechoslowakei

Lisa Städtler (Bremen): Die gute Genossin – oder: die funktionale Erinnerung. Über die Nachlassverwalterinnen-Tätigkeit der Journalistin Hilde Eisler (1912–2000)

Sektion 4: Langes Ende?
Moderation: Nikolai Okunew (Potsdam)
Kommentar: Anja Schröter (Potsdam)

Jenny Price (Warwick): Die ostdeutsche Erfahrung: Demokratisierung im Alltag, 1989–1994

Christopher Banditt (Potsdam): Ungleichheit und materielle Lagen von ostdeutschen Arbeitnehmerhaushalten in der Systemtransformation

Aleksandra Konarzewska (Tübingen): Real Socialism (and its Aftermath) in the Contemporary Polish Gonzo Journalism

Alexander Svetlov (Kiew): Soviet Past – Post-Soviet Future. Power Politics in Ukraine‘s Path-Dependent Transition

Abschlussrunde

Zitation
Tagungsbericht: Sozialismus als Erfahrung und Erinnerung. Junge Forschung im etablierten Feld – 16. Potsdamer Doktorand_innenforum zur Zeitgeschichte, 21.02.2019 – 22.02.2019 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 23.04.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8234>.