Die (Außer-)Alltäglichkeit ewiger Verdammnis – Überlegungen zu einer Soziologie der Hölle

Ort
Koblenz
Veranstalter
Oliver Dimbath / Lena M. Friedrich / Winfried Gebhardt, Institut für Soziologie, Universität Koblenz-Landau
Datum
21.02.2019 - 22.02.2019
Von
Viola Dombrowski, Institut für Soziologie, Universität Koblenz-Landau

Menschen „gehen durch die Hölle“, erleiden „höllische Qualen“ oder erleben Dinge, die „die Hölle waren“. Die Tatsache, dass all dies erzählt werden kann, lässt den Schluss zu, dass die Hölle als Ort einer ewigen Verdammnis ausgedient haben könnte. Was aber ist Hölle dann und wer muss dort hin?

Den augenscheinlichen Bedeutungswandel des Begriffs Hölle nahmen sich Oliver Dimbath, Lena M. Friedrich und Winfried Gebhardt am Koblenzer Institut für Soziologie der Universität Koblenz-Landau zum Anlass, Kolleginnen und Kollegen dazu aufzurufen, die „Ambivalenzen der Hölle in spätmodernen Gesellschaften […] einer genaueren Betrachtung zu unterziehen“. Dreizehn Referent/innen folgten dem Ruf und präsentierten ihre „Überlegungen zu einer Soziologie der Hölle“. Die Tagung erstreckte sich über eineinhalb Tage und umfasste fünf Panels sowie einen Keynote-Vortrag von Michael N. Ebertz (Freiburg im Breisgau). Als besonderer Gast des Institutes war der Kultursoziologe ALOIS HAHN (Trier) geladen.

Die Tagung wurde durch OLIVER DIMBATH Dimbath (Koblenz) eröffnet, der der These eines Bedeutungswandels der Hölle mit einem begriffsgeschichtlichen Abriss über theologische sowie (kultur- und religions-)soziologische Perspektiven nachging. Zentral gekennzeichnet sei dieser Wandel durch eine Verlagerung der Hölle vom Jenseits ins Diesseits, wie sich im Rückgriff auf die Arbeiten von Max Weber und Niklas Luhmann zeigen lässt. Im Anschluss beschrieb Dimbath mithilfe einer explorativ-tentativen Medieninhaltsanalyse erste Hinweise auf einen Bedeutungswandel, indem er diesseitige Höllenvorstellungen nach vier (neuen) Sinndimensionen der Erfahrung, Bewertung, Funktionalität und Darstellung unterschied und daraus Hinweise auf eine individualisierungsbedingte Veralltäglichung der Hölle ableitete.

Das erste Panel der Tagung, unter dem Titel „Hölle der Zeit und Zahl“, wurde durch MICHAEL HEINLEINs (München) Überlegungen zu einem höllischen Gedächtnis eröffnet. Inspiriert von biblischen – auch bei Dante aufzufindenden – Vorstellungen über die Selektivität von Gedächtnis als Belohnung sowie Strafe, befasste er sich mit den Auswirkungen eben solcher Selektivität im Erinnern und Vergessen anhand zweier (auto-)biographischer Beispiele der Autorinnen Deborah Wearing und Jill Price. Mithilfe dieser beiden Fälle konnte er – in Anlehnung an eigens entwickelte Dimensionen einer „Alltäglichkeit der Verdammnis“ – zeigen, dass die Selektivität ein ordnungs- und sinnstiftendes Moment im Gedächtnis innehat. Geht diese Selektivität durch extreme Formen von Vergessen oder Erinnern verloren, werde das eigene Gedächtnis zur innerweltlichen Hölle.

Mit Gedächtnis befasste sich im weitesten Sinne auch PETER ULLRICH (Koblenz) – eigentlich Mathematiker – in seiner Analyse des Zahlenteufels von Hans Magnus Enzensberger: Denn dieser werde geträumt und Träume sollen ja das Gedächtnis festigen. So nicht anders bei Robert, dem Protagonisten des Zahlenteufels. Der wird über eine Dauer von zwölf Nächten vom „Zahlenteufel“ heimgesucht und zur Mathematik verleitet. Der Teufel übernehme hier eine ambivalente Rolle, denn obwohl er Robert mit seiner ungeliebten Mathematik quäle, so bringe er ihm doch die Inhalte bei, die sein Mathematiklehrer ihm nicht zu vermitteln wisse – gefolgt von einem Anstieg an Selbstsicherheit seitens Robert. Beendet wird die „Qual“, als Robert sein Leiden und die Autorität der Leidverursachenden hinterfragt.

Das zweite Panel wurde räumlich konkreter und befasste sich mit den „Vorhöfen der Hölle“, welche in beiden Vorträgen diesseitig verortet wurden. MARC BREUER (Paderborn) beschäftigte sich dazu mit einem aktuellen Diskurs über die Bezeichnung von Pflegeheimen als Hölle und benannte diesen, in seiner massenmedialen Gesamtheit, als „Pflegehöllendiskurs“. Diesem innewohnend identifizierte er einen „Meide-Appell“ – sowohl die Bewohner/innen als auch die Angestellten betreffend. Insgesamt hänge die Bewertung von Pflegeheimen trotz ihrer scheinbar durchgehend negativen Konnotation stark vom sozialen Standort ab.

Einen historischen Ort, wenn auch mit ungebrochener Aktualität, untersuchten JÜRGEN RAAB und MARIJA STANISAVLJEVIC (beide Landau): Theresienstadt. Als eine Art Limbus komme Theresienstadt ein ambivalenter Sonderstatus in der Lagererfahrung Überlebender zu: Trotz unmenschlicher Lebensbedingungen der dort internierten Menschen, ließ sich anhand von Interviews mit Überlebenden zum Teil eine – retrospektiv erfolgte – positive Konnotation der Erzählungen feststellen. Begründen ließ sich diese positive Konnotation insbesondere mit der, wenn auch eingeschränkten, Möglichkeit zur Vergemeinschaftung, die hier – im Gegensatz zu den folgenden Konzentrationslagern – noch vorhanden war. Im zweiten Teil des Vortrags zeigte Jürgen Raab, wie sich die Nationalsozialisten den Sonderstatus von Theresienstadt zunutze machten, indem das Lager als „Vorzeigeort“ für ausländische Behörden und ranghohe SS-Offiziere missbraucht wurde. Auf die Spitze getrieben wurde dies in den paradiesähnlichen Darstellungen im NS-Propagandafilm der letzten Jahre des Regimes.

Während die Gemeinschaft sich bei Raab und Stanisavlejvic als Moment der Hoffnung zeigt, war es die Gesellschaft, die im nächsten Panel auf ihr höllisches Potenzial hin untersucht wurde. Zuerst referierte BERNHARD MANN (Koblenz) über Höllenvorstellungen im modernen Japan. Dabei legte er insbesondere Akzente auf historische Hintergründe und sozialstrukturelle Merkmale der japanischen Gesellschaft. Im Anschluss daran stellte NINA LEONHARD (Potsdam) ihre Auseinandersetzung mit der populärwissenschaftlichen Darstellung von Krieg als Hölle vor. Dazu analysierte sie exemplarisch 15 Texte des Magazins Clausewitz. Auch sie identifizierte eine Säkularisierung der Hölle, anstelle deren Jenseitigkeit in der modernen Gesellschaft der Krieg trete. Die Hölle bleibe dabei eine Möglichkeit, Überwältigung zu kommunizieren. Leonhard stellte außerdem den Aspekt der Ewigkeit von Hölle erneut zur Diskussion, indem sie das Kriegstrauma als eine Form der Verstetigung dieser aufzeigte.

STEFAN BÖSCHEN (Aachen) verortete die Hölle in seiner modernisierungstheoretischen Analyse der Hölle zunächst innerhalb von modernen Gesellschaften. Im Zuge der Säkularisierung habe sie einer Verschiebung unterlegen, sei aber wie das Religiöse nicht verschwunden. Stattdessen habe eine Verlagerung von der Transzendenz in die Immanenz stattgefunden. Die Moderne habe ihr Ziel der „Ausrottung von Höllen durch kritischen Fortschritt“ damit nicht erreicht. Vielmehr sei sie in der Postmoderne durch zwei zentrale Aspekte gekennzeichnet: Einerseits durch ihre inhärente Ambivalenz und ihre Verortung an gegensätzlichen, zum Teil auseinanderdriftenden Polen. Zum anderen durch ihr genuin irdisches Dasein. Bewiesen sah er dies im Holocaust – eine Hölle, die von Menschen für Menschen geschaffen wurde und unwiederrufbar deren Immanenz und Diesseitigkeit aufzeige und sie so als Ort des Sinnverlustes illustriere.

Das letzte Panel des ersten Veranstaltungstags beschäftigte sich mit der „Hölle in der Literatur“. GERD SEBALD (Erlangen) stellte in seinem Beitrag zu innerweltlichen Höllen eine explorative Analyse von Thomas Manns Dr. Faustus vor. Eine soziologische Betrachtung von Jean-Paul Sartres Höllenvisionen in Geschlossene Gesellschaft stellte URSULA ENGELFRIED-RAVE (Koblenz) vor. Das Stück ließe sich insbesondere mithilfe von Goffmans „totaler Institution“ analysieren. Hierbei komme der Hölle der Status eines Idealtypus einer solchen zu.

Den Abschluss des Donnerstags machte der Abendvortrag des Religionssoziologen und Theologen MICHAEL N. EBERTZ (Freiburg im Breisgau). Diesem gelang es dabei, wiederkehrende Motive des ersten Tages zu verknüpfen. Im Zuge der Individualisierung habe es auch einen Wandel der Jenseitsvorstellung gegeben, welcher die Hölle als „popularkulturelle Doppelikone“ von Leid und Ohnmacht zurücklasse. Die Schuldthematik sei in diesem Zuge verloren gegangen. Der Umgang mit der Hölle habe sich zudem pluralisiert (in der späteren Diskussion sprach er auch von einer Dispersion von Deutung und Verwendung der Hölle, analog zur Dispersion des Religiösen) und zwinge das Individuum somit zu einer Art „religiöser Selbstbestimmung“. Diese Deutung des Wandlungsprozesses lässt sich verknüpfen mit der von Stefan Böschen aufgeworfenen Verlagerung der Hölle aus der Transzendenz in die Immanenz und somit in das Innere, eigens vom Individuum zu verantwortende.

Das Panel zur „Hölle der Ästhetik und [der] Ästhetisierung der Hölle“ am Freitagvormittag umfasste drei abschließende Überlegungen im Kontext von Musik, Mode und Film, beginnend mit SARAH CHAKER (Wien), die sich mit Hölleninszenierungen in Metal-Subgenres und ihren spezifischen Bedeutungen und Funktionen auseinandersetze. Im Metal, so Chaker, fänden sich Erwähnungen und Darstellungen von Hölle zwar zahlreich wieder, eine Beschreibung finde sich jedoch nur selten. Dennoch ließen sich in den Subgenres Arten der Thematisierung unterscheiden. So fänden sich etwa im Black Metal aufgrund der Prägung des Subgenres durch ein misanthropisches Menschenbild, affirmative Vorstellungen der „Hölle auf Erden“, in anderen herrsche ein „Rettungsgedanke“ vor. Dieses Spektrum zeigte sie mithilfe der Albencover unterschiedlicher Subgenres, die die Hölle sowohl als Ort der extremen Hitze wie auch Kälte darstellten, als Ort des Schreckens, aber auch als Ort der Reinigung und Auflösung bigotter Gesellschaftshierarchien.

Solche Ambivalenzen der Hölle zeigte auch MARCUS TERMEER (Freiburg im Breisgau) in seiner Betrachtung von Mode als Hölle auf. Mode habe im Wandel der Zeiten immer wieder ambivalente Rollen zwischen Progression und Regression, Subversion und Anpassung eingenommen, zwischen Selbstermächtigung durch Mode und kapitalistischer Aneignung subversiver Zeichen bis hin zu ihrer völligen Bedeutungslosigkeit.

Als letzten Untersuchungsgegenstand der Tagung präsentierte JAN WECKWERTH (Göttingen) Spielfilme und TV-Serien mit einer Analyse der Bedeutungsverschiebung der Höllenvorstellung durch die säkularisierte Postmoderne anhand von Anlehnungen an die Ikonographie mythologischer Höllenvorstellungen. Eine interessante Fußnote der Analyse war dabei, dass es in Deutschland eine besondere Vorliebe für den Einbau von »Hölle« in Filmtiteln zu geben scheine.

Die Abschlussdiskussion leitete WINFRIED GEBHARDT (Koblenz). Nach einer abschließenden Systematisierung der Erkenntnisse der Tagung wurde diese für alle geöffnet – nicht jedoch, bevor er mithilfe einer Erzählung Tolstois die Soziologie als „wahres Kind der Hölle“ offenbarte. Die Abkoppelung der Hölle von jenseitiger Sühne ab der (Spät-)Moderne erklärte Gebhardt mit einer „Zivilisierung der Massen“, die diese schlichtweg überflüssig mache. Die Funktionen der Hölle würden nun in das Innere des Menschen verlagert, in das Gewissen. Diesem Prozess kamen während der Tagung unterschiedlichste Beschreibungen zu: von Transzendenz zu Immanenz, von der Höllenqual zu den Gewissensbissen und (nach Alois Hahn) vom Subjekt zum Prädikat-Objekt.

Obwohl dieser Umzug ins Diesseits sich durch die Entledigung der Ewigkeit Überwindbares schaffe, bleibe sie doch vor allem als Beschreibung für das Nicht-Greifbare bestehen. Einen letzten Bedeutungswandel erfahre die Hölle im Zuge der Moderne durch „extreme Formen der Aufklärung“, wie sie beim Marquis de Sade oder Aleister Crowley zu finden seien. Dort wird die Hölle zum Ort radikaler Freiheit, Individualismus und (lustvoller) Selbstermächtigung – frei von den Fesseln der Moral. Mit den Worten von Ebertz und Gebhardt: Die Hölle ist nicht mehr, was sie einmal war und die Soziologie hat nun die Kulturbedeutung dieses Umbruchs zu analysieren.

Wie bereits in Gebhardts Systematisierung zu erkennen war, kristallisierten sich über die eineinhalb Tage hinweg – trotz zum Teil sehr unterschiedlicher Themen und Referent/innen – zentrale Aspekte einer postmodernen Hölle heraus. Das wohl stärkste Motiv war die bereits mehrfach angeklungene Verlagerung in die Immanenz. Hier lässt sich dann auch mit dem mehrfach postulierten Sinnverlust als Höllenerfahrung anknüpfen, muss Sinn doch immer individuell hergestellt werden. Das Gedächtnis präsentiert sich hier als dem Individuum immanente Örtlichkeit der Hölle.

Ein weiteres Motiv, welches immer wiederkehrt, ist die menschengemachte, durch andere vermittelte Hölle. Besonders deutlich wurde dies im Beispiel des Holocausts als „Hölle auf Erden“. Daran lässt sich eine zentrale Funktion ableiten, die der Höllenbegriff in seiner Verwendung aufweist. Denn trotz der unausweichlichen Immanenz, verlagert der Begriff das (menschengemachte) Geschehen in den Raum des Un-Menschlichen. In seiner Außeralltäglichkeit wirkt es fast wie eine Beruhigung, dass hinter den Taten doch ein Teufel stecken muss. Es drängt sich also die Überlegung auf, ob das Aufrechterhalten des Jenseitigen, des Höllenglaubens (wie auch immer geartet), der Bewältigung, vielleicht auch der Abgrenzung dient. Über den Verbleib von Schuld und Ewigkeit müsste jedoch zukünftig genauer geforscht werden.

Konferenzübersicht:

Panel I: Hölle der Zeit und der Zahl

Michael Heinlein (München): Das höllische Gedächtnis – Überlegungen zum Zusammenhang von Selektivität und Dauer

Peter Ullrich (Koblenz): Der Enzensbergersche Zahlenteufel – oder: Ent-Dämonisierung dank Höllenpersonal?

Panel II: Vorhöfe zur Hölle

Marc Breuer (Paderborn): Pflegeheime als prämortale „Hölle“? Eine Diskursanalyse

Jürgen Raab / Marija Stanisavljevic (beide Landau): Theresienstadt. Der Vorhof zur Hölle als Paradiesgarten im nationalsozialistischen Propagandafilm

Panel III: Die Hölle der Gesellschaft und die höllische Gesellschaft

Bernhard Mann (Koblenz): Die Hölle in der japanischen Gesellschaft. Sozialer Wandel von der mythischen Gesellschaft bis zur bürgerlichen Postmoderne

Nina Leonhard (Potsdam): Krieg als Hölle

Stefan Böschen (Aachen): Die Hölle der Gesellschaft

Panel IV: Die Hölle in der Literatur

Gerd Sebald (Erlangen): Innerweltliche Höllen im sozialen Gedächtnis der Literatur

Ursula Engelfried-Rave (Koblenz): Geschlossene Gesellschaft – Jean Paul Sartres Höllenvision durch die soziologische Brille betrachtet

Keynote
Michael N. Ebertz (Freiburg im Breisgau): Die wahre Hölle – Auch nicht mehr das, was sie war? Soziologische Anmerkungen zum Leben nach dem Tode

Panel V: Die Hölle und die Ästhetisierung der Hölle

Sarah Chaker (Wien): Im Höllen-Labyrinth des Metal: Höllen-Inszenierungen in Metal-Subgenres und ihre spezifischen Bedeutungen und Funktionen im Kontext des Metal

Marcus Termeer (Freiburg im Breisgau): Die Hölle der Mode. Überlegungen zum Immer-Wieder-Neuen im Anschluss an Walter Benjamin

Jan Weckwerth (Göttingen): Die durch die Hölle gehen. Filmische Bilder und Verhandlungen der Hölle als Leidenspassagen

Zitation
Tagungsbericht: Die (Außer-)Alltäglichkeit ewiger Verdammnis – Überlegungen zu einer Soziologie der Hölle, 21.02.2019 – 22.02.2019 Koblenz, in: H-Soz-Kult, 04.05.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8252>.