Ort
Bern
Veranstalter
Institute of History, University of Bern
Datum
08.02.2019 - 09.02.2019
Von
Andrin Uetz, Universität Bern

Unter dem Motto “Tracing the Agency of Sound” brachten JANINA WURBS (Bern) und NIKITA HOCK (Bern) eine eindrückliche Vielfalt von Referierenden aus den akademischen Sparten der Geschichtswissenschaften, Sound Studies, Musikethnologie, Anthropologie, Psychologie und Linguistik zusammen. Die beiden Doktoranden/innen des SNF-Forschungsprojekts “Sounds of anti-Jewish Persecution – Researching the Sonic in the Shoa” unter der Leitung von Christian Gerlach unter Mitarbeit von Christoph Dieckmann hatten für den zweitägigen Workshop vierzehn Beiträge vorgesehen. Das Ziel dabei war, Sound (also Klang und Schall) nicht mehr lediglich als Hintergrundgeräusch der Geschichte zu verstehen, sondern als etwas die Geschichte-mit-Beeinflussendes ernst zu nehmen. Ganz in medias res sollen hier die wichtigsten Diskussionspunkte zusammengefasst werden, ohne dabei auf jeden einzelnen Vortrag im Detail einzugehen.

Ein erster, fundamentaler Streitpunkt war, wie bereits in der einführenden Keynote von VICTOR A. STOICHITA (Paris) angesprochen, die Frage, ob und wie Sounds überhaupt über agency verfügen könnten. Was wiederum, wie sich herausstellte, von der Definition des agency-Begriffs abhängig ist. Daher gab es anhaltende Diskussionen darüber, wie dieser zu definieren sei. Ist agency an Intentionalität gebunden? Können nur sprachfähige Wesen agency besitzen oder auch Tiere oder gar Objekte? Die Mehrzahl der Teilnehmenden schien sich im Verlauf des Workshops darauf zu einigen, der von Stoichita vorgeschlagenen Differenzierung zu folgen: Nämlich einerseits agency nicht als Intentionalität zu verstehen, d. h. grundsätzlich auch Tieren oder gar Objekten zuzusprechen. Dabei aber zwischen primärer und sekundärer agency zu unterscheiden, wobei die sekundäre problemlos Objekten wie beispielsweise einer Puppe zugeschrieben werden kann, welche als Mittel für die primäre – die des mit der Puppe spielenden Kindes – zuhanden ist.

Wie diese Definition von agency wiederum auf Sound (sowohl physikalischer Schall wie gehörter Klang) anzuwenden sei, darüber schien bis zum Ende des Workshops keine Einigung gefunden zu werden. Der Vorschlag von Stoichita dazu war, eine Parallele zu den von ihm im Artikel “Postures of Listening”[1] vorgeschlagenen Unterscheidung zwischen indexical listening und enchanted listening zu machen. Das indexikalische Hören identifiziert die Schallquellen, wobei sowohl Schall wie Klang sekundäre agency besitzen, da sie auf eine Ursache verweisen. Verzaubertes Hören (eine etwas dürftige Übersetzung für enchanted) hingegen kann akusmatisch (Schaeffer), reduziert (Chion) sein, d. h. kommt ohne Identifikation der Schallquelle aus. Hingegen verweist dieses Hören auf die inneren Zusammenhänge eines Klangereignisses, etwa einer Folge von Tönen in der Musik. In einem solchen Hören könnte den Klängen eine primäre agency eignen, da sie für sich selbst stehen und auf keinen anderen Zweck verweisen würden.

Ob und wie eine solche innere Logik von Klangereignissen primäre agency sein könnte, konnte innerhalb des Workshops nicht entschieden werden. Dagegen spräche etwa der historische und kulturelle Kontext von Musik; dessen Funktionen in einem gesellschaftlichen Gefüge. Dafür spräche wiederum die Idee einer Musik als universeller Sprache, welche quasi Naturgesetzen folgte und in sich selbst Ursache und Zweck ist.

Abgesehen von dieser anhaltenden Diskussion – der Titel “Tracing the Agency of Sound” wurde von den Organisatoren/innen ganz bewusst aufgrund dessen kontroversen Potentials gewählt – lieferten einige der vorgestellten Forschungsprojekte geeignetes Material, um die Möglichkeiten einer agency des Klangs respektive Schalls auf die Probe zu stellen.

Eine diesbezüglich eher zurückhaltende Position vertrat JAN-FRIEDRICH MISSFELDER (Basel), der in seinem Beitrag den Begriff der agency als eine Form von Wahlfreiheit und Bewusstsein (Choice and Consciousness) definierte. Dabei lehnt er sich an den Gebrauch des Begriffs bei E.P. Thompson an, bei welchem dieser als Alternative zu einer Leninistischen und Stalinistischen Auslegung des Marxismus diente. In Bezug auf Klang könnte agency also, wenn überhaupt, dann nur eine sekundäre sein. Missfelder stützte diese Auslegung mit dem Argument, dass politische Dimensionen von Klängen sich nicht auf Subversion beschränkten, sondern ebenso Teil der Police (Rancière) – also dem Aufrechterhalten der bestehenden Ordnung – seien. Den Klängen würde agency sozusagen erst in einem weltlichen Bedeutungszusammenhang zugesprochen, ohne den der Klang ohne Funktion und Inhalt wäre.

Eine klangfokussierte Analyse von Shmuel Yosef Agnons (1887–1970) “Toytntants”, welche BER KOTLERMAN (Tel Aviv) vorstellte, bei welcher unter anderem die im Gedicht beschrieben Klänge als phonologische Collage abgespielt wurden, zeigte zweierlei Schwierigkeiten von Schall auf die idiosynkratische Hörerfahrung des Klangs zu schließen. Einerseits gibt es eine Diskrepanz zwischen den sonischen Metaphern und dem Klang, der in diesen Metaphern beschrieben wird. Etwa das Gelächter von Eidechsen, als jiddische Metapher für ein makabres, bösartiges Lachen, entspricht weder einer Klangaufnahme von Eidechsen noch einer Tonaufnahme eines schurkenhaften Lachens. Andererseits sind auch die von Agnon verwendeten sonischen Metaphern selbst kulturell und historisch geprägt und oft nur in diesem Zusammenhang zu verstehen. Eine ähnliche Frage stellte sich auch bei der Beschäftigung von JULIA SAMP (Aachen) mit den literarischen Beschreibungen von Lärm in den Korrespondenzen Willibald Pirckheimers (1470–1530). So fragt Samp in ihrer Arbeit, wieviel der Beschreibung literarische Konvention, oder gar humanistische Selbstinszenierung von besonderer Feinfühligkeit sei? Und aber auch, wie sich aus solchen Beschreibungen die damalige soundscape und deren Bedeutungszusammenhänge rekonstruieren ließen?

Eine interessante Diskussion entwickelte sich durch die Gegenüberstellung des Vortrags von ELŻBIETA GÓRSKA (Warschau) zu Daniel Barenboims Verwendung von Musik als Metapher in seinen BBC Reith Lectures und dem Vortrag von TANIA ZITTOUN (Neuchâtel) zur sozio-kulturellen Psychologie der klanglichen Imagination. Indem Barenboim Musik in metaphorischer Weise zur Illustration von Gedanken (oder Weisheiten) nimmt, spricht er der Musik agency zu. Es ist gerade durch die Imagination, dass der Musik diese Aktivität der agency zugesprochen wird. Analog dazu, wie wenn gesagt wird: “Das Auto wollte heute morgen nicht anspringen”, anstatt der sachlichen Feststellung: “Das Auto sprang heute morgen nicht an.” Interessant ist dabei, dass nach Zittoun aktives Hören Imagination mit einschließe, da dabei Schall mit bereits früher gehörtem Klang verglichen werde. Diese Konstellation von Erinnerung, Imagination, Metapher und agency des Klangs hätte wohl genug Gesprächsstoff für die zwei Tage des Workshops geliefert.

HOLGER SCHULZE (Kopenhagen) lieferte mit seiner Konzeption der Sonic Persona als sensorischer Körper in einem auditiven Dispositiv theoretische Grundlagen, welche sich gleich an mehreren Beiträgen testen ließen. Insbesondere die darin vorkommende Differenzierung einer Nanopolitik des Klangs – also eines Paradigmenwechsels in der Politik weg von den großen Büchern und Theorien hin zum sensorischen Regime; der unter anderem klanglichen Steuerung von Konsumverhalten, unserer Bewegung im öffentlichen Raum, und damit auch der Notwendigkeit für neue Formen des Widerstands – fand Anklang in der Diskussion.

IAN BIDDLE (Newcastle) und VANESSA HEARMAN (Darwin) befassten sich beide mit dem Hören im Ausnahmezustand (state of exception) in Referenz zu Giorgio Agamben. Sowohl in den Ghettos der Nazis wie auch in den Gefangenenlagern des Suharto Regimes in Indonesien komme dem Klang die oft traumatisierende agency zu, dass er Folter und Leid aus Nachbarzellen hörbar mache. Wenn überall Gefahr lauerte, werde das Hören für die Gefangenen zu einem Überlebensmechanismus. Während Biddle sich unter anderem mit Klangbeschreibungen aus dem Warschauer Ghetto in den Schriften des Emanuel Ringelblum beschäftigte, verwies Hearman auf die ambivalente Stellung der Musik innerhalb der Gefangenenlager. Einerseits war Musik zur Zeit des Regimes Mittel des Widerstands, etwa mit kommunistischen Protestliedern wie “Genjer Genjer”, und in neuerer Zeit Teil der Bewältigungsstrategien mit dem Trauma umzugehen, etwa durch generationenübergeifende Musicing-Projekte. Andererseits sei das Spielen von Musik während der Zeit der Lager auch Mittel um den Ausnahmezustand zu normalisieren gewesen, indem damit den Gefangenen ein Gefühl vermittelt worden sei, was sie erlebten wäre normal und somit deren Widerstand zu brechen.

Wie flexibel die (sekundäre) agency von Klang ist, zeigten die Untersuchungen von NICHOLAS BUJALSKI (Ithaca) zur Klopfsprache (Knocking Language) im Gefängnis der Peter und Paul Festung in St. Petersburg. Politische Feinde der Romanows entwickelten die Klopfsprache als Mittel zur Kommunikation, welche der Isolation der Einzelhaft entgegenwirken konnte. Die Sprache, welche aus einer Art Morsecode für Buchstaben des Kyrillischen Alphabets bestand, habe in gewisser Weise eine Organisation des Widerstands auf der Klangebene innerhalb der Zaristischen Soundscape erlaubt, in welcher beispielsweise morgendliche Kanonenschüsse von der Festung in St. Petersburg die Zeit angaben. Interessanterweise habe die gleiche Klopfsprache um 1927 in den ersten Russischen U-Booten Verwendung gefunden, für den Fall, das die Elektronik ausfiel.

Eine andere Form der klanglichen Subversion präsentierte SLAWOMIR WIECZOREK (Wroclaw) am Beispiel der fünf Trauerminuten für Joseph Stalin zu dessen Begräbnis am 9. März 1953. Mit Kanonenschüssen, dem Läuten von Kirchenglocken und der Ermahnung zur Ruhe sollte Polen dem Führer gedenken. Diese vermeintliche Gleichschaltung der Soundscape der gesamten Sowjetunion verweise auf die Grenzen eines totalitären Anspruchs, da es störende Klänge gegeben haben soll, etwa von Tieren, oder auch Maschinen, welche sich nicht kontrollieren ließen. Zudem öffneten sich diverse Möglichkeiten diese Schweigeminuten bewusst zu untergraben, etwa durch übertrieben lautes Husten, das Spielen von Musik, die Verweigerung des Läutens von Kirchenglocken oder das Summen der polnischen Nationalhymne.

Um nochmals auf die anfangs gestellte Frage nach der Agency von Klang zurückzukommen. Bezogen auf die an der Tagung vorgestellten Forschungsprojekte scheint sekundäre Agency, welche auch damit umschrieben werden könnte, dass etwas für etwas steht – also etwa die Sirene des Polizeiautos für das rasche Vorankommen der Polizei – in Bezug auf historische Soundscape Studien zumeist völlig ausreichend zu sein. Es ist historisch gerade von Bedeutung, welche Attribute einem Klang zugeschrieben wurden, und nicht unbedingt, was der Klang an sich durch sich selbst zu bewirken vermochte. Kirchenglocken etwa könnten allein durch die Lautstärke und Intensität des Klangs über eine Art primäre Agency verfügen, zumindest eine affektive Kraft, welche unabhängig von deren situativen Bedeutungszusammenhang ist. Dennoch ist es aus historischer Sicht viel entscheidender, wie der Klang der Glocken innerhalb einer Gemeinschaft wahrgenommen wird, d. h. welche Metaphern dem Klang zugeschrieben werden, welche Signale damit gegeben sind, i.e. der Ruf zur Messe, zum Abendgebet, oder auch politische Dimensionen, wie von Wieczorek in Bezug auf Stalins Trauerregime beschrieben.

Konferenzübersicht:

Keynote
Victor A. Stoichita (CNRS, Paris-Nanterre University): What Does It Mean and Imply When We Talk About Sound Having Agency?

“Agency of Sound” in Language and Thought
Chair: Victor de Souza Soares (University of Bern)

Elżbieta Górska (University of Warsaw): A Case Study of Intermodal Translation: From Music to Language and Back

Tania Zittoun (University of Neuchâtel): Sound for Thought: A Sociocultural Psychological Exploration of Sonic Imagination

“Agency of Sound” in and Through Texts
Chair: Jan-Friedrich Missfelder (University of Basel)

Ber Kotlerman (Bar-Ilan University): Sound Effects in Agnon’s Yiddish Story ‘Toytntants’

Julia Samp (RTWH Aachen University): Acoustic Interference as a Product of Social Construction. Based on the Example of the Correspondence of Willibald Pirckheimer (1470–1530)

From “Agency of Sound” to its History
Chair: Christoph Dieckmann (University of Bern)

Holger Schulze (University of Copenhagen): The Nanopolitics of Sound: Sonic Agency in Everyday Listening Situations

Jan-Friedrich Missfelder (University of Basel): Distribution of the Audible. Conceptualizing Acoustic Agency in (Pre)modern History

“Agency of Sound” in Social Regimes
Chair: Tom Rice (University of Exeter)

Nicholas Bujalski (Cornell University): Bells and Cannons: Towards a History of Political Sound in Tsarist Russia

Pooja Satyogi (Ambedkar University Delhi): Sounding Law, Listening Regimes and Policing: Arbitrating ‘Domestic Cruelty’ in Special Protection Units, Delhi Police

“Agency of Sound” at the Extremes
Chair: Christian Gerlach (University of Bern)

Ian Biddle (Newcastle University): The Modern Ear: New Regimes of Listening During the Second World War

Vannessa Hearman (Charles Darwin University): The Auditory Landscape of the 1965–66 Anti–Communist Repression in Indonesia and Sound–Based Projects to Reexamine the ‘1965’ Case

Changing Contexts, Changing Environments
Chair: Daniel Marc Segesser (University of Bern)

Sławomir Wieczorek (University of Wrocław): Agency in the Sonic Past: Stalin’s Death 1953

Jarosław Jaworek (Adam Mickiewicz University, Poznań): Sound Agency Between the Human and non-Human World

Discussion: How to Do Things with Agency
Chair: Luis Velasco-Pufleau (University of Fribourg)
Short Input (Tom Rice)

Anmerkung:
[1] Victor A. Stoichita / Bernd Brabec de Mori, Postures of listening, in: Terrain [En ligne], Lectures et débats (2017), http://journals.openedition.org/terrain/16418 (27.3.2019).

Zitation
Tagungsbericht: Tracing the Agency of Sound, 08.02.2019 – 09.02.2019 Bern, in: H-Soz-Kult, 07.05.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8256>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.05.2019
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