Le comte de Guibert (1743–1790). Nouveaux regards sur le penseur des "Lumières militaires"

Ort
Paris
Veranstalter
Isabelle Deflers, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau; Hervé Drévillon, Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne; mit Unterstützung von Rainer Babel, Deutsches Historisches Institut Paris
Datum
21.01.2019 - 22.01.2019
Von
Jan Becker, Historisches Institut, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Organisiert von ISABELLE DEFLERS (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau) und HERVÉ DRÉVILLON (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne) fand eine internationale Tagung unter Beteiligung von Forscher/innen aus Frankreich, Deutschland und den USA statt. Das biographische Sujet der Tagung war Jacques Antoine Hippolyte, Comte de Guibert[1], der sich heutzutage keiner ausgeprägten Rezeption mehr erfreuen kann und einer breiteren Öffentlichkeit höchstens durch seinen Eingang in die Briefe von Julie de Lespinasse bekannt sein dürfte. Diese lernte er kennen, als er in den Pariser Salons verkehrte und Kontakte zu den zeitgenössischen Vertretern der Aufklärung pflegte.
Guibert selbst machte zunächst Karriere in der französischen Armee und verfasste zahlreiche Schriften, bei denen es sich weniger um praktische Reformvorschläge, als vielmehr theoretisch-philosophische Überlegungen zur Verbesserung der französischen Armee und darüber hinaus zum neuen Verständnis vom Krieg, vom Bürger-Soldat sowie von souveränen Staaten handelte. Im Mittelpunkt der Tagung stand also Guibert als Militärphilosoph und insbesondere seine Rolle als Vermittler zwischen dem Militärmilieu und den aufklärerischen Kreisen seiner Zeit, wie Deflers in ihrer Einleitung erklärte.

Drévillon stellte die theoretisch-philosophische Natur der Publikationen Guiberts heraus, indem er sich dessen diskursiven Praktiken zuwandte, insbesondere seinem Disput mit François-Jean de Mesnil-Durand. Guibert habe, laut Drévillon, seinen literarischen Stil der Aussage seines Werkes angepasst. Die gute Zugänglichkeit des Werkes spiegele Guiberts Intention wider, durch seine Schriften Reformen zur Vereinfachung des Militärwesens anzuregen. Mesnil-Durand warf er vor, seine Schriften seien unverständlich. Dieser erwiderte seinerseits, Guibert sei zu realitätsfern und idealistisch; eine Aussage, die auch in der zeitgenössischen Forschung immer noch vertreten ist. Deshalb plädierte Drévillon dafür, dass zukünftig Guiberts Schriften besser kontextualisiert werden sollten und insbesondere die sprachliche Gestaltung mehr ins Blickfeld rücken müsse.

In der ersten Sektion bezogen sich die Vorträge von FRANÇOISE KNOPPER (Université de Toulouse) und Isabelle Deflers, passend zum Veranstaltungsort, auf ein deutsch-französisches Phänomen: Guibert als Reisender durch das Alte Reich und sein Verhältnis zu Preußen. Im Jahr 1773 unternahm Guibert eine fünfmonatige Reise durch Preußen, Sachsen und die Habsburger Territorien und führte währenddessen ein Tagebuch. Knopper konnte die semiprivate Natur des 1803 postum veröffentlichten Journal d’un voyage en Allemagne herausstellen, welches als Arbeits- und Notizbuch für spätere Schriften verwendet wurde. Diese ließen auch erkennen, dass Guibert auf seinen Reisen durchaus stets französische Interessen verfolgte. Guibert besuchte Berlin, Dresden, Wien, Prag, Zagreb und München. An diesen Orten betrieb er „militärischen Tourismus“ zum Zweck seiner wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Recherche, führte zahlreiche Gespräche mit Offizieren und lotete zudem den fragilen Frieden aus. Politisch äußerte sich Guibert deutlich gegen jede absolutistische Regierungsform und gegen den Annexionismus. Er zeigte sich empathisch mit den Ungarn und erkannte in Kaiser Joseph II. einen Despoten. Als Fazit zog Knopper, dass Guibert sich zum Zeitpunkt seiner Reise für ein vom Prinzip der Gewaltenteilung inspiriertes Regierungssystem ausgesprochen habe – ganz im Sinne Montesquieus.[2]

Isabelle Deflers widmete sich in ihrem Vortrag Guiberts Erkenntnissen zum preußischen Militär und versuchte dabei, die darin möglicherweise erkennbare philosophische Strömung seiner Zeit sowie die Einflüsse seiner aufgeklärten Überzeugungen herauszustellen. Ihr Quellenkorpus bestand dabei – neben dem von Knopper eingeführten Tagebuch – aus den Observations sur la constitution militaire et politique des armées de S. M. prussienne, avec quelques anecdotes de la vie privée de ce monarque (1777) sowie dem Essai général de tactique (1772) und dem Discours sur l’état actuel de la politique et de la science militaire en Europe (1773). Guibert hatte als Jugendlicher im Siebenjährigen Krieg die Überlegenheit des preußischen Militärs erlebt und seitdem den preußischen König in seiner Funktion als Kriegsherr glorifiziert. Damals sei laut Deflers Friedrichs Genie als hauptsächlicher Grund für den Erfolg des preußischen Militärs angesehen worden, welches in der zeitgenössischen Vorstellung nach dem Tod des Königs wieder degenerieren würde. Das Ziel des damaligen Militärtourismus war daher notwendigerweise Preußen. Deflers stimmte mit Knoppers Einschätzung überein, Guibert habe seine Recherche ausschließlich zugunsten des französischen Militärs geführt. Eine einfache Nachahmung Preußens war aber, laut Guibert, nicht zielführend, da nationale Unterschiede nach differenzierteren Vorgehensweisen verlangten. Der zu diesem Zeitpunkt seit 25 Jahren andauernde Versuch europäischer Mächte, das preußische Militär zu imitieren, war für ihn nicht performant. Dieses patriotische Narrativ mit Betonung des „französischen Geistes“ fand sich auch bei weiteren Militärphilosophen wieder, die sich unter anderem beim damaligen Kriegsminister Saint-Germain um Reformen bemühten. Abschließend sei es nicht Guiberts Ziel gewesen, die Organisation der preußischen Armee zu kopieren, sondern deren Erfolge als Argument für die Notwendigkeit der von ihm vorgeschlagenen Reformen des französischen Militärs heranzuziehen.

JULIA OSMAN (Mississippi State University, Starkville) erarbeitete in ihrem Beitrag das sich wandelnde Soldatenbild bei Guibert anhand des Essai général de tactique (1772) und der Défense du système de guerre moderne (1779). Der Wandel seines Soldatenbilds ging parallel mit einem Wandel seines Weltbilds einher. Um diese Kongruenz darzustellen, zeichnete Osman das Leben Guiberts als Oper in drei Akten: Stolz und selbstbewusst habe er jugendlich seine Ideale entworfen, habe mit der Zeit die Grenzen dieser Idealisierung erkannt und sei schließlich resigniert und hoffnungslos in mittlerem Alter verstorben. In Bezug auf sein Soldatenbild spiegelt sich dieser Wandel folgendermaßen wider: Im Essai erkennen wir zunächst ein durchweg negatives Soldatenbild, weshalb Guibert eine Strategie zur Verbesserung dieser Situation in Form einer philosophischen Theorie entwickelte. Bedingt durch eine unzureichende Ausbildung genoss der Soldat kein Vertrauen aus der Bevölkerung, aus deren Unterschicht er stammte. Als Lösungsvorschläge griff Guibert auf zwei Modelle zurück, die bereits von Condorcet und Montesquieu diskutiert wurden: die des soldat-citoyen und des citoyen-soldat.[3] Gerade diese Diskrepanz wurde im folgenden Vortrag von THOMAS HIPPLER (Université de Caen) erläutert: Falls jeder Soldat zugleich auch citoyen wäre, so würden sich Ansehen und Leistungen ebenjenes steigern; wäre jedoch jeder citoyen zugleich Soldat, so wäre automatisch jeder Bürger eines fremden Landes ein potenzieller Feind, was die Gefahr eines etwaigen Generalkriegs erheblich steigern würde. Somit stand der soldat-citoyen für eine Aufwertung des Soldatentums, der citoyen-soldat wiederum für eine Ausweitung des Krieges auf bis dahin unerreichte gesellschaftliche Sphären. Während Guibert 1772 noch für das Modell des citoyen-soldat plädierte, welcher aus Ehrgefühl und Patriotismus Krieg führen und zur Absolutisierung des Krieges beitragen sollte, revidierte er diesen Wunsch nach einer Armee von citoyens-soldats 1779 vollständig. Vielmehr sollte der Krieg strikt vom Rest der Gesellschaft getrennt werden. In der Défense wird insbesondere die Leistung des Soldaten für die Gesellschaft betont. So war das Soldatentum seiner Ansicht nach anderen erwerblichen Tätigkeiten ebenbürtig, durch die Aufopferung der Soldaten für das Wohle der Allgemeinheit sogar eminenter. Die Aufopferung sollte das Ansehen der Soldaten erhöhen. Guiberts Soldatenbild sei dabei stets idealisiert und unrealistisch geblieben, er erscheine mehr als Theoretiker denn als Realist.

Hippler beschäftigte sich ebenfalls mit dem Essai général de tactique und konnte, in Ergänzung zu Osmans Ausführungen, Guiberts Sinneswandel am Beispiel eines weiteren seiner späten Werke aufweisen: De la force publique (1790). Nach der Bildung der Garde Nationale im Zuge des Versuchs der Revolutionäre, die Dichotomie zwischen Nation und Armee zu überwinden, erkannte Guibert 1790 die Armee neben dem Thron als größte Gefahr für die Freiheit des französischen Volkes. Dementsprechend bedurfte es ihm zufolge einer weiteren Institution als Gegengewicht zum Militär. Allerdings bestand die Gefahr, dass sich unter falschen Voraussetzungen auch das Gegengewicht in einen Unterdrückungsapparat verwandeln könnte. In Folge dieser Erkenntnis wandte sich Guibert vollständig vom Vorschlag einer armée-citoyenne ab. Er plädierte stattdessen für die Einrichtung einer abgetrennten, professionellen Armee, die aus militärischen Effizienzgründen mit eigenen Regeln regiert werden sollte.

ANNIE CRÉPIN (Université d’Artois, Arras) diskutierte anschließend die frühe Rezeption Guiberts sowie die praktische Anwendung seiner Theorien, besonders durch Napoleon I., den „genialen Schüler“. Crépin verwies auf die Vorwürfe, Guibert sei als Vordenker des „totalen Krieges“ anzusehen. Diese Ansicht müsse unbedingt revidiert werden, denn sie sei aus einer falschen Interpretation des Konzeptes der „Totalisierung des Krieges“ entstanden. Auch müsse hier die Evolution in Guiberts Denken berücksichtigt werden, die ihn dahin führte, 1790 die Gefahren des rationalen Krieges zu erkennen. Dennoch übten Guiberts Schriften und Ideen über seine Lebensspanne hinaus einen reellen Einfluss auf die europäische Kriegsführung aus. Napoleon bediente sich seiner Theorie der Ressourcenschonung, nach der Entscheidungsschlachten und eine Kurzlebigkeit des Krieges – beschränkt auf das Schlachtfeld und idealerweise ohne allzu großen Schaden für die Zivilbevölkerung – erstrebenswert waren. Hier wurden die Vielschichtigkeit und der zeitliche Wandel in Guiberts Philosophie erneut deutlich. In der Diskussion wurde die Beziehung zwischen Aufklärung und Militärwissenschaft sichtbar gemacht, die sich dadurch konstituierte, dass sich philosophes und Militärexperten für dieselben Themen interessierten. Zwar waren die meisten Philosophen Pazifisten, doch zwischenzeitlich habe auch Guibert den Krieg durch dessen Totalisierung im Endeffekt unausführbar machen wollen.

THIERRY WIDEMANN (Institut Français d’Analyse Stratégique, Paris) schloss die Tagung mit einem Vortrag über die Grenzen des geistigen Vermächtnisses Guiberts. Über Guiberts Rezeption durch Napoleon hinaus zeichnete er Kontinuitätslinien bis zur Blitzkriegsstrategie des 20. Jahrhunderts nach. Hätte Guibert die Veränderungen der Kriegsführung in den nächsten beiden Jahrhunderten erlebt, so hätte er sie laut Widemann bedauert. Aus militärischer Sicht war Guibert durch die Umstände seiner Zeit in seinem Denken eingeschränkt. Seine größte Leistung auf diesem Gebiet war die Theoretisierung des Teilungssystems, welches Napoleon dann perfektionierte. Abschließend plädierte er für eine ideengeschichtliche Erforschung Guiberts und schloss mit dessen größter Leistung: Guibert machte die Frage eines „idealen Krieges“ debattierbar und prägte sie über seine Zeit hinaus.

Guiberts Rolle als Militärphilosoph konnte im Rahmen der Tagung deutlich umrissen werden, dennoch blieben notwendigerweise weitere Facetten seiner Persönlichkeit unbeleuchtet. Die Widersprüche innerhalb seines Werkes, bedingt durch die Entwicklung seiner Weltanschauung, zeichneten das Bild eines tragischen Patrioten im Vorfeld der Französischen Revolution. Besonders deutlich am Beispiel der Lebenswelt und Reflexionen Guiberts wurden die zahlreichen Verquickungen und vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen den aufklärerischen Kreisen und den Militärmilieus ans Licht gebracht, die die Bezeichnung „Lumières militaires / Military Enlightenment“ sowohl thematisch als auch personell umfassen will. Deshalb wurde abschließend geplant, die Diskussion im Rahmen einer zukünftigen Tagung im Jahr 2021 fortzusetzen, diesmal aber mit einer europäischen Perspektive.

Konferenzübersicht:

Isabelle Deflers (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau) / Hervé Drévillon (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne): Introduction

Sektion 1: Un militaire aux temps des Lumières
Moderation: Thierry Widemann (Institut Français d’Analyse Stratégique, Paris)

Julia Osman (Mississippi State University, Starkville): Entre L’Essai général de tactique (1772) et la Défense du système de guerre moderne (1779): Deux visions du soldat par le comte de Guibert

Thomas Hippler (Université de Caen): L’idéal d’un soldat patriote, vu par le comte de Guibert

Françoise Knopper (Université de Toulouse): Les enjeux discursifs du Journal d’un voyage en Allemagne fait en 1773 du comte de Guibert

Isabelle Deflers (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau): Observations du comte de Guibert sur le militaire prussien

Sektion 2: Ses liens avec les Lumières
Moderation: Antoine Lilti (École des hautes études en sciences sociales, Paris)

Christy Pichichero (Georg Mason University, Fairfax): Guibert et la figure du militaire-philosophe (entfallen)

Hervé Drévillon (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne): Tactique et stratégie de la controverse dans l’œuvre de Guibert

Sektion 3: La portée de sa pensée militaire éclairée
Moderation: Louise Zbiranski (Deutsches Historisches Institut Paris)

Annie Crépin (Université d’Artois, Arras): Guibert, précurseur visionnaire, penseur paradoxal, organisateur pragmatique

Michel Kerautret (Assemblée nationale, Paris): Le rôle de Guibert dans la formation de Napoléon Ier (entfallen)

Thierry Widemann (Institut Français d’Analyse Stratégique, Paris): L’héritage du comte de Guibert et ses limites

Isabelle Deflers (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau) / Hervé Drévillon (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne): Conclusion / fin de la journée d’étude

Anmerkungen:
[1] Bezüglich einer Biografie sei verwiesen auf Éthel Groffier, Le stratège des Lumières. Le comte de Guibert (1743-1790), Paris 2005.
[2] Montesquieu, L’esprit des loix, in: Œuvres de Monsieur de Montesquieu, nouvelle édition revue, corigée, & considérablement augmentée par l’auteur, Amsterdam / Leipzig 1758.
[3] Marie Jean Antoine Nicolas de Caritat Marquis de Condorcet, Essai sur la constitution et les fonctions des assemblées provinciales (1788), in: Œuvres. Nouvelle impression en facsimilé de l’édition Paris 1847-1849, Stuttgart / Bad Cannstadt 1968.

Zitation
Tagungsbericht: Le comte de Guibert (1743–1790). Nouveaux regards sur le penseur des "Lumières militaires", 21.01.2019 – 22.01.2019 Paris, in: H-Soz-Kult, 09.05.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8259>.