Italien als Vorbild? Ökonomische und kulturelle Verflechtungen europäischer Metropolen am Vorabend der "ersten Globalisierung" (1300-1600)

Ort
Regensburg
Veranstalter
„Forum Mittelalter“, Universität Regensburg; DFG-Graduiertenkolleg 2337 „Metropolität in der Vormoderne“, Regensburg
Datum
15.11.2019 - 17.11.2019
Von
Susanne Ehrich, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Die geschichtliche Zäsur um 1500 markiert für die historischen Wissenschaften und die Globalisierungsgeschichte einen qualitativen Sprung in der Verdichtung globaler Konnektivität; in einflussreichen Periodisierungsmodellen eröffnet diese Schwelle die sogenannte „erste Globalisierung“. Neuere Studien führen wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungsschübe allerdings meist auf eine Summe von Ereignissen mit weiter zurückreichenden Wurzeln zurück. In der Jahrestagung des Regensburger Mittelalterzentrums „Forum Mittelalter“ wurde die etablierte Epochenschwelle deshalb bewusst als längerer Prozess definiert, um innovativen Impulsen für die frühneuzeitliche Globalisierung in einer größeren Reichweite nachzugehen. Dabei wurde insbesondere nach der Rolle großer italienischer Seestädte und Handelsunternehmen für die sich allmählich entwickelnde Weltwirtschaft gefragt, aber auch nach den italienischen Einflüssen auf die Verdichtung administrativer Strukturen und kultureller Prozesse seit dem Spätmittelalter. Die Jahrestagung wurde in Verbindung mit dem Regensburger DFG-Graduiertenkolleg 2337 „Metropolität in der Vormoderne“ veranstaltet, dessen Forschungsprofil dezidiert auf die Erhebung neuer Herrschaftstechniken, Wirtschaftsformen und kultureller Codes in vormodernen Städten abzielt.

Im Vorfeld der Jahrestagung fand ein Workshop für die Doktorandinnen und Doktoranden des Graduiertenkollegs statt, in dem die Beteiligten mit dem Wirtschaftshistoriker Dennis O. Flynn (San Francisco, CA) über neueste Trends der frühneuzeitlichen Globalisierungsgeschichte diskutierten. Anschließend wurde die Tagung durch den Sprecher des Graduiertenkollegs JÖRG OBERSTE (Regensburg) eröffnet. Dieser wies auf die Unvergleichbarkeit der Voraussetzungen, Quantitäten und Proportionen vormoderner und moderner Wirtschaftssysteme hin und hinterfragte deterministisch fortschreitende Globalisierungsnarrative. Gleichzeitig machte er – angesichts des Vordringens der Spanier und Portugiesen im 16. Jahrhundert – auf das Fragezeichen hinter der Rolle Italiens für die europäische Begründung globaler Wirtschaftsstrukturen und neuer Kulturtechniken aufmerksam und rückte damit die zentrale Forschungsfrage der kommenden Tage in den Mittelpunkt. Der Eröffnungsvortrag von HARRIET RUDOLPH (Regensburg) knüpfte hier an, indem er das Bild von Venedig als geradezu mythisches Vorbild für die Entwicklung der europäischen Diplomatie einer Prüfung unterzog. Tatsächlich, so Rudolph, sei der Grad der Institutionalisierung und Verschriftlichung venezianischer Diplomatie seit dem 16. Jahrhundert durchaus einmalig innerhalb Europas. Nach außen hin habe sich Venedig aber vor allem als christliche Republik mit militärischer Potenz inszeniert, da der Primat der Diplomatie als militärische Schwäche gewertet worden sei. Für die neuzeitliche Entwicklung auf politischer Ebene sei zudem die venezianische Verzahnung von ökonomischem und außenpolitischen Handeln als zukunftsweisend zu bezeichnen. Zum Auftakt des ersten Konferenztages referierte MARTIN RASPE (Rom) über die Bedeutung Roms für die Entstehung von klostereigenen Pfleg- und Wirtschaftshöfen innerhalb mittelalterlicher Städte. Als Prototyp des abendländischen Klosterhofs schlug er die römische Niederlassung des in der Sabina gelegenen Benediktinerklosters Farfa vor, das seit dem späten 10. Jahrhundert die römischen Thermen des Alexander Severus als Sammelstelle und die nahe gelegene Piazza Navona als Markt für seine Einkünfte und Erzeugnisse genutzt habe. Die Verbindung von Lagerhalle und Markt im klösterlichen Stadtsitz von Farfa könnte, so Raspe, über die ottonischen Kaiser und fränkische Adelsfamilien nach Deutschland gelangt sein, wo ab dem 11. Jahrhundert überall sogenannte Pfleghöfe in den Stadtbildern auftauchten. In der anschließenden Diskussion wurde vor allem auf den möglichen cluniazensischen Einfluss für den Erwerb von städtischen Niederlassungen von Klöstern hingewiesen. Der Vortrag von CHRISTOPH DARTMANN (Hamburg) führte nach Genua als mediterraner Metropole und norditalienischer Regionalmacht im Spätmittelalter. Im Zentrum stand die Frage, ob die italienische Hafenstadt – ähnlich wie ihre große Konkurrentin Venedig – eine Vorbildfunktion auf andere europäische Städte auszuüben vermochte. Zwar habe sich Genua vom 12. bis zum 15. Jahrhundert zu einem regionalen Machtzentrum und Knotenpunkt weltweiter Handelsverbindungen entwickelt, jenseits dieser Funktion aber keine herausragende Bedeutung gewonnen. Einflussreich seien nicht die innenpolitisch stark zerstrittene Stadt selbst, sondern einige wenige private Bankiers und überseeische Unternehmer, wie etwa Christoph Kolumbus, gewesen. Dartmann bilanzierte, dass für das Selbstverständnis und die Außenwahrnehmung Genuas im Mittelalter kein metropolitanes Bewusstsein nachgewiesen werden könne. FRANCESCO GUIDI BRUSCOLI (Florenz) untersuchte die Ausprägungen von florentinischen Kaufmannsnetzwerken in europäischen Großstädten wie Brügge, Lissabon oder Antwerpen und ging auf Globalisierungstendenzen bei spätmittelalterlichen Entdeckungs- und Handelsreisen ein. Im Ausland war unter Florentinern und Landsleuten eher friedliche Koexistenz als Wettbewerb vorherrschend, die soziale und kulturelle Integration von Florentinerinnen und Florentinern sei jedoch je nach Region verschieden ausgeprägt gewesen. Bei der Untersuchung zwischenstädtischer Netzwerke plädierte Guidi Bruscoli für eine De-Nationalisierung von Feldstudien: Im Überseehandel hätten sich florentinische Bankiers schon früh mit Flamen, Engländern und Franzosen zusammengeschlossen und in gewinnversprechende Unternehmungen in alte (Afrika und Asien) sowie neue (Amerika) Kontinente investiert. ULF CHRISTIAN EWERT (Halle an der Saale) lenkte anschließend den Blick auf ein völlig anders funktionierendes Handelssystem: das Kaufmannsnetzwerk der niederdeutschen Hanse. Während der Mittelmeerhandel italienischer Kaufleute stark formal-rechtlich geprägt war, setzten die Mitglieder der Hanse etwa im Fernhandel mit Nowgorod auf Familien- und Freundschaftsnetzwerke ohne Gewinnbeteiligung und formale Verträge. Privilegien für Mitglieder und effektive Strafmechanismen für Außenstehende ließen zwischen 1150 und 1400 einen gleichförmigen, ökonomische Einbußen im Innern abfedernden Wirtschaftsraum im Bereich der Nord- und Ostsee entstehen, der nahezu keine Berührungspunkte mit den im Mittelmeerraum tätigen Berufskollegen zeigt. Der wirtschaftliche Niedergang der Stadt Brügge im 15. und 16. Jahrhundert stand im Fokus des Vortrags von BART LAMBERT (Brüssel). Lambert erläuterte, dass die Ablösung durch Antwerpen als neuem flandrischen Handelszentrum in einem längeren Prozess vonstatten ging. Vor allem seine Rolle als Finanzplatz behielt Brügge noch bis weit ins 16. Jahrhundert hin bei. Insgesamt müsste man im Falle von Brügge und Antwerpen eher von einer allmählichen Verschiebung einzelner ökonomischer Funktionen als von einer plötzlichen Ablösung eines Wirtschaftsstandorts durch einen anderen sprechen. Den Abschluss des ersten Tages bildete der Vortrag von DENNIS O. FLYNN (San Francisco, CA) zum europäischen Silberhandel mit China in der Frühen Neuzeit: Aufgrund einer Hyperinflation von chinesischem Papiergeld ab 1430 und einer Erschöpfung der eigenen Silberminen wurde China bis weit in die Neuzeit hinein zum „silver sink“, das heißt zum weltgrößten Silberimporteur. Die Europäer reagierten mit einer rasanten Steigerung des Silberexports, begünstigt durch technische Neuerungen im Silberabbau und in der Silberverhüttung sowie den Import von Edelmetallen aus den vor allem spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika. Zwei gängige wirtschaftshistorische Annahmen hinterfragte Flynn dabei kritisch: Silber und Gold seien zum einen nicht als Einheit von Edelmetallen zu verstehen, da beide Metalle auf unterschiedlichen Wegen und Märkten kursierten. Außerdem sei es wenig zielführend, eine Handelsbilanz zwischen Europa und China zu untersuchen, da bei der Bezahlung mit Silber ein Warentausch vorgenommen wurde und somit kein Handelsdefizit entstand.

Standen bisher die wirtschaftliche Bedeutung und die ökonomischen Verflechtungen von Metropolen in und außerhalb Europas im Vordergrund, beschäftigte sich der zweite Tagungstag mit kulturellen, sozialen und literarischen Aspekten von Metropolität. NICOLAI KÖLMEL (Basel) betrachtete in seinem Vortrag den Wandel der Metropolitätsvorstellungen Venedigs zwischen 1480 und 1600. Dabei beschrieb er ausgehend von der Bildausstattung der Scuola Grande di San Marco einen Richtungswechsel im Selbstbild der krisengeschüttelten Lagunenstadt: Während Venedig sich bis ins ausgehende 15. Jahrhundert als in die Welt wirkende Mutterstadt inszeniert habe, sei im 16. Jahrhundert das Selbstverständnis eines globalen Marktplatzes entstanden, auf dem die Welt nur noch als Gast gegenwärtig gewesen sei. REMBERT EUFE (Tübingen) stellte Venedig anschließend als Kolonialmacht im östlichen Mittelmeer vor und ging der die Frage nach, inwiefern die Serenissima eigene administrative Strukturen auf die Siedlungskolonie Kreta übertrug. Der Sprachwissenschaftler nahm vor allem die Sprachverwendung von Lateinisch, venezianischer Skripta und der neu entstehenden italienischen Literatursprache in der Verwaltungsschriftlichkeit in den Blick. Öffentliche Proklamationen auf der Insel, in Venedig als bandi bezeichnet, wurden im 15. Jahrhundert häufig zweisprachig (Lateinisch/Romanisch und Griechisch) verlautbart und auf Lateinisch oder in volgare schriftlich registriert. Die quantitative Auswertung der Proklamationen zeige im 16. Jahrhundert einen Rückgang dieser norditalienisch-venezianischen Merkmale. Zum Abschluss der Tagung beschäftigte sich ALBERT GÖSCHL (Graz) mit der literarischen Konstruktion eines idealen Städtebilds im Italien des 15. und 16. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt standen dabei der Trattato di architettura des Antonio Filarete und Il mondo savio e pazzo von Anton Francesco Doni. Während Filarete mit Sforzinda ein ideales gesamtarchitektonisches System entwickle, entwerfe Doni einen radikalen Gesellschaftsentwurf, der die Missstände seiner Zeit offenlege und zugleich Lösungen anbiete. Beide Utopien verstünden sich aber als architektonische Gegenentwürfe soziohistorischer Gegebenheiten, mit dem Potential auf reale städteplanerische Aktivitäten einzuwirken.

Die 15. Jahrestagung rückte mit der Bedeutung italienischer Städte und Metropolen für den frühneuzeitlichen Globalisierungsprozess erneut einen zentralen Aspekt vormoderner Städtegeschichte ins interdisziplinäre Blickfeld. Während die Vorträge den spätmittelalterlichen Einfluss des italienischen Know-hows in Verwaltung, Handel und Geldgeschäften sowie im literarisch-kulturellen Bereich hervorhoben, wurde auch die Konkurrenz und allmähliche Ablösung durch andere europäische Akteure deutlich.

Konferenzübersicht:

Jörg Oberste (Regensburg): Einführung

Eröffnungsvortrag
Harriet Rudolph (Regensburg): Ein Vorbild für die Entwicklung der europäischen Diplomatie? Venedig als diplomatische Metropole

Musikalische Umrahmung
Vokalensemble „Cantus Aquilinus“ Regensburg

Martin Raspe (Rom): Rom als Vorbild: Die Thermen des Alexander Severus und die Entstehung des abendländischen Klosterhofs

Christoph Dartmann (Hamburg): Genua: Mediterrane Metropole und norditalienische Regionalmacht im Spätmittelalter

Francesco Guidi Bruscoli (Florenz): The Florentines and the European ‘Capitals’ at the Dawn of the ‘First Globalisation’

Ulf Christian Ewert (Halle an der Saale): The 'Small World' of Hanse Merchants – Medieval Long-Distance Trade beyond Italian Contractual Standards

Bart Lambert (Brüssel): After the Decline: International Trade in Bruges during the Sixteenth Century

Dennis O. Flynn (San Francisco, CA): Fifteenth-Century European Silver and Chinese End-Markets

Nicolai Kölmel (Basel): Von der Weltstadt zum globalen Marktplatz: Horizontverschiebungen in den gesellschaftlichen Vorstellungen Venedigs während des langen sechzehnten Jahrhunderts

Rembert Eufe (Tübingen): Im Banne der Metropole: Die Sprachen und die Verwaltung im venezianischen Kreta (1204-1669)

Albert Göschl (Graz): Literarische Konstruktionen urbaner Räumlichkeit im Italien der Frühen Neuzeit

Zitation
Tagungsbericht: Italien als Vorbild? Ökonomische und kulturelle Verflechtungen europäischer Metropolen am Vorabend der "ersten Globalisierung" (1300-1600), 15.11.2019 – 17.11.2019 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 13.05.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8274>.