Maritime Animals: Telling Stories of Animals at Sea

Ort
London
Veranstalter
Kent Animal Humanities Network
Datum
25.04.2019 - 27.04.2019
Von
Felix Schürmann, Forschungszentrum Gotha, Universität Erfurt

In der Geschichtsforschung über die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren erfahren maritime Räume eine wachsende Aufmerksamkeit. Obschon meeresökologische Gegenwartsprobleme wie Überfischung und Habitatverlust daran zweifellos einen Anteil tragen, geht es Historikerinnen und Historikern nur zum Teil um Meerestiere im biologischen Sinne. Auffallend häufig gilt das Interesse Landtieren, die es auf dem einen oder anderen Weg aufs Meer verschlagen hat. Auch auf der Londoner Konferenz, die in insgesamt 50 Beiträgen geschichts- und literaturwissenschaftliche Zugänge zusammenführte, erhielten Schiffskatzen und -hunde, Ratten und Zirkuselefanten oder etwa Seetransporte von Pferden und Rindern viel Raum. In ihrer Einführung gab KAORI NAGAI (Kent) für das ausrichtende Kent Animal Humanities Network das Ziel aus, eine möglichst breite Sammlung von „Stories“ über Tiere an und auf dem Meer und die mit ihnen verbundenen Praktiken und Strategien zusammenzutragen, um in einem Gesamtbild das Spektrum der Bedeutungen von Tieren in der maritimen Geschichte zu ermessen.

Wie ließe sich ein solches Gesamtbild strukturieren? Das Organisationsteam gab seinerseits keine Präferenz für ein übergreifendes Prinzip zu erkennen, sondern bündelte jede Sektion nach einer jeweils eigenen Logik. Mal orientierten sich Sektionen an biologischen Tiergattungen („Horses at Sea“), mal an kulturellen Tiertypen („Animal Companions“), mal an historischen Räumen („Polar Animal Expeditions“), mal an historischen Epochen („Medieval/Early Modern Animals“), mal an spezifischen Kontexten („The Cold War“), mal an Praktiken („Representing Maritime Animals“), mal an Medien („Maritime Animal Literature“).

Der augenfällige Mangel an Kohärenz resultierte zum Teil wohl aus dem vom Veranstalter unüberschaubar weit gefassten Gegenstandsbereich. Ein Gesprächsforum über potenziell jegliches historische oder literarische Tier, das irgendwann einmal mit dem Meer in Berührung gekommen ist, kennt kaum Grenzen. Zugleich schienen sich die fraglichen Tiere oft ihrerseits gegen eine strukturbildende Kategorisierung zu sperren.

So dienten Galapagos-Riesenschildkröten, die im 19. Jahrhundert häufig zur Beute von Seeleuten amerikanischer Walfänger wurden, meist als Fleischlieferanten. Manche Männer schätzten sie aber auch als Bordgenossen, verkauften sie als Handelswaren oder präsentierten sie nach ihrer Rückkehr der Nachbarschaft im heimischen Garten als Souvenirs. In Anbetracht dieser Pluralität der den Tieren zugedachten Funktionen erweisen sich kulturelle Typisierungen wie „Gefährtentier“, so LYNETTE RUSSEL und DAVID HAWORTH (Melbourne), als wenig konsistente Behelfskategorien. Weitere Präsentationen untermauerten diese Skepsis, darunter der unter anderem auf Film- und Tonquellen gestützte Vortrag von LEA EDGAR (Vancouver) über die in den 1930er Jahren auf Patrouillenschiffen der kanadischen Polizei mitgeführten Schlittenhunde. Zugtiere, Haustiere, Maskottchen – kein Begriff allein vermag die Komplexität der sozialen Rolle dieser Tiere zu fassen.

Eindrucksvoll offenbarte sich in der Breite der versammelten Expertise indes die Vielfalt der Quellen, die Einsichten in die Geschichte der Beziehungen zwischen Menschen und Tieren auf See ermöglichen. So stützte MARJOLEIN ZIJLSTRA-MONDT (Leiden) ihre Typologisierung des mythischen Seeeinhorns in der Frühen Neuzeit zuvorderst auf Karten, während ANA TRIAS-VERBEECK (Sóller) die Bedeutungen des Maritimen in der spanischen Populärkultur um 1700 anhand einer Naturaliensammlung diskutierte. Mündliche Überlieferungen, Fotografien, Verwaltungsvorschriften, Münzen, Gemälde, Embleme oder etwa Logbücher bildeten die Grundlagen weiterer Präsentationen. Den 1809 vom britischen Forschungsreisenden Matthew Flinders verfassten Erinnerungen an seine Schiffskatze Trim kommt als frühes Beispiel einer Tierbiographie eine besondere Bedeutung zu, die GILLIAN DOOLEY (Adelaide) eingehend würdigte.

Als Herausforderung erwies sich der oft anekdotische Charakter der Quellen. Beobachtungen von Interaktionen zwischen Menschen und Tieren auf See sind zwar in großer Zahl überliefert, häufig aber als Schilderungen kurioser Einzelbegebenheiten. Welche Reichweite können darauf gestützte Aussagen beanspruchen? Gerade sozial- und wirtschaftshistorisch ausgerichtete Vorträge versuchten sich in dieser Frage durch das Heranziehen möglichst zahlreicher Quellen abzusichern – wodurch manche Powerpoint-Präsentation zu einer regelrechten Flut von Tierbildern geriet. Auch WILLIAM CLARENCE-SMITH (London) setzte in seiner Keynote über die Geschichte des Schiffstransports von Pferden in globaler Perspektive auf eine Masse an Schlaglichtern, ohne aber damit zu einem übergreifenden Argument vorzudringen. Demgegenüber zogen manche kulturhistorischen und literaturwissenschaftlichen Beiträge aus Einzelfallanalysen etwas hemdsärmelig weitreichende Schlussfolgerungen. So nahm MING PANHA (Sheffield) die Gelbe Haarqualle in Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „The Adventure of the Lion‘s Mane“ (1926) zum Ausgangspunkt für recht grundsätzliche Überlegungen über die vom Kapitalismus ausgehende Gewalt gegen Menschen und Tiere.

Obgleich sich das Gros der Präsentationen auf die von Europa oder Nordamerika ausgehende Seefahrt bezog, blieben andere Weltregionen nicht gänzlich außen vor. So ging AARON JAFFER (London) den Unterschieden zwischen tierbezogenen Praktiken von südasiatischen und europäischen Seeleuten im 18. und 19. Jahrhundert nach, unter anderem im Hinblick auf das (Nicht-)Essen bestimmter Spezies oder den Gebrauch von aus Tieren gewonnenen Arzneien. JAKOBINA ARCH (Walla Walla) bezog in ihre Überlegungen zu den Interaktionen zwischen Menschen und Walen im frühneuzeitlichen Japan auch die Ebene der Geschlechterbeziehungen ein. In der zweiten, multidisziplinär angelegten Keynote spürte THOM VAN DOOREN (Sydney) der Ansiedlung, der Ausbreitung und dem Aussterben von Schnecken auf Hawaii nach – und führte damit zugleich in das junge Forschungsfeld der Extinction Studies ein.

Die hier nur ausschnitthaft umrissene Themenvielfalt der Präsentationen bildete sich auch in den sie begleitenden Gesprächen ab. Wiederkehrende Diskussionsfragen thematisierten die Deutung tierlicher Verhaltensäußerungen (wie auch ihres Ausbleibens) in historischen Quellen, die Grenzen der Erkenntnismöglichkeiten über tierliche Erfahrungen, die Erfassung von Agency und Macht in den Beziehungen zwischen Menschen und Tieren sowie die Reflexion über eigene Emotionen in der Beschäftigung mit gegen Tiere gerichteter Gewalt.

Auch weil die Veranstalterinnen und Veranstalter auf einen zusammenfassenden Kommentar oder etwa ein Abschlusspodium verzichteten, blieb am Ende der Gesamteindruck eines Sammelsuriums, dem prägnantere Schwerpunktsetzungen, eine engere Eingrenzung sowie die ein oder andere theoretische Perspektive gutgetan hätten. So spiegelte die Konferenz zwar die Vielfalt der zu Mensch-Tier-Beziehungen in der maritimen Geschichte betriebenen Forschungen in ihren diversen Facetten wider, ermöglichte es aber nur selten, Befunde zu differenzieren, Vergleiche vorzunehmen oder Begriffe zu präzisieren. Weitere, teils bereits angekündigte Foren[1] könnten dazu beitragen, das noch wenig klare Gesamtbild schärfer zu konturieren.

Konferenzübersicht:

Kaori Nagai (Kent): Introduction

Animal Companions
Cindy McCreery (Sydney): A Parrot in Every Port: Animals Ashore and Aboard the Flying Squadron, 1869–70

Gillian Dooley (Adelaide): ‘The sporting, affectionate, and useful companion of my voyages’: Matthew Flinders and Trim

Lynette Russell (Melbourne) and David Haworth (Melbourne): Whaling Ships and Galapagos Tortoises: From Food Sources, to Ship Mates, to Family Pets

Patricia Sullivan (Annapolis): Maritime Animals at Work

Postcolonial Animals
Margery Fee (Vancouver): Animals Control the Hunt: Polar Bears in Indigenous Stories

Felix Schürmann (Gotha/Erfurt): The Ship Transport and Conservation Introduction of Chimpanzees to Rubondo Island (1966): Politics for and through Animals in the Decolonization of East Africa

Aaron Jaffer (London): Mad Dogs, Englishmen and Lascars: Animals and Indian Ocean Seafaring

Mythic Animals
Roger S. Wotton (London): Ships and Mythical Animals

Cristina Brito (Lissabon): Humans, Marine Animals and In-betweens: Travelling from Early Modern Seas to Contemporary Oceans

Marjolein Zijlstra-Mondt (Leiden): Mapping the Sea-Unicorn: Sea-Unicorns in Word and Image in the Middle Ages and Early Modern Period

Animal Encounters
Stephen R. Berry (Boston): The Wonders of the Deep: Eighteenth Century Encounters with Oceanic Wildlife

John McAleer (Southampton): ‘As pretty a thing as I have ever seen’: Animal Encounters and Atlantic Voyages in the Age of Sail

Diana L. Ahmad (Rolla): Sharks, Whales, and Gobies: Travelers’ Observations of Sea Life on the Journey through the South Seas, 1880s–1910s

Keith Moser (Starkville): Rethinking Language Within the Larger Biosemiosic Web of Communication Through Maritime Encounters in Michel Serres’ Late Philosophy

Polar Animal Expeditions
Lea Edgar (Vancouver): Beloved Member of our Team: The Sled Dogs of the St. Roch

Robert McCracken Peck (Philadelphia): Animals Engaged in the Search for Sir John Franklin

Cam Sharp Jones (London): A Grog Drinking Penguin and a Pet Opossum: Animals on Joseph Dalton Hooker’s Expedition to Antarctica

The Cold War/Mastering the Sea
David J. McCaskey (Riverside): Holy Mackerel! Chub Mackerel, the Naga Expedition, and American Cold War Power in Southeast Asian Waters

Rachael Squire (London): From Porpoises to Plankton: The Role Animals in Shaping the US Navy’s Sub-marine Living Projects during the Cold War

Sari Mäenpää (Turku): ‘To kill an albatross is unlucky’: Finnish Sailors and Wildlife aboard the Last Windjammers in the early 20th Century

Zoos at Sea
Herman Reichenbach (Hamburg): Wild Cargo: A Century of Shipping Animals at Carl Hagenbeck, Hamburg, 1848–1955

Sue Diamond (Portsmouth): The Sailor Zoo and Animal Husbandry on Whale Island, Portsmouth 1895–1940

Andrea Ringer (Nashville): The Big Top at Sea: The Circus and Animal Trade Market on Oceanic Voyages

Stowaways
Derek Lee Nelson (Durham): Shipworms and Atlantic History

Anna Boswell (Auckland): Stowaway Memory

Ian Robertson (London): Rats for Dinner: Did Midshipmen Eat Rats?

Whales
Alexandra Paddock (Oxford): Swallowed by a Whale! – A Medieval Whale and a Victorian ‘Jonah’

Jakobina Arch (Walla Walla): Manly Whalers and Compassionate Whale Mothers: Interpreting Human-Whale Relationships in Early Modern Japan

Sophia Nicolov (Leeds): Whose Whale? Sperm Whale Strandings on Britain’s North Sea Coast

Seals, Conservation and Sanctuary
Victoria Dickenson (Montreal): More than Whitecoats – The Seal as Culture and Commodity

Helen Cowie (York): ‘The Seal and his Jacket’: Science, Politics and Conservation in the Fur Seal Fisheries of Alaska, 1850–1914

Timothy Cooper (Exeter), Finding Sanctuary: The Meaning of Maritime Animal Rescue

Representing Maritime Animals
Pandora Syperek and Sarah Wade (London): Curating the Sea

Lucy Mercer (London): Resurrected Memories of Mediterranean Marine Life in Andrea Alciato’s Emblematum Liber (1531)

Stephen Vrla (East Lansing), Linda Kalof (East Lansing) and Cameron Whitley (Camden): From Commodities to Agents: Exploring the Roles of Animals in Maritime History through National Geographic Imagery

Jessica Sarah Rinland: Those Surrounding the Cetacean

Cattleship
J. Keri Cronin (St. Catharines): Cruelty at Sea: The Visual Politics of the Live Export Industry in the Early 20th Century

Nancy Cushing (Newcastle): Sheep from Cowes: Using a Shipboard Journal to Reconstruct Human-Animal Relations

Medieval/Early Modern Animals
Ana Trias Verbeeck (Sóller): Circulating Marine Specimens from Barcelona to Abroad: The Salvador and the Maritime Popular Culture in Catalan and Balearic Coasts around 1700

Melanie V. Taylor (Surrey): Visual Evidence of the Medieval Trade in Exotic Birds and Animals

Horses at Sea
Barbora Hunčovská (Prag): Horse and Soldier on the Ship. Human-Animal Experiences of First World War Maritime Horse Transports

Jane Flynn (Derby): ‘A Weapon in the Hands of the Allies’: Transporting British Army Horses and Mules during The Great War

Philip A. Homan (Pocatello): ‘Far from Good Sailors’: American Horses and Mules for the Anglo-Boer War in South Africa, 1899–1902 – An Equine Middle Passage of the Transatlantic Horse Trade

Charlotte Carrington-Farmer (Bristol): Shipping Horses: New England and the Eighteenth-Century Atlantic World

Maritime Animal Literature
Silja Vuorikuru (Helsinki): Dogs on the Titanic: Aino Kallas’ Short Story ‘Luomakunnan huuto’ (1914)

Ming Panha (Sheffield), ‘A tangled skein’: Capitalist Violence and Nonhuman Resistance in The Lion’s Mane by Sir Arthur Conan Doyle

John Radcliffe: Rudyard Kipling and the Mysteries of the High Seas

Maritime Animal Poetics
Jimmy Packham (Birmingham) and Laurence Publicover (Bristol): Dredging up the Deep: The Decontextualized Sea-Creature in Nineteenth-Century Writing

Jolene Mathieson (Hamburg): From Sea Animal to Sea Monster (and Back Again?)

Dominic O’Key (Leeds): ‘A species always threatened by disaster’: W. G. Sebald’s The Rings of Saturn and the Natural History of the Herring.

Keynotes
Thom van Dooren (Sydney): Voyaging with Snails: Stories from Hawaii

William Clarence-Smith (London): From Sail to Steam: The Maritime Transport of Equids and other Animals

Posterpräsentation
Sandi Howie (Aberdeen): Aubrey’s Ark and Maturin’s Menagerie

Anmerkung:
[1] So der Workshop „Sea and Animals: History, Culture and Marine Conservation“ im Oktober 2019 in Lissabon, siehe http://www.cham.fcsh.unl.pt/ext/concha/concha_2workshop.html (letzter Zugriff: 30.04.2019).

Zitation
Tagungsbericht: Maritime Animals: Telling Stories of Animals at Sea, 25.04.2019 – 27.04.2019 London, in: H-Soz-Kult, 24.05.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8284>.