Ort
Wien
Veranstalter
Netzwerk Oral History; Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg; Friedrich-Ebert-Stiftung; Österreichische Mediathek
Datum
14.02.2019 - 15.02.2019
Von
Andrea Althaus, Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte, Universität Zürich; Janine Schemmer, Institut für Kulturanalyse, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Am 14. und 15. Februar 2019 fand das siebte Treffen des Netzwerks Oral History (NOH) statt. Eine Gruppe von Historiker/innen und Kulturwissenschaftler/innen hatte dieses Netzwerk 2014 aus der Beobachtung heraus gegründet, dass es im deutschsprachigen Raum bis dato keine vergleichbare Initiative gab, um sich mit Kolleg/innen kritisch und reflektiert über die Arbeit und den Umgang mit Tonaufnahmen und Interviews auszutauschen. [1] Seit der ersten Veranstaltung im Gründungsjahr, die die Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf ausrichtete, kommen die Teilnehmer/innen jährlich in verschiedenen deutschsprachigen Institutionen zusammen, die sich mit mündlichen und/oder audiovisuellen Quellen im geschichtswissenschaftlichen, pädagogischen, musealen oder archivalischen Kontext beschäftigen. Dass der Bedarf an Austausch zum Thema groß ist, zeigt die Entwicklung des als Diskussionsforum konzipierten Netzwerks, das seit seiner Gründung ständig anwuchs und zu dessen Treffen sich nun etwa 60 Teilnehmer/innen im Technischen Museum in Wien einfanden.

In ihrer Einführung führten LINDE APEL (Hamburg) und STEFAN MÜLLER (Bonn), die das Netzwerk mitinitiiert hatten und seit 2014 gemeinsam planen und organisieren, drei zentrale Aspekte aus, die die Netzwerkarbeit prägen: Die Teilnehmer/innen sind erstens in diversen Institutionen beschäftigt (u.a. Archive, Gedenkstätten, Museen, Universitäten) und nehmen damit unterschiedliche theoretische wie berufspraktische Perspektiven auf Oral History und die Interviewführung, -analyse und -aufbereitung ein. Zweitens fokussierten sich die Diskussionen zuletzt verstärkt auf alltagspraktische Fragen, die die Institutionen beschäftigen, wie Datenschutz, Erstellung von und Umgang mit Metadaten. Daneben wird allerdings stets auch der Vorstellung und Diskussion von Forschungsprojekten Raum gegeben. Drittens werden die Themen, die in den Folgetreffen verhandelt werden sollen, jeweils von den Teilnehmenden gemeinsam besprochen und festgelegt.

Im ersten Programmpunkt stellte JOHANNES KAPELLER (Wien), wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Mediathek, die Bestände, Aufgaben, Ziele und Herausforderungen der Einrichtung vor. Die Mediathek war Ende der 1990er-Jahre aus der Phonothek hervorgegangen und wurde damals ans Technische Museum angegliedert. Der Bestand umfasst heute etwa 550.000 analoge und digitale Tonträger und Videos unterschiedlicher Formate, von denen circa 128.000 online abrufbar sind. Der zentrale Aufgabenbereich des Archivs, das durch seine Aufnahmen das audiovisuelle Kulturerbe Österreichs für Interessierte zugänglich macht, liegt in der Herstellung, Sammlung, dauerhaften Bewahrung und Verfügbarmachung der Aufnahmen und Interviewbestände. Eine inhaltlich kuratierte Online-Ausstellung dient dabei, so Kapeller, als Fenster zum Archiv und präsentiert interessierten Nutzer/innen Einblicke in den thematisch äußerst breit gefächerten Bestand. Ausführlich erläuterte Kapeller die Digitalisierungsprozesse sowie die Archivierungsstrategien der Mediathek. Er verwies auf die technischen Herausforderungen wie die dauerhafte Bewahrung der Träger und Abspielgeräte, um eine Langzeitarchivierung der Inhalte sicher zu stellen, thematisierte aber auch forschungsethische Probleme, die sich bei der Erfassung und Kontextualisierung der Bestände einstellen.

Diesen Punkt griff auch TINA PLASIL-LASCHOBER (Wien) auf, die anschließend das in der Österreichischen Mediathek angesiedelte Oral-History-Projekt „MenschenLeben“ vorstellte. Das Projekt, das 2008 begonnen wurde und voraussichtlich bis Ende 2020 laufen wird, beschäftigt mehrere Mitarbeiter/innen in Wien, Salzburg und Graz. Die Idee und Konzeption der Sammlung lebensgeschichtlicher Erzählungen aus Österreich ist es, Menschen zu interviewen, deren Biographien einen Bezug zu Österreich aufweisen, wobei die Interviewten mehrheitlich zwischen 1920 und 1940 geboren wurden und äußerst heterogene kulturelle, religiöse und soziale Hintergründe haben. Für die Sammlung, die mittlerweile etwa 1600 Interviews umfasst, führen Projektangestellte wie externe Interviewer/innen thematisch offene Interviews, die keinem Fragenkatalog folgen.

In der Diskussion wurden unterschiedliche Konfliktfelder angesprochen, die zum einen mit der Bereitstellung der Quellen im Internet, zum anderen mit der Verantwortung von Archiven bei der Zugänglichmachung in Zusammenhang stehen. Ausführlich diskutiert wurde zunächst die Frage nach einem angemessenen Online-Gebrauch und damit die nach der Online-Verfügbarkeit von Daten und deren Zugänglichkeit. Während sich eine Gruppe der Diskutierenden für einen freien Online-Zugang aussprach, plädierte eine andere für einen restriktiveren Umgang und eine kontrollierte Online-Stellung von Beständen, für die wie in konventionellen Archiven eine Anmeldung durch die Nutzer/innen erforderlich ist. Damit eng verknüpft ist die Frage nach dem Persönlichkeitsschutz der Interviewten und der Verantwortung der Interviewenden und Archive in dieser Sache. Einig waren sich die Gesprächsteilnehmer/innen über eine rechtlich-ethische Pflicht im Umgang mit den erhobenen Informationen und Inhalten. Diskutiert wurden dabei die Möglichkeiten und Grenzen eines Eingriffs und einer nachträglichen Bearbeitung der Interviewdaten vor der Online-Stellung sowie die Schwierigkeit, die Interviewten in Prozesse der Veröffentlichung so aktiv wie möglich einzubeziehen. Die Frage nach der Beteiligung der Interviewten in diesen Angelegenheiten wurde auch am zweiten Tag im Roundtable-Gespräch ausführlich verhandelt.

GABRIELE FRÖSCHL und CHRISTINA LINSBOTH (Wien) stellten im Anschluss daran die Sammel- und Archivierungspraxis der Österreichischen Mediathek näher vor. Gabriele Fröschl, die Leiterin der Mediathek, fokussierte in ihrem Vortrag auf den Umgang mit technischen, formalen und inhaltlichen Metadaten und den Problemen, die sich dabei stellen – von der Inventarisierung über die Digitalisierung bis zur Langzeitarchivierung. So erfordere etwa eine professionelle Langzeitarchivierung immer wieder eine Migration der Metadaten, was sehr kostspielig sei. Christina Linsboth präsentierte am Beispiel des Sammlungsprojekts „Sammlung Nationalfonds / Zukunftsfonds“ der Österreichischen Mediathek die konkreten Arbeitsabläufe im Hinblick auf die archivarische Erfassung sowie die technische und inhaltliche Zugänglichmachung von Oral-History-Interviews. Vor dem Hintergrund, dass Oral-History-Interviews in der Österreichischen Mediathek von Wissenschaftler/innen wenig nachgefragt würden, warfen die Vortragenden abschließend die Frage auf, für welche Nutzer/innengruppen die Interviews aufbereitet werden sollen – beispielsweise mehr für die pädagogische Arbeit. In der Diskussion, an der sich insbesondere Vertreter/innen anderer Oral-History-Archive beteiligten, bestand weitgehend Konsens darüber, dass die Interviews für ein breites und diverses Publikum aufbereitet werden sollten – sowohl für gegenwärtige als auch für zukünftige Nutzer/innen. Einig war sich das Plenum auch darin, dass der archivarische Umgang mit Oral-History-Interviews „normaler“ werden sollte. In staatlichen Archiven erwarte ja auch niemand ein Volltranskript der handschriftlichen Quellen oder eine Inhaltsübersicht über ein Konvolut – geschweige denn eine nutzergruppenoptimierte Erfassung.

Zum Abschluss des ersten Konferenztages besuchten die Teilnehmer/innen die Räumlichkeiten der Mediathek. Neben einem Studiensaal mit Medienarbeitsplätzen für interessierte Nutzer/innen verfügt die Mediathek über diverse Archivräume, in denen sich die Fülle und Materialität der Datenträger eindrücklich nachvollziehen ließ. Zudem gewährte ein Mitarbeiter Einblicke in seinen Alltag bei der Digitalisierung unterschiedlicher Datenträger.

Der zweite Tag begann mit einem Roundtable-Gespräch über forschungsethische Herausforderungen in der Praxis. Als Expert/innen diskutierten HELGA AMESBERGER (Wien), ALMUTH LEH (Hagen), ALBERT LICHTBLAU (Salzburg) und FRIEDERIKE MEHL (Berlin). LINDE APEL (Hamburg) moderierte das Gespräch. Das Podium war mit äußerst erfahrenen Diskutant/innen besetzt, die bis auf eine Ausnahme seit mindestens zwanzig Jahren Oral History betreiben. Friederike Mehl vertrat die jüngere Generation Oral Historians, die zwar noch nicht so lange, dafür – aufbauend auf den Erfahrungen ihrer Vorgänger/innen – umso reflektierter Interviewprojekte durchführen. Forschungsethische Herausforderungen stellen sich, so Linde Apel einführend, auf sämtlichen Praxisebenen: von Machtdynamiken in der Interviewsituation über Fragen der Deutungshoheit bei der Auswertung bis hin zu einem korrekten Umgang mit Interviews bei der (Online-)Publikation.

Das Podium diskutierte vertieft den Umgang mit problematischen – etwa rassistischen oder sexistischen – Äußerungen der Interviewten. Während Albert Lichtblau das Streitgespräch nicht scheut und es wichtig findet, die argumentative Logik seines Gegenübers herauszuarbeiten, plädierte Friederike Mehl für eine eher zurückhaltende Reaktion, die den Gesprächsfluss nicht stört. Sie sprach sich aber für eine Verschlagwortung der manifesten oder latenten Rassismen und Sexismen aus, damit diese „Störgeräusche“, wie sie es nennt, nicht in den Tiefen der Archive verschwinden. Damit zusammenhängend steht die Frage nach der Glättung der Biografien durch Herausstreichen menschenverachtender Passagen in der (Online-)Publikation. Helga Amesberger betonte die Wichtigkeit diffamierenden Passagen keine Plattform zu bieten. Sie merkte jedoch kritisch an, dass das Entfernen von problematischen Aussagen auch zu einer Stilisierung der Interviewten zu „Held/innen“ führen könne. Almuth Leh argumentierte, dass die „Zugzwänge des Erzählens“ (Fritz Schütze) auch auf die Interviewer/innen wirkten und in eine „Empathiefalle“ führten. Dies könne ein Streitgespräch in der – von Alexander von Plato propagierten – „Konfliktphase“ des Interviews verunmöglichen. Im Ergebnis würden die Interviewten erst in der Publikation vom Widerspruch der Forschenden erfahren. Der Hinweis auf diese Problematik ermöglichte Podium und Plenum, Machtverhältnisse zwischen Interviewten und Interviewenden in Bezug auf die Deutung des Erzählten zu diskutieren, die sich in der Auswertungsphase zugunsten der Forscher/innen umkehrt. Die Frage nach dem ethisch korrekten Einbezug der Interviewten in die Analyse ihrer Geschichte konnte auf dem Podium nicht abschließend beantwortet werden und wird Oral Historians in Zukunft sicherlich vermehrt beschäftigen. Die Feststellung „Oral History ist so schön, weil sie so viele Probleme macht“ (Lichtblau), war das pointierte Fazit dieses Roundtable-Gesprächs, das zur weiteren Auseinandersetzung mit forschungsethischen Fragen in der Oral History anregt.

Im zweiten Teil des Vormittages standen juristische Fragen im Vordergrund. PETER PLOTENY (Wien) fasste prägnant die gegenwärtig geltenden Regelungen bezüglich Datenschutz und Persönlichkeitsrechten in Österreich und Deutschland zusammen. Er führte auch für Nicht-Jurist/innen verständlich aus, welches Bündel an Rechten Oral Historians bei der Verwertung und Archivierung von Interviews zu berücksichtigen haben – von der Speicherung personenbezogener Daten über die Beachtung der Urheberrechte bis hin zur Wahrung besonders schutzwürdiger Daten (Gesundheit, sexuelle Orientierung u. ä.). Er verwies auf schwammige Formulierungen in den Gesetzestexten wie etwa dem Handeln nach Treu und Glauben, was Verhandlungsspielräume offenlässt. Mit seinen Ausführungen widersprach er der gängigen Auffassung, dass Oral Historians „immer mit einem Bein im Gefängnis“ agierten. Bei einem redlichen Umgang mit den Interviews ließen sich erfahrungsgemäß auch im Streitfall Lösungen finden. Ein kulantes und verständnisvolles Handeln (etwa das Entfernen eines Interviews aus einer Online-Publikation) löse das Problem in der Regel, bevor es zum Gerichtsprozess komme.

ANNA MARIA GÖTZ (Bonn) stellte im Anschluss daran das Zeitzeugenportal des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vor. Das Projekt, das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters initiiert wurde, digitalisiert Interviews aus Beständen von Institutionen, die vom Staatsministerium für Kultur und Medien gefördert werden. Ziel ist die Langzeitarchivierung und Zugänglichmachung über ein Online-Portal. Da die Interviews in ganz unterschiedlichen (Forschungs-)Kontexten entstanden sind, sehen sich die Projektmitarbeitenden mit einer Vielfalt an Einverständniserklärungen konfrontiert. Je nach abgeschlossener Nutzungsvereinbarung muss – im Einzelfall – entschieden werden, ob und unter welchen Voraussetzungen ein Interview digitalisiert und online gestellt werden darf.

In der Diskussion wurde kritisch angemerkt, dass nur die vom Staatsministerium für Kultur und Medien geförderten Institutionen von diesem Digitalisierungs- und Langzeitarchivierungsprojekt profitierten. Die spannende Frage, ob dadurch die „Geschichte von unten“ nicht zu einer „Geschichte von oben“ wird, ist nur einer der Ausgangspunkte für das nächste Netzwerk-treffen, das im Frühjahr 2020 in der Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg stattfinden wird. Denn die Geschichte der Oral History kristallisierte sich in der Abschlussdiskussion als Thema heraus, mit dem sich zahlreiche Teilnehmer/innen und Institutionen beim nächsten Treffen vertieft auseinandersetzen möchten. Auch den vielschichtigen Verbindungen zwischen Oral History und Public History – gerade im Hinblick auf eine gezielte Projektförderung – möchte das Netzwerk zukünftig gerne mehr Aufmerksamkeit schenken.

Die Tagung mit ihren lebendigen und produktiven Diskussionen machte deutlich, wie fruchtbar der Austausch über Oral History aus unterschiedlicher theoretischer wie berufspraktischer Perspektive sein kann. Die verhandelten rechtlichen und ethischen Fragen und die Auseinandersetzung mit der konkreten Entstehungsgeschichte eines Interviews sind Aspekte der Oral History, die nicht nur für Archivar/innen bei der Sammlungspflege, sondern auch für Forscher/innen (etwa bei der Zweitauswertung von Interviews) von großer Bedeutung sind.

Konferenzübersicht:

Linde Apel (Hamburg) / Stefan Müller (Bonn): Begrüßung und Programmvorstellung

Johannes Kapeller (Wien): Die Österreichische Mediathek. Ein Oral History Archiv?!

Tina Plasil-Laschober (Wien): Projektvorstellung „MenschenLeben“

Gabriele Fröschl / Christina Linsboth (Wien): Zur Ordnung der Dinge. Typisierung, Katalogisierung und Metadaten in der Mediathek und Projektvorstellung „Sammlung Nationalfonds / Zukunftsfonds“

Roundtable-Gespräch: Forschungsethische Herausforderungen in der Praxis
Einführung und Moderation: Linde Apel (Hamburg)
Diskutierende: Helga Amesberger (Wien) / Almut Leh (Hagen) / Albert Lichtblau (Salzburg) / Friederike Mehl (Berlin)

Peter Ploteny (Wien): Datenschutz und Oral History

Anna Maria Götz (Bonn): Projektvorstellung Zeitzeugenportal Haus der Geschichte in Bonn

Absprachen/Planung des nächsten Treffens im Plenum

Anmerkung:
[1] Netzwerk Oral History gegründet, in: H-Soz-Kult, 07.02.2017, <http://www.hsozkult.de/news/id/news-197>.

Zitation
Tagungsbericht: Netzwerktreffen Oral History, 14.02.2019 – 15.02.2019 Wien, in: H-Soz-Kult, 24.05.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8286>.
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Veröffentlicht am
24.05.2019
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