Gespenster und Politik in Europa , 16.-21. Jahrhundert

Ort
Berlin
Veranstalter
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und Centre Marc Bloch
Datum
01.07.2005 - 02.07.2005
Von
Miriam Rieger, Universität Erfurt

Gespenstererscheinungen in der Geschichte sind originär weder Teil der Trivialkultur noch ein Fall für die Pathologie. Wie sehr der Glaube an die Wiederkehr Verstorbener, an Poltergeister und andere Erscheinungen - auch nach dem Zeitalter der Aufklärung - noch in allen Bereichen der Gesellschaft konkret verankert war, haben neuere Arbeiten gezeigt [1]. Es ist also an der Zeit, die Gespensterforschung aus dem Bereich der Volkskunde zu lösen und sie für die Ideen-, Religions- und Sozialgeschichte nutzbar zu machen.

Den Forschungsgegenstand "Gespenst" selbstbewusst und prominent auf die Tagesordnung der Humanwissenschaften zu setzen, ist der große Verdienst der Organisatoren Claire Gantet und Fabrice d'Almeida. In einer Kooperation zwischen dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und dem Centre Marc Bloch, gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung, brachte die Tagung erstmals verschiedene Arbeiten aus den Bereichen der Geschichts- und Literaturwissenschaft sowie der Medizingeschichte an einen Tisch. Das zu bearbeitende wissenschaftliche Neuland wurde in der Konzeption zur Tagung so weit wie nötig, und so präzis wie möglich abgesteckt: Der zeitlich und räumlich großangelegte Rahmen Gespenster in Europa von 1500 bis heute versammelte eine erwartungsgemäß breite Palette der Gespenster-Ikonographie. Für inhaltliche Kohärenz sollten zwei übergeordneten Fragestellungen sorgen: Gespenster sollten befragt werden auf ihren Beitrag zu einer Geschichte der Politik und zur historischen Epistemologie.

Welche Kristallisationspunkte damit bestimmt waren, umriss Gantet knapp: Erstens die Konzeption von Seele. Die Wiederkehr der Verstorbenen als Erscheinung problematisiere die Frage, inwiefern der Tod die Einheit von Leib und Seele aufbreche und welche Stofflichkeit der Seele bis zum Jüngsten Gericht zukomme. Zweitens die konfessionellen Unterschiede: Die Abschaffung des Fegefeuers in der Reformation raubte den Seelen der Verstorbenen im Protestantismus einen Aufenthaltsort, an dem sie bis zum Jüngsten Tag bleiben konnten. Drittens die Hierarchisierung des Wissens, die am Beispiel der Gutachten von Theologen und Ärzten nachvollzogen werden kann. Gantet wies darauf hin, dass der Umgang mit Gespenstern über die theoretische Debatten hinaus eine machtpolitische Dimension habe. Daher ginge es viertens auch um die Rolle des obrigkeitlichen Handelns.

Gespenster und Politik

Das Deutungsmuster "Krisenphänomen" zog sich als roter Faden durch die Beiträge, die sich mit dem Zusammenhang von Geisterscheinungen und Politik beschäftigten. Wie die Stimme der Verstorbenen für die politische Polemik der Gegenwart instrumentalisiert wurde, zeigte Nicole Reinhardt (Paris) in ihrem Vortrag über "Spaniens ruhelose Tote. Politik und Totengespräche im 17. Jahrhundert": Vor dem Hintergrund der politischen Krise Spaniens um die Regentschaft zirkulieren handschriftliche Pamphlete, in denen stimmgewaltige Tote wie Machiavelli oder Mazarin in einen satirischen, oft auch diffamierenden Dialog mit den Lebenden treten.

Wie sich im Berlin der Aufklärung die Sorge um die Zukunft Preußens nach 1786 mit populärer "Geisterseherei" verknüpfte, zeigte Thomas Biskup (Oxford). Einen Höhepunkt fand diese in einer spektakulären Theaterinszenierung, in welcher der verstorbene König Friedrich II mithilfe neuester mechanischer Mittel als Projektion "erscheint". Wurde Friedrich der Große als "Schutzgeist" inszeniert, der den umstrittenen Nachfolger Friedrich Wilhelm II und das nationale Erbe Preußens sicherte?

Die Verbreitung von Okkultismus und spiritistische Seancen in allen gesellschaftlichen Gruppen in Russland um 1900 wird als Reaktion auf einen ungenügenden Modernisierungsprozess gedeutet. Im Jahre 1916 erregt ein Fall vor dem Petrograder Gericht Aufsehen, in dem eine vermeintliche "Geist-Schwangerschaft" verhandelt wird. Julia Mannherz (Oxford) zeigte, wie sich im Medienereignis um den Fall Puare innen- und außenpolitische Positionen widerspiegeln.

Jörn Leonhard (Jena) führte am Beispiel der Rezeption der Figuren Bismarck und Hindenburg vor, wie eine "Gespenstergeschichte" nach ihren politischen Implikationen befragt werden kann. Beide werden retrospektiv zu mythisch überhöhten Erlöserfiguren aufgebaut. Leonhard diagnostizierte eine "ideologische Temporalisierung": Die "elementare Verunsicherung der Zeitgenossen" zwischen dem Ende des 19.Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegszeit hinein beschwor an historischen Wegkreuzen diese "untoten Wiedergänger", die Erfahrungsumbruch in Kontinuitätsstiftung verwandeln sollten.

Konfession

Gespenstererscheinungen sind konfessionell geprägt. Wie sehr die lutherische Vorstellungswelt um 1600 von Einmischung von Dämonen und Gespenstern in das alltägliche Leben erfüllt war, hob Gábor Klaniczay (Budapest) hervor. Luthers Feststellung, dass die Welt voll Teufel sei führte nachreformatorisch zu einer "Diabolisierung" des Geisterglaubens: Erscheinungen wurden als Wirken des Teufels in der Welt gedeutet. Dem Lutheraner bot sich hier die Möglichkeit zu einer beherzten Kritik. Am Beispiel des 1578 erschienenen Traktats "Teuflische Gespenster" zeigte Klaniczay, wie der "plebejisch gesinnte" Prediger Péter Bornemisza die dämonologische Weltsicht zu einer "leidenschaftlich polemischen Erklärung" gegen die Unsitten der Zeit nutzte.

Politik, Konfession und Epistemologie verschränken sich zu einem komplexen Geflecht in dem Fall des Emanuel Philipp Paris, den Claire Gantet (Berlin) referierte : Im Jahr 1709 hat der reformierte Theologe Paris, Kaplan in Harzgerode, drei Erscheinungen. Zeitgleich sorgt ein dynastischer Wechsel für ein Machtvakuum, der reformierte Bevölkerungsanteil verringert sich und im Zuge der Kontroverse um Balthasar Bekker stehen Teufelsglaube und Seelenkonzeption zur Debatte. Als Visionär blieb der Prediger von rechtlichen Folgen unversehrt - Gantet führte dies auf einen Glaubensmodus zurück, der in Bezug auf die Frage nach der Erscheinung Gottes in der Welt Raum für Zweifel ließ.

Inwiefern Geisterscheinungen im Christentum in Zusammenhang stehen mit politischen Intentionen untersuchte Philippe Boutry (Paris) am Beispiel Frankreichs im 19 . Jahrhundert. In Marienerscheinungen wie Lourdes und La Salette - um die prominentesten zu nennen - äußere sich die nostalgische Sehnsucht nach der alten Ordnung angesichts einer zunehmenden Verdrängung der katholischen Kirche aus der politischen Teilhabe.

Gespenster, Rhetorik und Ästhetik

Das Gespenst als Metapher war ein weiterer Schwerpunkt der Tagung. Drei Beiträge beschäftigten sich mit dem Zusammenhang von kriegerischer Gewalt und Erscheinungen. Am Beispiel der publizistischen Aufbereitung der Zerstörung Magdeburgs 1631 untersuchte Marcel Lepper (Berlin) den Einsatz von Visions- und Traumszenen in Flugschriften für die politische Propaganda. Lucetta Scaraffia (Rom) wies auf die Erscheinungen hin , die Hélène Blavatskij, Mitbegründerin der Theosophischen Gesellschaft, im Jahr 1867 im Zusammenhang mit dem Kampf Garibaldis für die "Befreiung Roms" hatte. Die Erscheinungen toter Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg ist in Frankreich ein wiederkehrendes Motiv in Film, Kunst und Literatur. Nicolas Beaupré (Paris) untersuchte, welchen Einfluss Kriegskultur und Nachkriegszeit auf die Repräsentation der Erscheinungen haben und welche wechselvolle Funktion die Toten zwischen Mahnung und Anklage erfüllen.

Claudia Swan (Chicago) stellte verschiedene Positionen zur Rolle der Einbildungskraft zwischen Renaissance und Aufklärung vor. Wenn die Fähigkeit zur Geisterseherei als Produkt einer "dysfunctional imagination" (Hobbes) wahrgenommen werde, habe das Konsequenzen sowohl auf die Beurteilung der Macht der Hexen, wie auch auf die Theorien zur ästhetischen Produktion. Yael Ehrenfreund (Tel Aviv/ Bar-Ilan - Berlin) stellte einen frühen Text Diderots vor: in den "Bijoux Indiscret" (1748) werden Gespensterscheinungen lächerlich gemacht, sie dienen dem Autor dazu, Kritik am absolutistischen Regime zu üben. Olaf Rader (Berlin) verfolgte das "lang anhaltende Phänomen" der wiederkehrenden Kaiser in der deutschen Geschichte: Schon kurz nach dem Tod von Kaiser Friedrich II wurden Personen aktenkundig, die behaupteten, der auferstandene Kaiser zu sein. Die Vorstellung der Wiederkehr der alten Kaiser fand Eingang in deutsche Erinnerungsorte wie dem Kyffhäuser.

Medizin

Medizinische Gutachten erfüllen bis in die Frühaufklärung hinein eine wichtige Funktion als "Beglaubigungsstrategie" außerordentlicher Erscheinungen. Erst im Zuge der Aufklärung wendet sich das Blatt. In seinem Vortrag über "Vampire, Aufklärung und Staat. Eine militärmedizinische Mission in Ungarn 1755" untersuchte Daniel Arlaud (Paris) anhand der gerichtsmedizinischen Berichte, wie mit der Medizin der Aufklärung zugleich "das Auge des Staates" in die Peripherie des Kaiserreiches vordringt. Nachdem nicht Vampire, sondern Lebensbedingungen und Diätgewohnheiten als Ursache der epidemischen Anämie bestimmt worden waren, war der Durchsetzung obrigkeitlicher Hygienevorschriften auf lokaler Ebene der Weg bereitet. Ist der Glaube an Gespenster erst mal demontiert, erscheint jedoch die medizinische Beschäftigung mit paranormalen Phänomenen wissenschaftlich nicht mehr akzeptabel. Besonders gelte das, so Thomas Müller (Berlin) für die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts: Warum gebe es keine psychiatriemedizinischen Stellungnahmen zu prominenten zeitgenössischen Fällen wie dem Poltergeist von Resau 1888? Eben erst mit dem Status der Wissenschaftlichkeit ausgezeichnet, fürchte, so Müller, die noch junge Disziplin, sich wieder an dem okkulten "Gschmäckle" zu infizieren.

Gespenster im Medienzeitalter

Eine Brücke in die Gegenwart schlug die Tagung mit dem Vortrag von Fabrice d'Almeida (Berlin) über "Das Gespenst von Ussama Bin Laden". Bei AFP, der großen französischen Presseagentur, gibt es fast dreihundert Bilder von Bin Laden - die alle "künstlich" sind, d.h. mit Mitteln der Montage nachbearbeitet. D'Almeida skizzierte auf medientheoretischer Grundlage die Funktionsweise einer Gespenstproduktion und ihre politischen Implikationen.

Fazit

Die Tagung hat vor Augen geführt, welches Potential in einer "Geschichtsschreibung mit Gespenstern" liegen kann. Auf der breiten Grundlage der Referate wurde dafür ein vorläufiger Fragekatalog zusammengestellt. Folgende Problemfelder kristallisieren sich heraus: 1. Welche Aussage lässt sich machen über Kontinuitäten und Brüche? Inwiefern sind Gespensterscheinungen ein Krisenphänomen ? 2. Wie bestimmt sich das Verhältnis von den Lebenden zu den Toten ? 3. Wie wird die Glaubwürdigkeit von Erscheinungen verifiziert, welche Autorität haben Gespenster? 4. Deutlich geworden ist die Notwendigkeit, eine klare Unterscheidung zwischen metaphorischen Gespenstern (z.B. Marxens "Gespenst des Kommunismus" ) und den "realen" bzw. aktenkundigen Erscheinungen zu ziehen.

Ein Tagungsband ist in Vorbereitung. Darüber hinaus hat sich ein Netzwerk zur Gespensterforschung gegründet.

Anmerkung:
[1] Sawicki, Diethardt: Leben mit den Toten. Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770 - 1900, Paderborn 2002. - Freytag, Nils: Aberglauben im 19. Jahrhundert. Preußen und seine Rheinprovinz zwischen Tradition und Moderne (1815 -1918), Berlin 2003.

Zitation
Tagungsbericht: Gespenster und Politik in Europa , 16.-21. Jahrhundert, 01.07.2005 – 02.07.2005 Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.07.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-828>.