Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert

Ort
München
Veranstalter
Dr. Matthias Berg, Humboldt-Universität zu Berlin; Prof. Dr. Helmut Neuhaus, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München; mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung, Köln
Datum
21.02.2019 - 23.02.2019
Von
Markus Gerstmeier, Universität Passau

Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, insbesondere die Geschichte der Geschichtswissenschaft(en), hatte in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten zweifellos eine Konjunktur. In Fachkreisen hieß es jedoch zuletzt häufiger, dass der Zenit dieses „Booms“ überschritten sei.

Dass Wissenschafts- und Historiographiegeschichte freilich noch immer erhebliche Desiderate aufweist und ihr nach wie vor Innovationspotential für die allgemeine Geschichte attestiert werden muss, bewies nun eine von Matthias Berg (Berlin) und Helmut Neuhaus (Erlangen) organisierte Konferenz, die in einer bislang so nicht unternommenen komparatistischen und internationalen Perspektive einen zentralen – wenn auch vielfach überaus fragmentarischen – Quellenbestand für die Geschichte der Geschichtswissenschaft kulturgeschichtlich in den Blick nahm. Briefe sind ein Kommunikationsmittel, dessen Bedeutungsverlust schon vor dem Siegeszug digitaler und „sozialer“ Medien auch den Transformationsprozess vom soziokulturellen System der „alten“ deutschen Universität zur heutigen postmodernen Hochschulwelt beispielhaft verkörpert, worauf Neuhaus einleitend hinwies.

Die Konzeption der Tagung war interdisziplinär angelegt. So kristallisierte sich auch die Frage nach verschiedenen Formen und nach den vielschichtigen, ambivalenten Inhalten als eine Leitlinie in den Vorträgen und Diskussionen heraus: Die Formenvielfalt der Gattung reicht von langen Briefen über kurzgefasste, unkuvertierte (Post-)Karten bis hin speziellen Korrespondenzformen wie den „Adversarien“ im Umfeld der Gebrüder Grimm. Oft besteht auch ein enger Zusammenhang von Briefen mit wissenschaftlichen Paratexten wie Gutachten, Denkschriften oder mit Sonderdrucken. Unwillkürlich stellt sich für Historiker die Frage nach einem Zusammenhang von Form und Inhalt: Sind etwa Briefe an Kolleg/innen, die der/dem Sekretär/in diktiert werden, weniger vertraulich – oder bewirkt ein Diktat nicht eher freieres Denken und Sprechen als das eigenhändig geschriebene Wort? Hat der Gebrauch von Schreibmaschinen beim Abfassen von Briefen ab den frühen 1920er-Jahren zu einer Versachlichung des akademischen Dialogs geführt? Bezüglich solcher Fragen traten in München stets auch die sozialen und kulturellen Hintergründe, Funktionen, Implementierungen sowie Exklusionen akademischer Korrespondenzen hervor.

Die bei weitem mehr als nur technische Bedeutung, die Briefen im soziokulturellen System des deutschsprachigen Bildungsbürgertums im 19.–20. Jahrhundert zukam, exemplifizierten GANGOLF HÜBINGER (Frankfurt Oder) und MICHAEL MAURER (Jena). Das Medium Brief führe, so Hübinger, geradezu ins Herz bürgerlicher Hochkultur. Da für Abwesende eine „Berichtspflicht“ gegenüber engen Familienmitgliedern bestanden habe, dokumentierten Korrespondenzen die ganze Breite bürgerlicher Lebenswelt: Berufliches und Privates, Nachrichten, gesellschaftliche Konvention und individuelle Emotionen vermischten sich. Auch wenn Michael Maurer in seinem kulturhistorischen Vergleich der Gattung Brief mit anderen Selbstzeugnissen Gründe für eine wesentliche Unterscheidung zwischen Briefen und Tagebüchern anführte, so verdeutlichte die Tagung, dass Briefe im Untersuchungszeitraum nicht selten wie an Tagebuch statt verfasst wurden. Zu einem an klassischen Vorbildern geschulten, möglichst geschliffenen Stil verpflichtete die (neu-)humanistische Formation des Bildungsbürgers. Auch deswegen müsse bürgerliches Briefeschreiben als qualitativ wie quantitativ harte Arbeit verstanden werden. Briefeschreiben gehörte nicht nur zum bürgerlichen Selbstverständnis; Briefe waren auch Ort von Selbstreflexion, dialogischer Selbstauskunft und Selbststilisierung. So thematisierte die Tagung mehrfach die Bedeutung von Krankheit und Entsagung als Teil des Gelehrtenhabitus. Vielfach trugen bildungsbürgerliche Briefe – keineswegs unwesentlich für das Selbstverständnis der „Ordinarienuniversität“ – eine Art Bekenntnischarakter. Auch müsse eine historische Quellenkritik des Briefs mitbedenken, dass das Bürgertum bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die adlige Praxis übernommen hat, Familienbriefe zu sammeln und herauszugeben. Hübinger spannte einen Bogen zum Ende des 19. Jahrhunderts, für das er einen Formwandel des Gelehrtentypus und zugleich einen sachorientierteren Stil konstatierte, der auch mit der Etablierung des Telefons zusammenhänge.

So sehr die Tagung das eigene, historische Fach akzentuierte, ergaben sich durch dessen Profil als akademische „Leitwissenschaft“ im 19.–20. Jahrhundert sowie aufgrund der zentralen, nahezu religiösen Bedeutung von Geschichte im Bildungsbürgertum doch etliche aufschlussreiche interdisziplinäre Perspektiven, zumal Briefnetzwerke in der „alten“ (Ordinarien-)Universität an Fachgrenzen nicht Halt machten. Insofern exemplifizieren akademische Briefcorpora dieser Epoche eben auch die „interdisziplinäre“ Ausrichtung einer Gelehrtenrepublik, deren Akteure über eine weitgehend gemeinsame Vorbildung verfügten. Diese Vorprägungen kamen etwa, wie FRIEDRICH LENGER (Gießen) betreffs der Briefnetzwerke um Werner Sombart feststellte, durch ein „ständige[s] Sprechen in Zitaten“ klassischer Autoren zum Ausdruck. Es handelte sich um eine Form „reziproken Respekts“, wie Stefan Rebenich formulierte, die freilich über rhetorische Konventionen hinausgehe und den wissenschaftlichen Austausch erst ermöglicht habe, gleichwohl um 1900 auch zunehmend kritisiert wurde.

HANS-HARALD MÜLLER (Hamburg) stellte dar, wie sich anhand der Korrespondenzen um Jacob Grimm (1785–1863) die Institutionalisierung der germanistischen Philologie – eines Faches, das sich im 19. Jahrhundert akademisch erst etablieren musste – nicht nur wissenschaftsgeschichtlich abbilden lasse, sondern die Briefnetzwerke selbst ein integraler Teil des Institutionalisierungsprozesses gewesen seien. Diese thematisierten nicht nur Organisatorisches, sondern umfassten die schriftliche Fortsetzung des Seminargesprächs und fachliche Betreuung. Sie waren auch Ersatz und Vorläufer von zunächst nicht vorhandenen Fachzeitschriften.

Dass Praxen und Produkte akademischen Briefeschreibens keineswegs als spezifisches Charakteristikum der klassisch-deutschen Universitätskultur verstanden werden können, exemplifizierten auch die internationalen Perspektiven der Tagung. GENEVIEVE WARLAND (Louvain) thematisierte die Briefnetzwerke belgischer Historiker zwischen ca. 1880 und den späten 1950er-Jahren, vor allem deren briefliches Interagieren mit deutschen Kollegen, auf welche die belgische Geschichtsforschung, trotz der Sprachbarriere, bis zum Ersten Weltkrieg primär orientiert war – und nicht etwa auf Frankreich, wie Warland anhand der Korrespondenzen Henri Pirennes (1862–1935) aufzeigte. Entsprechend Pirennes Studium in Leipzig und Berlin seien dessen Kontakte ins Deutsche Reich prägend gewesen und erst mit dem Weltkrieg zum Erliegen gekommen. Für die zweite Nachkriegszeit konnte Warland anhand der Briefnetzwerke François Louis Ganshofs (1895–1980) belegen, wie es vermittels persönlicher Bekanntschaften zur Wiederaufnahme belgisch-deutscher Zusammenarbeit in den Geschichtswissenschaften kam.

Der Abendvortrag von STEFAN REBENICH (Bern) erweiterte den Blick über wissenschaftsinterne Kommunikation hinaus auf Hochschul- und Forschungspolitik, indem er beleuchtete, wie Friedrich Althoff (1839–1908) zwischen 1882 und 1907 maßgeblich deutsche Hochschul- und Wissenschaftspolitik mitprägte. Althoffs Interagieren mit dem Althistoriker Theodor Mommsen und dem evangelischen Kirchenhistoriker Adolf von Harnack exemplifiziere, wie konstitutiv es für wissenschaftliche Entscheidungsprozesse gewesen sei, Vorgänge zu verschriftlichen, wenngleich komplexe Gegenstände mündlich vorbereitet wurden. Im „System Althoff“ habe die Kommunikation per Brief zur Rationalisierung und Professionalisierung beigetragen. Die kommunikative Trias von Gespräch, Brief und Denkschrift sei die Voraussetzung dafür gewesen, dass das „System Althoff“ als elaborierte bürokratische Herrschaftskonfiguration habe funktionieren können. Insbesondere auch bei der Urteilsbildung und Realisierung von wissenschaftlichen Großunternehmen, an deren Zustandekommen mehrere Ministerien ebenso beteiligt waren wie zahlreiche Fachgelehrte, hätten Briefe als wichtiges Medium gedient.

MATTHIAS BERG untermauerte anhand der Rolle von Briefen für „Historikertage und Historikerverband um 1900“ die konstitutive Bedeutung von Korrespondenzen für die Organisation der deutschen Geschichtswissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Rundbriefe, die in der Frühphase der deutschen Historikertage zwischen den Ausschussmitgliedern zirkulierten, spiegelten einen Anspruch auf Repräsentanz verschiedener Strömungen des Faches wieder. Die gemeinsame „Briefkultur“ habe geholfen, eine Spaltung der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft zu verhindern. Zugleich belegten die Korrespondenzen des Historikerverbands um 1900 den schwierigen Stand einer bis dato in den historischen Wissenschaften anzutreffenden Pluralität angesichts von akademischer Professionalisierung, etwa wenn es um die Frage nach der Beteiligung von Archivaren und Lehrern an Historikertagen ging. Erst die Reduktion von Mitbestimmenden und der Wechsel von einer pluralistischen zu einer autoritären brieflichen Diskussionskultur habe zum persistenten Erfolg der deutschen Historikertage geführt.

Der adlige Deutschbalte Johannes Haller (1865–1947) war als Historiker in mehrerlei Hinsicht ein Außenseiter seines Faches. In seinen Briefen habe Haller, wie BENJAMIN HASSELHORN (Würzburg) aufzeigte, seine Außenseiterrolle geradezu stilisiert. Hallers auch in Briefen und anderen Ego-Dokumenten überlieferte Zornesausbrüche und Ungezügeltheit, die in scharfem Kontrast zum akademischen Anspruch auf Rationalität gestanden habe, könne als literarisch stilisierter thymós gedeutet, auch als Ausdruck einer Transformation des Gelehrtentypus im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts kategorisiert werden. Derlei literarische Provokation sei auch als Gegenhabitus zum „Geheimratstypus“ deutscher Professoren vor 1900 interpretierbar.

Die Vorträge von JONAS KLEIN (Bonn) und PHILIP ROSIN (Bonn) thematisierten anhand von Briefnetzwerken Hans Delbrücks (1848–1929) und Hermann Onckens (1869–1945), wie sehr sich das komplexe Verhältnis von Wissenschaft, speziell des historischen Fachs, und von Politik auch in Briefen niederschlägt. HANS-CHRISTOF KRAUS (Passau) schloss in seinem Vortrag über die Entstehungsgeschichte der „Deutschen Geschichtsquellen des 19. Jahrhunderts“ an diese Grundproblematik an, wobei er sich vor allem den in dieser Reihe edierten Historikerbriefen widmete. Ursprünglich seien die „Deutschen Geschichtsquellen“ als Teil eines großangelegten Editionswerkes Acta Germanica des 19. Jahrhunderts geplant gewesen. Deren Konzept sah vor, alle ideengeschichtlichen Strömungen der deutschen Kultur zu berücksichtigen. Tatsächlich lag der Fokus der während der Weimarer Republik veröffentlichten Editionsbände in der zunächst als corpus epistularum politicarum umschriebenen Reihe eindeutig auf Autoren mit kleindeutsch-borussischer, nationalliberaler Prägung. Die Motivation hierfür sei in dem damaligen Bestreben zu suchen, nach dem verlorenen Weltkrieg einen erhofften Wiederaufstieg des Reiches durch eine gezielte Rückbesinnung auf die „große Zeit“ der Reichsgründung um 1870 und auf deren prägende Kräfte und Akteure intellektuell vorzubereiten.

MARTIN KOSCHNY (Münster) beleuchtete das Briefnetzwerk Albert Brackmanns (1871–1952). Hatten zunächst mittelalterliche Papsturkunden im Mittelpunkt von Brackmanns Schaffen gestanden, profilierte sich dieser nach 1918 als Ostforscher und avancierte nicht nur als solcher zu einem zwiespältigen Akteur im „Dritten Reich“. Koschny widmete sich anhand von Brackmanns weitgespanntem Briefnetzwerk zu Kollegen, Schülern und Ministerialbeamten insbesondere dessen Rolle als Anreger und Gründungsdirektor der „Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft“.

BIRTE MEINSCHIEN (Frankfurt am Main) behandelte die vielfältige Qualität von Briefen deutschsprachiger Historiker/innen in der britischen Emigration ab 1933. Zu Beginn der Emigrationen habe zunächst die verzweifelte Dringlichkeit der Stellensuche, oft auch unter Mitwirkung von Hilfsorganisationen, im Zentrum dieser Korrespondenzen gestanden. Obwohl emigrierte Historiker/innen von den offiziellen Institutionen des Faches ausgeschlossen wurden, sei der private Briefkontakt zu Kollegen in Deutschland vielfach aufrechterhalten worden. „Rettungsanker“ seien alle Arten von Emigrantenkorrespondenzen gewesen: nicht nur, weil sie oft das schiere Überleben sicherten, sondern weil sie außerhalb von Institutionen eine Fortführung beruflicher und fachlich-intellektueller Partizipation sowie eine (Selbst-)Reflexion über die eigene Zeitgenossenschaft (auch von Kriegserfahrungen und des Holocaust) ermöglicht hätten.

Einer speziellen Art von Intellektuellenbriefen des 20. Jahrhunderts, die nach dem 8. Mai 1945 v. a. auch unter Beteiligung von jüdisch(stämmig)en Emigrant/innen der Jahre 1933 ff. konstituiert wurde, widmete sich NICOLAS BERG (Leipzig). Dieser nahm das Phänomen der – zuerst von David Kettler so genannten – "First Letters" in den Blick und problematisierte die Dynamiken, Dilemmata und Naivitäten des Wiederanknüpfens sowie der möglichen Remigration. Die persönlichen und zivilisatorischen Brüche schufen nach Kriegsende die Notwendigkeit eines neu auszuhandelnden Verhältnisses von Exilanten und in Deutschland gebliebenen vormaligen Kollegen sowie einer Rekonfiguration des Blicks auf die Jahrzehnte vor 1945. Im Unterschied zu anderen Genres wohne dieser Art von Brief ein Element der Zweiepochenzugehörigkeit inne. In keinem der meist aus Deutschland bei einst „befreundeten“ Emigranten vorfühlenden Briefe könne ein persönlicher Ton darüber hinwegtäuschen, dass jeweils in einer enormen erkenntnistheoretischen Verdichtung ein übergeordneter historischer Zusammenhang mitschwinge, auch wenn dieser nicht explizit zur Sprache komme.

Auch die DDR-Geschichtswissenschaft sei, wie MARTIN SABROW (Potsdam/Berlin) in seinem Vortrag betonte, auf den Brief als Arbeitsinstrument angewiesen gewesen, obgleich freilich grundsätzliche Unterschiede zur bildungsbürgerlichen Tradition vorliegen, z. B. dass brieflich kaum fachliche Fragen im engeren Sinn thematisiert worden seien. Private Angelegenheiten – sogar Glückwünsche – seien ohnehin nur sehr sorgsam in Briefen kommuniziert worden; dazu hätten Vertrauen, Vertraulichkeit und Diskretion gefehlt. Korrespondenzen in der DDR, zumal innerhalb der wissenschaftlichen Elite, seien nicht bilateral gewesen, sondern es habe die Figur des „legitimen Dritten“ gegeben, wohinter sich Organe wie das MfS oder die SED verbargen. Weil diese Konstellation allen Beteiligten klar gewesen sei, waren Historikerbriefe u. U. nur scheinbar an Briefpartner adressiert, eigentlich aber an den „legitimen Dritten“ gerichtet: eine Entgrenzung des Briefes als Gattung. Auch die formale Entgrenzung von Briefen in der DDR konnte Sabrow exemplifizieren.

In den Sektionen VII und VIII stand die Geschichtswissenschaft weniger als Forschungsobjekt, sondern deren Rolle als forschendes Subjekt sowie deren Umgang mit Korrespondenzen als zentralem Quellencorpus im Vordergrund. Im Hinblick auf die „Zukunft des Edierens“ konnte MARION KREIS (Erlangen) zunächst auf die lange Tradition professioneller Editionspraxis der Münchener Historischen Kommission verweisen. Schließlich seien die von Karl Hegel (1813–1901) initiierten, seit 1862 erschienenen „Chroniken der deutschen Städte“, ein wesentliches Thema seiner Korrespondenz. Diese wird derzeit von Kreis als erstes Editionsprojekt der Historischen Kommission ausschließlich digital editiert. ROMAN GÖBEL (Jena) erläuterte anhand der Ernst-Haeckel-Edition prinzipielle und aktuelle Aspekte eines digitalen und in Auswahl auch in „klassischer“ gedruckter und kommentierter Form bearbeiteten Langzeiteditionsprojektes, dessen Besonderheit auch darin besteht, dass ein Großteil der ca. 7.000 Briefe von Haeckel und 39.000 Briefe an Haeckel erhalten ist.

FRIEDRICH LENGER (Gießen) reflektierte anknüpfend an seine jüngst erschienene Edition der Briefe Werner Sombarts[1] Probleme editorischer Praxis und deren allgemeinhistorische Bedeutungskomponenten: Briefe bildeten ein Netzwerk prinzipiell nie ganz gab; in editorischer Hinsicht bestehe bei einer begrenzten Auswahl aus einem Briefcorpus immer die Gefahr, willkürlich oder unwillkürlich ein bestimmtes Geschichtsbild zu konstruieren. Auch der o. g. Zusammenhang von Form und Inhalt stelle Editoren vor Probleme: So korrelierten etwa bei Sombart persönliche Vertrautheit mit Korrespondenzpartnern und das Ausmaß an von ihm verwendeten Abkürzungen. Die Vulnerabilität des Mediums Brief liege zum einen in der Editionspraxis, wenn etwa auf die Miteinbeziehung von Gegenbriefen verzichtet werde, andererseits in von vornherein nicht gegebener Archivüberlieferung. Dies bleibe ein Dunkelfeld, könne und müsse aber, so Lenger, systematisiert werden und lenke den Blick von hilfswissenschaftlichen Problemen zurück auf prinzipielle historische Fragestellungen.

Daran schlossen auch die Ausführungen von FOLKER REICHERT (Stuttgart) über die Korrespondenzen des Mediävisten Carl Erdmann (1898–1945) an. Erdmann, der eben auch deshalb ein „Unbekannter“ geblieben sei, weil von ihm kein Nachlass überliefert und sein Briefwechsel weit zerstreut ist, war eine seinerzeit vielversprechende Nachwuchshoffnung, in der sich noch einmal beste bildungsbürgerliche Prägungen wiederspiegelten und die zugleich den mit Schreibmaschine getippten Brief als dem eigenen professoralen Habitus zugehörig erachtete. Die Schlussdiskussion zeigte, wie die ganze Konferenz, dass über solche interessanten biographischen Aspekte individueller historischer Akteure hinaus der avisierte Tagungsband eine wesentliche Lücke systematischer und komparatistischer Wissenschafts- und Kulturgeschichte des deutschen Bildungsbürgertums vom 19. bis in das frühe 21. Jahrhundert schließen dürfte.

Konferenzübersicht:

Matthias Berg (Berlin) / Helmut Neuhaus (Erlangen): Begrüßung und Einleitung

Sektion I – Grundlagen historiographischer Briefkultur(en)

Gangolf Hübinger (Frankfurt [Oder]): Briefkultur(en) im bürgerlichen Zeitalter

Michael Maurer (Jena): Selbstzeugnisse in kulturhistorischer Perspektive: Briefe, Tagebücher, Autobiographien

Sektion II – Wissenschaftliche Briefkultur(en) im Vergleich

Hans-Harald Müller (Hamburg): Interdisziplinär: Gelehrtenbriefe und ihre Editionen in der Germanistik seit dem 19. Jahrhundert

Genevieve Warland (Louvain): Transnational: Korrespondenz mit dem Feind? Belgische Historiker und ihre Briefnetzwerke, ca. 1880–1950

Öffentlicher Abendvortrag

Stefan Rebenich (Bern): Wissenschaftspolitik in Briefen: Althoff, Mommsen und Harnack

Sektion III – Briefkultur(en) im Kaiserreich zwischen Funktion und Emotion

Matthias Berg (Berlin): Eine Organisationsgeschichte in Briefen: Historikertage und Historikerverband um 1900

Benjamin Hasselhorn (Wittenberg / jetzt Würzburg): Zorn, Spott, Verzweiflung – Die Briefe Johannes Hallers, emotionsgeschichtlich gelesen

Jonas Klein (Bonn): Zwischen Wissenschaft und Politik: Hans Delbrücks Korrespondenz als Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher“

Sektion IV – Krisenreaktionen? Briefkultur(en) nach dem Ersten Weltkrieg

Hans-Christof Kraus (Passau): Historikerbriefe in den „Deutschen Geschichtsquellen des 19. Jahrhunderts“

Philip Rosin (Bonn): Vom Mittelpunkt des Faches in die Ausgrenzung: Hermann Onckens Korrespondenz zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus

Sektion V – Briefkultur(en) im Zeitalter der Extreme

Martin Koschny (Münster): Kontinuität und Wandel eines Briefnetzwerkes: Albert Brackmann zwischen Mediävistik und Ostforschung

Birte Meinschien (Frankfurt am Main): Briefe als Rettungsanker: Zur Korrespondenz deutschsprachiger Historikerinnen und Historiker in der britischen Emigration ab 1933

Sektion VI – Grenzen historiographischer Briefkultur(en)?

Nicolas Berg (Leipzig): Deutsch-jüdische Historikerbriefwechsel nach 1945: Zum Erkenntnispotential einer antagonistischen Konstellation

Martin Sabrow (Potsdam/Berlin): Briefkultur im historischen Herrschaftsdiskurs der DDR

Sektion VII – Briefeditionen: Herausforderungen und Probleme

Marion Kreis (Erlangen): Karl Hegels editorische Praxis im Spiegel seiner Korrespondenz seit den 1850er Jahren

Friedrich Lenger (Gießen): Werner Sombart: Zur Edition der Briefe eines Intellektuellen, 1886–1937

Sektion VIII – Aussichten: Briefeditionen im 21. Jahrhundert

Folker Reichert (Stuttgart): Weshalb es sich lohnt, die Briefe eines Unbekannten zu edieren

Roman Göbel (Jena): Edieren im digitalen Zeitalter – Die Ernst Haeckel Online Briefedition

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Werner Sombart, Briefe eines Intellektuellen 1886–1937, hg. von Thomas Kroll, Friedrich Lenger und Michael Schellenberger (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 75), Berlin 2019.

Zitation
Tagungsbericht: Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert, 21.02.2019 – 23.02.2019 München, in: H-Soz-Kult, 31.05.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8298>.