Gründungsphasen zwischen Erfolg und Scheitern. Rahmenbedingungen von Universitätsgründungen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit

Ort
Tübingen
Veranstalter
Prof. Dr. Sigrid Hirbodian / PD Dr. Christian Jörg, Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften, Universität Tübingen
Datum
09.05.2019 - 10.05.2019
Von
Thomas Wozniak, Abteilung für Historische Grundwissenschaften und Historische Medienkunde, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München

Innerhalb der Forschungen zur europäischen Universität geraten zunehmend Fragen der strukturellen Rahmenbedingungen im Anschluss an die formalen Gründungsakte in den Fokus, um erfolgreiche mit gescheiterten Gründungen systematisch zu vergleichen. Dabei stellen „Landesuniversitäten“ als bewusste Gründungsakte durch Fürsten sowie städtische Gründungen einen besonderen Fall dar, besonders hinsichtlich der Frage nach dem Umgang mit dem sich in der Gründungsphase häufig wandelnden Finanzbedarf. Daneben bilden die überregionalen Verflechtungen der Gelehrtennetzwerke einen weiteren wichtigen Punkt, der beim Versuch eine neue Universität zu gründen eine wichtige Rolle spielte.

In seiner Einführung bezeichnete CHRISTIAN JÖRG (Tübingen) die „Landesuniversitäten“ Rainer C. Schwinges folgend auch als Universitäten deutschen Typs [1]. Diese ziehen auch abseits der Gründungsjubiläen regelmäßig das Interesse auf sich, da sie Ausbildungsstätten von Beratern für den landesherrlichen Hof, aber auch als wirtschaftliche Faktoren in Städten einen großen Einfluss ausübten. Prestige und Wirken der Universitäten für den gemeinen Nutzen haben immer wieder zu Neugründungen geführt. Aber wie gründet man eigentlich eine Universität? Wieso scheiterten einige Gründungen? Wie gingen die Stifter mit ihren Gründungen um? Fragen aus diesem Umfeld wurden im Rahmen der Tagung wiederholt angesprochen.

Die erste Sektion, die von Regina Keyler (Tübingen) moderiert wurde, war den Gründungsakten und Gründungsphasen gewidmet. Der erste Vortrag von DIETER SPECK (Freiburg) thematisierte die Gründung der Universität Freiburg, besonders die dafür benötigten „Professorentransfers“ von anderen bestehenden Einrichtungen. Bereits kurz nachdem Erzherzog Albrecht VI. in Freiburg eine fromme Stiftung mit Memorialcharakter eingerichtet hatte, kam es mehrfach zu Herrscherwechseln. Schon die Aufnahme des Lehrbetriebs erfolgte unter einem neuen Landesherrn und obwohl die Finanzierung zu Beginn zu wenig gesichert war, versuchte man in Wien, Heidelberg und Erfurt Lehrpersonal zu rekrutieren. Von neuen Statuten, die 1469 eingeführt wurden, konnte im Jahr 2014 eine Abschrift auf dem Antiquitätenmarkt erworben werden. Auf landesherrlichen Befehl wurde 1484 auch in die Inhalte der Lehre eingegriffen, als neben dem via antiqua die via moderna eingeführt wurde.

JULIUS JANSEN (Tübingen) stellte mit einem strukturellen Vergleich die im selben Jahr (1477) erfolgten Gründungen der Universitäten Tübingen und Uppsala gegenüber. Neben den neun Motiven (Ehrgeiz, Prestige, Konkurrenz, Nutzen, Kirchenregiment, Frömmigkeit, Memorialpflege, Bildung, Wirtschaftsaufschwung) [2] führte Jansen noch die territoriale Integrität und Identifikationsstiftung an. Die Vorgeschichte der Universität Uppsala wurde dominiert von einer Krise der Kalmarer Union und der Niederlage Christians I. gegen Reichsverweser Sten Sture, die im Jahr 1471 in der Schlacht von Brunkeberg kulminierte. Dem potentiellen Prestigegewinn, den sich der dänische König Christian I. durch die Gründung einer Universität in Kopenhagen erhoffte, wurde mit der Gründung in Uppsala begegnet, die auch nach dem Kalmarer Rezess von 1483 weiterbestehen durfte. Die Vorgeschichte der Universität Tübingen bedarf zudem einer ergänzenden Neujustierung, denn im Repertorium Germanicum[3] ist eine Supplik Eberhards vom 4. Mai 1474 bekannt geworden.

Im zweiten Teil, der von Birgit Studt (Freiburg) moderiert wurde, ging es um die Universitäten Göttingen und Kiel, deren Frühzeit durch zahlreiche personelle Verbindungen gekennzeichnet ist. In seinem Vortrag beantwortete ARND REITEMEIER (Göttingen) die Frage, wie eigentlich bei einer Universitätsgründung Prestige zu erringen sei: sie müsse, wie in Göttingen 1733, mit einer großen Feier eröffnet werden. Über die Prozession von über 1000 Studierenden, obwohl nur 150 inskribiert waren, berichten zwei aus Helmstedt angereiste Professoren. Eine Schlüsselstellung für das Prestige Göttingens nahm Johann Daniel Gruber ein, der vorrechnete, dass von allen Kurfürstentümern nur Hannover keine Universität besaß und dadurch hohe Kosten durch den Wegzug potentieller Studenten entstünden. Seine überzeugende Argumentation führte dazu, dass im November 1732 ein kaiserliches Gründungsprivileg beantragt wurde. Die Trennung von Universität und Kirche drückte sich darin aus, dass ein Zensurrecht der theologischen Fakultät nicht vorgesehen wurde. Die Scholastik sollte durch neue Fächer wie Europäische Staatslehre, Heraldik oder Geographie überwunden werden. Besonders der Gewinnung von Professoren wurde großer Raum gegeben, daneben aber auch Stall- und Fechtmeister sowie Tanz- und Sprachlehrer verpflichtet. Die Mittel des Landesherrn wurden als regionale Fördermaßnahme auch zur städtischen Infrastrukturentwicklung (Versorgung, Postanbindung, Gasbeleuchtung etc.) genutzt.

SWANTJE PIOTROWSKI (Kiel) konnte ihren Vortrag aus Krankheitsgründen nicht selbst halten, das Manuskript wurde allerdings von Sigrid Hirbodian verlesen. Die 1665 feierlich eröffnete Christiana Albertina sah sich selbst der „reinen evangelischen Wahrheit“ verpflichtet. Bis 1815 waren 185 Professoren (davon 34 außerordentliche) sowie 17 Privatdozenten in Kiel tätig. Neben dem wirtschaftlichen Zusammenbruch aufgrund der Folgen des nordischen Krieges im Jahr 1721 bewirkten die Gründungen in Halle und Göttingen einen großen Konkurrenzdruck. Im Gegensatz zu anderen Universitäten rekrutierte Kiel seine Professoren zu über 50 Prozent aus dem eigenen akademischen Nachwuchs und warb kaum andere Professoren ab. Besonders verbunden war die ausschließlich evangelische Professorenschaft mit Göttingen, fast ein Drittel hatte auch dort studiert, überraschend wenig Beziehungen gab es zum skandinavischen Nachbarn, hier lag der Anteil der dort herstammenden Professoren bei deutlich weniger als zehn Prozent. Bei den als intransparent dargestellten Berufungsvorgängen spielte die Heirat als zentrales Medium des sozialen Aufstiegs eine bedeutende Rolle.

In der zweiten Sektion, moderiert von Steffen Krieb (Mainz), gingen die Vortragenden auf die Strukturen und Voraussetzungen von Universitätsgründungen anhand der Beispiele Trier, Heidelberg, Duisburg und Lüneburg ein. In seinem Vortrag untersuchte STEPHAN LAUX (Trier) die 1473 von Erzbischof Jakob I. von Sierck gegründete Universität Trier bezüglich ihrer strukturellen Voraussetzungen (Köln und Erfurt als Vorbilder für die Statuten) innerhalb eines geistlichen Fürstentums. Als sein Nachfolger, Erzbischof Johann II. von Baden, der kein Interesse an einer Universität hatte, das Gründungsrecht an die Stadt verkaufte, bestand aufgrund der hohen finanziellen Belastung für den Stadthaushalt lange die Gefahr einer Fehlgründung. Laux betonte, dass die Quellensituation für Trier aufgrund des Fehlens eines Universitätsarchivs sehr schlecht sei, selbst die Matrikel sind nur fragmentarisch überliefert. Eine strukturelle Zäsur stellt das Jahr 1561 dar, als Jesuiten die theologische und philosophische Fakultät neu aufbauten. Erst ab den 1760er-Jahren wurde das jesuitische Bildungsmonopol ausgehöhlt und der Wissenschaftsbetrieb säkularisiert.

Die Finanzierungsprozesse in der Gründungsphase analysierte FLORIAN SCHREIBER (Heidelberg) am Beispiel der im Vergleich zu gescheiterten Gründungen (Würzburg, Breslau, Lüneburg) erfolgreichen Universität Heidelberg (1386–1413). Heidelberg profitierte einerseits von Gelehrten, die aus den Universitäten Paris und in Prag vertrieben wurden, andererseits von Privilegien, deren wichtigstes sicher die Abgabenfreiheit war, aber auch die durch Weinverkauf finanzierten Bursen. Neben die wiederholten, aber eher sporadischen, finanziellen Zuschüsse der Kurfürsten traten großzügige Schenkungen. Ruprecht II. vertrieb die jüdische Gemeinde und vermachte die Gebäude und Grundstücke der Universität. Als wichtigste regelmäßige Einnahme, die ein Drittel der Kosten deckte, wurden die Rheinzölle zu Bacharach und Kaiserswerth erworben, weiterhin verschiedene Wein- und Kornzehnte sowie Pfarreieinkünfte. Mit der Schaffung des Heiliggeiststiftes 1400 wurden die Einkünfte zusammengefasst und über einen festen Verteilschlüssel organisiert (Ordo rotuli).

Einen bisher wenig beachteten Versuch Herzog Wilhelms V. von Jülich-Kleve-Berg nach den Vorbildern Heidelberg, Ingolstadt und Freiburg in Duisburg eine Universität zu gründen (1555–1566), stellte CHRISTIAN JÖRG (Tübingen) vor. Zentrale Person der Beantragung beim Papst war der sprachbegabte Humanist und erfahrene Gesandte Andreas Masius, über dessen Verhandlungen überraschend detaillierte Quellen erhalten sind. Finanziert werden sollte die Universität über die geistlichen Institutionen und durch die Einziehung des Vermögens aller Laienbruderschaften. Die Verhandlungen 1555 mit dem als „Hardliner“ bekannten 79-jährigen Papst Paul IV. entwickelten sich entgegen den Erwartungen zunächst gut, da dieser 42 Jahre zuvor vom Vater des Herzogs während einer Pilgerreise gut aufgenommen worden war. Die unglückliche Verbindung mit einer theologischen Frage (Laienkelch) verzögert alles Weitere jedoch um Jahre. Der unerfahrene Georg Gogreve schickte 1560 die Originalsupplik zum Herzog, statt mit ihrer Hilfe eine Bulle ausfertigen zu lassen, was letztlich erst 1561 geschah. Da der Herzog unter Häresieverdacht geriet, wurden bald alle Bullen kassiert. Auch als 1566 schließlich sowohl die päpstlichen wie die kaiserlichen Bestätigungen vorlagen, wurde auf eine tatsächliche Gründung verzichtet, zumal 1559 ein städtisches Gymnasium errichtet worden war. Zur Universitätsgründung kam es erst 1655.

Für seinen Vortrag zum Gründungsversuch einer Universität in Lüneburg konnte JÖRG VOIGT (Rom) nur auf wenige Quellen zurückgreifen. Den größeren Rahmen bildete der „Lüneburger Prälatenkrieg“, ein mit allen juristischen Mitteln ausgefochtener Konflikt zwischen der Stadt und dort begüterten Geistlichen, in dessen Folge die Stadt mehrfach mit Reichacht und Bann belegt wurde. 1471 bat man den Kaiser um verschiedene Privilegien, wie die Absolvierung von allen Achturteilen und das Zollerhebungsrecht am Fluss Ilmenau, aber auch darum, eine „Perle der Wissenschaft zu erwerben“, also eine Universität gründen zu dürfen. Daneben sind Suppliken an Papst Sixtus IV. überliefert, mit denen um das Recht neben einer juristischen Fakultät alle anderen Fakultäten einrichten zu können (1478) oder das Recht akademische Abschlüsse verleihen zu dürfen (1479), anfragte. Trotzdem kam es im sich selbst als Reichsstadt verstehenden Lüneburg zu keiner Universitätsgründung, vermutlich auch, weil die Rolle des Landesherren trotz des hohen städtischen Selbstbewusstseins zunahm.

In der Abschlussdiskussion wurde auf die sehr ungleiche Quellenlage je nach Universität hingewiesen, die es für einen sauberen Vergleich zu beachten gilt. Eine besondere Quellengruppe bilden die Suppliken an den Papst, die bei mehreren Gründungen auffällige Überschneidungen zeigten. Den Editionsvorhaben im Rahmen des Repertorium Germanicum[4] sowie des Repertorium Academicum Germanicum[5] kommt damit eine besondere Rolle zu. Um die bei dieser Tagung entstandenen Impulse und Ergebnisse weiteren Kreisen zugänglich zu machen, sollen die Vorträge zeitnah in der Reihe Contubernium – Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte veröffentlicht werden.

Konferenzübersicht:

Sektion I. Gründungsakt und Gründungsphase
Moderation: Regina Keyler (Tübingen)

Begrüßung und Einführung in das Tagungsthema: Sigrid Hirbodian (Tübingen) / Christian Jörg (Tübingen): Einführung

Dieter Speck (Freiburg): Landesfürst und Professorentransfer in der Frühzeit der Universität Freiburg

Julius Jansen (Tübingen): Gründungsphasen im späten 15. Jahrhundert. Die Universitäten Tübingen und Uppsala im Vergleich

Moderation: Birgit Studt (Freiburg)

Arnd Reitemeier (Göttingen): Zwischen Aufklärung und Prestige des Landes: Zur Gründung der Universität Göttingen

Swantje Piotrowski (Kiel): „Zur Ehre Gottes, zur Pflege der Wissenschaft und zum gemeinen Besten". Die Gründung der Christiana Albertina und die ersten Gelehrtennetzwerke zwischen Kiel und Göttingen

Sektion II: Zwischen Erfolg und Scheitern. Strukturen und Voraussetzungen
Moderation: Steffen Krieb (Mainz)

Stephan Laux (Trier): Die Universität Trier in der Frühen Neuzeit. Strukturelle Voraussetzungen einer Landesuniversität im geistlichen Staat

Florian Schreiber (Heidelberg): Mit viele gaben und gnaden begabet. Finanzierungsprozesse in der Gründungsphase der Universität Heidelberg (1386–1413)

Christian Jörg (Tübingen): Rahmenbedingungen und Schwierigkeiten einer Universitätsgründung. Andreas Masius und der erste Gründungsversuch in Duisburg (1555–1566)

Moderation: Jörg Peltzer (Heidelberg)

Jörg Voigt (DHI Rom): Der Gründungsversuch einer Universität in Lüneburg

Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] Vgl. Rainer Christoph Schwinges, Studenten und Gelehrte. Studien zur Sozial- und Kulturgeschichte deutscher Universitäten im Mittelalter, Leiden-Boston 2008, S. 162.
[2] Vgl. Tao Zhang, Fehlgründungen von Universitäten im Spätmittelalter, Heidelberg 2010, S. 347, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/volltexte/2010/11054/ (24.05.2019).
[3] Romana Repertoria, http://www.romana-repertoria.net/index_rro.html (14.05.2019).
[4] Repertorium Germanicum, http://dhi-roma.it/index.php?id=rep_germ (14.05.2019).
[5] Repertorium Academicum Germanicum, online: https://rag-online.org/ (14.05.2019).

Zitation
Tagungsbericht: Gründungsphasen zwischen Erfolg und Scheitern. Rahmenbedingungen von Universitätsgründungen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, 09.05.2019 – 10.05.2019 Tübingen, in: H-Soz-Kult, 31.05.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8299>.
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Veröffentlicht am
31.05.2019
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