Chancen und Herausforderungen kultureller Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Ort
Bamberg
Veranstalter
WegE-Teilprojekt KulturPLUS, (Qualitätsoffensive Lehrerbildung)
Datum
14.03.2019 - 15.03.2019
Von
Benjamin Bauer / Katharina Beuter, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Geisteswissenschaften spielen in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung gerade angesichts zunehmender kultureller Heterogenität in Klassenzimmern eine herausragende Rolle. Die Potenziale und Herausforderungen einer „Kulturellen Lehrerinnen- und Lehrerbildung“ im Austausch zwischen geistes- und kulturwissenschaftlichen Fachwissenschaften und Fachdidaktiken sowie kulturbezogen forschenden Bildungswissenschaften standen im Mittelpunkt der Tagung.

Die interdisziplinär ausgerichtete Tagung veranschaulichte die Vielgestaltigkeit des Forschungs- und Professionalisierungsfeldes "Kulturelle Lehrerinnen- und Lehrerbildung" sowohl auf personaler wie auch auf wissenschaftlicher Ebene. Daran zeigte sich, dass das Anliegen einer Stärkung kultursensibler Lehrerinnen- und Lehrerbildung von einer breit aufgestellten community getragen wird, die jedoch in dieser, in der Bamberger Tagung zur Geltung kommenden Interdisziplinarität bislang kaum im Austausch gestanden hat. Insgesamt adressierte die Veranstaltung zentrale Anliegen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung wie eine Profilierung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung an den Hochschulen, eine Auseinandersetzung mit Fragen von Heterogenität und Inklusion sowie insbesondere eine stärkere Verzahnung der Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften.

Angesichts der Ausdifferenzierung der Fächer im Gefolge des cultural turn sei es in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung notwendig, transdisziplinäre Kooperationen anzubahnen und Potenziale aus den geschaffenen Verbindungen zu schöpfen, argumentierten SABINE VOGT und KONSTANTIN LINDNER (beide Bamberg), die beiden Sprecher von KulturPLUS, einem Teilprojekt des von der Qualitätsoffensive Lehrerbildung geförderten Projekts WegE an der Universität Bamberg, in ihrem Eröffnungsbeitrag. In diesem Prozess Ambiguitäten auszuhalten und das Potenzial der Geisteswissenschaften auch gegen Widerstände gesellschaftlich zu nutzen, dazu ermutigte die Literatin NORA GOMRINGER (Bamberg) zu Beginn der Tagung in ihrer ausdrucksstarken Lecture-Performance: „Wir sprechen gefährlich mehrdeutig“, erinnerte die Bachmann-Preisträgerin die Tagungsteilnehmenden.

Insbesondere die disziplinäre „Mehrsprachigkeit“ stellte eine bereichernde Herausforderung für die Kommunikation und den fächerübergreifenden Austausch zu Fragen und Lösungsansätzen einer kulturbezogenen Lehrerinnen- und Lehrerbildung dar. Die thematisch strukturierten Sessions und Foren wurden interdisziplinär getragen. Neben grundsätzlichen kulturtheoretischen Verortungen stand die Anbahnung eines professionellen Umgangs mit kultureller Heterogenität im Klassenzimmer als Potenzial, Aufgabe und Herausforderung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung im Vordergrund. Aber auch in Sessions zu kultureller Bildung an außerschulischen Lernorten, der Schule als kulturellem und zur Kultur hinführendem Ort sowie zur Praxis kulturbezogener Lehrerinnen- und Lehrerbildung präsentierten und diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fächerübergreifend ihre Ansätze und Forschungsergebnisse. Viele Tagungsbeiträge zeugten von einem großen Interesse an Fragen sprachlich-kultureller Bildung im Angesicht zunehmender Heterogenität in den Klassenzimmern und problematisierten zugleich die Reduktion von Kultur und Pluralität auf Migrationskontexte.

Der Erziehungswissenschaftler JOHANNES BILSTEIN (Essen) thematisierte in seiner Keynote die Problematik des Kulturbegriffs selbst: So beinhalte der Containerbegriff oft gleichzeitig Aspekte von Selektion, Abgrenzung und Diversifizierung, von Hochkultur ebenso wie von allgemeiner Lebensart und eröffne damit insbesondere für Lehrerinnen- und Lehrerbildung Spannungsfelder. Bilstein plädierte für eine neue Schärfung des Kulturbegriffs unter Fokussierung auf Intentionen kultureller Bildung, wie beispielsweise Qualifikation, Enkulturation und Bildungsgerechtigkeit, Freude und Sinn, aber auch Irritation. Wo verschiedene Modi der Welterfahrung in Austausch treten, sind Irritationen zu erwarten, die jedoch für schulische Bildungsprozesse durchaus fruchtbar gemacht werden können.

Der Literaturwissenschaftler und Fachdidaktiker MICHAEL KÄMPER-VAN DEN BOOGAART (Berlin) betonte in seiner Keynote einmal mehr das Bildungspotenzial, das in einer Vernetzung der Disziplinen des geisteswissenschaftlichen Fächerkanons, vor allem auch im Bereich der Lehre, liege. Unter Rekurs auf die Geschichte der universitären Lehrerinnen- und Lehrerbildung charakterisierte er diesbezügliche Stärken der Geisteswissenschaften und ihre Relevanz im Rahmen von (schulischen) Bildungsprozessen.

Zum Abschluss der Tagung verwies die Sprecherin des Bamberger WegE-Projekts ANNETTE SCHEUNPFLUG (Bamberg) auf die enkulturierende Aufgabe von Schule im Angesicht einer wahrgenommenen Unschärfe von Kultur. Eine metareflexive kulturbezogene Bildung von (angehenden) Lehrkräften sei vor diesem Hintergrund zwingend notwendig, um einen kompetenten Umgang mit kultureller Heterogenität anzubahnen und einem essentialistischen Verständnis von Kultur vorzubeugen.

Ganz in diesem Sinne ist das Ergebnis der international besuchten Tagung der Universität Bamberg zu deuten, die durch das interdisziplinäre Ausloten verschiedener Lesarten und Geltungsbedingungen kultureller Bildung einen möglichen Weg zur Weiterentwicklung einer kulturellen Lehrerinnen- und Lehrerbildung initiierte. Der Weg, das zeigte die Tagung allerdings auch, wird durch disziplinäre Grenzen auch mit einigen Hürden gesäumt sein.

Konferenzübersicht:

Sabine Vogt, Konstantin Lindner (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Eröffnung

Nora Gomringer (Villa Concordia, Bamberg): "Kultur(en) vermitteln". Lecture Performance

Session: Kulturtheoretische Verortungen kultureller Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Sandra Frey (Europa-Universität Flensburg): Philosophie der Bildung und Philosophische Bildung. Wesentliche Elemente einer modernen Philosophie der Bildung und deren Relevanz für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Peter W. Schatt (Folkwang Universität der Künste): "turn"-Übungen? Perspektiven für eine kulturwissenschaftliche Ausrichtung des Lehramtsstudiums am Beispiel der Musikpädagogik

Christian Sinn (Pädagogische Hochschule St. Gallen): Kulturwissenschaft als Beitrag zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung? Versuch, den philosophischen Humor in Schulen und Hochschulen zu befördern

Session: Grundlegende Referenzen kultureller Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Sabine Anselm (Ludwig-Maximilians-Universität München), Sieglinde Grimm (Universität zu Köln), Berbeli Wanning (Universität Siegen): Werte im Deutschunterricht: Themenorientierte Literaturdidaktik (TOLD) als Prinzip einer kulturellen Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Janosch Freuding (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Sensibilisierung für Othering-Prozesse als Aufgabe kultureller Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Judith Rauscher (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): "deutschland im herbst / mir graut vor dem winter": Teaching Comparative Cultural Studies Courses on Race in Germany

Session: Objektbezogene Kompetenzen im Rahmen kultureller Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Adrianna Hlukhovych (Otto-Friedrich-Universität Bamberg):Kulturelle Biographien der Dinge: Beitrag materieller Kulturen zum schulischen Heterogenitäts- und Inklusionsdiskurs

Eveliina Juntunen (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Bildkritik- und Bildinterpretationsfähigkeit als Grundkompetenz von Lehrkräften. Kunstgeschichte und ihr Beitrag zur kulturellen Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Benjamin Bauer (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Lehrerinnen und Lehrer machen Schulbücher. Zur fachlichen Einstellung von Lehrkräften und ihren Eingriffen in Schulgeschichtsbücher

_Session: Sprachliche Diversität und ihre Implikationen für kulturelle Bildung:

Katharina Beuter (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Translanguaging made transparent: Zum inklusiven Potential von Linguae francae für sprachlich-kulturelle Bildung

Julia Podelo (Julius-Maximilians-Universität Würzburg):"Mehrsprachigkeit ist nicht das Gegenteil von Einsprachigkeit". Diversität sprachlicher Vielfalt

Renata Szczepaniak, Annika Vieregge (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Sprachliche Formen als kulturelle Marker – metasprachliches Wissen in der Schule

Session: Heterogenität als Herausforderung für kulturelle Bildung

Anja Bossen (Universität Potsdam): Musikalische Bildung im Spiegel sprachlicher Heterogenität

Kristina Krieger-Laude (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn): Das literarische Unterrichtsgespräch als Möglichkeit zur Verhandlung von Irritationsmomenten bei der Rezeption interkultureller Literatur

Judith Leiß (Universität zu Köln): Balance zwischen Dramatisierung und Entdramatisierung als Orientierungsnorm für die Inszenierung kulturellen Lernens im inklusiven Literaturunterricht

Forums-Intro

Jana Costa (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Kulturbezogene Aktivitäten von angehenden Lehrkräften

Foren

Detlef Goller (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Kult(o)ur für die Schule: Das Bamberger Projekt "MimaSch" ("Mittelalter macht Schule")

Julia Henningsen (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Schulbuch als Mikrokosmos globaler Diskurse – am Beispiel des "Kursbuchs Religion"

Martina Ide (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel): Bilder in sozialen Medien – Kulturelle Bildung in der universitären Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Roland Ißler (Universität Duisburg-Essen): Kulturelle Bildung als Querschnittsaufgabe in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. Zum Potential des Fächerdialogs für eine bildungsorientierte Fremdsprachendidaktik

Julia Köhler (Universität Wien): Konzept zur kulturellen Bildung in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Michael Wimmer (EDUCULT, Wien): Kulturelle Lehrerinnen- und Lehrerbildung: Auf der Suche nach "Spezialisten der Entspezialisierung"

Keynote

Johannes Bilstein (Folkwang Universität der Künste): Kulturelle Lehrerinnen- und Lehrerbildung. Bildungswissenschaftliche Erfordernisse und Perspektiven

Session: Außerschulische Lernorte und kulturelle Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Ina Brendel-Perpina (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt): Leseclubs als kulturelles Bildungsangebot: Literaturpädagogische Qualifizierung im Lehramtsstudium

Ulrike Greiner (Paris Lodron Universität Salzburg): Literarisches Wissen schafft Raum: Ein "third space" in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Magdalena Michalak, Gesa Büchert (Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg): Mehrsprachige und transkulturelle Zugänge zur Geschichte

Session: Interkulturelle Pädagogik

Mishela Ivanova (Universität Innsbruck): Pädagogische Zugänge im Umgang mit kultureller Heterogenität

Manfred Oberlechner (Pädagogische Hochschule Salzburg): Kulturelle Bildung in der österreichischen Lehrerinnen- und Lehrerbildung am Beispiel der Migrationspädagogik

Gülsen Sevdiren (Technische Universität Dortmund): Migrationsbedingte kulturelle Vielfalt. (K)Eine Herausforderung für die Hochschullehre?

Session: Schul- und Unterrichtskulturen

Olivier Blanchard (Pädagogische Hochschule Freiburg): Die Herstellung kultureller Differenzen im Musikunterricht. Ein Blick auf unterrichtliche Praktiken als Beitrag für eine kultursensible Pädagogik

Leopold Klepacki (Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg): Kulturelle Lehrerinnen- und Lehrerbildung aus allgemeinpädagogisch-praxeologischer Perspektive – oder: die Schule als originärer Kulturort und als Bezugshorizont der Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Evelina Winter, Magdalena Michalak (Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg): "Und Sachen pünktlich abzugeben…". Wahrnehmung von kulturell geprägten schulischen Erfahrungen

Session: Praxis kultureller Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Brigitta Barandun (Kalaidos Fachhochschule Schweiz): "Wie Begeisterung sich zeigt". Eine empirische Studie zum Enthusiasmus der Lehrkraft

Maxi Kupetz, Elena Becker (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg): Professionalisierung für den Umgang mit kultureller Vielfalt durch gesprächsanalytische Fallarbeit im Lehramtsstudium

Lisa Otto, Judith Stander-Dulisch (Ruhr-Universität Bochum): Das lehrerbildende Modul "Sprachförderung und Transkulturelle Sensibilität" – Herausforderungen und Potentiale

Keynote

Michael Kämper-van den Boogaart (Humboldt-Universität zu Berlin): Geisteswissenschaftliche Lehrerinnen- und Lehrerbildung als Befähigung zur Kultur(en)erschließung angesichts kultureller Vielfalt

Fazit

Annette Scheunpflug (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): Herausforderung "Kulturelle Lehrerinnen- und Lehrerbildung". Konzeptionelle und forschungsbezogene Impulse

Zitation
Tagungsbericht: Chancen und Herausforderungen kultureller Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 14.03.2019 – 15.03.2019 Bamberg, in: H-Soz-Kult, 15.06.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8306>.
Redaktion
Veröffentlicht am
15.06.2019
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