Neue Forschungen zu hagiographischen Fragen

Ort
Stuttgart
Veranstalter
Arbeitskreis für hagiographische Fragen; Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Datum
11.04.2019 - 13.04.2019
Von
Annika Zöll, Katholisch-Theologische Fakultät, Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn

Die diesjährige Tagung des „Arbeitskreises für hagiographische Fragen“ bot zahlreichen vor allem jungen Forscher/innen die Möglichkeit, ihre Dissertationsprojekte vorzustellen und in einem fachkundigen sowie interdisziplinären Rahmen zu diskutieren. Dank der vielfältigen Beiträge war es möglich, hagiographische Texte und Problemkonstellationen von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit abzudecken und so einen allgemeinen Überblick über hagiographische Fragestellungen zu geben. Im Mittelpunkt der Tagung standen neben Einzelstudien mit konkreten Fragen zu verschiedenen hagiographischen Quellen auch übergreifende, interdisziplinäre Forschungsprojekte von Forschungsgruppen zur Hagiographie im Mittelalter.

Nach einer herzlichen Begrüßung der fast 30 Teilnehmer/innen durch die Tagungsleitung eröffnete Frau DANIELA BIANCA HOFFMANN (Dresden) die Tagung mit einem Einblick in ihr Forschungsvorhaben zu Mönch- und Bischofsidealen, indem sie beispielhaft drei kartäusische Mönchsbischöfe aus dem 12. Jahrhundert anhand ihrer Viten vorstellte. Hofmann hob den scheinbaren Gegensatz zwischen den Lebensentwürfen von Kartäusermönchen und Bischöfen hervor und unterstrich den daraus resultierenden Legitimationsbedarf. Hierbei, so ihre Beobachtung, musste nicht nur das Verhältnis von vita activa und vita contemplativa, sondern auch die Frage nach der Wahrung monastischer Tugenden wie Armut und Demut ausgehandelt werden. Die Verhältnisbestimmung dieser beiden Lebensentwürfe mit ihren unterschiedlichen Anforderungen, so zeigte Hoffmann auf, konnten von der Betonung einer der beiden Seiten bis hin zu einer Vermischung beider variieren.

ANDREAS HAMMER (Köln), STEPHANIE SEIDL (Stuttgart) und JULIA WEITBRECHT (Frankfurt am Main) zum Ende des ersten Tagungstages einen resümierenden Bericht aus dem DFG-Netzwerk „Legendarisches Erzählen im Mittelalter. Formen, Funktionen und Kontexte der deutschsprachigen Heiligenerzählung“ (2015–2018). Ziel des DFG-Projekts war die Beschreibung der historischen Konjunkturen, Gleichzeitigkeiten und Überlagerungen unterschiedlicher Heiligkeitsmodelle, die in hagiographischen bzw. legendarisch erzählenden Texten erkennbar sind. Beispielhaft nahmen die Vortragenden die Viten Ulrichs von Augsburg und die Hauptviten Elisabeths von Thüringen in den Blick.

Den zweiten Tagungstag eröffnete MARIEKE NEUBURG (Düsseldorf) mit einem Vortrag zur Fassung B der Vita sanctae Geretrudis und ihrer Verbreitung. Die Vita der heiligen Gertrud von Nivelles (†659), erste Äbtissin des im heutigen Belgien gelegenen Doppelklosters Nivelles, hat über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche Erweiterungen und Umformungen erfahren, sodass heute insgesamt vier Versionen der eigentlichen Lebensbeschreibung überliefert sind. Die von Neuburg im Rahmen ihrer Masterarbeit untersuchte Fassung B konnte sie plausibel ins 11. Jahrhundert datieren und anhand der Klostergeschichte Nivelles aufzeigen, dass die Vita B vermutlich in Nivelles selbst entstanden ist.

Auch der anschließende Vortrag von PHILIPP STENZIG (Düsseldorf) beschäftigte sich mit Fragen der Datierung. Anhand der kaum beachteten Bischofsvita des Sollemnis von Chartres aus dem 8. Jahrhundert stützte Stenzig die Hypothese einer späten Datierung der Taufe Chlodwigs I. Die Vita sancti Sollemnis stelle ein von der Vita Remigii völlig unabhängiges Zeugnis zur Vorgeschichte der Bekehrung des Königs dar, indem sie bereits im 8. Jahrhundert die Berufung auf eine lokale Chlodwigstradition zum identitäts- und legitimationsstiftenden Faktor der diözesanen Hagiographie in Chartres stilisiere. In den ältesten Handschriften der Sollemnis-Vita werden nun, im Unterschied zur Vita Remigii, die Goten anstelle der Alamanen als Gegner Chlodwigs in der entscheidenden Schlacht genannt. Chlodwigs Feldzug gegen die Alamannen lasse sich ins Jahr 507 datieren, die Hypothese einer Taufe im Jahre 507 oder 508 werde so plausibel.

Eine weitere hagiographische Handschriftengruppe stellte ASTRID KRÜGER (Frankfurt am Main) vor. In ihrem Forschungsprojekt sollen alle bekannten Überlieferungen der Bartholomäuspassio (BHL 1002) verglichen und miteinander in Beziehung gesetzt werden, sodass sich bestimmte Überlieferungswege der Legende aufzeigen lassen. Zunächst soll das Vorhaben auf die Handschriften des 8.–10. Jahrhunderts beschränkt werden, sodass alle 20 Handschriften einbezogen werden können.

Einen intersdisziplinären Exkurs ermöglichte FLORIAN M. SCHMID (Greifswald) den Tagungsteilnehmer/innen, indem er aus seiner philologischen Beschäftigung mit der Weltchronik Heinrichs von München heraus hagiographische Elemente bzw. Formen literarischen Erzählens vorstellte. Ausgehend von Episoden um Karl den Großen konnte Schmid aufzeigen, wie Geschichte und Heiligkeit über Quellenauswahl und -umgang, Dramatisierung des Textes über inserierte Figurenrede und Arten des vermittelten Wissens konstruiert, narrativ gestaltet und plausibilisiert werden. Wörtliche Figurenrede versuche, den Effekt einer Präsenz Gottes herzustellen und ermögliche es zudem, Gott vermittelt sprechen zu lassen. Verwiesen sei damit schließlich auf eine Form der legendenhaften Medialität der ‚Weltchronik‘, der zufolge über Rezeption Heilsteilhabe ermöglicht werden könne.

Mit dem Vortrag GABRIELA SIGNORIs (Konstanz) wandte sich die Tagung einem speziellen Heiligentypus und seiner Konstruktion zu: Signori beleuchtete die spezifische Schwierigkeit der dominikanischen Hagiographie, aus dem Intellektuellen Thomas von Aquin einen Heiligen zu machen. Im 14. Jahrhundert, in dem die mystischen, individualistischen Strömungen im Christentum immer stärker wurden, habe das Vorhaben der Dominikaner 1319 wenig Aussicht auf Erfolg gehabt. Gelungen sei die Heiligsprechung erst durch eine Kombination von Intellektualität und Sanctus Vivus.

MONIKA GERUNDT (Gießen) stellte in ihrem anschließenden Vortrag Berichte über Heilige vor, die nicht durch einen bestimmten Typus zusammengefasst werden können, sondern durch den Beginn ihrer Verehrung – durch Auffindung der Reliquien. Die inventiones reliquiarum, beginnend mit der inventio und translatio der Gebeine der Märtyrer Protasius und Gervasius durch Bischof Ambrosius von Mailand im Jahr 386, wurden auch im Westen des Reiches im Laufe des Mittelalters immer häufiger erzählt und prägten so den Heiligen- und Reliquienkult enorm. In ihrem Dissertationsprojekt wird sich Monika Gerundt mit literarischen Topoi und Motiven der inventiones reliquiarum im karolingisch-fränkischen Herrschaftsgebiet sowie bei den Angelsachsen im Frühmittelalter bis ins 13. Jahrhundert beschäftigen.

MATTHIAS KLOFT (Limburg) widmete sich in seinem Vortrag den Reliquien des Heiligen Petrus. Er konnte aufzeigen, dass trotz eines wohl schon früh geltenden Verbots, Reliquien aus den Petrus- und Paulus-Gräbern zu entnehmen, zahlreiche Petrusreliquien existieren. Neben einzelnen Körperreliquien, die Kloft als ursprünglich anderen Petri zugehörend nicht weiter untersuchte, zeigte er die Kreativität und Vielzahl an Sekundärreliquien auf, die dem Petrus zugeordnet wurden.

Den zweiten Tagungstag beschloss der Vortrag ROLAND SCHNABELs (Bamberg), der sich mit christlichen Mohammendviten aus dem 8. bis 14. Jahrhundert beschäftigte und der Frage nachging, ob diese als Antihagiographie oder Medium innerkirchlicher Auseinandersetzung verstanden werden sollten. Schnabel möchte die Texte weder als authentisches zeitgenössisches Abbild des Wissens über Mohammed noch als bloße Polemik oder Fantasie in Gegenüberstellung zu christlichen Idealen verstanden wissen. Stattdessen konnte er anhand einiger ausgewählter Beispiele zeigen, dass diese Texte als Stellungnahmen zu diversen innerkirchlichen Konflikten wie der Rolle des Königs, der Bedeutung von Wundern etc. gelesen werden können.

Den dritten Tagungstag eröffneten DIARMUND Ó RIAIN (Wien) und VERONIKA WIESER (Wien) mit der Vorstellung ihres Buches „Medieval Biographical Collections: Perspectives from Buddhist, Christian and Islamic Worlds“, welches aus dem Projekt Visions of Community. Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism (400–1600 CE) hervorgegangen ist. Anhand zweier Beispiele, dem Schriftkorpus zur Geschichte Salzburgs aus dem Stift Admont und der Fortsetzung des Katalogs De viris illustribus durch Gennadius von Marseille, stellten die Vortragenden heraus, dass Schreiber, Kopisten und Autoren ihrem Leben einen neuen, einen tieferen Sinn gaben, indem sie ihre Texte in einen größeren sozialen und geschichtlichen Kontext einordneten.

Mit LEONARD HORSCH (München) wandte sich die Tagung der humanistisch geprägten Hagiographie zu. Horsch stellte den Tagungsteilnehmer/innen die unveröffentlichten Version der Vita der Stadtpatrone von Feltre Vittore und Corona (Walters Art Museum, Baltimore MD, ms. W 393) vor. Sie wurde von einem der bedeutenderen Vertreter des venezianischen Humanismus, Ludovico Foscarini (1409–1480), während seiner Amtszeit als Podestà von Feltre 1439/40 verfasst. Horsch legte in seinem Vortrag dar, dass Foscarini als Autor und vermutlich auch seine humanistischen Zeitgenossen Hagio- und Historiographie als zwei gleichrangige Geschichten von exempla virtutis behandelten. Dies werde deutlich durch den Überlieferungskontext in einem Kodex mit spätrömischer Reichsgeschichte und dem Einfügen zahlreicher Beispiele berühmter griechischer und altrömischer Tugendhelden im Mirakel und Martyriumsteil der Vita.

MARIE GUTHMÜLLER (Brüssel) schloss die Tagung mit ihrem Vortrag zum Zusammenhang zwischen Hagiographie und dem Wissen von Seele und Psyche im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Da nach dem gegenreformatorisch geprägten Konzil von Trient zur Heiligsprechung der Nachweis moralischer Vorbildhaftigkeit und Wunder zu Lebzeiten und nach dem Tod erbracht werden musste, rückten autobiographische Berichte der Heiligen selbst, so Guthmüller, in den Vordergrund hagiographischer Texte. Bei diesen Erzählungen, die sich an der Schnittstelle von Hagiographie und spiritueller Autobiographie bewegen, setze das Projekt an. Es frage nicht nur danach, wie übernatürliche Erlebnisse der servi dei in den Selbst- und Fremdbeschreibungen als solche bezeugt werden, sondern nehme die Narrative, die den inneren Weg des Heiligen nachzeichnen, zugleich als Ausgangspunkt für eine Analyse der sich wandelnden Begriffe der Seele und der Seelenwissenschaften im Kontext der Gegenreformation.

Konferenzübersicht:

Daniela Bianca Hoffmann (Dresden): Heilige Mönche im Spiegel ihrer Viten. Zu Diskursen über die Vereinbarkeit von Mönchs- und Bischofsideal am Beispiel der Kartäuser

Andreas Hammer (Köln), Stephanie Seidl (Stuttgart), Julia Weitbrecht (Frankfurt am Main): Legendarisches Erzählen. Optionen und Modelle in Spätantike und Mittelalter

Marieke Neuburg (Düsseldorf): Die Fassung B der Vita sanctae Geretrudis und ihre Verbreitung

Philipp Stenzig (Düsseldorf): Vita sancti Sollemnis episcopi Carnoteni. Chlodwigs Taufe aus anderer Sicht

Astrid Krüger (Frankfurt am Main): Die Entwicklung der Passio sancti Bartholomei (BHL 1002) im 8. und 9. Jahrhundert

Florian M. Schmid (Greifswald): Konfigurationen von Stimme und Heiligkeit. Karl der Große, der Engel und die Weltchronik Heinrichs von München

Gabriela Signori (Konstanz): Die causa scientiae. Thomas von Aquin und die Schwierigkeit, aus einem Intellektuellen einen Heiligen zu machen

Monika Gerundt (Gießen): Inventiones reliquiarum

Matthias Kloft (Limburg): Zwischen Thron und Hasenfuß. Reliquien des Apostelfürsten als Ausdeutung des Amtes in Mittelalter und früher Neuzeit

Roland Schnabel (Bamberg): Anti-Hagiographie oder Medium innerkirchlicher Auseinandersetzung? Christliche Mohammedviten des Hochmittelalters

Diarmund Ó Riain (Wien), Veronika Wieser (Wien): Medieval Biographical Collections. De episcopis Salisburgendibus. Stift Admont als Werkstatt der Geschichte Salzburgs. Schriftstellerkataloge in der Spätantike. Gennadius Fortsetzung von De viris illustribus

Leonard Horsch (München): Humanistische Hagiographie und venezianische Herrschaft auf dem Festland. Die Vita der heiligen Vittore und Corona von Feltre des Ludovico Foscarini (ca. 1440)

Marie Guthmüller (Brüssel): L'âme des saints. Hagiographie, spirituelle Autobiographie und das Wissen von Seele und Psyche im 17. Jahrhundert in Frankreich

Kontakt

geschichte@akademie-rs.de

Zitation
Tagungsbericht: Neue Forschungen zu hagiographischen Fragen, 11.04.2019 – 13.04.2019 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 18.06.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8321>.