Kleine Fächer – große Wirkung? Wie Museen, Archive und Universitäten erfolgreich kooperieren

Ort
Stuttgart
Veranstalter
Landesmuseum Württemberg Stuttgart; Badisches Landesmuseum, Karlsruhe; Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Universität Freiburg; Instititut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Universität Freiburg; Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Universität Tübingen
Datum
23.05.2019 - 24.05.2019
Von
Beatrix Hoffmann, Universität Bonn

Die Abschlusstagung des von der Landesinitiative Kleine Fächer Baden-Württemberg geförderten Verbundprojektes „Vernetzt lernen, forschen, vermitteln. Eine Kooperation volkskundlicher Sammlungsinstitutionen mit Universitäten“[1] richtete sich an VertreterInnen der sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlichen Kleinen Fächer sowie an alle, die sich für eine Vernetzung von universitären und außeruniversitären Kultur-und Forschungseinrichtungen engagieren. Ziel war die Entwicklung von Ideen und Strategien zur Erhöhung der Sichtbarkeit und stärkeren Vernetzung Kleiner Fächer sowie zur Förderung der Synergiebildung, daher war die Veranstaltung als Plattform für einen fächer- und institutionenübergreifen Austausch konzipiert. Ein Wechsel von Impulsvorträgen und thematisch fokussierten Gesprächsrunden setzte dieses Konzept um.

Ausgehend von den Tagungsergebnissen werden die OrganisatorInnen ein Positionspapier erarbeiten, das sich mit konkreten Vorschlägen für künftige Förder- und Kooperationsformate zur Stärkung Kleiner Fächer an die Landespolitik richten wird. Ausgangspunkt für diese Initiative war der latent gefährdete Bestand Kleiner Fächer, trotz ihrer inhaltlichen Breite, des Potenzials zur Entwicklung innovativer Methoden und zur Vernetzung über disziplinäre, institutionelle und nationale Grenzen hinweg. Da jedoch Kultur- und Bildungsinstitutionen, wie etwa Museen und Archive, auf die Expertisen aus den Kleinen Fächern angewiesen sind, müssen diese in ihrem Bestand gesichert werden. Dafür gilt es neue Förderformate und Strategien einer nachhaltigen strukturellen Verankerung in Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen zu entwickeln.

KATHARINA BAHLMANN (Mainz) führte mit ihrem Eröffnungsvortrag in die Thematik der Kleinen Fächer ein. Sie erläuterte die Definition eines Kleinen Faches, die sich an inhaltlichen und quantitativen Merkmalen orientiert[2]. Im Blick auf die Entwicklung der Kleinen Fächer an deutschen Universitäten konstatierte Bahlmann seit 2007 eine relativ stabile Bestandssituation. In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass sich dies auch der Existenz und dem Engagement der Arbeitsstelle Kleine Fächer verdankt, die bis 2012 an der Universität Potsdam angesiedelt war und sich seither an der Universität Mainz befindet. Projekte, wie die Kartierung der Kleinen Fächer[3] erhöhen deren Sichtbarkeit, machen auf Gefährdungen aufmerksam und schaffen Voraussetzungen für eine gezielte Stärkung.

Den ersten Workshop leiteten drei Impulsvorträge ein, die sich den Themen Forschung und Lehre bzw. Lehr-Forschung im Umfeld der Kleinen Fächern widmeten und deren methodische Stärken herausstellten. Vorgestellt wurden drei Projekte: „Schwieriges Erbe“, eine Kooperation des Linden-Museum Stuttgart und der Universität Tübingen, „Vernetzt lernen, forschen, vermitteln. Eine Kooperation volkskundlicher Sammlungsinstitutionen mit Universitäten“; eine mehrsemestrige Lehr-Forschung an der Goethe-Universität Frankfurt, in deren Rahmen begonnen wurde, die Universitätssammlungen zu erschließen und online zugänglich zu machen. Daraus ging mittlerweile eine dauerhafte Koordinierungsstelle für die Universitätssammlungen hervor. Alle drei Projekte machten die Vorteile sammlungsbasierter Lehr-Forschung deutlich, gaben Einblick in ein breites methodisches Spektrum, das vielfältige Ergebnisse erbrachte: in Frankfurt den Aufbau eines universitätsweiten Sammlungsportals durch Erstellen von Objekterzählungen oder im Projekt „Vernetzt lernen, forschen, vermitteln ...“ eine bi-lokalen Ausstellung und der Relaunch der Website „Forum für Alltagskultur“ [4]. Im Blick auf häufig prekäre Finanzierungen betonte JUDITH BLUME (Frankfurt a. M.), dass bereits mit geringen Mitteln Projekte angeschoben werden können und bei Erfolg durchaus die Chance auf eine Verstetigung ihrer Finanzierung haben.

Der Workshop wurde in thematischen Fokusgruppen fortgesetzt. Die Gespräche zur Forschung in Museen und an Sammlungen moderierten BRIGITTE HECK (Karlsruhe) und REINHARD JOHLER (Tübingen). Es wurde nach Erfahrungen mit Forschungsverbünden gefragt sowie nach deren Herausforderungen und Chancen. Kleine Fächer seien an vielen Forschungsverbünden maßgeblich und manchmal ausschließlich beteiligt, wobei die Suche nach geeigneten Partnern oftmals schwierig ist. Hilfreich sind dabei informelle Kontakte über längere Zeit bereits vor der eigentlichen Antragstellung. Kooperationsverträge zwischen Partnern trügen zu erfolgreichen Projektverläufen bei, schaffen Synergien und ermöglichen effektive Ressourcennutzung, etwa bei der Schaffung gemeinsamer Stellen oder anderer Infrastrukturen. An die Förderpolitik richteten sich Wünsche nach einer Erweiterung der Förderlandschaft und -instrumente (u. a. Anschubfinanzierung für die bottom-up-Entwicklung partizipativer Projekte), der Erleichterung des Mittelzugangs (z. B. für Institutionen mit geringer Personalausstattung), kontinuierlichere Forschungsbedingungen durch Verlängerung von Projektlaufzeiten (5–7 Jahre, statt 2–3) und der Flexibilisierung des Mitteleinsatzes (Umwidmung, Stellenschaffung) als Voraussetzungen, um Konkurrenzsituationen zwischen Kleinen Fächern zu vermeiden und ihre Vernetzung zu fördern.

Die Fokusgruppe Lehre wurde von MARIA KEIL (Würzburg) moderiert und fragte nach den Chancen sammlungsbasierter Lehrformate. Sie verlangen von Lehrenden und Studierenden nicht nur hohes Engagement, sondern generieren dieses auch selbst. Für eine dauerhafte Etablierung solcher zeitintensiven und kaum standardisierten und häufig interdisziplinären Lehrformate sei eine Erhöhung von Lehrdeputaten und der ECTS notwendig sowie ein flexiblerer Benotungsrahmen. Auch eine Verbesserung der digitalen Ausstattung von Archiven und Museen sei erforderlich sowie ein freier Zugriff auf die sammlungsbezogenen Datenbanken im Kontext der Lehrforschung. Sammlungsbasierte Lehre werde oftmals von Kleinen Fächern initiiert, es fördere Teamarbeit sowie das Lernen mit Objekten, übe in interdisziplinäres Forschen, Lernen und Lehren ein und ende mit greifbaren Ergebnissen.

Der zweite Workshop nahm die sammlungsbasierte Wissensvermittlung in den Blick. Vier Impulsreferate widmeten sich den Themenfeldern Vermittlung, Outreach, Digitalisierung und Partizipation und gaben einen facettenreichen Einblick in diesbezügliche Methoden, Strategien und Erfahrungen einzelner Institutionen. Das Badische Landemuseum Karlsruhe hat auf der Basis der „Design-Thinking-Methode“ gemeinsam mit BürgerInnen ein digitales Vermittlungskonzept für die neue Dauerausstellung entwickelt. Das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde/Dresden machte die Erfahrung, dass Ausstellungen zu historisch und gesellschaftlich relevanten Themen von Schulen nur sehr zurückhaltend als außerschulisches Lehrangebot akzeptiert werden, obwohl sie methodisch explizit dafür aufbereitet wurden. Die Herstellung medialer Präsenz kann nach den Erfahrungen des Tübinger Universitätsmuseums zu einer großen Herausforderung werden, wenn wichtige Partner, etwa die Stadt, ihre Unterstützung verweigern. Die Überwindung solcher Hürden erfordert besondere Kreativität, Ausdauer und ungewöhnliche Partnerschaften (z. B. mit den lokalen Verkehrsbetrieben). Strategische Partnerschaften zwischen Kleinen Fächern können auch innerhalb einer Institution ihre Sichtbarkeit erhöhen und von dort nach außen wirken, wie das Beispiel des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte im Rheinland/Bonn zeigt.

Die anschließenden Gesprächsrunden widmeten sich Fragen der Vermittlung unter den Stichworten „online“ bzw. „offline“. Die Fokusgruppe „online“ wurde von ANDREAS NEUBURGER (Stuttgart) moderiert und fragte nach der Digitalisierung als einer strukturellen Basis für die Verbesserung musealer Außenwirkung und in diesem Kontext nach der Rolle von Internetplattformen und Social Media. Grundsätzlich hat sich in den Museen die Überzeugung durchgesetzt, dass die Digitalisierung ein wichtiges Medium der Außenwirksamkeit ist. Jedoch steht eine befriedigende Umsetzung dieser Erkenntnis noch vor diversen Hürden innerhalb und außerhalb der Institutionen: fehlende Digitalisierungsstrategien, Vergaberecht, starre Regeln für den Einsatz von Fördermitteln sind einige der genannten. Sie lähmen in den einzelnen Institutionen eine umfassende und effektive Digitalisierung. Es wurde gefordert, die Entwicklung und Nutzung von open-access-Software (z. B. WissKI) [5] oder von verknüpfenden Tools, wie dem „Global Biodiversity Information Facility (GBIF)“[6] stärker voranzutreiben.

Die Fokusgruppe „offline“ moderierten KARIN BÜRKERT und BRIGITTE HECK. Im Zentrum stand die Frage nach der Arbeit mit Communities hinsichtlich ihrer Eignung, die Kleinen Fächer zu stärken. Als Vorteile der offline Vermittlung im direkten Austausch mit Communities wurden genannt: die Aura von Objekten und Orten, die sie im konkreten Gegenüber entfalten, Möglichkeiten zur schnellen Rückkopplung durch unmittelbaren Kontakt (Erfolgs- oder Misserfolgsmeldung) sowie die Einbeziehung von Zeitzeugen und Experten. Positive Erfahrungen wurde mit Formaten wie der Kinder-Universität, der Akademischen Mittagspause (z. B. kurze Fachpräsentationen) und Szenischen Lesungen gemacht, auch das Format „mein Lieblingsstück“ zählt dazu. Besonders wichtig für deren erfolgreiche Umsetzung sind Dritte Orte, eine Diversifizierung und Flexibilisierung von Personalstrukturen in den Museen sowie die Bereitstellung von ausreichenden Mitteln.

Nach der Vorstellung der Ergebnisse aus den Gesprächsrunden ging MARKUS HILGERT (Berlin) abschließend auf die Bedeutung Kleiner Fächer aus kulturpolitischer Perspektive ein und gab Einblick in politische Förderlogiken. Hilgert benannte konkrete Strategien, um Fördermittel von aus Sicht der Forschung ungewöhnlichen Gebern, wie etwa dem Auswärtigen Amt oder dem Bundesministerium des Inneren zu akquirieren. Unabdingbar dafür sei, dass es den Kleinen Fächern gelingt den spezifischen Beitrag herauszustellen, den sie zur Bewältigung aktueller gesellschaftlicher und/oder politischer Herausforderungen in lokalen, nationalen und globalen Zusammenhängen leisten können. In langfristiger Perspektive befördern Kleine Fächer zum Beispiel die Bildung von Resilienzen, die es der Politik ermöglichen zeitnah und mit der nötigen Expertise auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren.

Mit diesem Abschlusskommentar verwies MARKUS HILGERT auf ein wichtiges Instrument, das den Kleinen Fächer zur Verfügung stehe, um selbst zu ihrer nachhaltigen Stärkung beizutragen: eine in die Gesellschaft ausstrahlende Sichtbarkeit und Vermittlung ihrer Bedeutung. Die rege Beteiligung an der Tagung mit 75 TeilnehmerInnen aus mehr als 40 Institutionen zeigte, dass das Interesse für diese Thematik sehr groß ist. Auch wenn der Bestand Kleiner Fächer in den vergangenen Jahren stabil war, stehen sie gegenüber den Großen Fächern vor ungleich höheren Herausforderungen ihr Überleben zu sichern und bedürfen daher besonderer Förderstrategien. Die Ergebnisse der Workshops machen deutlich, dass stärkere Vernetzung, die Ausweitung sammlungsbezogener Lehr-Forschungen und eine flexiblere Ausrichtung auf unterschiedliche Förderlogiken von den Kleinen Fächern selbst zu leisten sind. An die Politik richtete sich die Forderung nach einer Erweiterung der Förderung, dem Abbau von Hürden und der Bereitstellung von Infrastrukturen, um die Arbeit mit Sammlungen z. B. im Kontext der Lehre zu erleichtern.

Die Tagung war ein wichtiger Baustein, um Kleine Fächer stärker in den Fokus von Förderern und hochschulpolitischen Entscheidungsgremien zu rücken. Solche Initiativen müssen langfristig eine konstante Aufmerksamkeit für die besonderen Bedürfnisse der Kleinen Fächer schaffen und können damit einen wichtigen Beitrag zu ihrer nachhaltigen Stärkung leisten.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Cornelia Ewigleben (Landesmuseum Württemberg, Stuttgart), Thomas Thiemeyer (Ludwig-Uhland-Institut, Universität Tübingen), Karin Bürkert (Ludwig-Uhland-Institut, Universität Tübingen) und Matthias Möller (Institut für Institut für Kulturanthropologie - Europäische Ethnologie, Universität Freiburg)

Eröffnungsvortrag: Katharina Bahlmann (Arbeitsstelle Kleine Fächer, Universität Mainz)

Workshop 1: Gemeinsam stark: Vernetzte Forschung und Lehre

Thomas Thiemeyer (Ludwig-Uhland-Institut, Universität Tübingen): Vernetzte Forschung zwischen Museum und Universität

Sabine Zinn-Thomas (Landesstelle für Volkskunde, Stuttgart) und Matthias Möller (Institut für Institut für Kulturanthropologie - Europäische Ethnologie, Universität Freiburg): Vernetzte Lehre zwischen Universität, Museum und Archiv

Judith Blume (Sammlungskoordinierungm /Universitä Frankfurt am Main): Nutzen und Ziele der universitären Lehre mit Sammlungen

Fokusgruppen:

Fokus Forschung: Brigitte Heck (Badisches Landesmuseum, Karlsruhe)

Fokus Lehre: Maria Keil (Medizinhistorische Sammlung/Uni Würzburg)

Workshop 2: Kleine Fächer – große Schätze: große Reichweite?

Johannes Bernhardt (Badisches Landesmuseum, Karlsruhe): Digitalisierung und Außenwirkung

Ira Spieker (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Dresden): Wissenschaft und Öffentlichkeit Partizipative Formate

Ernst Seidl (Museum der Universität Tübingen): Mediale Außenwirksamkeit und Sichtbarkeit

Dagmar Hänel (Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte im Rheinland, Bonn): Stärke durch Vernetzung

Fokusgruppen

Fokus online: Andreas Neuburger (Landesarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart)

Fokus offline: Karin Bürkert (Ludwig-Uhland-Institut, Universität Tübingen) und Brigitte Heck (Badisches Landesmuseum, Karlsruhe)

Abschluss: Markus Tauschek (Institut für Kulturanthropologie - Europäische Ethnologie, Universität Freiburg)

Ergebnispräsentation der Fokusgruppen

Abschlusskommentar: Markus Hilgert (Kulturstiftung der Länder, Berlin)

Anmerkungen:
[1] Projektlaufzeit: 2017–2019; Beteiligte Verbundpartner: die Universitäten Freiburg (Freiburger Zentrum für Populäre Kultur und Musik sowie Institut für Kulturanthropologie) und Tübingen (Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschaften) sowie die Landesstelle für Volkskunde in Stuttgart, das Museum für Alltagskultur in Waldenbuch und die Außenstelle Südbaden des Badischen Landesmuseums Karlsruhe, https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/wirtschafts-und-sozialwissenschaftliche-fakultaet/faecher/fachbereich-sozialwissenschaften/empirische-kulturwissenschaft/forschung/drittmittelprojekte/vernetzt-lernen-forschen-vermitteln/ (12.06.2019).
[2] Vgl. https://www.kleinefaecher.de/kartierung/was-ist-ein-kleines-fach.html (12.06.2019).
[3] Für den Zeitraum 1995–2012 an der Universität Potsdam durchgeführt, https://www.hrk.de/fileadmin/redaktion/hrk/02-Dokumente/02-10-Publikationsdatenbank/EVA-2012_Kleine_Faecher.pdf (12.06.2019) und für 2017/18 an der Universität Mainz durchgeführt, https://www.kleinefaecher.de/kartierung.html (12.06.2019).
[4] Vgl. http://www.alltagskultur.info (12.06.2019).
[5] Wissenschaftliche Kommunikations-Infrastruktur (WissKI), https://www.gnm.de/forschung/archiv-forschungsprojekte/wisski/ (12.06.2019)
[6] Ein Portal, das den weltweiten Zugriff auf alle dafür freigegebenen Daten zur Biodiversität ermöglicht – unabhängig Datenbanktyp, in dem sie erfasst wurden, http://www.gbif.org (12.06.2019).

Zitation
Tagungsbericht: Kleine Fächer – große Wirkung? Wie Museen, Archive und Universitäten erfolgreich kooperieren, 23.05.2019 – 24.05.2019 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 24.06.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8324>.
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Veröffentlicht am
24.06.2019