Von der Nachrichtenpräsentation zum Datenjournalismus: Kommunikationsdesign, Nachrichtendesign, Informationsdesign

Ort
Dortmund
Veranstalter
Dortmunder Institut für Zeitungsforschung; Verein zur Förderung der Zeitungsforschung in Dortmund e. V.
Datum
25.04.2019 - 26.04.2019
Von
Simon Sax, Universität Bremen

Ende April widmete sich die jährlich stattfindende Tagung des Dortmunder Instituts für Zeitungsforschung dem Kommunikationsdesign der Zeitung. Dabei wurde Zeitung nicht nur verstanden als das in der Materialgestalt manifeste gedruckte Medium, sondern vor allem als Ideengestalt des periodisch erscheinenden, aktuell und universell berichtenden, Publizität erreichenden Mediums (Otto Groth). Die TeilnehmerInnen rekrutierten sich aus verschiedenen mit dem Thema befassten akademischen Disziplinen und der Berufspraxis (Kommunikations- und Zeitungsdesign, aber auch digitales Informationsdesign und Datenjournalismus). Während der zweitägigen Zusammenkunft ergänzten sich gewinnbringend Perspektiven des Medienwandels sowie der Rezeptions- und Wirkungsforschung aus der Kommunikations- und Medienwissenschaft, der Kommunikations- und Medienästhetik, des Kommunikationsdesigns sowie aus der gestalterischen und journalistischen Praxis.

Den historischen Medienwandel analysierend, setzte sich LISA BOLZ (Paris) in ihrem Vortrag mit dem Einfluss der Telegraphie auf die Nachrichtenpräsentation im 19. Jahrhundert auseinander. Auf einen Begriff des Mediums als „sozial realisierte Struktur von Kommunikation“[1] Bezug nehmend, warf sie Schlaglichter auf das „Weltwunder“[2], auf die „Drähte“, an denen die „Gedanken entlang“ liefen.[3] Bolz beleuchtete etwa die Veränderungen der Pressepraxis durch die telegraphische Verkürzung und Beschleunigung des Nachrichtenverkehrs, die visuelle Hervorhebung telegraphischer Meldungen in den Zeitungen, ihre sozio-kulturelle Attribution mit Ideen wie jener der Glaubwürdigkeit, schließlich Bedeutungszuschreibungen an die Telegraphie in zeitgenössischen Wissenschafts-, Medien- und literarischen Diskursen. Indes nahm CHRISTIAN SCHÄFER-HOCK (Dresden) den Wandel von Layout und Design deutscher Tageszeitungen im Zuge sich ändernder journalistischer Darstellungsformen um die Jahrtausendwende (1992–2012) in den Blick. So identifizierten JournalistInnen laut Schäfer-Hock in Experteninterviews das „Visual Storytelling“, die „Portionierung“ journalistischer Beiträge sowie die „Magazinisierung“ der tagesaktuellen Presse als übergeordnete Trends im Untersuchungszeitraum. Tatsächlich, so der Referent, zeige die quantitative Inhaltsanalyse von vier deutschen Tageszeitungen, dass u. a. der Anteil an Zwischenüberschriften, Spitzmarken, Erklärboxen und Infografiken zugenommen habe. Die Redaktionen druckten mehr Bilder ab, kürzten Überschriften und portionierten ihre Artikel stärker. Gleichzeitig veröffentlichten sie längere Texte. Schäfer-Hock konstatierte, dass in Anbetracht der vielfältigen Publikationsmöglichkeiten für Zeitungsverlage auf neuen Plattformen von einer weiteren Ausdifferenzierung journalistischer Darstellungsformen auszugehen sei und die Zeitungen ihre Markenprofile weiter individualisieren werden. Durchaus auch als Ausdruck solcher Individualisierungstendenzen konnten die mit Blick auf Design und Ästhetik als wertvoll geadelten Arbeiten verstanden werden, die NORBERT KÜPPER (Meerbusch), Begründer des European Newspaper Award[4], in seinem Abendvortrag präsentierte. Im nunmehr 20. Wettbewerb habe eine 16-köpfige Jury aus JournalistInnen, WissenschaftlerInnen und DesignerInnen aus acht europäischen Länder Arbeiten in 18 Kategorien ausgezeichnet. Insgesamt wurden, so Küpper, 4.625 Beiträge eingereicht, darunter u. a. 685 Fotografien, 506 Infografiken (Print), 425 Nachrichtenseiten aus Zeitungen, 365 Illustrationen und 225 Stücke aus dem Onlinejournalismus. Zu den ausgezeichneten und vom Referenten vorgestellten Arbeiten zählten zum Beispiel die Sonderseite „So funktioniert die Südtribüne“ aus den Dortmunder Ruhr Nachrichten[5]; die Typographie der Berliner Zeitung; die Fotoreportage „Mit zwölf Hasen im Bett“ aus der NZZ am Sonntag[6] und das Online-Projekt „Hvorfor voldtog Tom sin kæreste?“ der dänischen Tageszeitung Politiken.[7]

Dem neuesten Medienwandel widmeten sich DANIEL PFURTSCHELLER (Wien) und SARAH MÜLLER (Dortmund). Beide thematisierten die visuelle Gestaltung von Inhalten klassischer Nachrichtenmedien im Prozess der „Plattformisierung“ des Onlinejournalismus. Demgemäß ordnete Daniel Pfurtscheller seine Untersuchung dann auch in einen breiteren Forschungskontext zur „Relevanz von Online-Intermediären für die Meinungsbildung“ ein.[8] Das Datenmaterial seiner explorativen Studie bildeten Facebook- und Instagram-Postings des Österreichischen Standards, der FAZ, der Süddeutschen Zeitung sowie der Nachrichtensendungen Tagesschau (ARD) und Zeit im Bild (ORF). Pfurtscheller identifizierte eine Tendenz der Nachrichtenmedien, Inhalte im Gewand von „Nachrichtenhäppchen“ auftreten zu lassen, sie verwendeten u. a. Formate wie Nachrichtenbilder (teilweise nur mit Schlagzeilen versehen, teilweise aber auch um Meldungen ergänzt), Infografiken im Miniaturformat, Zitatkacheln. Sodann präsentierte Sarah Müller die Ergebnisse ihrer Bildtypenanalyse der visuellen Inhalte von Spiegel Online, Bild, RTL aktuell und Tagesschau bei Instagram. Im Zuge dessen thematisierte sie auch den Einfluss „kanalspezifischer Konventionen“ auf die visuelle Berichterstattung dieser Medien – der Mediär Instagram zeichne sich etwa durch eine positive Lebenseinstellung und wertschätzendes Verhalten der BenutzerInnen untereinander aus, Ästhetik und Lifestylethemen spielten eine herausragende Rolle. So tauchten bei den Bildern der Nachrichtenmedien romantisierende Naturdarstellungen am häufigsten auf, gefolgt von Portrait und Gruppenfoto. Interessant jedoch: Die Häufung der Naturbilder sei insbesondere auf ein entsprechendes Veröffentlichungsverhalten von Spiegel Online zurückzuführen, die anderen Nachrichtenmedien blieben ihrer herkömmlichen Berichterstattung treu. Müller beobachtete auf Instagram einen Boulevardstil bei Bild, Human Interest-Bilder bei RTL aktuell und eine emotionale Politikberichterstattung der Tagesschau.

Aktuellen Herausforderungen beim Einsatz von Informationsdesign in Nachrichtenmedien – somit der gestalterischen Praxis – widmete sich MICHAEL STOLL (Augsburg). Im Mittelpunkt seines Vortrags standen Informationsgrafiken, d. h. jene „Visualisierungen von schlecht zugänglicher, unübersichtlicher, komplexer, abstrakter oder imaginärer Information mit dem Ziel, zu klären, zu erklären oder Wissen zu vermitteln“. Stoll sprach sich dafür aus, dass (1) Nachrichtenmedien „Themen bleibender Relevanz intensiver visualisieren“, (2) Informationsgrafiken sich der individuell-lebensweltlichen Verortung ihrer LeserInnen öffnen, (3) diese Visualisierungen durchaus Emotionen aufgreifen, (4) Redaktionen komplexe Sachverhalte über interaktive Informationsgrafiken vermitteln und (5) DesignerInnen LeserInnen-initiierte Themen verarbeiten sollten. Neben diesen fachlichen Herausforderungen appellierte Stoll an Nachrichtenmedien, sie mögen DesignerInnen von Informationsgrafiken als vollwertige Redaktionsmitglieder anerkennen und entsprechend entlohnen.[9] Im anschließenden Vortrag meldete sich mit FERDINAND KUCHLMAYR (Hamburg) ein Vertreter aus der Redaktion Grafik und Multimedia des (digitalen) gedruckten Spiegels zu Wort. Er berichtete von den alltäglich-praktischen Herausforderungen in einem großen Verlagshaus: Hinter jeder Informationsgrafik stehe ein immenser Rechercheaufwand; auch gelte es sowohl informationelle Kontexte zu erhalten als auch Komplexität abzufedern. „Am Ende soll es informativ sein, gut aussehen und Spaß machen“, so Kuchlmayr. Bei dem auf ein solches Ergebnis ausgerichteten Produktionsprozess sei ein harmonisches Zusammenspiel von JournalistInnen, DesignerInnen und ProgrammiererInnen von enormer Wichtigkeit. Aus einer gänzlich anderen Praxisperspektive – der der freiberuflichen Illustratorin – berichtete KATINKE REINKE (Hamburg). Ihrem Vortrag war zu entnehmen, dass Freiberuflichkeit mit ganz eigenen Herausforderungen einhergeht. Abgesehen von gelegentlich auftretender enger Terminierung durch die AuftraggeberInnen sei der Austausch mit den Art-DirektorenInnen in Medienredaktionen von herausragender Bedeutung. Im Laufe des Referats warf Reinke die besonders interessanten Fragen nach dem Rollenverständnis und Abhängigkeitsverhältnissen von IllustratorInnen zwischen Dienstleistung und Kunst auf.

Waren Episoden aus dem (historischen Wandel) der Nachrichtenpräsentation und die praktischen Herausforderungen für GestalterInnen in der aktuellen Medienumgebung beschrieben, so rundeten kommunikationswissenschaftliche Beiträge zu den Fragen nach Rezeption und Wirkung des visuellen Auftritts von Nachrichtenmedien die Tagung ab. HANS-JÜRGEN BUCHER (Trier) sprach über Rezeptionsbefunde zum Zusammenhang von Gestaltung und Sinnkonstruktion in Zeitungen. Als multimodale Medien orchestrierten diese – über den Text hinaus – eine Vielzahl von Zeichen. Das Design nehme in diesem Zusammenhang als „performative Dimension von Medienkommunikation“ einen herausragenden Stellenwert ein. Der Referent untermauerte dies zum Beispiel mit einer Studie, die klarstellt, dass bei inhaltlich gleichen Infografiken das Design durchaus einen signifikanten Einfluss auf den Wissenserwerb von ProbandInnen haben kann. Auch führte Bucher eine Vielzahl von Eye-Tracking-Studien an, die etwa einerseits auf die unterschiedlichen Typen von ZeitungsleserInnen (Intensiv-, Orientierungs- und SelektionsleserInnen) aufmerksam machen, andererseits nachweisen, dass Zeitungen verschiedener Formate (Broadsheet- vs. Tabloid-Format) unterschiedlich gelesen werden. JOHANNA SCHINDLER (München) betrachtete die Frage nach Rezeption und Wirkung von Zeitungsdesign aus der Perspektive der politischen Kommunikation. Sie legte die Ergebnisse einer Studie dar, die in einem ersten Schritt darauf abzielte, qua Inhaltsanalyse Idealtypen progressiven, neutralen und konservativen Zeitungslayouts zu identifizieren. In einem zweiten Schritt ergründete sie experimentell, ob diesen Idealtypen gemäß gestaltete Artikel die politische Einordnung derselben durch die LeserInnen beeinflussen. Zu den Ergebnissen: Einzig „linke“ Texte mit einem „konservativen“ Layout seien von den LeserInnen im Experiment als „neutral“ eingestuft worden, darüber hinaus deute die Untersuchung nicht auf einen politischen Effekt von Layoutmustern hin. Die Studie von WIEBKE MÖHRING (Dortmund), JAKOB HENKE (Dortmund) und ELENE LINK (Hannover) betraf nicht die Zeitung als klassisches Druckmedium, denn sie beschäftigten sich mit der Wirkung interaktiver Grafiken. In einer experimentellen Eye-Tracking-Studie kam das ReferentInnenkollektiv zu dem überraschenden Ergebnis, dass die ProbandInnen die jeweils in denselben Text eingebundene statische oder interaktive Variante einer Grafik ähnlich lange fixierten und kein positiver Effekt der interaktiven gegenüber der statischen Grafik – beispielsweise mit Blick auf die Erinnerungsleistung des umgebenden Textes – nachweisbar war.

In der Summe zeichneten sich die Tagungsbeiträge insbesondere durch ihre Multiperspektivität aus. Unternimmt man den Versuch, die verschiedenen Themen, praktischen und wissenschaftlichen Ansätze zusammenzuführen, so lässt sich feststellen, dass (1) vortragsübergreifend ein Konsens darüber bestand, dass „Zeitungsdesign nur vordergründig eine optische Angelegenheit“ ist, wie es die ehemalige Direktorin der Zeitungsforschung GABRIELE TOEPSER-ZIEGERT (Dortmund) formulierte; (2) mit Blick auf den Medienwandel „Design wieder zur Erzählung“ wird (Kuchlmayr); (3) sich auf Tagungen, bei denen ForscherInnen auf PraktikerInnen treffen, Synergien anbahnen und gänzlich neue Perspektiven auftun können – eine Beobachtung, die ganz im Zeichen einer Kommunikations- und Medienwissenschaft steht, die sich „aktiv in den gesellschaftlichen Diskurs einschalten“ möchte.[10]

Konferenzübersicht:

Block I: Zeitungsdesign

Hans-Jürgen Bucher (Universität Trier): Die Zeitung – ein multimodales Medium. Rezeptionsbefunde zum Zusammenhang von Gestaltung und Sinnkonstruktion

Lisa Bolz (CELSA Sorbonne Université, Paris): Nachrichtenpräsentation im 19. Jahrhundert. Der Wandel von Nachrichtenproduktion und Berichterstattung durch technische Innovationen

Johanna Schindler (Ludwig-Maximilians-Universität München): Politische Layoutmuster und -effekte. Zum Zusammenhang zwischen der politischen Ausrichtung von Tageszeitungen, ihrem Design und ihrer Wahrnehmung

Christian Schäfer-Hock (Dresden): Die Veränderung von Layout und Design bei der Entwicklung neuer journalistischer Darstellungsformen in Deutschlands Tageszeitungen

Öffentlicher Vortrag
Norbert Küpper (Büro für Zeitungsdesign, Meerbusch): Aktuelle Trends im Zeitungsdesign – Print und Online

Block II: Nachrichten-Visualisierungen

Daniel Pfurtscheller (Universität Wien): Zitatkacheln, Sharepics und Co. Visuelles Nachrichtendesign im „plattformisierten“ Onlinejournalismus

Sarah Müller (TU Dortmund): Im Zweifel für die Optik – Visuelle Strategien von klassischen Nachrichtenmedien auf Instagram

Katinke Reinke (Hamburg): Auf den Punkt! Möglichkeiten und Grenzen der Editorial Illustration

Block III: Informationsdesign

Michael Stoll (Hochschule für angewandte Wissenschaften Augsburg): Aktuelle Herausforderungen an das Informationsdesign heute

Ferdinand Kuchlmayr (Spiegel-Verlag, Hamburg): Als die Grafik fliegen lernte: Visual Journalism für Print und Online aus einer Hand

Jakob Henke (TU Dortmund) / Wiebke Möhring (TU Dortmund) / Elene Link (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover): Wirkung interaktiver Grafiken aus Nutzerperspektive

Anmerkungen:
[1] Lisa Gitelman, Always Already New. Media, History and the Data of Culture, Cambridge/London 2006, hier S. 7.
[2] Der atlantische Telegraph, das neunte *) Wunder der Welt, ist fertig, in: Kladderadatsch, 22. 8.1858, zit. nach Bolz; vgl. auch eine Zusammenfassung der entsprechenden Dissertation von Lisa Bolz unter http://www.theses.fr/2019SORUL017 (30.5.2019).
[3] Was laufen da für Drähte die Bahn entlang?, in: Augsburger Postzeitung, Sonntags-Beiblatt, 21.6.1857, zit. nach Bolz.
[4] European Newspaper Award, http://newspaperaward.org/ (24.5.2019).
[5] Siehe zur Online-Version: Michael Schuh, So funktioniert die Südtribüne in Dortmund, 4.5.2018, https://www.ruhrnachrichten.de/dortmund/web-artikel-plus-1281919.html (24.5.2019).
[6] Diana Bagnoli, Mit zwölf Hasen im Bett, in: NZZ am Sonntag, 16.6.2018, https://nzzas.nzz.ch/gesellschaft/mit-zwoelf-hasen-im-bett-ld.1395220 (24.5.2019).
[7] Milla Mølgaard, Hvorfor voldtog Tom sin kæreste?, in: Politiken, 21.1.2018, https://politiken.dk/debat/art6247184/Hvorfor-voldtog-Tom-sin-k%C3%A6reste (24.5.2019).
[8] Jan-Hinrik Schmidt et al., Zur Relevanz von Online-Intermediären für die Meinungsbildung, in: Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 40, https://www.hans-bredow-institut.de/de/publikationen/zur-relevanz-von-online-intermediaeren-fuer-die-meinungsbildung (24.5.2019).
[9] Siehe zu Stoll auch: Claudia Füssler, Daten sichtbar machen, in: Die Zeit, 12.5.2011, https://www.zeit.de/2011/20/Interview-Infografik (24.5.2019).
[10] Öffentliche Kommunikationswissenschaft, Charta, https://oeffentliche-kowi.org/charta/ (24.5.2019).

Zitation
Tagungsbericht: Von der Nachrichtenpräsentation zum Datenjournalismus: Kommunikationsdesign, Nachrichtendesign, Informationsdesign, 25.04.2019 – 26.04.2019 Dortmund, in: H-Soz-Kult, 02.07.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8339>.
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Veröffentlicht am
02.07.2019
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