Was is(s)t Tirol? Sich zu ernähren zwischen globalem Markt und regionaler Lebensmittelproduktion. Präsentation der Ergebnisse des Lehrforschungsprojektes

Ort
Innsbruck
Veranstalter
Nadja Neuner-Schatz, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Universität Innsbruck
Datum
07.06.2019
Von
Melanie Haberl / Nadja Neuner-Schatz, Europäische Ethnologie, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Universität Innsbruck

„Regionalisierung“ und „Globalisierung“ – dieses dialektische Begriffspaar bildete den Ausgangspunkt des zweisemestrigen, drittmittelgeförderten Lehrforschungsprojektes „Was is(s)t Tirol? Sich zu ernähren zwischen globalem Markt und regionaler Lebensmittelproduktion“[1] unter der Leitung von Nadja Neuner-Schatz (Innsbruck). Nach einer ersten Annäherung an die kulturwissenschaftliche Nahrungsforschung und die Agro-Food Studies führten Bachelorstudierende des Faches Europäische Ethnologie empirische Kleinstudien durch und präsentierten ihre Ergebnisse im Zuge einer studentischen Tagung. Die über das Essen erfolgte Konstruktion von Identität und konkrete Ernährungspraktiken standen dabei ebenso im Fokus wie kulturwissenschaftliche Betrachtungen von Super- und Bauernmärkten als Orte materialisierter Diskurse.

Nach der Begrüßung durch SILKE MEYER (Innsbruck) erörterte TIMO HEIMERDINGER (Innsbruck) in seiner einleitenden Keynote die Ambivalenzen des Essens zwischen Nähe und Distanz. Es sei ein radikaler Akt, sich „fremdes Essen“ einzuverleiben und dabei „Fremdes [zu] essen“ oder abzustoßen. Die symbolische Konstruktion von „Heimat“ und „Regionalität“ oder ein Nahrungstabu seien dabei Ausdruck eines dichten Gewebes soziokultureller Aushandlungen, das sich in alltäglichen Ernährungspraktiken, Bildern von Essen und Nahrungswissen manifestiere.

Daran anschließend widmete sich VERENA WALTHER (Innsbruck) transnationalen Verortungspraktiken und Identitätskonstruktionen. In einer postmigrantischen Perspektive betrachtete sie die Aneignung und Vermischung von Elementen verschiedener „Länderküchen“ als Ausdruck von Agency. Die Küche werde dabei von Akteur/innen als „autonomer Handlungsort“ wahrgenommen. Im hegemonialen Diskurs – so ihr Befund – werden hybride Identitäten jedoch weiterhin als defizitär bewertet. Im Anschluss daran begriff PAUL BRAITENBERG (Innsbruck) die unternehmerische Selbständigkeit einer/eines syrische/n Restaurantbesitzer/in als Handlungsdispositiv für Migrant/innen in der Innsbrucker Gastro-Szene. Er beschrieb dabei die Logik der Transformation verschiedener Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu und erklärte wie es der/dem migrantischen Unternehmer/in gelingt, innerhalb der gastronomischen Praxis kulturelles Kapital – das Wissen vom Kochen und der syrischen Küche – in sowohl ökonomisches als auch soziales Kapital umzuwandeln. Heimerdinger schlug dazu den Begriff des „kulinarischen Kapitals“ vor.

ANISA SCHLICHTLING (Innsbruck) fragte in ihrem Vortrag nach narrativen Konstruktionen und subjektiven Begründungsmustern für den Konsum von Tieren. Ihre Analyse zeigte, dass mit dem Konsum von Fleisch und tierischen Produkten ein Rechtfertigungsdruck einhergeht, dem – im studentischen Milieu – mit zunehmender Aufmerksamkeit für tierethische Agenden und der Hinterfragung der Produktions- und Lebensbedingungen von Tieren in der Lebensmittelproduktion begegnet wird.

ALEXANDRA RABENSTEINER (München) forschte im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Wien zur medialen Neuaushandlung von Fleisch. Anhand von drei einschlägigen Fleischzeitschriften und zwei Tageszeitungen untersuchte sie die medial vermittelten Konnotationen von Fleisch als Luxusgut in Verbindung mit Motiven der Männlichkeit sowie die Konstruktion eines „weiblichen und vegetarischen“ Gegenbildes mittels stereotyper Zuschreibungen. Durch ebenjene diskursive Legitimierungsstrategien in Bezug auf den Verzehr von Fleisch zeige sich die aktuelle Umstrittenheit dieses Lebensmittels.

Mit einem Poster über Flexitarismus – auch Teilzeit-Vegetarismus genannt – schloss FERDINAND FIRMIAN (Innsbruck) thematisch an die von Rabensteiner eingehend thematisierte, soziokulturelle Neuaushandlung des Fleischkonsums an. Er erörterte Erklärungsmuster und unterschiedliche Ausprägungen dieser Ernährungsform, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut, ohne jedoch spezifisch abgrenzbar oder klar definiert zu sein. Ebenfalls anhand eines Posters führte FRANK DÜMONG (Innsbruck) eine kritische Beleuchtung von Käse als Alltagsprodukt durch und exemplifizierte anhand des Tiroler Graukäses, wie mit der Herstellung eines Produkts zugleich eine symbolische Herstellung von Regionalität und regionaler Identität erfolge.

Die narrative Konstruktion von Identität und sozialer Positionierung am Beispiel eines Tiroler Bauernmarktes stand im Zentrum der Studie von MELANIE HABERL (Innsbruck). Mithilfe von narrativen Leitmotiven, die situativ umgedeutet und inszeniert werden, stellen Tiroler Direktvermarkter/innen ein kohärentes Selbstbild im performativen Spannungsfeld zwischen ihren Rollen als Erzeuger/in und Verkäufer/in her. SARAH GALADRIEL ERLEBACH (Innsbruck) zeichnete die historische Entwicklung der Lebensmittelversorgung in Europa nach und führte in die Besonderheiten von Supermarkt und Wochenmarkt ein. Ausgehend vom Alltagsding Einkaufsliste analysierte sie die Bedeutungsdimension der unterschiedlichen Versorgungsmöglichkeiten und stellte die Notwendigkeit des Lebensmitteleinkaufes dem Erlebnis-Shopping gegenüber.

Den Ungleichzeitigkeiten in Bezug auf das Wissen von und dem Umgang mit Verschmutzung von Nahrung widmete sich LISA-MARIE HARTGE (Innsbruck). So zeige sich das Motiv der Verunsicherung und Angst in religiös-politischen wie auch popkulturellen Rezeptionen und werde von Verbraucher/innen internalisiert sowie in alltägliche Handlungen und Argumentationsmuster übernommen.

In ihrem abschließenden Vortrag zeichnete TABEA FALSCHLUNGER (Innsbruck) am Beispiel von Kaffee die Entwicklung eines „food from nowhere“ zu einem „food from somewhere“ nach. Eine Schlüsselposition in diesem Verortungsprozess nehmen kleine Kaffeeröstereien in Tirol ein, die nicht nur durch die regionale Weiterverarbeitung, sondern vor allem durch an das Produkt Kaffee angelagerte Informationen über den Anbau und den Ursprung der Bohnen eine „Ware mit Herkunft“ und Identität erzeugen.

Die Zusammenschau der studentischen Beiträge und der angeregten Diskussion macht deutlich, auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen „Regionalisierung“ und „Globalisierung“ verhandelt werden und wie Ernährungsdiskurse in konkreten Alltagspraktiken manifest werden. Sei es das bloße Abwischen eines Apfels, das gute Gefühl, beim regionalen Markt eingekauft zu haben oder die symbolische Entscheidung zwischen Gesundheit oder Geldtasche – die Aneignung und das Anwenden von Wissen rund um „richtige“ und „falsche“ Ernährung sind konstitutiv für die Identität der Akteur/innen. Regionalität muss dabei nicht allein als territoriale, sondern vielmehr als soziokulturelle Fremd- und Eigen-Verortung verstanden werden. Subversive Essenspraktiken und die permanente Verfügbarkeit verschiedenster Lebensmittel diffundieren und unterwandern hegemoniale Ernährungsvorstellungen und rufen ihrerseits wiederum gesellschaftliche Verunsicherung hervor. Ernährungspraktiken begleitet daher immer auch der Wunsch nach Sicherheit. In diesem Sinne kann die namensgebende Frage des Lehrforschungsprojekts „Was is(s)t Tirol?“ nicht abschließend beantwortet werden, sondern stellt vielmehr einen Ausgangspunkt für weitere empirische Forschungen und kulturwissenschaftliche Anknüpfungen an die präsentierten Kleinstudien dar.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Silke Meyer (Innsbruck)

Timo Heimerdinger (Innsbruck): Nähe und Distanz. Essen als ambivalente Praxis

Verena Walther (Innsbruck): Ernährung und postmigrantische Identität

Paul Braitenberg (Innsbruck): Gastronomie als Zugang zur Teilhabe in der Ankunftsgesellschaft

Anisa Schlichtling (Innsbruck): Von kalten Fischen und herzigen Kälbern – narrative Konstruktionen und subjektive Begründungsmuster beim Konsum von Tieren

Alexandra Rabensteiner (München): „Fleisch darf man bald nur noch heimlich essen.“ Zur medialen Neuaushandlung eines Lebensmittels

Ferdinand Firmian (Innsbruck): Erfolgsmodell: Flexitarismus?

Frank Dümong (Innsbruck): Käse – Spiegel von Tradition und Alltagsprodukt

Melanie Haberl (Innsbruck): „Du machst das ja auch nicht zum Spaß, du machst das für deinen Lebensunterhalt.“ Zum Selbstverständnis Tiroler Direktvermarkter/innen

Sarah Erlebach (Innsbruck): Wie die Besonderheiten von Bauernmarkt und Supermarkt die persönliche Lebensmittelversorgung beeinflussen

Lisa-Marie Hartge (Innsbruck): Wenn Nahrung Angst macht! Das Wissen von und der Umgang mit der Verschmutzung von Nahrungsmitteln

Tabea Falschlunger (Innsbruck): (Nicht) unser Kaffee – Ware mit Herkunft

Schlusswort: Nadja Neuner-Schatz (Innsbruck)

Anmerkung:
[1 Vgl. https://www.uibk.ac.at/projects/was-isst-tirol/ (24.06.2019)

Zitation
Tagungsbericht: Was is(s)t Tirol? Sich zu ernähren zwischen globalem Markt und regionaler Lebensmittelproduktion. Präsentation der Ergebnisse des Lehrforschungsprojektes, 07.06.2019 Innsbruck, in: H-Soz-Kult, 04.07.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8340>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.07.2019