Ort
München
Veranstalter
Gabriele Lingelbach, Historisches Kolleg München / Institut für Zeitgeschichte München - Berlin / Universität Kiel
Datum
16.05.2019 - 18.05.2019
Von
Carolin Liebisch-Gümüş, Historisches Seminar, Universität Kiel

Nach ihrem Durchbruch in den frühen 2000er Jahren füllt die Globalgeschichte mittlerweile Bücherregale. Zu den groß angelegten Epochenporträts, Einführungsbüchern und theoretischen Reflexionen gesellen sich immer mehr empirische Werke. Dies nahm die Ausrichterin der Tagung, GABRIELE LINGELBACH (Kiel / München), zum Anlass kritisch nachzufragen, wie die vielen theoretischen Forderungen der Globalgeschichte praktisch umgesetzt werden und ob die ähnliche Stoßrichtung globalhistorischer Fragestellungen in einer Vorliebe für bestimmte narrative Formen resultiere. Ihr Anliegen zu eruieren, ob es eine Präferenz dafür gebe, wie Globalgeschichte geschrieben werden kann oder sogar sollte, bildete den Roten Faden der Vorträge und Diskussionen.

Anstatt ein gemeinsames narratives Profil auszuloten solle Globalgeschichte, so MATTHIAS MIDDELL (Leipzig), die gesellschaftliche Individualisierung in der Pluralität ihrer Narrative widerspiegeln. In seinem Vortrag widmete er sich der Frage nach Meisternarrativen in der Globalgeschichte und konstatierte, dass das dominante master narrative nach wie vor das der Vernetzung sei. Dieses sei aber, abgesehen von weiterer empirischer Bestätigung, bereits ausgereizt. Für relevanter hält Middell die Frage, wie grenzüberschreitende Flüsse Kontrollstrategien unterworfen werden und wer sich die Gewinne von Vernetzungsprozessen aneignen könne. Im weiteren Teil des Vortrags wandte sich Middell aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu. Der Aufstieg politischer Akteure, die einer diffusionistischen Idee von Globalisierung entgegenstünden, habe auch Folgen für die Forschung. Konkret beobachtete er drei narrative Reaktionen, mit denen Globalhistoriker/innen die Situation historisieren: Erstens machten sie verstärkt Widerstände gegen Vernetzung und Phasen der Deglobalisierung in der Geschichte sichtbar; zweitens zeigten sie multiple Formen von Globalisierung, die sie dann unterschiedlich normativ besetzten; drittens werde „Globalisierung“ neu gedacht im Sinne von Strategien, die bestimmte Akteure anwenden, um die Welt zu globalisieren. Die entscheidende momentane Herausforderung für die Globalgeschichte und ihre Narrative sieht Middell insgesamt weniger in der fachinternen Aufstellung als im Umgang mit diesen externen Tendenzen.

In ihrem anschließenden Vortrag spürte KATJA NAUMANN (Leipzig) historischen Vorläufern aktueller Debatten um globalgeschichtliche Narrative nach und rückte dabei die Hochschullehre in den USA im 20. Jahrhundert in den Fokus. Die Verankerung von Western Civ in Curricula amerikanischer Universitäten nach dem Ersten Weltkrieg zeuge von dem Streben nach einer Weltgeschichte, in die sich die USA mit ihrer neuen internationalen Rolle einschreiben und sich damit von der älteren europäischen Universalgeschichte emanzipieren konnten. US-Debatten aus den 1950/60er-Jahren spiegelten dann das Anliegen wider, weitere Weltregionen in das nationale weltgeschichtliche Narrativ zu integrieren. Zwar sei die Kritik am Eurozentrismus in der Weltgeschichtsschreibung ein Phänomen der jüngeren amerikanischen World History der 1980/90er-Jahre, die Suche nach Narrativen über die eigene Rolle der US-Gesellschaft in einer multipolaren, interaktiven und transkulturellen Welt reiche allerdings weit ins 20. Jahrhundert zurück. Naumann lud ein, die Ursprünge der gegenwärtigen Globalgeschichtsschreibung in Deutschland und ihrer Debatten, die meist auf die World History zurückgeführt werden, im Lichte dieser Kontinuität zu betrachten.

Eine Zusammenschau von Narrativen der frühneuzeitlichen Globalgeschichte in bekannten Publikationen der letzten Jahre bot MARK HÄBERLEIN (Bamberg) in seiner Präsentation. Eine erste Gruppe von Veröffentlichungen, die Häberlein vorstellte, legt den Fokus auf transatlantische Verflechtungen zwischen Afrika, Amerika und Europa. Häberlein bemerkte kritisch, dass in diesen Narrativen der Atlantik zuweilen wie ein „Binnenmeer“ erscheine, wenn keine Einbettung in globale Zusammenhänge erfolge. Eine zweite Gruppe, die Häberlein umriss, beschäftigt sich mit dem Kräfteverhältnis in den Beziehungen von Asien und Europa. Deren Narrativ sei in der Tendenz darauf angelegt, den europäischen Einfluss auf Asien vor dem 19. Jahrhundert zu relativieren. Hier warnte Häberlein vor monokausalen Erklärungen, die hinter diesem Narrativ zurückfielen, wenn sie die Veränderung im Kräfteverhältnis auf einen einzelnen Faktor zurückführten. Auch Werke, in denen die Relativierung der Dominanz Europas in normative Ablehnung umschlage, beurteilt Häberlein kritisch. Als dritte Gruppe wurden Mikrostudien genannt. Während der heuristische Mehrwert der ersten beiden Gruppen in der Fähigkeit liege, Narrative zur Erklärung von Wandel zu entwickeln, böten die Mikrostudien Einblicke in soziokulturelle Lebenswelten. Dabei sei es laut Häberlein wichtig, nicht bei der Veranschaulichung stehen zu bleiben, sondern Lebenswelten in sozialhistorische und theoretische Konzepte auf der Makroebene einzuordnen.

UTE SCHNEIDER (Duisburg-Essen) beschloss den ersten Konferenztag mit einer Analyse der Funktionen von Abbildungen, speziell von Karten, in ausgewählten globalhistorischen Publikationen. Dabei hielt sie zunächst fest, dass auch Werke, die ganz ohne Abbildungen auskommen, Karten in verbalisierter Form enthalten könnten, wenn räumliche Verbindungen und Bezüge im Text beschrieben würden. Werden dagegen Abbildungen verwendet, falle Schneider zufolge auf, dass Fotos und Bilder häufig historisch, Karten jedoch meist synthetisierend, das heißt aktueller Provenienz seien. Im Zuge ihrer folgenden Analyse dieser synthetisierenden Karten konstatierte sie eine narrative Divergenz zwischen Text und Karten. Letztere wollten zwar Aspekte des Textes visualisieren, dabei passiere es aber häufig, dass sie ein ganz eigenes, visuelles Narrativ quer zu dem des Textes erzeugten. Der Perspektivenpluralismus, den die Globalgeschichte anstrebe, so Schneider weiter, werde im Fall der Karten nur selten eingelöst. Auch stelle sich bei verbalisierten wie bei abgebildeten Karten die Frage, wie kulturellen Differenzen im Raumdenken Rechnung getragen werden könne.

Den zweiten Konferenztag eröffnete SEBASTIAN SCHLUND (Kiel) mit Narrativen des Kulturkontakts in der Historiographie zu Siedlungskolonialismus. Er evaluierte den Wert dreier Narrative – Frontier, Middle Ground und Indogenocide – für die Globalgeschichte. Als Bewertungsgrundlage zog Schlund drei zentrale globalhistorische Problemkomplexe heran und wägte ab, inwiefern die Narrative diese jeweils berücksichtigen: erstens das relationale Verhältnis von Zentrum und Peripherie, zweitens die Frage nach Agency und drittens Fragen der Inklusion und Exklusion. Während die Perspektive indigener Handlungsmacht im Frontier-Narrativ zu kurz komme, betone das postkoloniale Middle Ground-Narrativ zwar Agency vor Ort, vernachlässige aber oft globale Zusammenhänge. Das Indogenocide-Narrativ wiederum verhalte sich konträr zum Middle Ground, indem es Vernichtung herausstelle und indigene Agency praktisch negiere. Gewichtungen wie diese, so Schlund, gingen auf die normative Gebundenheit aller drei Narrative zurück. Globalhistoriker_innen könnten sich die Narrative dennoch zu nutzen machen, wenn sie die genannten Problemkomplexe, das heißt die Vielgestaltigkeit von Kulturkontakten ebenso wie die Verschränkung von Mikro- und Makroebene, stets im Auge behielten.

MONA RUDOLPH (Kiel) setzte sich in ihrer Präsentation mit Global Commodity Chain-Ansätzen in der Globalgeschichtsschreibung auseinander. Den narrativen Wert der Ansätze sieht sie vor allem darin, dass die Untersuchung einer Warenkette bildhaft entlang der Fertigungswege entwickelt werden könne. An einzelnen Etappen des Warenwegs könne eine tiefgehende Analyse des Zusammenwirkens von Mikro-, Meso-, und Makroebene erfolgen, deren Komplexität durch den Roten Faden des Warenwegs erzählerisch bewältigbar werde. Kritisch sieht Rudolph dagegen die teleologische Grundstruktur der Global Commodity Chains. Diese laufe Gefahr, Multikausalität und pfadabhängige Prozesse zu simplifizieren, indem sie sozusagen vom Ende her denke. Entsprechend forderte Rudolph, dass Historiker und Historikerinnen, die die narrative Eignung der Warenkettenanalyse nutzen, die damit einhergehende Kausalitätsreduktion als bewusste Entscheidung gegenüber ihrer Leserschaft plausibilisieren.

Wie lässt sich Globalgeschichte ohne Zentrum erzählen? Diese Frage stand über dem Vortrag von ROLAND WENZLHUEMER (München). Am Beispiel der „Meuterei auf der Bounty“ demonstrierte er das Potenzial einer Globalgeschichte, die den Akteuren in globalen Verbindungen folgt und sie als „Sonde“ oder „Prisma“ nutzbar macht. Bei dem Versuch, das Verhalten der Besatzungsmitglieder der Bounty zu erklären, würden die verschiedenen globalhistorischen Zusammenhänge und Strukturen deutlich, die das Handeln der Akteure beeinflussten. So wird die Meuterei nur im Kontext der Mission der Bounty verständlich, Ableger des Brotfruchtbaums von Tahiti in die Karibik zu transferieren, wo sie zur Ernährung der versklavten Plantagenarbeiter dienen sollten. Sklaverei, exotistische Südseebilder und die Globalisierung der Botanik im Zeitalter von Aufklärung und Kolonialismus stehen für eine Pluralität globaler Bezüge, die vom Handeln der Akteure ausgehend ins Bild gerückt werden und ihr Handeln verstehbar machen.

SUSANNE POPP (Augsburg) beleuchtete in ihrem Vortrag die Rolle der Globalgeschichte im Geschichtsunterricht in Deutschland. Sie beschrieb zunächst die doppelte Herausforderung, die damit einhergehe: Einerseits solle Globalgeschichte zur Erklärbarkeit der Gegenwart beitragen, indem sie diese als Zusammenhänge von lokalen und globalen Faktoren offenbare, die sich internalistischen Erklärweisen entziehe. Andererseits könne der nationalgeschichtliche Rahmen des Unterrichts nicht vollständig ersetzt werden, sodass Globalgeschichte in diesen integriert werden und ihn zugleich problematisieren müsse. Als Antwort auf diese Herausforderung stellte Popp das Konzept der „geschichtsdidaktischen Perspektiven“ vor. Durch exemplarische, kritische Interventionen könne Missverständnissen wie nationaler Singularität und einem essentialistischen Wir-Verständnis begegnet werden. Neben einem tieferen Verständnis deutscher Geschichte solle so die narrative Kompetenz der Lernenden gestärkt werden. Sie würden verstehen lernen, dass Nationalgeschichte nicht selbstverständlich, sondern selektiv und perspektivisch ist.

Mit seinem Erfahrungsbericht über den Konzeptionierungsprozess seines Buchs „Die Geschichte der Welt – neu erzählt“ von EWALD FRIE (Tübingen), gewährte dieser Einblick in seine Suche nach Alternativen zu bestehenden weltgeschichtlichen Meistererzählungen. Er erklärte seine Entscheidung, eine gesamtchronologische Gliederung zugunsten von Einzelerzählungen anhand verschiedener Orte in aller Welt aufzugeben. Eine Gesamtchronologie, so Frie, könne der realen Komplexität nie gerecht werden und befriedige kaum, wenn sie sich ganz vom Eurozentrismus lossage. Er verzichte in seinem Buch daher ganz auf einen durchgängigen Erzählstrang und stelle stattdessen kulturelle, räumliche und zeitliche Eigenlogiken heraus. So würden allgemeine Vorannahmen gebrochen, Vielfalt betont und an einzelnen Orten übergreifende Verbindungen, Ähnlichkeiten und Unterschiede veranschaulicht. Kann ein solch episodenhaftes Erzählen einen Ausweg aus der überkommenen eurozentrischen Epochenbildung eröffnen?

ANGELIKA EPPLE (Bielefeld) zweifelte an der Verallgemeinerbarkeit dieser Lösung. Sie betonte in ihren Vortrag, dass es eines „narrativen Telos“ als Konstrukt bedürfe, um erklärende Aussagen über die Gegenwart treffen zu können. Die Übernahme einer Periodisierung wie der „Industrialisierung“ impliziere dabei immer einen Vergleich, der Konvergenz und Divergenz feststelle und erkläre. Epple schlug vor, offen mit den Ein- und Ausschlusskriterien solcher Vergleiche umzugehen. So solle der Maßstab für das eigene narrative Telos offengelegt und Interpretationskritik ermöglicht werden. Angelehnt an Luhmanns Begriff der Weltgesellschaft schlug Epple zudem vor, globalgeschichtliche Periodisierung könne die Erwartungshaltung der Zeitgenossen, ihr Bewusstsein von der Existenz einer Welt zum Maßstab wählen anstatt eine wie auch immer bemessene Tatsächlichkeit von Globalität.

Gibt es so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen, narrativen Nenner in der Globalgeschichte? Oder zieht sich im Gegenteil eine Trennlinie durch das Feld entlang unterschiedlicher Auffassungen von Globalgeschichte? Diese Fragen berührten einen kontroversen Punkt, der während der gesamten Tagung immer wieder angeschnitten wurde und im Kern das Verhältnis von Akteuren und Strukturen in der Globalgeschichtsschreibung betrifft: Ist eine Form von Globalgeschichte relevant, die nicht den Anspruch hat, Gesellschaften und Strukturen in ihrem Wandel zu erklären, sondern stattdessen die Handlungsstrategien und die Raumkompetenz einzelner Akteure in multiplen strukturellen Zusammenhängen ins Zentrum stellt? Hierfür hatten sich am Vortag insbesondere Roland Wenzlhuemer und Matthias Middell ausgesprochen.

Gabriele Lingelbach, die an dieser Position eine mangelnde Erklärungskraft kritisierte, warf die Kontroverse zu Beginn der Abschlussdiskussion der Tagung erneut auf. In der Debatte gab Ewald Frie zu bedenken, dass Gesellschaft als Konzept für die Globalgeschichte möglicherweise weniger relevant sei als die Einbettung von Individuen in Netzwerke. Globalhistorische Befunde, so Frie weiter, könnten aber eine größere Aussagekraft erreichen, wenn sie sich gleichzeitig auf eine konkrete räumliche oder soziale Bezugsgröße richteten. Direkt daran anschließend bemerkte Angelika Epple, dass Netzwerke nicht zu „flach“ gedacht, sondern auch als konstituierende Grundlage von Gesellschaften und anderen sozialen Gemeinschaften verstanden werden sollten. Wenn auch dieser Hinweis auf eine relationale Verbindung zwischen Akteuren und Strukturen auf viel Zustimmung traf – ein einheitliches, enges Profil der Globalgeschichte und ihrer Narrative wollte sich auch in der Abschlussdiskussion nicht abzeichnen. Es scheint dies – so der Eindruck am Ende der Tagung – auch gar nicht erstrebenswert. Fest steht, dass die Pluralität an verfügbaren Narrativen die Bedeutung einer Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Narrativ steigert, wie Matthias Middell und Katja Naumann abschließend betonten. Eine zeitgemäße Weltgeschichte, so Naumann, müsse bei der Wahl des Narrativs bewusst festlegen, welches Geschichtsbild damit aufgebrochen und welches für die Gegenwart gewonnen werden solle.

Konferenzübersicht:

Magnus Brechtken (Institut für Zeitgeschichte München–Berlin): Begrüßung

Gabriele Lingelbach (Universität Kiel / Institut für Zeitgeschichte München–Berlin): Narratologische Herausforderungen der Globalgeschichtsschreibung

Matthias Middell (Universität Leipzig): Vom Narrativ der Globalisierung zu solchen der vielen Globalisierungen

Katja Naumann (Universität Leipzig): Der Wandel von globalhistorischen Narrativen in der akademischen Lehre in den USA

Mark Häberlein (Universität Bamberg): Meistererzählungen und globale Mikrogeschichten: Narrative der frühneuzeitlichen Globalgeschichte

Ute Schneider (Universität Duisburg-Essen): Der Raum der Globalgeschichte. Visuelle Narrative oder Visualisierung?

Sebastian Schlund (Universität Kiel): Zwischen „Middle Ground“ und „Indigenocide“. Narrative des Kulturkontakts in Siedlungskolonien

Mona Rudolph (Universität Kiel): Die Global Commodity Chains als Narrativ – Chancen und Grenzen

Roland Wenzlhuemer (LMU München): Follow the actors! Geschichte ohne Zentrum erzählen

Susanne Popp (Universität Augsburg): Globalgeschichte und Geschichtsunterricht. Das Konzept der „geschichtsdidaktischen Perspektiven“

Ewald Frie (Universität Tübingen): Weltgeschichte schreiben – ein Erfahrungsbericht

Angelika Epple (Universität Bielefeld): Abschied von den drei Epochen? Globalgeschichtliche Periodisierungen von Braudel bis Arrighi

Zitation
Tagungsbericht: Narrative der Globalgeschichte, 16.05.2019 – 18.05.2019 München, in: H-Soz-Kult, 03.07.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8345>.