Lutherische Wissensvermittlung? 5. Workshop des wissenschaftlichen Netzwerks "Lutherische Orthodoxie revisited"

Ort
Emden
Veranstalter
Kestustis Daugirdas, Johannes a Lasco Bibliothek Emden; Joar Haga, Universität Oslo / Stavanger; Sascha Salatowsky, Forschungsbibliothek Gotha, Universität Erfurt
Datum
20.03.2019 - 22.03.2019
Von
Hendrikje Carius, Forschungsbibliothek Gotha, Universität Erfurt

Institutionen, Praktiken, Inhalte und Akteure lutherischer Wissensvermittlung standen im Zentrum des abschließenden Workshops des von der DFG geförderten internationalen und interdisziplinären Netzwerks „Lutherische Orthodoxie revisited. Konfessionelle Muster zwischen Identitätsverpflichtung und ,Weltoffenheit‘“. Der Workshop zielte auf die Frage, inwiefern sich in und durch Vermittlungsleistungen lutherische Leitvorstellungen in einem spezifisch konfessionellen Profil formierten und wie die vermittelten Leitvorstellungen in der sozialen Praxis wirkten. Der Blick richtete sich dabei auf ein ausgewähltes Spektrum unterschiedlicher Vermittlungsmodi, die u.a. die Untersuchung verschiedener Entwicklungen und Phänomene im Bildungswesen, die Bereiche der Homiletik, der Dogmatik sowie das Gutachtenwesen im 17. Jahrhundert umfasste. Verbindende Perspektive war die Frage nach dezidiert konfessionellen Propria der untersuchten Vermittlungspraktiken jenseits des gemeinchristlichen Fundaments, insbesondere hinsichtlich binnenprotestantischer Differenzierungen und Abgrenzungen.

Ganz in diesem Sinne setzte STEFAN EHRENPREIS (Innsbruck) mit seinem Überblick über die Entwicklung lutherischer Bildungsgeschichte seit der Reformation bis 1750 den Auftakt. Er nahm dabei insbesondere die innerprotestantische Konkurrenzsituation mit den Reformierten in den Blick, zu der es seit dem Aufstieg der Genfer Akademie ab ca. 1560 und der Entstehung internationaler Verbindungen unter Reformierten und Calvinisten kam. Konfessionelle Unterschiede manifestierten sich dabei Ehrenpreis zufolge weniger in den Erziehungsgrundsätzen als in jenen Strukturmerkmalen, die ihren Ausdruck in den Schultypen fanden, d.h. den reformierten Hohen Schulen und Ritterakademien im Reich und Frankreich sowie den reformierten Bemühungen um das niedere Schulwesen und die Katechese. Als Kennzeichen lutherischer Bildungsbewegung arbeitete Ehrenpreis Elemente wie die Beibehaltung der älteren Schultypen bei Ausweitung der Unterrichtsprogramme, Bildungsengagement in Erbauung und Katechese als Antwort auf die „Frömmigkeitskrise“, Übernahme didaktischer Modelle der Jesuiten und Offenheit für den Einsatz neuer Medien heraus. Lehrmaterialien und Erziehungsliteratur seien dabei sowohl international als auch überkonfessionell rezipiert worden. Insgesamt lägen die konfessionellen Propria in der Erziehungspraxis. Unterschiede seien insbesondere im didaktischen Diskurs des 17. Jahrhunderts greifbar. Dies sei jedoch später in eine größere Offenheit der lutherischen Konfessionskultur etwa hinsichtlich der Übernahme anderer Modelle übergegangen.

Der Beitrag von MORTEN FINK-JENSEN (Kopenhagen) verschob den Blick daraufhin gen Norden und öffnete den Workshop damit für eine stärkere europäische Perspektive mit Blick auf Fragen lutherischer Wissensvermittlung. Sein Fokus richtete sich dabei auf Studienreisen, die nach der Reformation vor allem nach Rostock, Wittenberg, Leiden und Padua führten. Skandinavische Studierende waren konfessionsübergreifend durchaus an allen europäischen Universitäten präsent, wobei Abschlüsse seit Beginn des 17. Jahrhunderts eher an lutherischen Universitäten erworben wurden. Über den Blick auf akademische Reisen hinaus verwies Fink-Jensen auf die Rezeption lutherischer Werke in Nordeuropa, wobei neben Luthers Katechismus auch naturwissenschaftlich orientierte Werke von Johann Amos Comenius und Johann Arndt verstärkt Wirkung entfalteten. Am Beispiel des Handbuchs zum Medizinstudium (1626) des in Basel promovierten dänischen Gelehrten Caspar Bartholin (1585–1629) zeigte Fink-Jensen im Hinblick auf die konfessionelle Zuordnung der empfohlenen, vorranging aus dem Alten Reich, Frankreich und Italien stammenden Autoren eine fast paritätische Verteilung katholischer und protestantischer Autoren. Insgesamt seien dezidiert konfessionell markierte Transferprozesse kaum abgrenzbar, zielten die Studienreisen doch auf einen allgemeinen Bildungs- und Wissenserwerb. Für die weitere Herausarbeitung konfessionell markierter Wissenstransferprozesse wäre auch die Rolle der persönlichen Tutoren bei Wissenstransferprozessen zu berücksichtigten, die einen großen Einfluss auf die reisenden Studierenden ausübten.

CORNELIA RÉMI (München) ging daraufhin der Bildprogrammatik lutherischer Predigtsammlungen und untersuchte die Popularisierung gelehrter lutherischer Diskurse zu Katechese und Seelsorge in den Werken des Nürnberger Geistlichen Johann Saubert des Älteren (1592–1646) und des Straßburger Theologen Johann Conrad Dannhauer (1603–1666). Dabei nahm sie mit der postum edierten „Gemähl-Postill“ eine Sammlung emblematischer Predigten Johann Sauberts in den Blick. Exemplarisch zeigte Rémi u.a. an der Abendmahlsdarstellung der Palmsonntag-Predigt eine Bildsemantik mit engem Text-Bild-Bezug, der einen deutlich lutherisch profilierten Wahrnehmungsrahmen setzte. Konfessionsdifferenzen, so wurde deutlich, artikulierte Saubert durch das Zitieren negativ markierter Gegenposition – ein Mittel, das der Bekräftigung der eigenen Position diente, ohne diese rational und im Detail begründen zu müssen. In Dannhauers „Catechismus-Milch“ – seinen 1642–1678 veröffentlichten Straßburger Vesperpredigten – erfolgte die konfessionelle Abgrenzung hingegen weniger über die Bildlogik als vielmehr über das dramaturgische Gesamtgefüge der Predigtreihe. Die komplementären Beispiele dogmatisch engagierter Theologen aus der Schülergeneration des Jenaer Theologen Johann Gerhard verweisen somit auf das breite Spektrum konfessioneller Abgrenzungsstrategien in Predigtsammlungen, die insbesondere als Hausväterliteratur Verbreitung fanden und rezipiert wurden.

Nach konfessionellen Spezifika im Bildungsweg Johann Gerhards (1582–1637), der als einer der bedeutendsten Theologen des frühneuzeitlichen Luthertums gilt, fragte SASCHA SALATOWSKY (Gotha). Zur Rekonstruktion des Bildungsweges zog Salatowsky Quellenmaterial aus dem Nachlass Gerhards – wie Mitschriften aus seiner Schul- und Studienzeit – heran. Die aus der Quedlinburger Schulzeit (1595–1599) stammenden Aufzeichnungen und ein inzwischen nicht mehr überliefertes Tagebuch dokumentieren eine frühe tiefe religiöse Verankerung Gerhards im Sinne der lutherischen Konfession, die sich insbesondere im Zuge schwerer Krankheitszeiten manifestierte. Früh verfasste Gerhard – ebenfalls krankheitsbedingt – ein Testament (1603), in dem er eine Summe seines christlichen Glaubens zog. Noch während seiner Schulzeit legte er ein Fundament für seine Gelehrtenbibliothek, wie eine Büchererwerbsliste von 1598 zeigt. Mit Beginn des Philosophiestudiums 1599 in Wittenberg, dem anschließend das nicht beendete Medizin- und schließlich das seinen weiteren Berufsweg prägende Theologiestudium in Jena folgte, überführte Gerhard dann vor allem sein philosophisch-theologisches Wissen in umfassende systematische Strukturen, die auf der Grundlage einer klaren konfessionellen Orientierung gleichwohl – wie in der Zeit üblich – überkonfessionelle Rezeptionen und Anknüpfungen ermöglichte. Sein von der Forschung noch kaum ausgewerteter Nachlass zeigt das Werden eines lutherischen Theologen, der mit seinen Loci-Sammlungen die späteren Großwerke vorbereitete. Vor diesem Hintergrund sind seine Interaktionsgeflechte mit für ihn zentralen Mentoren wie Johann Arndt (1555–1621), Leonhard Hutter (1563–1616) oder Balthasar Mentzer d. Ä. (1565–1627) noch genauer mit Blick auf die Entfaltung seines konfessionellen Profils zu untersuchen.

KȨSTUTIS DAUGIRDAS (Emden) widmete sich der Bibelhermeneutik des Wittenberger Theologieprofessors Wolfgang Franz (1564–1628), den Wilhelm Dilthey neben Matthias Flacius Illyricus (1520–1575) und Salomon Glassius (1593–1656) zum hermeneutischen Triumvirat zählte. Im Zentrum des Vortrags stand dessen Hauptwerk, der 1619 publizierte und bis 1708 mehrfach nachgedruckte Tractatus de interpretatione Sacrarum Scripturarum, der trotz seiner Wirkungsgeschichte bislang nicht systematisch untersucht wurde. Als historischen Kontext für die Frage nach dem spezifischen lutherischen Gepräge des Werkes seien, so Daugirdas, die Auseinandersetzungen mit Katholizismus, Sozinianismus und der reformierten Tradition zu betrachten, die Franz als Vertreter des Konkordienluthertums zu einer klaren lutherischen Positionierung brachte. Neben konfessionellen Abgrenzungen zeige das Werk jenseits der umstrittenen Glaubensgrundsätze hier durchaus diskursive Öffnungen: So integriere Franz interessanterweise bibelhermeneutisch relevante Ansätze europäischer Gelehrter wie jene des reformierten Hebraisten Johannes Drusius (1550–1616) oder des römisch-katholischen Theologen Benedictus Arias Montanus (1527–1598). Innovative methodische Akzente setze Franz in der Schriftauslegung hinsichtlich der Berücksichtigung kontextueller und intertextueller Sachverhalte. Das Verfahren der interkontextuellen Kollationierung basiere dabei – anders als in der zeitgenössischen Praxis (Erkenntnis des Gleichen durch das Gleiche) – auf dem Versuch, das Einzelne durch interkontextuelle Abgrenzungen und durch die Beobachtung des semantisch Divergierenden zu erkennen. Insgesamt erweist sich die Bibelhermeneutik von Franz, den die Forschung seit dem 19. Jahrhundert als Vertreter der lutherischen Orthodoxie gewertet hat, somit in Daugridas' Interpretation als konfessionell recht offenes Traktat, das selbst für Vertreter des Pietismus anschlussfähig war.

Zu ähnlichen Befunden kam auch CHRISTOPHER VOIGT-GOY (Mainz) in seiner Untersuchung theologischer Konsiliensammlungen, die für die Analyse der lutherischen Kirchenpraxis eine aufschlussreiche Quellengattung bilden. Diese im 17. Jahrhundert entstandenen Sammlungen zielten auf eine kirchenpraktische Traditionsbildung des Luthertums: Hatten frühe Sammlungen wie die des Breslauer Hauptpastors Joachim Pollio (1577–1644) einen regionalen Orientierungsanspruch, verfügten jene auf das Konkordienluthertum verpflichtete Sammlungen wie die 1667 erschienenen Consilia Theologica Wittebergensia oder die zweite Auflage der Sammlung von Georg Dedeken (1564–1628), Diakon an der St. Katharinenkirche in Hamburg, aus dem Jahr 1671 über einen gesamtlutherischen Anspruch. Voigt-Goy widmete sich systematisch den von Universitätstheologen erstellten Consilia bzw. Judica zur besonders neuralgischen Frage nach dem Begräbnis fremdkonfessioneller Menschen. Insofern für Begräbnisverweigerungen die Kategorie der Gottlosigkeit (ungetaufte Kinder, Häretiker, Sakramentsverweigerer, Selbstmörder) ausschlaggebend war, hätten sich die Argumentationsstränge nicht zuletzt an dieser Frage kristallisiert. Gutachten zu Begräbnissen von Calvinisten differenzierten etwa nach rechtlich-religiösem Status: Danach konnten durch Unverstand unverschuldet sich zum Calvinismus bekennende Personen wie Lutheraner begraben werden. Dies galt jedoch nicht für durch Kirchenzuchtverfahren als notorisch eingestufte Calvinisten. Die Praxis, die auch unbußfertige Lutheraner betraf, führe somit über die Frage der Beerdigungen zur Gleichbehandlung von Lutheranern und Calvinisten. Insgesamt zeigten die Gutachten die integrative Praxis des lutherischen Begräbniszeremoniells, hinter der die Leitidee einer konfessionshomogenen Gesellschaft stand. In der Praxisorientierung, d.h. der Einpassung an praktische (u.a. – seit 1649 im Alten Reich auch rechtlich fundierte – multikonfessionelle) Gegebenheiten werde eine erstaunlich vielfältige Elastizität im frühneuzeitlichen Luthertum sichtbar, das dem tradierten Bild der lutherischen Orthodoxie entgegenstehe.

In seinem Beitrag zur Wittenberger Universitätstheologie setzte sich DANIEL BOHNERT (Essen) anhand verschiedener phänomenologischer Aspekte der Wissensvermittlung ebenfalls mit der Frage auseinander, inwiefern sich hier spezifische konfessionelle Ausprägungen greifen lassen. Dabei nahm er Akteure, Institutionen, Modi, Formen, Fertigkeiten und Inhalte der Wissensvermittlung in den Blick. Akademische Wissensvermittlung vollzog sich, so Bohnert, im Rahmen von Amtsführung und literarischer Produktionstätigkeit, d.h. etwa im Rahmen von Professuren mit Predigttätigkeiten, von an Professuren geknüpften Assessuren in den Konsistorien oder auch von Tisch- und Hausgenossenschaften. Als Quellen für seine Untersuchung von Vermittlungsmodi fungierten die als akademische Lehrform statutenmäßig vorgeschriebenen Vorlesungen, Disputationen im Rahmen des Lehrbetriebes sowie theologische Gutachten. Hinsichtlich der Inhalte richtete Bohnert seinen Fokus u.a. auf den von Lutheranern des 17. Jahrhunderts rezipierten Lutherschüler Hieronymus Weller (1499–1572), der die Ratio studii der Homiletik voranstellte. In der Praxis der Leucorea hob er die Rezeption des Römerbriefs, der reformatorischen Werke, aber auch das Studium der alttestamentarischen Bücher und den Erwerb von Altertumskenntnissen hervor. Die Elementarisierung der an Luther anknüpfenden Katechese (Martin Caselius, Nikolaus Hunnius) zielte demnach auf die Lehrmethodik, die das Verstehen gegen das Auswendiglernen in den Mittelpunkt rückte. Aufgrund fehlender universitätsgeschichtlicher Studien bleibe die Frage nach einer klar abgrenzbaren konfessionellen Form der Wissensvermittlung in Wittenberg jedoch offen. Für konfessionelle Divergenzen könne der systematische Blick auf Traditionsbezüge insbesondere in homiletischen Werken ergiebig sein. Die hermeneutische Durchdringung im Schriftprinzip firmiere am ehesten als Ausdruck konfessioneller Spezifika.

Der Frage nach binnenkonfessionellen Differenzierungen im Schul- und Bildungswesen um 1700 ging THOMAS TÖPFER (Leipzig) anhand der schulreformerischen Initiativen des Dresdner Superintendenten und Oberkonsistorialassessors Valentin Ernst Löscher (1673–1749) auf den Feldern Armutsbekämpfung und Erziehung nach. Töpfer setzte dabei mit seinem Beitrag einen gezielten Kontrapunkt zu dem bis heute in der bildungsgeschichtlichen Forschung vorherrschenden Fokus auf das sozial- und bildungsreformerische Engagement des Pietismus. Den Ausgangspunkt für diese revisionsbedürftige Fixierung sah er in der von den erfolgreichen publizistischen Strategien des Halleschen Waisenhauses August Hermann Franckes ausgehenden Meistererzählung, die die Anstalten zum Zentrum schulischer Erneuerung stilisiert(e). Dass die Bewältigung der sich um 1700 verschärfenden Armut und die Verbesserung von Schule und Unterricht auch im Rahmen anderer lokaler Reformimpulse im frühneuzeitlichen Luthertum gelang, zeigte Töpfer für Kursachsen. Dort nahm Löscher, der als wichtigster Gegner der Halleschen Pietisten gilt, eine umfassende Revision des Kirchen- und Schulwesens Dresdens vor, die auf die Intensivierung der Katechismusunterweisung und der geistlichen Examina sowie eine nachhaltige Verbesserung der Armenbildung und -fürsorge zielte. Die Maßnahmen beinhalteten die Gründung spezialisierter Armenschulen, die Löscher mit einer Instruktion und einer Reihe eigener Lehrbücher ausstattete. Die Lehrer dieser Schulen hatten Zugang in sein 1718 gegründetes Consortium theologicorum, das als frühes Beispiel der Prediger- und Lehrerausbildung gelten kann. Aufgrund seiner Tätigkeit im Dresdner Oberkonsistorium fanden einige dieser Reformen Eingang in landesherrliche Verordnungen. Ausgehend von den offensichtlichen Parallelen zu den Reformbemühungen Franckes in Halle zeige sich hier, so Töpfer, eine breit im frühneuzeitlichen Luthertum verankerte Reformbewegung, die weiteres Forschungspotential bereithalte.

Die Abschlussdiskussion führte die Befunde des Workshops zu den konfessionellen Spezifika lutherischer Wissensvermittlung zusammen. In diesem wie in den vorhergehenden Workshops des Netzwerkes wurde der integrative Charakter des frühneuzeitlichen Luthertums evident, der bei klar definierten Grund- und Eckpfeilern auf Basis der Identitätsmarke Confessio Augustana verschiedene Positionen inkorporieren und Varianzen in der sozialen Praxis zulassen konnte. Binnenkonfessionelle Abgrenzungen und Auseinandersetzungen präsentierten sich dabei weitgehend im Rahmen des gelehrten Diskurses, in der es um die Konstruktion gemeinsamer Grundlagen ging. So bleibt die Frage, inwiefern und ggf. inwieweit Polemik und Apologetik wirklich identitätsbildend wirkten. Diese Überlegungen und Fragen gilt es nun auch für das Reformiertentum weiter zu prüfen. Als nützliche Kategorie für die Analyse dogmatischer und praktischer Phänomene wurde der Konkurrenzbegriff diskutiert, über den einer der zentralen Antriebsfaktoren für konfessionelle Distinktionen, Konstruktionen und Austauschprozesse gefasst werden könnte. Diesen Ansatz, der kürzlich bereits für rechtliche Zusammenhänge stark gemacht wurde[1], gilt es ebenso weiterzuverfolgen, wie die noch offene und angemahnte Konzeptualisierung diachroner und raum-zeitlicher Aspekte, aus der sich weiteres Forschungspotential ergibt.

Insgesamt hat sich der interdisziplinäre Zugriff des Workshops, nicht zuletzt unter Einbezug von Methoden der neueren Kulturgeschichte (hier insbesondere der Visualität) als fruchtbar erwiesen, auch wenn er sich nur einzelnen Themenkomplexen lutherischer Wissensvermittlung und ihrer Ausdifferenzierungen in europäischer Perspektive nähern konnte. Dass dieser interdisziplinäre Weg zur weiteren praxeologischen Konturierung des frühneuzeitlichen Luthertums lohnend ist, haben die einzelnen Fallbeispiele und Detailbeobachtungen des Workshops deutlich zeigen können. Damit verbunden ist die begriffliche Ausrichtung, den das Netzwerk im Revisionsprozess vollzogen hat: Von der historiographisch engführenden Kategorie der lutherischen Orthodoxie hin zum heuristisch offeneren Begriff des frühneuzeitlichen Luthertums.

Konferenzübersicht:

Kestutis Daugirdas (Emden) / Joar Haga (Stavanger) / Sascha Salatowsky (Gotha): Begrüßung und Einführung

1. Sektion
Moderation: Thomas Töpfer (Leipzig)

Stefan Ehrenpreis (Innsbruck): Lutherische Bildungsprogramme 1600–1750 zwischen konfessioneller Konkurrenz, Reformideen und gesellschaftlicher Nachfrage

Morten Fink-Jensen (Kopenhagen): Knowledge transfer and Lutheran confessional culture in a Nordic perspective

Cornelia Rémi (München): „Vom Schreibpult in die Welt“. Zur Popularisierung gelehrter lutherischer Diskurse in Katechese und Seelsorge

2. Sektion
Moderation: Christian Witt (Mainz)

Sascha Salatowsky (Gotha): Johann Gerhards Bildungsweg – was ist daran konfessionell auffällig?

Kestutis Daugirdas (Emden): Die Bibelhermeneutik des Wolfgang Franz (1564–1628) und ihr Kontext

Christopher Voigt-Goy (Mainz): Vermittlung lutherischer Kirchenpraxis – Das Begräbnis fremdkonfessioneller Menschen in theologischen Gutachtensammlungen des 17. Jahrhunderts

3. Sektion
Moderation: Cornelia Rémi (München)

Daniel Bohnert (Essen): Wissensvermittlung in der Wittenberger Universitätstheologie

Thomas Töpfer (Leipzig): Binnenkonfessionelle Differenzierung? Armutsbekämpfung und Erziehung um 1700. Das Beispiel Valentin Ernst Löcher

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Christoph Strohm, Die produktive Kraft konfessioneller Konkurrenz für die Rechtsentwicklung, in: Ders. (Hrsg.), Reformation und Recht. Ein Beitrag zur Kontroverse um die Kulturwirkungen der Reformation, Tübingen 2017, S. 131–172.

Zitation
Tagungsbericht: Lutherische Wissensvermittlung? 5. Workshop des wissenschaftlichen Netzwerks "Lutherische Orthodoxie revisited", 20.03.2019 – 22.03.2019 Emden, in: H-Soz-Kult, 03.07.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8346>.
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Veröffentlicht am
03.07.2019
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