Lektüre und Geschlecht im 18. Jahrhundert. Zur Situativität des Lesens zwischen Einsamkeit und Geselligkeit

Ort
Berlin
Veranstalter
Luisa Banki, Bergische Universität Wuppertal; Kathrin Wittler, Freie Universität Berlin
Datum
21.02.2019 - 22.02.2019
Von
Marlen Kristin Bässler / Edda Brauß, Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Freie Universität Berlin

Die von Luisa Banki und Kathrin Wittler organisierte Tagung hatte sich zum Ziel gesetzt, die geschlechtlich codierten Lektürepraktiken des 18. Jahrhunderts nicht nur auf den Lesestoff, sondern vor allem auf ihre situative Einbettung hin zu befragen. Die Problematik, dass sich das Lesen als kognitiver Vorgang nicht darstellen lässt, lenkt den Blick der Forschung zwangsläufig auf die Äußerlichkeiten von Lektürepraxis. Damit lag in den Vorträgen durchgängig ein Fokus auf dem Wie der Lektüre: Einsam oder in Gesellschaft? Selbstbestimmt oder kontrolliert? Im Garten oder in der Kammer? Und nicht zuletzt: Männlich oder weiblich?

Der Diskurs um das weibliche Rollenbild im 18. Jahrhundert artikulierte sich in Begriffen wie Empfindsamkeit, Passivität, Reproduktivität und der häuslichen Sphäre, denen männliche Rationalität, Aktivität, Produktivität und die öffentliche Sphäre gegenüberstanden. Indem sich diese Vorstellungen auch im Bild von Frauen und Männern als Leserinnen bzw. Lesern niederschlugen, war die tatsächliche Lektürepraxis von geschlechtlich codierten Vorgaben, Hierarchisierungen, Restriktionen und Projektionen geprägt. Besonders große Aufmerksamkeit innerhalb dieser Debatte galt der Lesesucht, welche, so die überzogene Vorstellung, als extensive, zu erotischen Handlungen verleitende Romanlektüre die Sittlichkeit der Frau und die Realisierung ihrer vorgesehenen Rolle bedrohte. Wie sich die Leserinnen und Leser zwischen Auslebung und Umgehung dieser Dichotomie von männlicher und weiblicher Lektüre tatsächlich bewegten, versuchten die Tagungsteilnehmer mit Blick auf den Leser als Individuum und als Teil eines Kollektivs quellenkritisch herauszuarbeiten. Dabei wählten sie als Untersuchungsgegenstand die Lektürepraktiken von bestimmten Gruppen, von einzelnen historischen Leser/innen und von fiktiven Leserfiguren im Rahmen literarischer Darstellung.

Den Einstieg lieferte KATJA BARTHEL (Osnabrück) im ersten Panel mit ihrem Vortrag zum weiblichen Rollenbild in galanten Romanen. Barthel thematisierte die Art und Weise, durch die das weibliche Leseumfeld – etwa in Titelkupfern und anderen Darstellungen, sowie auch durch das Medium der „Frauenzimmerlexika“ und der Protagonistinnen in galanten Romanen – durch „männliche Leserinnen-Imagines“ geprägt war und in diesem Sinne auch zur Projektionsfläche wurde. Im Anschluss beschrieb MICHAEL MULTHAMMER (Siegen) männliche Gelehrsamkeit um die Jahrhundertwende als zwischen den beiden Polen von Galanterie und Pedanterie aufgespannt. Die galante Praktik war dabei das Ideal, nach welchem die Lektüre immer wieder in Kommunikation eingebunden wurde, anstatt sie pedantisch-besserwisserisch zur Schau zu stellen.

Im Anschluss wandte sich das zweite Panel dem Ort des Lesens und Schreibens als situative Komponente zu. Die Verwobenheit von Ort und Medium der Lektüre zeigte JANA KITTELMANN (Halle) in ihrem Vortrag. Der Garten bot Raum für dialogische und gesellige Lektürepraktiken. In großen gemischtgeschlechtlichen Runden wurde die öffentliche Brieflektüre als sozial-empfindsames Ereignis inszeniert. Die Rolle der Frau blieb dabei ambivalent. Sie wurde zugleich zur passiven Zuhörerin reduziert und, in der Figur der Briefkorrespondentin, idolisiert. Während das Wie der Gartenlektüre also durchaus variierte, war ihr Inhalt primär auf empfindsamen oder erbaulichen Stoff festgelegt – „Gottsched las man im Kabinett.” Kittelmann präsentierte den Garten als Ort der Geselligkeit und Einsamkeit, der virtuellen und realen Begegnung, des Lesens und Schreibens – kurz: als einen spezifischen situativen Raum, in dem im 18. Jahrhundert diverse Lektürepraktiken imaginiert und realisiert werden konnten.

VALÉRIE LEYH (Namur) demonstrierte solch einen Zusammenfall diverser Lektürepraktiken anhand von Auszügen aus Mein Schreibetisch und Pomona für Teutschlands Töchter der Schriftstellerin, Leserin und Salonnière Sophie von La Roche. La Roche konnte zwischen privater und geselliger, gelehrter und unterhaltsamer Lektüre frei wählen und damit die Dichotomie einer weiblichen und männlichen Lektüre unterlaufen.

In ihrem Abendvortrag führte ABIGAIL WILLIAMS (Oxford) die verschiedenen Facetten der Lektürepraktiken im 18. Jahrhundert zusammen. Williams stellte die „anti-novel-propaganda“ mit dem dazugehörigen Vorwurf der Lesesucht und Realitätsverzerrung ihrerseits als „distortion“ der damaligen realen Lektürepraktiken heraus, da das „novel-reading” neben der Lektüre von Zeitschriften, lyrischen Texten, Reiseberichten oder auch der Bibel nur einen Teil der Lesepraxis ausmachte. Im Gegenzug beleuchtete sie variable Formen des geselligen Lesens. Anhand der „social performance“ erklärte Williams, wie die Lektüre im 18. Jahrhundert auch als Repräsentationsmedium fungierte. Hierbei ging es darum, Bücher bei Hausbesuchen zu Zwecken der Selbstinszenierung zu funktionalisieren. Zur tatsächlichen Performance kam es dann zum Schluss ihres Vortrages, als sie die Anwendbarkeit der zeitgenössischen Anleitungen zum lauten Lesen erprobte. Statt mit den Mitteln der Intonation, Mimik und Gestik den Authentizitätsgrad des Textes zu erhöhen, so beurteilte Williams, wirke er dadurch nur noch unnatürlich. Die demonstrative „theatricality“ sollte dem geselligen Vorlesen, vor allem in Hinblick auf die Leserin, auch das Potenzial verleihen, die Fiktion als Fiktion darzustellen und weiter als Korrektiv (moralisch gefährlicher) „falscher“ Interpretation zu dienen. Williams’ Fazit: „How you read in the eighteenth century is absolutely as important as what you read”, betonte abermals den Fokus der Tagung auf das Wie der Lektüre.

Im dritten Panel demonstrierten ADRIAN RENNER (Hamburg) und LEONIE ACHTNICH (Berlin) jeweils an konkreten literarischen Beispielen, wie die starke Einbildungskraft sowohl beim weiblichen als auch männlichen Leser zu einer „Überblendung von Fantasie und Wirklichkeit“ (Renner) führen kann. Bei Wielands Don Sylvio handele es sich um eine „einsame, realitäts-substituierende Lektüre“ von Feenmärchen, deren gefährliche illusionäre Wirkung nur durch das gesellige Sprechen über diese Lektüre gestoppt werden könne. Auch hier kommt wieder die Korrektivfunktion von geselliger Lektüre zum Tragen. Die Lektüre der Hauptfigur Emily aus Ann Radcliffes gothic novel The Mysteries of Udolpho beschrieb Achtnich als ein „Fehl-Lesen von Zeichen“, denn in allem vermutet die Figur etwas Übernatürliches. Hierbei wird vom Text suggeriert, dass der Akt des Lesens nur über den Affekt narrativiert werden kann, etwa, wenn Emily in Aufruhr ein Buch von sich wirft.

Zurück zum Brief führte dann JOHANNA EGGER (Göttingen) in ihrem Materialworkshop. Dessen Gegenstand war der Briefwechsel zwischen Luise Mejer und Heinrich Christian Boie, aus dem Egger einige Zitate zusammengestellt hatte, anhand derer sich demonstrieren ließ, was und auf welche Weise Mejer gelesen hat. Während sie als Gesellschafterin alltäglichen Lektürezwängen unterworfen war, konnte sie sich in der Korrespondenz über Literatur mit Boie intellektuell entfalten. Weil dieser ihr die Literatur auswählte und zur Verfügung stellte, bezeichnete sie ihn selbst als ihren „Lesedirektor“. Festgehalten wurde, wie Mejer zwischen Brief- und Literaturlektüre wechselte. Das Ineinandergreifen von Literaturlektüre und Briefkorrespondenz als weitere Form der Wechselwirkung von Fiktion und Realität zeigt sich bei Mejer im Schreibstil, wenn sie in den Briefen an Boie von ihrer Lektüre von Klopstock und Stolberg berichtet. Ihr Stil gleicht sich dem des Gelesenen an, versucht etwa, das „transzendierende Moment“ Klopstocks zu imitieren. Eine weitere Vielleserin im 18. Jahrhundert war Charlotte von Schiller, die im Workshop von HELENE KRAUS (Bielefeld) vorgestellt wurde. Durch Schillers intensive Beschäftigung mit diversen Disziplinen, von den Naturwissenschaften über die Philosophie bis zur Theologie reichend, die sich in zahlreichen Exzerpten niederschlägt, entwickelte auch sie sich zu einer intellektuellen Leserin.

CARLOS SPOERHASE (Bielefeld) schloss im nächsten Panel an die Thematik um Luise Mejer in seinem Vortrag an, und brachte den Aspekt der Temporalität ins Spiel. Durch Abschriften Boies, die er an Mejer schickte, wurde die Möglichkeit einer gemeinsamen, „synchronen“ Lektüre auf Distanz erprobt. Mejer habe teils wenig Zeit gehabt, die Lektüre der von Boie gesendeten Bücher abzuschließen, da sie als Gesellschafterin in fremden Haushalten vorgegebene Lektüren zu geregelten Zeiten vorlesen musste. Die maschinelle Lektüre töte „Geist und Körper“, so Mejer, und verhindere das empfindsame Lesen. Spoerhase schlug vor, statt weiblicher und männlicher Lektüre den Familienstand, im Speziellen etwa den Typus des „ehelichen Lesens“, als zentralen situativen Einfluss auf Lektürepraktiken ins Auge zu fassen. Zum Schluss seines Vortrages fragte Spoerhase nach weiteren möglichen Faktoren: Die soziale Zugehörigkeit, die Organisationsformen des bürgerlichen Haushalts, der ledige Familienstand, die spezifische Situierung und Strukturierung der Lesezeit im alltäglichen Ablauf, Reise, Schwangerschaft, Freizeit und Muße sowie außerhäusliche Institutionen wie Leihbibliotheken mit ihren vorgegebenen Zeitfristen.

HELGA MEISE (Reims) griff die Thematik der Strukturierung von Lebenszeit durch Lektüre anhand von konkreten Biografien adeliger Leserinnen des 17. und 18. Jahrhunderts auf. Sie erläuterte vor allem drei Praktiken, die sich in den populären Schreibkalendern dieser Zeit überlagern: Sammeln, Lesen und Schreiben. Durch das exzessive Verzeichnen und Katalogisieren von Büchern änderte sich der Status des einzelnen Buches, welches als Repräsentationsobjekt zum Mittel der Inszenierung von Identität wurde. Neben eine solche nach außen gerichtete Verwendung des Mediums trat eine Privatheit der Lektüre, die sich wesentlich an Räumlichkeiten knüpfte: einsames Lesen im Gemach, in der Kammer oder im Bett. Am Beispiel von La Roche zeigte Meise den Zusammenhang von Raum und Identität auf. La Roche schlüpfte in die Rolle der Hausfrau, die der Küchenraum von ihr verlangte, aber konnte sich jederzeit auch in einem anderen, „selbst eroberten“ Raum bewegen, dem room of her own, nämlich dem Schreibzimmer, in dem sie frei als Schriftstellerin agierte.

Im letzten Panel warfen ANNIKA HILDEBRANDT (Siegen) und CHRISTINE HAUG (München) aus unterschiedlichen Disziplinen kommende Blicke auf die Stadt Berlin im 18. Jahrhundert. Hildebrandt stellte in ihrem Vortrag eine Analogie zum vermeintlichen Gefahrenpotenzial von Romanen und „singbaren Gedichten“ wie der Ode heraus. So wurden zahlreiche Oden, die erotisch aufgeladene Begriffe wie „Lust” und „Verlangen” enthielten, zwecks Entschärfung umgeschrieben und damit für Frauen „hörbar” gemacht. In solcher Form wurde der vertonten Literatur das Potential einer „Einstimmung der Geschlechter” zugesprochen, die auch über die Geselligkeit des Musizierens verfestigt werden konnte.

Haug dagegen beleuchtete die Stadt Berlin unter dem Gesichtspunkt der damaligen Militärpräsenz und der damit einhergehenden Zirkulation von erotischen Lesestoffen, der sogenannten „leichten Ware“. Die „hermetische Abriegelung“ der Stadt sowie ihre verlagspolitische Situation beförderten den Schmuggel von erotischen Texten und Kupferstichen. Es gebe allerdings wenige Quellen, die darüber berichteten, wie die Soldaten privaten Gebrauch von ihren erotisch-pornographischen Lesestoffen gemacht hätten. Die Autoritäten sahen in der privaten Lektüre von Pornographie eine sittliche Gefahr, insofern sie zu Onanie oder homosexuellen Praktiken unter den Soldaten führen könne. Hier wurde deutlich, dass die Prävention von angeblich unsittlichem Verhalten an der politisch-gesellschaftlichen Reglementierung sowohl von weiblicher als auch von männlicher Lektürepraxis teilhatte.

Insbesondere die Fragerunden der Tagung boten ein Forum für übergreifende Problematisierungen, die Anlass gaben, die Methoden der Literatur- und Lesewissenschaft angesichts der spezifischen Beschaffenheit ihres Gegenstands zu reflektieren. So stellte Kathrin Wittler die grundsätzliche Erzählbarkeit des Lesens zur Diskussion und fragte, ob Lesen nur erzählbar sei, wenn es über seine Affekte beziehungsweise Wirkung problematisiert werde. Eine Erzählung könnte sonst dabei stehenbleiben, den Lesestoff lediglich aufzulisten, also beim Was der Lektüre zu verharren und das Wie auszuklammern. Möchten Literaturwissenschaftler/innen Lektüre als Motiv im Rahmen literarischer Darstellung untersuchen, müssen sie also berücksichtigen, dass Lektüre keine automatisch gegebene, konstante Form annimmt, sondern sich in den einzelnen Texten immer wieder verschieden gestaltet.

Im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit nicht-literarischen Dokumenten wurde einerseits die Notwendigkeit diskutiert, allgemeine Thesen über Lektürepraxis aufstellen zu können, andererseits aber auch das Risiko der Verallgemeinerung und Vernachlässigung von spezifischen Einzelfällen beleuchtet. Obwohl die Debatte um diese methodischen Herausforderungen leider nicht vertieft wurde, konnte die Tagung doch in ihrem Vorgehen demonstrieren, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit als Methode grundlegend ist bei der Erforschung einer solchen medial vielfältigen Thematik, die neben Büchern auch Bilder, Kupferstiche, Stadt- und Landkarten sowie musikalische Formen einschließt. In ihrer Multiperspektivität ist es der Tagung gelungen, die Vorstellung der Dichotomie von männlicher und weiblicher Lektüre historisch zu reflektieren und zu nuancieren, und durch den Fokus auf die situative Komponente die Lektürepraktiken des 18. Jahrhunderts als ein Gewebe von Lesen und Leben herauszustellen.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Galantes Lesen um 1700

Katja Barthel (Osnabrück): Methodologische Überlegungen zur Konstruktion und Mobilität historischer Leserinnen-Imagines am Beispiel galanter Romane um 1700

Michael Multhammer (Siegen): Der belesene Mann. Geschlecht, Gelehrsamkeit und Lektüre um 1700

Panel 2: Lese- und Schreiborte

Jana Kittelmann (Halle): Brieflektüren in Gärten

Valérie Leyh (Namur): Der Schreibtisch als Begleiter. Sophie von La Roches vielfältige Lektürepraktiken

Abigail Williams (Oxford): Worlds Apart: Imagination, Gender and the Dangers of Solitary Reading in the Long Eighteenth Century

Panel 3: Affekte des Lesens

Adrian Renner (Hamburg): „so lachte sie so lang und viel“ – Komische Lektüren und die Komik der Geschlechter im deutschen Aufklärungsroman

Leonie Achtnich (Berlin): „She threw aside the book“ – Lektüreszenen in Ann Radcliffes gothic novel „The Mysteries of Udolpho“ (1794)

Panel 4: Archivlektüren

Johanna Egger (Göttingen): Vielfältiger Nutzen der Lektüre für das Leben – Luise Mejer

Helene Kraus (Bielefeld): Charlotte von Schiller als intellektuelle Leserin

Panel 5: Räume und Zeiten des Lesens

Helga Meise (Reims): Lektüre, Geschlecht, Privatheit: Praktiken von Frauen in der Frühen Neuzeit

Carlos Spoerhase (Bielefeld): Weibliche Lesezeit im 18. Jahrhundert

Panel 6: Literarische Geschlechterkontakte in Berlin

Annika Hildebrandt (Siegen): Herzen im Gleichtakt. Zur Liedkultur der Berliner Aufklärung

Christine Haug (München): Die preußische Residenz- und Garnisonsstadt als „erotisches Biotop“ im 18. Jahrhundert. Zu den Kausal- und Wechselbeziehungen zwischen Militärpräsenz und dem Konsum von erotischen Lesestoffen

Zitation
Tagungsbericht: Lektüre und Geschlecht im 18. Jahrhundert. Zur Situativität des Lesens zwischen Einsamkeit und Geselligkeit, 21.02.2019 – 22.02.2019 Berlin, in: H-Soz-Kult, 04.07.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8349>.