Quellenforschung im 21. Jahrhundert. Colloquium zum 200-jährigen Bestehen der MGH

Ort
München
Veranstalter
Monumenta Germaniae Historica
Datum
28.06.2019 - 29.06.2019
Von
Roman Deutinger, Repertorium "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters", Bayer. Akademie der Wissenschaften; Christof Paulus, Ludwig-Maximilians-Universität München

Als „das größte Unternehmen, das unsere Nation und ihr bester Mann geschaffen“, bezeichnete Theodor Mommsen in einem Brief vom 30. Mai 1887 an seinen Schwiegersohn, den Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, die 1819 in der Frankfurter Wohnung des Freiherrn vom und zum Stein ins Leben gerufene „Gesellschaft für ältere Geschichtskunde“ und ihr Quellenunternehmen der Monumenta Germaniae Historica. 200 Jahre nach der Gründung, rund 500 Bände und viele tausend Editionsseiten später blickte ein Colloquium weniger auf die wechselvolle Geschichte der Monumenta zurück, sondern richtete den Blick vielmehr in die Zukunft, auf „die Arbeit der MGH in den kommenden 200 Jahren“, wie die Präsidentin MARTINA HARTMANN in ihrer Begrüßung launig bemerkte. Auf dem Programm standen statt Jubiläumsgefälligkeiten aktuelle Projekte und Visionen, die eine quellenorientierte kritische Historie, wie sie die MGH zu den meisten Zeiten ihres Bestehens vertraten, in zeitgemäße Formen überführen können.

In seinem Festvortrag spürte der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, ANDREAS WIRSCHING, den „Quellen der Nation“ und den Kontexten nach, welche die Geschichte der MGH bestimmten. Aus „patriotischem Dilettantismus“ (Horst Fuhrmann) um den „Unruheständler“ Stein entsprungen, der Trost in der Vergangenheit suchte, sei das Unternehmen von Beginn an durch eine allein schon aus den umfangreichen Archivreisen der Mitarbeiter erwachsende europäische Perspektive gekennzeichnet gewesen. Früh hätten die MGH auf andere Länder wie Italien, Ungarn, Böhmen oder Rumänien ausgestrahlt, ja jene auch durch romantisches Denken bestimmte Wendung hin zum Mittelalter sei geradezu ein Charakteristikum für jene Staaten in der Zeit des nation-building, die sich und ihre Grenzen erst noch suchen mussten.

Dass die Monumenta heutzutage ein europäisches, eigentlich sogar ein globales Forschungsunternehmen sind, zeigten eindrücklich die Einzelvorträge des Colloquiums. Übrigens haben alle ausländischen Referenten ihre Vorträge durchweg in vorzüglichem Deutsch gehalten, ein Zeichen dafür, dass das Deutsche als internationale Wissenschaftssprache noch nicht völlig ausgedient hat.

Als Beispiel für die „Wandel- und Strapazierfähigkeit“ eines Langzeitunternehmens stellte MICHAEL MENZEL (Berlin) die Constitutiones et acta publica imperatorum et regum vor, die Konjunkturwellen ihrer bislang erschienenen 13 Bände sowie die damit verbundenen Editionsprobleme. Sehr viel habe sich seit dem ersten Band von 1893 getan. Nicht nur die Tiefenerschließung der Quellen habe zugenommen; da auch die Zahl der Inedita gewachsen sei, je mehr sich die Bände den Zeiten Ludwigs IV. und Karls IV. näherten, komme der Reihe für noch zu entwickelnde Forschungsfragen eine grundlegende Bedeutung zu. „Kein Editor muß Geschichte schreiben, kein Historiker muß Quellen edieren. Nur sollten beide wenigstens wissen, worum es beim anderen, worum es insgesamt geht“, formulierte Arnold Esch bereits vor zwanzig Jahren.

Gleichsam den Gegenpart zum Jahrhundertunternehmen der Constitutiones präsentierte KLAUS HERBERS (Erlangen-Nürnberg) mit der 2019 gegründeten Unterreihe der Reiseberichte, deren erster Band, das Itinerarium des Nürnberger Arztes Hieronymus Müntzer von 1494/95, noch in diesem Jahr – erstmals als Gesamtedition – erscheinen soll. Der Text ist in einer einzigen Münchener Handschrift aus dem Besitz Hartmann Schedels überliefert, der den Codex mit zwölf Zeichnungen versehen hat. Herbers profilierte vornehmlich Fragen der Informationsbeschaffung sowie der narrativ-komparativen Technik des Autors und diskutierte die angemessene Kommentierung eines durch Alteritätserfahrungen geprägten Textes.

Etwa zur gleichen Zeit wie Müntzers Aufzeichnungen über seine Reise nach Santiago di Compostela entstand der Catalogus illustrium virorum Germaniae des Benediktinerabts und Polyhistors Johannes Trithemius, dessen rund 100 Lebensbeschreibungen seit der Antike – gipfelnd in Trithemius selbst – das Editionsvorhaben von ARNO MENTZEL-REUTERS (München) darstellen. Dieser sieht als größte Herausforderung die oft schwierige Ermittlung der Vorlagen des immer wieder mit anachronistischen Fälschungsvorwürfen belegten Sponheimer Abtes. Der selbsternannte „Alles-Leser“ Trithemius habe zwar eigene Narrative und „alternative Fakten“ geschaffen (z. T. sogar gegensätzliche in unterschiedlichen Werken), doch könne sein Vorgehen erst dann angemessen beurteilt werden, wenn das Material, aus dem er sein Gebäude errichtet habe, vollständig erfasst sei. Unabhängig von einzelnen aktuellen Projekten stellte sich ENNO BÜNZ (Leipzig) die Frage, wie man das im Spätmittelalter quantitativ und qualitativ massiv vermehrte Quellenmaterial editorisch bewältigen könne. Anhand bestehender Editionsreihen außerhalb der MGH zeigte er verschiedene Möglichkeiten auf, von der nur mehr in Einzelfällen möglichen Gesamtedition eines Bestands über thematische Auswahleditionen und Regesten bis hin zu einer bloßen quellenkundlichen Bestandsbeschreibung. Da die MGH hier keinen „Alleinvertretungsanspruch“ haben, stellt sich nachdrücklich das Erfordernis, entsprechende Initiativen zu koordinieren und in gemeinsamen Portalen zu erschließen.

Die geographische Weite der MGH steckten vor allem die Beiträge von MARTIN WIHODA (Brno), PETER SH. LENHARDT (Beer Sheva), KARL BORCHARDT und BENEDIKT MARXREITER (beide München) ab. Marxreiters und Borchardts Vortrag widmete sich den Kreuzzugsquellen: Forschungslandschaft und zentrale Fragen der Kreuzzugsgeschichtsschreibung wurden skizziert, der Beitrag der MGH zu dieser umrissen sowie Desiderata formuliert, darunter eine Aktualisierung der prosopographischen Röhricht-Sammlung. An der Rezeptionsgeschichte des sogenannten Daimbert-Briefs von 1099 wurde das Editionsprojekt der hochmittelalterlichen Bamberger Weltchronistik vorgestellt. Für das zukunftsweisende Vorhaben der hebräischen Quellen zur Geschichte Deutschlands – angesichts einer erst noch zu entwickelnden hebräisch-deutschen Forschungstradition ein dringendes, nicht zuletzt kulturgeschichtliches Desiderat – schlug Lenhardt einen Weg zwischen vollständigen und Auswahleditionen vor. Deutlich als Zäsur für die hebräischen Texte zeichne sich die Pogromwelle des Jahrs 1096 ab, die zu einer bisher unbekannten Amalgamierung deutsch-jüdischer Vorstellungswelten geführt habe. Als nur in Zusammenarbeit deutscher und tschechischer Historiker zu leistende dringliche Projekte nannte Wihoda die Edition der Vita Caroli IV und der Continuatio Cosmae secunda. Im Zentrum von Wihodas Forschungsüberblick zur böhmischen Geschichtsschreibung bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs stand der Cantusfirmus einer „nationalverteidigenden Geschichtsschreibung“ und hierbei das tragische Schicksal von Berthold Bretholz, der von deutscher wie tschechischer Seite übelst angegriffen wurde, dessen 1923 erschienene Cosmaschronik aber dessen ungeachtet immer noch maßgeblich ist.

Großen Raum nahm die Diskussion von Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung für die moderne Editionswissenschaft ein. BERND POSSELT (München) präsentierte als erstes einschlägiges MGH-Projekt die bereits in einer Beta-Version zugängliche Richental-Chronik des Konstanzer Konzils mit einer dynamischen Synchronisierung ihrer verschiedenen Versionen, außerdem seine eigene Arbeit an der digitalen Edition der Schedelschen Weltchronik von 1493. KARL UBL (Köln) erläuterte die komplizierte Überlieferungssituation der frühmittelalterlichen Herrschererlasse, die den Gegenstand einer geplanten Hybridedition der fränkischen Kapitularien bilden. In den Handschriften sind die Einzelkapitel nämlich nicht selten aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und in ganz verschiedene Zusammenhänge eingebunden. Ein eigens entwickeltes Kollationstool bietet darauf nun eine editorisch-digitale Antwort, indem es eine übersichtliche Synopse ermöglicht.

THOMAS MCCARTHY (Sarasota/Florida) erläuterte die Vorzüge digitalen Arbeitens anhand des Editionsprojekts der Frutolf-Chronik und ihrer Fortsetzungen: Multispektralanalyse macht radierten Text sichtbar, hochwertige Farbdigitalisate erleichtern den paläographischen Schriftvergleich, semantische Codierungen in XML ermöglichen eine einfache Umwandlung in beliebige andere Formate. Ein einzigartiges Briefcorpus von über 1700 Schriftstücken der Jahre 1462–1535, das einen seltenen Einblick in das alltägliche Leben und die Schriftkultur eines Frauenkonvents zulässt, präsentierte EVA SCHLOTHEUBER (Düsseldorf). Die digitale Edition bietet nicht nur die Möglichkeit, zwischen einem schlichten Lesetext und einer philologisch detailgetreuen Wiedergabe zu wählen, sondern auch die flexible Sortierung der Dokumente nach verschiedenen Kriterien sowie differenzierte und – anders als bei herkömmlichen Registern – kombinierbare Suchmöglichkeiten.

Freilich wurden bei all diesen Überlegungen auch einige grundlegende Probleme deutlich, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt: etwa wie man angesichts des rasanten technischen Wandels digitale Angebote für Jahrzehnte zugänglich halten kann; wie die Editionswissenschaft wieder stärker in die universitäre Lehre eingebunden werden könnte, um den benötigten Nachwuchs entsprechend zu schulen; wie man einen möglichst lange gültigen Editionstext bereitstellen soll, wenn der zugehörige Kommentar zwangsläufig nur eine Momentaufnahme des aktuellen Wissensstandes darstellt; nicht zuletzt auch die Frage, für welches Publikum Editionen mit einem solchen Aufwand eigentlich erarbeitet werden.

Insgesamt zeigte das Colloquium die Wege auf, welche die altehrwürdigen MGH in der Zukunft beschreiten wollen: die verstärkte Aufarbeitung spätmittelalterlicher Quellen, die Entwicklung digitaler Editionsstandards, eine zunehmende Internationalisierung der Forschungsvorhaben, aber auch die Reflexion der eigenen Forschungsgeschichte, nicht zuletzt während der nationalsozialistischen Diktatur. An der fundamentalen Bedeutung grundwissenschaftlich-editorischer Arbeit auch in der Zukunft bestehen indes keine Zweifel. Hierin hat sich seit den Zeiten des Freiherrn vom und zum Stein nichts geändert.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung: Martina Hartmann, Präsidentin der MGH

Sektion 1: Quelleneditionen der MGH für die Zukunft
Michael Menzel (Berlin), Bernd Posselt (München), Karl Ubl (Köln): Zukunftsweisende Editionen und Projekte

Sektion 2: Quelleneditionen und Forschungstrends I

Stefan Petersen (München): Einführung

Klaus Herbers (Erlangen-Nürnberg): Ein Nürnberger Arzt 1494/95 auf Westeuropareise – Zu seinem und anderen Reiseberichten

Peter Sh. Lehnardt (Beer Sheva): Hebräische Quellen zur Geschichte Deutschlands und die Matière de Israël

Karl Borchardt (München), Benedikt Marxreiter (München): Kreuzzugsquellen

Sektion 3: Quelleneditionen und Forschungstrends II

Claudia Märtl (München): Einführung

Martin Wihoda (Brno): Die MGH und die moderne Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern

Arno Mentzel-Reuters (München): Wissensordnungen im Zusammenhang mit Trithemius

Abendvortrag

Andreas Wirsching (München): „Die Quellen der Nation“

Sektion 4: Herausforderungen für die Zukunft

Claudia Zey (Zürich): Einführung

Thomas J. H. McCarthy (Sarasota/Florida): Jenseits des platonischen Texts – digitale Hilfsmittel und ihr Nutzen für die Erfassung textlicher Komplexität in chronikalen Schriften des Mittelalters

Enno Bünz (Leipzig): Serielle Quellen des späten Mittelalters – Grenzen und Herausforderungen der editorischen Arbeit

Eva Schlotheuber (Düsseldorf): Die Kunst der Kommunikation – die digitale Edition der spätmittelalterlichen Briefsammlung in Lüne als methodischer Neuansatz

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Quellenforschung im 21. Jahrhundert. Colloquium zum 200-jährigen Bestehen der MGH, 28.06.2019 – 29.06.2019 München, in: H-Soz-Kult, 29.07.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8382>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.07.2019