27. Tagung der jungen Osteuropaexpert/innen (JOE)

Ort
Bochum
Veranstalter
Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde, Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, Osteuropa-Kolleg NRW; Eliane Fitzé, Université de Fribourg; Saskia Geisler, Ruhr-Universität Bochum; Daniel Benedikt Stienen, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
12.07.2019 - 14.07.2019
Von
Eliane Fitzé, Université de Fribourg; Saskia Geisler, Ruhr-Universität; Daniel Benedikt Stienen, Humboldt-Universität zu Berlin

Die seit 1996 stattfindenden JOE-Tagungen richten sich an fortgeschrittene Studierende, Promovierende und PostDocs, die ihre Forschungsprojekte aus unterschiedlichen Fachdisziplinen mit einem Schwerpunkt auf Osteuropa vorstellen. Die Projekte werden von arrivierten Wissenschaftler/innen kommentiert und von allen Teilnehmenden diskutiert. Das Begleitprogramm beinhaltet thematische und praxisorientierte Komponenten. In jedem Jahr organisiert die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde die JOE-Tagung mit unterschiedlichen Kooperationspartner/innen, 2019 mit der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und dem Osteuropa-Kolleg NRW. Letzteres wurde durch die auf Osteuropa fokussierten Lehrstühle an der Ruhr-Universität Bochum vertreten, die entsprechend Ressourcen zur Verfügung stellten. Finanziert wurde die Tagung zusätzlich durch das Rektorat der Ruhr-Universität sowie die Fritz Thyssen Stiftung.

Die Tagung eröffnete THOMAS BREMER (Münster), mit einem Vortrag zum ukrainischen Kirchenstreit als Prisma der Osteuropaforschung. Er erläuterte kurz die Hintergründe des Kirchenstreits, um anschließend auszudifferenzieren, wie die unterschiedlichen in der Osteuropaforschung vereinten Fachdisziplinen auf den Konflikt schauen und gegenseitig von der jeweiligen Expertise profitieren könnten. In der Diskussion wurde dieser Aspekt, der ein zentrales Ziel der interdisziplinär ausgerichteten Tagung widerspiegelt, weiter vertieft.

Die im ersten Panel versammelten Vorträge widmeten sich den Konstruktions- und Wahrnehmungsprozessen Böhmens als klassische mitteleuropäische Geschichtsregion. MAGDALENA BURGER (Bamberg) betrachtete den Einfluss zunehmender nationaler Segregation auf den Publikumsverkehr in Prager Kaffeehäusern um das Jahr 1900. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich die Separation von deutscher und tschechischer Nation keineswegs eindeutig vollzog. Zwar avancierten manche Kaffeehäuser zu Anlauf- und Sammlungspunkten national aktiver Gruppen, zu Orten nationaler Selbstrepräsentation, andere Kaffeehäuser jedoch waren und blieben als Kontakträume verschiedener Kulturen lebendig und vielfältig und damit Orte der multikulturellen Begegnung und des Austauschs. PATRICK REITINGER (Bamberg) befasste sich am Beispiel der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg mit Formen nationaler und programmatischer Kooperation und Konfrontation innerhalb der sozialistischen Gruppierungen des jungen Nachkriegsstaates. Sprache, so der Befund Reitingers, ist demzufolge kein alleiniger Marker für politische Programme gewesen, stattdessen waren die verfolgten Konzepte in erheblichem Maße von politischen Dynamiken abhängig, die zu teils überraschenden Bündnissen je nach der jeweils vorgefundenen, situationsbedingten Realität führten. MARIE SCHWARZ (Berlin) fragte nach dem Nachleben und der Neustrukturierung von Räumen im kulturellen Gedächtnis und dabei nach den Mechanismen performativ hergestellter Erinnerung. Als Grundlage dazu dienten ihr die Graphic Novels Alois Nebel und Bomber der Zeichner Jaroslav Rudiš und Jaromír 99, die die tschechischen Grenzgebiete als Handlungsorte wählen. Beide Graphic Novels, so Marie Schwarz’ These, lassen sich als Neubeschreibungen des Raumes verstehen, in denen Nachleben und Erleben in eine Wechselbeziehung manifestierter Gleichzeitigkeit eintreten.

Im zweiten Panel stellte zunächst MIRKO SCHWAGMANN (Freiburg) seine Dissertation zum Technik- und Kulturtransfer zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Indien sowie der Sowjetunion und Indien vor. An zwei Fallbeispielen machte Schwagmann die Diskrepanzen zwischen den Ansätzen der „Entwicklungshilfe“ auf und verdeutlichte die Komplexität von Ost-West-Beziehungen auf dem Boden eines „neutralen“ Staates in den 1950er- und 1960er-Jahren. Im zweiten Vortrag stellte MIKHEIL SARJVELADZE (Berlin) seine an der Universität zu Köln abgeschlossene Dissertation zum Thema Georgien im Fokus deutscher Außenpolitik (1992–2012) vor. Sarjveladze konnte zeigen, dass dieses Forschungsfeld nach wie vor ein Desiderat ist und die deutsche Außenpolitik in ihrem Verhalten gegenüber Georgien, der alten Ostpolitik sowie den Verpflichtungen gegenüber der EU in zahlreichen Widersprüchen gefangen ist.

Das literaturwissenschaftliche dritte Panel drehte sich um Literatur und Geschichte und um das Erzählen von Erinnerung. Zunächst widmete sich YULIYA KOMARYNETS (Leipzig) dem Thema Krieg und Literatur, von Lev Tolstojs Vojna i mir (Krieg und Frieden, 1868/69) bis Serhij Žadans Internat und zeigte u. a. die Unmöglichkeit auf, die kriegerische Auseinandersetzung im Osten der Ukraine in einem kohärenten und verständlichen Narrativ wiederzugeben. Im Beitrag von AURELIA OHLENDORF (Tübingen) ging es um die individuelle und gesellschaftliche Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit in der zeitgenössischen russischen Literatur. Mit Blick auf Marija Stepanovas Pamjati Pamjati (dt. u. d. T. Nach dem Gedächtnis 2018), Sergej Lebedevs Ljudi avgusta (dt. u. d. T. Menschen im August, 2017) und auf Ljudmila Ulickajas Lestnica Jakova (dt. u. d. T. Jakobsleiter, 2015) zeigte sie, wie vielschichtig die zeitgenössische Literatur die Vergangenheit aufgreift – und ihr eigenes Erzählen stets auf metafiktionaler Ebene mitreflektiert. Ganz ähnliche Fragen stellte sich auch KRISTINA VOGEL (Hamburg) in ihrem Beitrag zum Thema der sowjetischen Kindheit und der Frage nach der Täterschaft in Sergej Lebedevs Predel zabven’ja (dt. u. d. T. Der Himmel auf ihren Schultern, 2010). Ihre Lektüre zeigt, wie sich der Roman mit Fragen von Schuld und Täterschaft auseinandersetzt, insbesondere mit dem Weitergeben kollektiver Schuld an Nachfolgegenerationen.

Panel vier der Tagung war mit zwei Vortragenden besetzt, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf Transfer- und Austauschprozesse zwischen Ost und West schauten. Mit ihrem Projekt zum sowjetischen Filmimport und -export von 1956 bis 1964 konnte ALINE MEYENBERG (Mainz) überzeugend darlegen, wie kulturelle Austauschprozesse einerseits Konjunkturen der Außenpolitik sichtbar machen, andererseits jedoch die Kulturarbeit vor Ort von viel komplexeren Parametern geprägt war und daher Eigendynamiken entwickelte. Ähnliche Momente der versuchten politischen Steuerung sowie Unkontrollierbarkeit des kulturellen Austausches beobachtete VIKTOR KEMPF (Freiburg), dessen Dissertation sich mit „Akteuren und Formen sowjetischer auswärtiger Kulturpolitik gegenüber Deutschland 1920–1933“ befasst. Er konstatierte, dass gerade Kulturtransfers in diesem Bereich im Gegensatz zu Wissenschaftsaustausch noch zu wenig erforscht seien. Beide Arbeiten richten sich gegen eine Vorstellung einer kompletten Trennung der „Blöcke“, sondern schauen im Sinne der New Cold War Studies auf verbindende Momente zwischen „Ost“ und „West“.

Panel fünf untersuchte in interdisziplinärer Perspektive den konservativen Wandel in Polen der letzten Jahre und Jahrzehnte. JOHANNES KLEINMANN (Mainz) betrachtete in einem historischen und sozialwissenschaftlichen Ansatz die Entwicklung der Reformen in Polen seit 1989. Im Ergebnis, so Kleinmann, war der ökonomische Transformationsprozess zwar überwiegend erfolgreich, indem die Reformpolitik aber als vermeintlich alternativlos kommuniziert wurde, sei der öffentliche Diskurs über die Wirtschafts- und Sozialpolitik und der ihr innewohnenden sozialen Folgen (gender-pay-gap, Erwerbsbeteiligung) abgeschnitten worden. REBEKKA PFLUG (Berlin) gab auf rechtswissenschaftlicher Basis Einblicke in das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in Deutschland und Polen. Ein Vergleich dieser zwei Länder sei lohnenswert, da in beiden die bei Schwangerschaftsabbrüchen berührten Schutzinteressen, das Recht auf Leben einerseits, das Recht auf Entfaltung der Persönlichkeit andererseits, von verfassungsrechtlichem Rang sind. Das weitere Forschungsvorhaben soll mithilfe eines rechtsdogmatischen Vorgehens klären, ob die jeweils vorherrschende Gesetzeslage von einer Grundrechtsverletzung betroffen ist.

Das interdisziplinäre sechste Panel widmete sich russischen Auslandsnetzwerken in Vergangenheit und Gegenwart. MARINA CHERNYKH (Freiburg) präsentierte ihre Arbeit zum „russischen Berlin“ in der nationalsozialistischen Diktatur, in welcher sie Beziehungsnetz und Diskursstrategien kultureller und politischer Vereine und Gruppierungen untersucht. Der Organisation „NTS“ (Volksarbeitsbund der russischen Solidaristen) widmete sich IRINA PARKHOMENKO (Bochum). Im Rahmen der Antikommunismus-Forschung untersucht sie die Exilorganisation NTS zwischen 1956 und 1991 in ihrer zweifachen Brückenfunktion als historisch-kulturelle Konstante zwischen dem vorrevolutionären, dem sowjetischen und dem postsowjetischen Russland, wie auch zwischen den Sowjetbürger/innen im Inland und den Exilant/innen der westlichen Öffentlichkeit. In seinem Beitrag untersuchte ALEXANDER MISHNEV (St. Gallen) die Stiftung „Russkij mir“, die sich seit 2007 der Förderung einer positiven Wahrnehmung Russlands in der ausländischen Öffentlichkeit widmet und insbesondere Russischsprachige weltweit im Rahmen kultureller Projekte zusammenbringt.

Panel sieben behandelte Wandlungs- und Verwandlungsprozesse des Raumes. Dafür untersuchte DÁNIEL LUKA (Pécs) die rechtliche Umsetzung der Bodenreform in Ungarn im Zeitraum von 1945 bis 1967. Detailreich zeichnete Luka die Methoden der sozialistischen Agrar- und Bodenpolitik nach. Der Prozess der Verstaatlichung verlief keineswegs linear, sondern kannte Anfang der 1950er-Jahre unter Imre Nagy zarte Versuche der Stärkung des Privateigentums, die 1956 gewaltsam abgeschnitten wurden. AJLA BAJRAMOVIĆ (Wien) beschäftigte sich mit den Rathäusern „maurischen Stils“, die die habsburgische Verwaltung im ausgehenden 19. Jahrhundert im Nordosten Bosniens errichten ließ. Im Bestreben, das kontrollierte Gebiet gleichermaßen zu orientalisieren wie seiner Bevölkerung ein positives Identifikationsangebot zu schaffen, wurden die historisierenden Fassaden neuer Gebäude im Stil des iberischen Mittelalters als idealtypischer muslimischer Baustil gestaltet. Im Endergebnis war nach starken Auftakten ein kontinuierlicher Abschwung zu verzeichnen: Waren die in den frühen 1890er-Jahren errichteten Rathäuser in den urbanen Zentren der Region mit pittoresken, monumentalen Elementen versehen, herrschte in den später errichteten, in stärker provinziellen Kontexten verorteten Gebäuden ein reduzierter, funktionaler Stil vor, ehe der „maurische“ Stil um die Jahrhundertwende außer Gebrauch kam.

Panel acht befasste sich mit Baupolitik als Mittel der deutschen Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg. Da die Vortragenden ihr Panel gemeinsam konzipiert hatten, standen die Beiträge in einer engen Verbindung zueinander. ALEKSANDRA PARADOWSKA (Poznań) zeigte am Beispiel Wieluńs, das teilweise als das polnische Guernica bezeichnet wird, den Spagat zwischen propagandistischem Anspruch, von Herman Jansen eine Stadt mit außerordentlichem Prestige planen zu lassen und der tatsächlichen Umsetzbarkeit einer einheitlichen Ästhetik im „Heimatstil“ in der Kriegssituation und arbeitete heraus, dass zuletzt im Vordergrund stand, neu Gebautes zumindest als „deutsch“ bezeichnen zu können. MAŁGORZATA POPIOŁEK-ROSSKAMP (Berlin) stellte einen ähnlichen Pragmatismus für den Fall der Stadt Zakopane fest, die zunächst als Kurort für die polnische Elite geplant war und mit Beginn der Besatzung lediglich die Zielgruppe wechselte. Da KAROLINA JARA (Wrocław/Mainz) nicht selbst anwesend sein konnte, wurden Teile ihres Papers verlesen. Ihr Promotionsprojekt macht deutlich, dass die städtebaulichen Aktivitäten der deutschen Besatzung in Oberschlesien die besondere propagandistische Bedeutung dieser Region belegen.

Im zehnten Panel beschäftigten sich zwei sehr unterschiedliche Projekte mit erinnerungskulturellen Praktiken und Geschichtspolitik. Zunächst stellte PAULA LANGE (Berlin) ihre Masterarbeit zur Erinnerung an Akteurinnen in der Solidarność-Bewegung vor. Sie konnte am Beispiel des Instituts für nationales Gedenken (IPN) aufzeigen, dass Frauen nur dann in das offizielle erinnerungskulturelle Narrativ aufgenommen werden, wenn sie sich wie etwa Anna Walentynowicz entsprechend ihrer Geschlechterrolle in dieses einpassen lassen. Lange wies jedoch darauf hin, dass diese eher antifeministische Erinnerungskultur nicht erst seit 2015 in Polen präsent ist. VIKTORIIA SVYRYDENKO (Marburg/Charkiv) befasste sich mit der Repräsentation imperialer Vergangenheit in den Stadtlandschaften der Post-Sowjetischen Ukraine. Angesichts des frühen Stadiums ihrer Arbeit stellte sie vor allem methodische Ansätze zur Umsetzung ihres Projektes vor, etwa das der entangled memories nach Feindt.

Panel elf widmete sich den komplexen Themen von Raum, Sprache und Identität aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven. POLINA ASTASCHKINA (Nowgorod) präsentierte ihre linguistische Studie zur sprachlichen Repräsentation der russischen nationalen Identität im russischen und deutschen Mediendiskurs, deren Formulierung sie anhand von Online-Kommentaren zu ausgewählten Ereignissen (Dopingskandal bei den Olympischen Spielen und die Präsidentschaftswahlen 2018) untersucht. Die Soziologin LAURA ERAS (München) stellte ihre Forschung zur Wahrnehmung russischsprachiger Ukrainer/innen in der Ukraine vor. Sie zeigte anhand quantitativer Daten, wie sich die Beziehung zwischen Russischsprachigen und Ukrainischsprachigen in den letzten Jahren veränderte – und wie sich dabei zeigte, dass die breite Bevölkerung durchaus differenziert mit der Komplexität des Verhältnisses von Sprache und Identität umzugehen vermag. Im letzten Beitrag untersuchte ALINA JAŠINA-SCHÄFER (Gießen) den Umgang mit Räumlichkeit und Zugehörigkeit in der estnischen Grenzregion Narva. Ihre Feldforschung zeigte die unterschiedlichen narrativen Strategien, wie die russischsprachige Minderheit – die staatenlosen „Nichtbürger“ Estlands – ihre eigene Identität sinnstiftend verhandeln.

Das abschließende zwölfte Panel befasste sich mit neuen Forschungen zu Osteuropa als Ort von Krieg und Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. FELIX MATHEIS (Hamburg) zeichnete die Aktivitäten Hamburger und Bremer Firmen im Generalgouvernement nach. Durch die britische Seeblockade ab 1939 ihrer Geschäftskontakte in Übersee beraubt, richteten hanseatische Unternehmen ihren Blick auf ökonomische Betätigungsfelder in den neu eroberten Gebieten im Osten Europas. Durch die Kooperation der Handelsfirmen mit der deutschen Regierung des Generalgouvernements konnten sie von der Kriegswirtschaft profitieren und waren unter anderem maßgeblich an der Enteignung der jüdischen Bevölkerung beteiligt. NORMAN SALUSA (Berlin) untersuchte die Entwicklung jüdischer Rotarmisten als Funktionselite der Sowjetarmee mithilfe von Ego-Dokumenten, in denen die sowjetisch-jüdische Zugehörigkeit verhandelt wurde. Anders als die zaristische Armee, die Juden verschlossen blieb, stellte die Rote Armee einen Karriereweg für die jüdischstämmige Bevölkerung der Sowjetunion dar, die in der Folge überdurchschnittlich häufig im Offizierskorps anzutreffen war. Den Niedergang der jüdischen Armeeangehörigen datierte Salusa auf die Zeit um das Jahr 1952, als die spätstalinistischen Säuberungen zahlreiche Opfer forderten. JUDITH VÖCKER (Leicester) gab Einblicke das Anfangsstadium ihres Promotionsprojekts, das sich der strafrechtlichen Verfolgung durch die deutsche Gerichtsbarkeit während der nationalsozialistischen Besatzung in den beiden Städten Warschau und Krakau widmet. Die forschungsleitende Frage ist, ob es den deutschen Machthabern gelang, ein einheitliches Rechtssystem zu etablieren. Von der Gegenüberstellung von Gerichtsurteilen gegen Juden, Polen und „Volksdeutsche“ erhofft sich Vöcker vertiefende Erkenntnisse über den rechtlichen Status der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.

Die JOE-Tagung 2019 zeigte erneut ein breites Spektrum der Osteuropa-Forschung im deutschsprachigen Raum auf und regte zu stärkerem interdisziplinären Austausch an. Die verschiedenen Vorträge zeigen, dass die aktuellen gesellschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa sich auch maßgeblich in den jüngsten Forschungsarbeiten niederschlagen. Gleichzeitig haben Forschungsarbeiten, die auf Verflechtungen, Verbindungen und Kooperationen schauen, nach wie vor Hochkonjunktur.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvortrag

Thomas Bremer (Münster), Der ukrainische Kirchenstreit als Prisma der Osteuropaforschung

Panel 1 – Räume, Imaginationen und Praktiken. Böhmische Grenzlandperspektiven im 20. Jahrhundert
Moderation: Alina Jašina-Schäfer (Gießen)

Magdalena Burger (Bamberg), Multikulturelle Raumvorstellungen in den Prager Kaffeehäusern um 1900

Patrick Reitinger (Bamberg), Raumpolitische Akteure und die böhmische Grenzregion zu Bayern in der tschechoslowakischen Zwischenkriegszeit 1918–1938

Marie Schwarz (Berlin), Sudetenland, neues Grenzland, Peripherie. Die tschechischen Grenzgebiete als historische Wahrnehmungsräume

Kommentar: Christiane Brenner (München)

Panel 2 – Internationale Politikbeziehungen zwischen Symmetrie und Asymmetrie
Moderation: Aline Meyenberg (Mainz)

Mirko Schwagmann (Freiburg), Moskau – Indien – Bonn. Eine kulturelle Wegbeschreibung der Entwicklungshilfe im Kalten Krieg, 1955–1965

Mikheil Sarjveladze (Köln), Deutschland und der Südkaukasus. Georgien im Fokus deutscher Außenpolitik (1992–2012)

Kommentar: Margarita M. Balmaceda (South Orange)

Panel 3 – Erinnerung erzählen: Literatur und Geschichte
Moderation: Alexander Mishnev (St. Gallen)

Yuliya Komarynets (Leipzig), Wie vom Krieg erzählen? Zur Darstellung des Krieges in ‚Internat‘ (S. Žadan) und ‚Vojna i mir‘ (L. Tolstoj)

Aurelia Ohlendorf (Tübingen), Auf der Suche nach der Vergangenheit. Erinnerungen an den Stalinismus in der zeitgenössischen russischen Literatur

Kristina Vogel (Hamburg), Sowjetische Kindheit und die Frage nach der Täterschaft in Sergej Lebedevs Predel zabven’ja

Kommentar: Christoph Garstka (Bochum)

Panel 4 – Kooperation und Konfrontation: Austauschprozesse zwischen Ost und West
Moderation: Norman Salusa (Berlin)

Aline Meyenberg (Mainz), Sowjetischer Filmimport und -export im Zeichen der „Friedlichen Koexistenz“ (1956–1964)

Viktor Kempf (Freiburg), Gelenkter Kulturtransfer? Akteure und Formen sowjetischer auswärtiger Kulturpolitik gegenüber Deutschland 1920–1933

Kommentar: Katja Naumann (Leipzig)

Panel 5 – Konservativer Wandel in Polen. Eine interdisziplinäre Perspektive
Moderation: Małgorzata Popiołek-Roßkamp (Berlin)

Johannes Kleinmann (Mainz), Polens Transformationsprozess – Zwischen neuen Chancen und sozialen Katastrophen

Rebekka Pflug (Berlin), Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in Polen und Deutschland. Ein Rechtsvergleich

Kommentar: Kai-Olaf Lang (Berlin)
Moderation: Yuliya Komarynets (Leipzig)

Panel 6 – Russische Auslandsnetzwerke in Vergangenheit und Gegenwart

Marina Chernykh (Freiburg), ‚Russisches Berlin‘ unter nationalsozialistischer Diktatur? Vereine und Verbände der russischen Emigration im nationalsozialistischen Berlin

Irina Parkhomenko (Bochum), NTS: Die Opposition gegen das Sowjetregime 1956–1991

Alexander Mishnev (St. Gallen), Stiftung „Russkij mir“: Ideologie, Ziele und Netzwerk

Kommentar: Maike Lehmann (Köln)

Panel 7 – (Ver-)Wandlungen des Raumes

Dániel Luka (Pécs), Bodenpolitik in Ungarn 1945–1967: Die Umgestaltung der Bodenstruktur durch die Gesetzgebung
Moderation: Aurelia Ohlendorf (Tübingen)

Ajla Bajramović (Wien), Law and Orient: „Moorish“ city halls from the Habsburg period in northeast Bosnia

Kommentar: Carola Silvia Neugebauer (Aachen)

Panel 8 – Kolonisierung des Ostens im Zweiten Weltkrieg mittels Baupolitik am Beispiel der Städte in Schlesien, im Warthegau und dem Generalgouvernement
Moderation: Polina Astaschkina (Nowgorod)

Karolina Jara (Wrocław/Mainz), Raumplanung um Sosnowitz [Sosnowiec], Dombrowa [Dąbrowa Górnicza] und Heydebreck [Kędzierzyn] in Oberschlesien und die neuen deutschen Städte in der Herzlandschaft des deutschen Ostens

Aleksandra Paradowska (Poznań), Das „polnische Guernica“ im deutschen Gewand. Das Wiederaufbauprojekt der zerstörten Stadt Wieluń (Welun/Welungen) von Herman Jansen und die deutsche Bautätigkeit im besetzten Polen

Małgorzata Popiołek-Roßkamp (Berlin), Sonderfall Zakopane. Polnische Planung einer deutschen Stadt?

Kommentar: Annika Wienert (Warschau)

Panel 9 – Bedrohte Zivilgesellschaften
entfallen

Panel 10 – Öffentliches Gedenken zwischen Erinnerungskultur und Geschichtspolitik
Moderation: Laura Eras (München)

Viktoriia Svyrydenko (Marburg/Kharkiv), The Russian and Austro-Hungarian Imperial Past in the Monumental Cityscapes of Post-Soviet Ukraine: Between Conflict, Coexistence and Appropriation

Paula Lange (Berlin), „Frauen, stört uns nicht, wir kämpfen für Polen“ – Die Frauen der Solidarność in der polnischen Erinnerungskultur

Kommentar: Gelinada Grinchenko (Charkiv)

Panel 11 – Raum – Sprache – Identität
Moderation: Johannes Kleinmann (Mainz)

Polina Astaschkina (Nowgorod), Die sprachliche Repräsentation der russischen nationalen Identität im russischen und deutschen Mediendiskurs

Laura Eras (München), The effects of the war on the social distance towards Russian-speaking Ukrainians in Ukraine

Alina Jašina-Schäfer (Gießen), From ‚freaks‘ to ‚rightful members.‘ Making sense of spatial belonging in the Estonian borderland

Kommentar: Mark Brüggemann (Oldenburg)

Panel 12 – Neue Forschungen zur Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg in Osteuropa
Moderation: Dániel Luka (Pécs)

Felix Matheis (Hamburg), „Hanseaten im Osten“ – Hamburger und Bremer Firmen im Generalgouvernement 1939–1945

Norman Salusa (Berlin), Jüdische Rotarmisten berichten in öffentlichen Briefen über Krieg und Vernichtung, 1941–1945. Sowjetisch-jüdische Verwandlungen anhand des Schwarzbuch des Holocaust

Judith Vöcker (Leicester), Das Generalgouvernement unter fremdem Recht: Die strafrechtliche Verfolgung durch die deutsche Gerichtsbarkeit während der nationalsozialistischen Besatzung von Warschau und Krakau

Kommentar: Andrea Löw (München)

Zitation
Tagungsbericht: 27. Tagung der jungen Osteuropaexpert/innen (JOE), 12.07.2019 – 14.07.2019 Bochum, in: H-Soz-Kult, 28.08.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8412>.