Arbeitskreis Psychiatriegeschichte Baden-Württemberg. Jahrestagung 2019

Ort
Konstanz
Veranstalter
Forschungsbereich Geschichte und Ethik der Medizin des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg; Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm
Datum
10.07.2019 - 11.07.2019
Von
Bernd Reichelt / Uta Kanis-Seyfried / Thomas Müller / Katharina Witner, Forschungsbereich Geschichte und Ethik der Medizin des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg / Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm Email:

Am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Reichenau bei Konstanz fand die Jahrestagung 2019 des „Arbeitskreises Psychiatriegeschichte Baden-Württemberg“ statt. Unter der fachkundigen Leitung von Klaus Hoffmann ergriffen zahlreiche TagungsteilnehmerInnen und Interessierte aus Klinik und Universität die Möglichkeit, an einem historischen Spaziergang über das Gelände des ehemaligen Sanatoriums „Bellevue“ im benachbarten schweizerischen Kreuzlingen teilzunehmen. Auf dem inzwischen größtenteils überbauten Gelände, existierte von 1857 bis 1980 die private psychiatrische Klinik „Bellevue“, die über vier Generationen von der Psychiater-„Dynastie“ Binswanger geleitet wurde. Auf dem Areal wurde in den 1990er-Jahren eine Wohnanlage errichtet. Viele zentrale Gebäude des Sanatoriums sind jedoch unter Neunutzung erhalten geblieben, auch anhand historischer Erläuterungen ist die Parkanlage für BesucherInnen nachvollziehbar bzw. begehbar.

Nach Grußworten des Ärztlichen Direktors der gastgebenden Institution (ZfP Reichenau), Uwe Herwig, und Thomas Müller, Programmverantwortlicher der diesjährigen Tagung, hielt KLAUS HOFFMANN (Reichenau) im Festsaal des ZfP Reichenau den öffentlichen Eröffnungsvortrag der Tagung. Er referierte über den Entstehungsprozess der Psychiatrie im badischen Reichenau im Kontext der deutschen Psychiatrie um 1900 und im Spannungsfeld der Philosophie und Psychoanalyse. Die Beziehung zum genannten privaten Sanatorium Binswangers im benachbarten Kreuzlingen spielte hier erneut eine zentrale Rolle. Im Mittelpunkt des Vortrags standen jene Protagonisten, die die Psychiatrie am Bodensee geprägt haben, nicht zuletzt über die Wissenschaftliche Vereinigung der Bodenseepsychiater. Zu nennen sind hierbei Karl Wilmanns (1873–1945), der als Direktor der Reichenau 1917–1918 tätig war, sowie Ludwig Binswanger (1881–1966), der 45 Jahre lang das Kreuzlinger Sanatorium leitete. Sowohl Wilmanns als auch Binswanger seien seinerzeit offen für psychoanalytische Ansätze gewesen – eine eher ungewöhnliche Position also. Insbesondere Binswangers psychoanalytische Orientierung, so der Referent, sei in der Öffentlichkeit nie breit rezipiert worden.

Über aktuelle historiografische Publikationen, Ausstellungen und Forschungsprojekte des Forschungsbereiches des ZfP Südwürttemberg berichteten zum Auftakt der Vortragsreihe am 11. Juli dann Thomas Müller, Uta Kanis-Seyfried und Bernd Reichelt. Im aktuellen Kalenderjahr erschienen in der wissenschaftlichen Reihe des Verlags „Psychiatrie und Geschichte“ zwei weitere Bände, die dem Publikum vorgestellt wurden. In ihrer Monografie Verlegt ins Ungewisse beschäftigt sich die Historikerin JASMIN NICKLAS (Saarbrücken) vergleichend mit den Evakuierungen der psychiatrischen Einrichtungen entlang der deutsch-französischen Grenze zu Beginn des Zweiten Weltkriegs und geht in einem zweiten Teil insbesondere auf die enge Verzahnung der eingeleiteten Maßnahmen mit der NS-„Euthanasie“ ein.[1] Die jüngste Neuerscheinung stellt die Monografie von RALF ROSBACH (Reichenau) dar, zugleich Dissertation der Geschichtswissenschaft an der Universität Konstanz.[2] In seinem Buch Abschied von der „Totalen Institution“ untersucht Rosbach den Veränderungsprozess der institutionalisierten Psychiatrie in der Reichenauer Klinik nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Wandel von einer kustodialen (verwahrenden) hin zu einer patientenorientierten Psychiatrie zog sich dabei über Jahrzehnte hin. Vergleichend nimmt der Autor in seinem Buch auch Bezug auf die Entwicklung der Psychiatrie im schweizerischen Münsterlingen (Thurgau).

Desweiteren wurde über die jüngsten Tätigkeitsfelder berichtet, insbesondere über die im Oktober 2018 in Ravensburg organisierte inter-institutionelle Arbeitstagung „Historisches Wissen und gesellschaftlicher Bildungsauftrag am Beispiel des Nationalsozialismus in Südwürttemberg“, bei welcher die Möglichkeiten des wissenschaftlich-inhaltlichen Austausches unter Forschenden und in Bildungseinrichtungen ausgelotet wurden.[3] Berichtet wurde außerdem über die Erstellung eines Findbuchs und die Aufnahme der historischen Sammlung Winnenden, i.e. zahlreicher Museumsexponate aus dem ZfP Winnenden in den museologischen Bestand des Württembergischen Psychiatriemuseums. Zuletzt wurde eine Kooperation des Württembergischen Psychiatriemuseums mit der Stadt Bietigheim-Bissingen 2019 vorgestellt, in deren Rahmen auch Museumsexponate für eine dortige Ausstellung zur NS-„Euthanasie“ zur Verfügung gestellt wurden.

Weitere Aktivitäten, die in ihren Zielen und ihrem Verlauf vorgestellt wurden, war zum einen eine deutsch-englische Wanderausstellung zu Leben und Werk des aus der Bodenseeregion gebürtigen Arztes und Neuroanatomen Korbinian Brodmann (1868–1918), die durch UTA KANIS-SEYFRIED (Ravensburg) an das Max Planck-Institut für Hirnforschung nach Frankfurt am Main vermittelt worden war. Weitere Ausstellungsorte werden Emmendingen (2019) und Bern (2020) sein. Zum anderen konnte von einem erfolgreichen Treffen der VertreterInnen deutschsprachiger Psychiatriemuseen im Rahmen des Jahreskongresses 2018 der DGPPN in Berlin berichtet werden, wo vielversprechende Kooperationsstrategien entwickelt und beschlossen wurden. Das Programm des DGPPN-Kongresses selbst war mit einer eigenen Ausstellung mit dem Titel „Verortungen der Seele“ unter Beteiligung von 17 Psychiatriemuseen auf beeindruckende Art bereichert worden.

Mit einem Referat über die außerklinische Nutzung der Heilanstalt Reichenau zur Zeit des Zweiten Weltkrieges eröffnete ARNULF MOSER (Konstanz) die traditionelle Vortragsreihe am zweiten Tag. Von 1941 an befand sich auf einem Teilgelände der aufgelösten badischen Heilanstalt Reichenau eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (kurz: NAPOLA). In diesen Internatsoberschulen für Jugendliche sollten die zukünftigen NS-Führungseliten Deutschlands erzogen und ausgebildet werden. Zentrales Strukturmerkmal, so der Referent, sei dabei die „Zerstörung der Individualität“ gewesen. Bei der Eröffnung der Reichenauer NAPOLA 1941 wurde in Reden indirekt Bezug auf die Krankenmorde genommen. Betont wurde das „Opfer“ der früheren Anstaltsinsassen, die „Platz gemacht“ hätten für die Jugend. Ähnlich wie bei der Hitler-Jugend (HJ) stammten die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen aus Beamten- und Angestelltenfamilien. Der Referent ging auch auf die Nachwirkungen der NAPOLA für die Nachkriegszeit ein. Während NAPOLA-Lehrer zu großen Teilen nach 1945 wieder in den Schuldienst übernommen wurden, wirkte sich offenbar für viele Schüler die NAPOLA-Erfahrung nachgerade karrierefördernd aus. Wichtigstes Tätigkeitsfeld ehemaliger NAPOLA-Schüler wurde dem Referenten zufolge, der vielzählige biographische Beispiele darstellte, die Wirtschaft.

Eine gelungene Ergänzung zu diesem Vortrag war der im Anschluss gezeigte autobiografische Dokumentarfilm von BARBARA IBSCH und HARTMUT IBSCH (beide Kirchheim u. T.). Der Film schildert die sehr persönliche Aufarbeitung Hartmut Ibschs mit seiner Kindheit in einem von nationalsozialistischem Gedankengut überzeugten Elternhaus und Umfeld sowie die problematische Beziehung zu seinem Vater, einem ehemaligen Lehrer an der NAPOLA in Reichenau. Im Anschluss an die Vorführung war Gelegenheit, mit dem anwesenden Ehepaar Ibsch über die Filminhalte vertiefend zu diskutieren.

RALF ROSBACH (Reichenau) gab in seinem Vortrag zur Nachkriegspsychiatrie in den Psychiatrischen Krankenhäusern Reichenau (Baden-Württemberg) und Münsterlingen (Thurgau, Schweiz) einen Einblick in seine soeben im Verlag Psychiatrie und Geschichte erschienene Monografie (siehe auch oben). Ausgehend von der Definition der „Totalen Institution“ nach Erving Goffman (1922–1982) [4] beschrieb der Referent vergleichend die organisatorische, die rechtliche, die soziologische, die medizinische sowie die wirtschaftliche Dimension. In seinen vorgestellten Ergebnissen kam er unter anderem zu dem Schluss, dass die kustodiale Psychiatrie sowohl in Reichenau als auch in Münsterlingen vergleichbare Muster aufwies und insbesondere im schweizerischen Münsterlingen der Wandlungsprozess hin zu einer patientenorientierten Therapie und Behandlung erst seit den 1980er-Jahren verstärkt eingesetzt hatte.

JOHANNES RUSCH, BERTHOLD FÖHRENBACH und WOLFGANG HÖCKER (alle Reichenau) berichteten in ihrem gemeinsamen Vortrag aus persönlicher Sicht über den 2014 verstorbenen Psychiater und Psychotherapeuten Heinz Faulstich (1927–2014). Faulstich hatte in Tübingen Medizin studiert, sich in den USA, der Schweiz und Deutschland zum psychiatrischen Facharzt ausbilden lassen und war 1969 in das Psychiatrische Landeskrankenhaus Reichenau eingetreten. Als stellvertretender Ärztlicher Direktor (bis 1990) galt er als sozialpsychiatrischer Reformer und gemeindenaher „Botschafter der Klinik vor Ort“. Dennoch, aber auch aufgrund seiner Herangehensweise, verkrustete Strukturen aufzubrechen, galt er bei Teilen der Krankenhausverwaltung als unbequem, weswegen ihm eine Verbeamtung zeitlebens verweigert wurde. Faulstich unterstützte Opfer von Zwangssterilisierungen in gerichtlichen Verfahren und war in den 1980er-Jahren an der Errichtung eines Mahnmals für die Opfer der NS-Psychiatrie am Landeskrankenhaus Reichenau beteiligt. In den 1990er-Jahren war er Mitbegründer des Arbeitskreises Psychiatriegeschichte Baden-Württemberg. Als Medizinhistoriker wurde Faulstich durch seine Monografien zur Psychiatriegeschichte Badens sowie zum sogenannten „Hungersterben“ in der Weltkriegspsychiatrie bundesweit und international bekannt [5]. 2001 erhielt er für seine Verdienste zur Aufarbeitung der NS-Psychiatriegeschichte das Bundesverdienstkreuz.

Mit den Auswirkungen und der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ im Kontext der Großstadt Mannheim beschäftigte sich in ihrem Vortrag LEA OBERLÄNDER (Mannheim). Seit April 2017 ist sie diesbezüglich in einem Forschungsprojekt tätig, welches am Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim (Philipp Gassert), in Kooperation mit dem Stadtarchiv, dem MARCHIVUM (Ulrich Nieß), angesiedelt ist. In ihrem Projekt, das zugleich ihr Dissertationsprojekt darstellt, untersucht die Referentin Einzelschicksale, aber auch die Rollen der Stadtverwaltung sowie der Gesellschaft in Bezug auf die sogenannte „Euthanasie“. Ein Ziel des Projekts ist die Übergabe einer Datenbank an das Stadtarchiv. Bislang sind darin 1.363 Personen erfasst, pro Datensatz wurden 47 unterschiedliche Parameter erhoben. Das Projekt hat Pioniercharakter und deutet vielversprechende Ergebnisse an.

FRANK JANZOWSKI (Wiesloch) berichtete in seinem Vortrag über die vorläufige Recherche zu den Opfern der NS-„Euthanasie“ in seinem geografischen Untersuchungsraum. Seine Recherche bezieht sich auf PatientInnen, die von 1939 bis 1944 aus der badischen Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch deportiert und ermordet wurden, auf die in Wiesloch ermordeten Kinder der dortigen Kinderfachabteilung sowie eine Liste der ermordeten Patienten aus der 1940 aufgelösten badischen Pflegeanstalt Rastatt. Die Personenliste als Teil der Forschungserkenntnis wird nicht veröffentlicht, wird aber der Forschung vom Referent zur Verfügung gestellt. In Druckform wird sie am ZfP Wiesloch sowie im Generallandesarchiv Karlsruhe für Recherchen einsehbar sein.

Die Besichtigung des derzeit noch in Entwicklung und Ausbau begriffenen Psychiatriemuseums des Zentrums für Psychiatrie Reichenau mit Gelegenheit zur inhaltlichen museologischen Diskussion hatten CAROLINE RENZ und WINFRIED KLIMM (beide Reichenau) ermöglicht.

Abschließende Diskussionsergebnisse zu den genannten Referaten sowie Informationen zu Organisatorischem, auch im Hinblick auf die nächste Jahrestagung können bei den BerichterstatterInnen erfragt werden.

Konferenzübersicht:

Klaus Hoffmann (Reichenau): Historischer Spaziergang durch das ehemalige Klinikgelände des Sanatoriums „Bellevue“ in Kreuzlingen (Schweiz).

Öffentlicher Abendvortrag

Klaus Hoffmann (Reichenau): Psychiatrie – Psychoanalyse – Philosophie. Das heutige ZfP Reichenau in der Weimarer Republik.

Einführung in die Tagung

Thomas Müller, Uta Kanis-Seyfried, Bernd Reichelt (ZfP Südwürttemberg / Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm / Standort Ravensburg), Aktuelle Publikationen, Ausstellungen und Forschungsprojekte zur Psychiatriegeschichte Baden-Württembergs

Vorträge

Arnulf Moser (Konstanz): Die NAPOLA Reichenau im Kontext neuer Forschungen

Barbara und Hartmut Ibsch (Kirchheim u. T.): Filmbeitrag zum intergenerationalen Umgang mit dem Thema der NAPOLAs

Ralf Rosbach (Reichenau): Abschied von der „Totalen Institution“. Zur Psychiatrie in Reichenau und Münsterlingen, 1945–1996

Winfried Klimm, Carolin Renz (beide Reichenau): Einführung zum Psychiatriemuseum des ZfP Reichenau

Johannes Rusch, Berthold Föhrenbach, Wolfgang Höcker (alle Reichenau): Erinnerungen an den Reichenauer Kollegen und Freund Heinz Faulstich

Lea Oberländer (Mannheim): Aus den Augen, aus dem Sinn? Die Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ in Mannheim

Frank Janzowski (Wiesloch): „Die Opfer bei ihrem Namen nennen“. Zu Krieg und „Euthanasie“ in Wiesloch

Anmerkungen:
[1] Jasmin Nicklas, Verlegt ins Ungewisse. Die Evakuierung psychiatrischer Institutionen im deutsch-französischen Grenzraum zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, Zwiefalten 2019.
[2] Ralf Rosbach, Abschied von der „Totalen Institution“. Zur Entwicklung der Psychiatrie in Reichenau (Baden) und Münsterlingen (Thurgau) von 1945 bis 1996, Zwiefalten 2019.
[3] Siehe Tagungsbericht: Historisches Wissen und gesellschaftlicher Bildungsauftrag am Beispiel des Nationalsozialismus in Südwürttemberg, 24.10.2018 – 25.10.2018 Ravensburg, in: H-Soz-Kult, 08.07.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8363> (08.08.2019).
[4] Erving Goffman, Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Patients and other Inmates, Chicago 1961.
[5] Heinz Faulstich, Hungersterben in der Psychiatrie 1914–1949. Mit einer Topographie der NS-Psychiatrie, Freiburg i. B. 1998; Heinz Faulstich, Von der Irrenfürsorge zur „Euthanasie“. Geschichte der badischen Psychiatrie bis 1945, Freiburg i. B. 1993.

Zitation
Tagungsbericht: Arbeitskreis Psychiatriegeschichte Baden-Württemberg. Jahrestagung 2019, 10.07.2019 – 11.07.2019 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 09.09.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8419>.