Musiklandschaften zwischen Pader und Rhein. Pluralisierung und Verflechtung entlang des Hellwegs in der Frühen Neuzeit

Ort
Paderborn
Veranstalter
Prof. Dr. Sabine Meine, Hochschule für Musik und Tanz Köln; Dr. Arnold Otto, Erzbistumsarchiv Paderborn; Prof. Dr. Johannes Süßmann, Universität Paderborn
Datum
15.07.2019 - 17.07.2019
Von
Rieke Becker / Markus Lauert, Historisches Institut, Universität Paderborn; Arnold Otto, Erzbistumsarchiv Paderborn

Die interdisziplinäre Veranstaltung, die musikwissenschaftliche mit sozial- und kulturgeschichtlichen Ansätzen verband, wurde in Kooperation zwischen Sabine Meine (Hochschule für Musik und Tanz Köln), Johannes Süßmann (Universität Paderborn) und dem Leiter des Paderborner Diözesanarchivs Arnold Otto organisiert. Eingebettet war sie in ein vielfältiges musikalisches Rahmenprogramm, dessen Höhepunkt das öffentliche Abendkonzert „Westfalia cantat“ des Johann Rosenmüller Ensembles unter der Leitung von Arno Paduch war.

Das Anliegen der Tagung schilderten SABINE MEINE (Köln) und JOHANNES SÜßMANN (Paderborn) im ersten Vortrag. Vor 70 Jahren sei der Begriff der Musiklandschaft für den westfälischen Raum etabliert worden. Wurde die Musik Westfalens zuvor abschätzig betrachtet, entwickelte sich mithilfe des Musiklandschaften-Begriffs ein Forschungszweig, der das Besondere und gleichzeitig das Gleichförmige an der Region und deren Musikpraxis herausarbeitete. An diesem Punkt setze die Tagung an. Es gehe darum, den Hellwegraum als Beispiel für europäische Migrations- und Kulturtransferprozesse zu verstehen. An ihm lasse sich exemplifizieren, wie der Transfer von Musikern, Instrumenten, Kompositionen und Notendrucken im Europa der Frühen Neuzeit funktionierte. Eine entscheidende Rolle spielte dabei der Hellweg als Verkehrsachse, der Verbindungen schuf und somit Möglichkeiten zur ständischen und konfessionellen Ausdifferenzierung und Pluralisierung, aber auch zur Verflechtung bot. Daraus folgt, dass der Begriff der Musiklandschaft neu ausgerichtet werden muss. Musik wird als Teil der politischen Kommunikation verstanden, die Musiklandschaften erst entstehen ließ.

WERNER FREITAG (Münster) verfolgte die Idee, dass Westfalen einen geschlossenen Raum, bis zu den Humanisten des 15. Jahrhunderts zurück, bilde. Diese entwickelten aus der Anschauung des westfälischen Dialekts und historiographischer Überlieferung einen wirkmächtigen Topos des frommen und beharrlichen Westfalen. Die Reformation und die sich daran anschließende Konfessionalisierung drängten den Mythos jedoch beiseite; erst nach den Verwaltungsreformen in den preußisch gewordenen Gebieten griff man ihn wieder auf. Die konfessionelle Spaltung, die territoriale Untergliederung in Fürstbistümer, kleine Grafschaften und brandenburgisch gewordene Herrschaften sowie das Fehlen sowohl einer dominierenden, großwestfälischen Dynastie als auch einer westfälischen Hauptstadt fragmentierten die Region im Inneren und förderten ihre Heterogenität.

HEINZ-DIETER HEIMANN (Paderborn) blickte auf die Entwicklung der Forschung zu Landschaften und Räumen der letzten Jahrzehnte zurück, die zur Ausprägung unterschiedlicher Verständnisse von Räumen geführt habe: „Räume sind nicht gleich Räume.“ Er plädierte dafür, die unterschiedlichen, oftmals parallel zueinander verlaufenden Denkprozesse der musikwissenschaftlichen Mobilitätsforschung, der Stadtgeschichts- und kulturgeschichtlichen Raumforschung sowie die sozialgeschichtlichen Ansätze Peter Moraws miteinander zu verbinden. Daraus zog er den Schluss, Räume als Konstruktionen zu verstehen, die als methodisch reflektiertes Erkenntnismittel genutzt werden können, um verschiedene Raumbegriffe zu analysieren. Die Vielfalt an Raumkonstrukten spiegele Wandel und Selbstverständnis der Geschichts- und Kulturwissenschaften.

Einen Vergleich der Mobilität frühneuzeitlicher Musiker am Münchener Hof und im Essener Damenstift stellte BRITTA KÄGLER (Trondheim) vor. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage verstand sie als Ursache für die Arbeitsmigration von Musikern, die sich vom eigenen Lebensmittelpunkt wegbewegten, um auf Arbeits- oder Bildungsreise zu gehen. Dabei überschritten sie oftmals territoriale, konfessionelle und sprachliche Grenzen. Die Migrationsbewegungen in den Quellen zu fassen zu bekommen, bildet eine besondere Herausforderung ihres Forschungsansatzes, der Geschichts- mit Musikwissenschaft verbindet. Musiker haben wenig Spuren hinterlassen, dennoch lassen sich ihre Aufenthaltsorte und ihr Wirken im Verwaltungsschriftgut von Städten und Höfen ausmachen. Auf diese Weise konnte die Referentin für die Musikpraxis der Wittelsbacher herausarbeiten, dass sie Hofmusiker innerhalb ihrer eigenen Dynastie austauschten. Die Mobilität der Musikschaffenden trat somit in ein Abhängigkeitsverhältnis zu dynastischen Machtbeziehungen.

Verkehrswege, insbesondere die Weser, bildeten auch für VERA LÜPKES (Brake) einen wichtigen Ansatzpunkt ihres Vortrags, in dessen Mittelpunkt der Hof Simons VI. zu Brake in der Grafschaft Lippe stand. Er warb italienische und niederländische Musiker an und finanzierte seinem Komponisten Johann Grabbe eine Italienreise nach Venedig. Simons Bemühen um eine angemessene, musikalische Repräsentation hatte Folgen für die Architektur seines Schlosses Brake. Das betraf die Orgel der schlosseigenen Kapelle. Ebenfalls wichtig war das Verfügbarhalten von angemessen großen Sälen für musikalische Aufführungen. Im Feld zwischen politischer Kommunikation, Musikwissenschaft sowie Architektur- und Kunstgeschichte zog der Vortrag die Schlussfolgerung, dass für Musik die passenden Räumlichkeiten bereitgestellt und geschaffen werden mussten.

Als „verweigerten Kulturtransfer“ interpretierte LARS WOLFRAM (Paderborn) Agostino Steffanis Zeit als Weihbischof in Paderborn. Dessen Karriere war geprägt von mehreren bewussten Brüchen. Nach erfolgreichen Stationen zunächst als Musiker und Opernkomponist, dann als Diplomat und Politiker, machte ihn der Fürstbischof Franz Arnold 1710 zum Weihbischof. In dieser Funktion gab Steffani das Musizieren und Komponieren endgültig auf, denn eine öffentliche Musikpraxis und ein hohes geistliches Amt seien nicht miteinander vereinbar gewesen. Erst einige Jahre nach Franz Arnolds Tod 1718 und dem Verlust seines Postens begann Steffani wieder zu komponieren und widmete sich der geistlichen Musik. In dieser Phase lassen sich wieder Transferleistungen beobachten, denn seine Stücke wurden in England musikalisch hochgeschätzt und mit protestantisch angepassten Texten verbreitet. HANS-WALTER STORK (Paderborn) referierte über den italienischen Poeten und Librettisten Ortensio Mauro, welcher am hannoverschen Hof ab 1689 eng mit Steffani zusammenarbeitete und elf Opernlibretti für ihn verfasste. Mauro, der in der Forschung bislang kaum beachtet wurde, pflegte enge Verbindungen zu den Höfen in Paderborn, Hannover und Celle, von deren Aufträgen er lebte und an denen er sich abwechselnd aufhielt. Hier fungierte er unter anderem als panegyrischer Gelegenheitsdichter, hatte jedoch auch eine politische Mittlerfunktion, beispielsweise als Hofsekretär für italienische Angelegenheiten.

Die Netzwerke von Orgelbauerfamilien im Westfalen des 17. Jahrhunderts, welche sich über ganz Norddeutschland und in die Niederlande erstreckten, analysierte GERHARD AUMÜLLER (Marburg). Orgelbauer, die zumeist ebenfalls Organisten waren, verbreiteten durch ihre Mobilität und die Kontakte untereinander nicht nur Musikalien oder künstlerische und technische Neuentwicklungen, sondern ermöglichten auch den personalen Austausch zwischen Kirchen, Klöstern und Adelshäusern, zum Beispiel durch die mit ihnen zusammenarbeitenden Maler und Bildhauer. Das entscheidende Kriterium für die Beauftragung von Orgelbauern war die Qualität ihrer Arbeit. Daher waren sie sowohl für Katholiken als auch für Protestanten tätig und spielten eine wichtige Rolle im interkonfessionellen Kulturtransfer.

MARKUS LAUERT (Paderborn) betonte die Bedeutung des niederen Adels für den Kulturtransfer durch Musik. Sie nahm eine unterhaltende, aber auch eine soziopolitische Funktion ein. Um in den Stiftsadel aufsteigen und sich lukrative Kirchenpfründe sichern zu können, war die Musikerziehung des Nachwuchses eine Grundvoraussetzung. Am Beispiel der Familie von Kanne zu Bruchhausen und ihrem Musiklehrer Jürgen Böcken zeigt sich der Transfer des humanistischen Bildungsideals bis in den Landadel. Die unterhaltende Funktion von Musik in Verbindung mit Alkohol war wichtig für die Diplomatie, denn dadurch wurden formelle Anlässe in weniger formelle Situationen überführt. Hofmusiker waren allerdings in der Regel nicht hauptamtlich, sondern in Doppelfunktionen tätig. So taucht der Musiker Jost Eckardt in Kaspar von Fürstenbergs Tagebuch hauptsächlich als Gerichtsdiener auf.

Einen Einblick in die Organisation und Funktion der Domkantorei des Paderborner Doms lieferte JÖRG WUNSCHHOFER (Beckum). Im 17. Jahrhundert ist in der Dommusik eine Professionalisierung zu beobachten. So entstand durch eine Stiftung des Dompropstes Arnold von der Horst im Jahr 1630, also während des 30-jährigen Krieges und der protestantischen Besatzung der Stadt, eine Domkapelle. Eine Investition in die Dommusik zu diesem Zeitpunkt kann daher als politischer Akt interpretiert werden. Sie war möglicherweise ein Versuch, sich durch Musik verstärkt als katholisch sichtbar zu machen und fügt sich insgesamt in die Barockisierung des Doms.

Dem Weg der Kompositionen von italienischen Entstehungsorten zu deutschen Abnehmern widmete sich der Beitrag von FRÉDÉRIQUE RENNO (Freiburg). Ausgangspunkt ihrer Überlegungen waren dabei die Reisen von deutschen Musikern nach Italien, wobei auch sie noch einmal auf Grabbe und seine Bedeutung als Vermittler von italienischer Musik in deutsche Kulturräume einging. In der Folge übertrug sie das von ihr vorgestellte Modell des Kulturtransfers auf das Druck- und Verlagswesen. Die Kenntnis der italienischen Musik entwickelte sich dabei zunächst nur langsam zu einem Markt hierfür, gegen Ende des 16. Jahrhunderts sind mit Bert und Katharina Gerlach aus Nürnberg jedoch Beispiele für Verleger zu finden, die auf Entwicklungen im Musikmarkt schnell reagierten.

Auch der Beitrag von MARIA KOHLE, die diesen auch stellvertretend für ihre Co-Autorin ERIKA HEITMEYER vortrug, widmete sich Musikdrucken, mit den Liedern aus dem Paderborner Gesangbuch aus einem eng umrissenen Genre. Nach einer Darstellung der unterschiedlichen Serien des Gesangbuches und deren Neuauflagen, bei denen Noten zu Gunsten einer reinen Textdarstellung immer weiter abnahmen, ging Kohle auf das geistliche Programm und Schwerpunkte in Bezug auf Text und Melodie ein. Evangelische Lieder wurden von Anfang an übernommen, jedoch meist in überarbeiteten Fassungen, auch zu anderen Diözesen bestanden Kontakte. Viele Texte waren affektiv und emotional anrührend und der Gebrauch erstreckte sich über den Gottesdienst hinaus auch auf die Katechese und Prozessionen.

Mehrere Vorträge hatten die wirtschaftliche Situation von Musikern in den Fokus gerückt. ARNO PADUCH untersucht die Inhalte, mit denen die Musiker die solchermaßen ausgestatteten Stellen füllen. Die Paderborner Dommusik z. B. wurde maßgeblich durch den Succentor bestimmt, den musikalisch professionalisierten Vertreter des Domkantors. Quellen hierzu sind schwer zu finden (Paduch analysierte zwei zufällig erhaltene Rechnungen); eine interdisziplinäre Herangehensweise ist erforderlich. So lassen sich Erkenntnisse über spätmittelalterliche Musikpraxis ebenso aus Kupferstichen von Heinrich Aldegrever gewinnen. Doch auch der Nachlass des Musikers Heinrich Beginiker erlaubt Einblicke in eine Musikpraxis, in der mögliche Wiederanschaffungen über 50 Jahre alter Werke Indizien für deren Beliebtheit geben und sowohl die Grundsatzfrage nach Polyphonie als auch die nach ihrer flämischen bzw. italienischen Ausprägung von den Beharrungskräften in der Ausgestaltung der Liturgie künden.

In der von ARNOLD OTTO moderierten Abschlussdebatte wurden die wesentlichen Fragestellungen der Tagung noch einmal beleuchtet. Die Heterogenität Westfalens als geographisch-politischem Raum fand sich dabei weitgehend bestätigt, während hinsichtlich der Verkehrswege neben dem Hellweg die Bedeutung der Wasserstraßen Ruhr, Lippe, Rhein und Weser betont wurde. Die Möglichkeit des Kontaktes nach Italien einte alle westfälischen Territorien des Betrachtungszeitraumes. Betont wurde die große Rolle der Mobilität, die neben der Bildung auch den Handel und den Broterwerb in den Fokus nahm und deren Auslöser oft auch Wettbewerb, Konkurrenz und Auftragslage werden konnten. Unterschiedliche Beschäftigungsformen spiegelten sich in einem breiten Spektrum von Verwandtschafts-, Freundschafts- und Geschäftsbeziehungen, die durch Musik gestiftet und modifiziert wurden.

Insgesamt ist es der Tagung gelungen, nicht nur Westfalen selbst hinsichtlich seiner Musikgeschichte zu untersuchen, sondern die Region als Beispiel für Mechanismen zu sehen, die auch in anderen Regionen vorkamen, bislang jedoch nicht Gegenstand der Forschung geworden sind. Intensiv wurden dabei Quellenbestände verwendet, die bislang nicht in einer auf die Fragestellung der Tagung zielenden Weise ausgewertet worden waren. Dabei wurde zu einigen Fragestellungen eine überaus schwierige Quellenlage deutlich, die den Ansatz der Exemplifikation rechtfertigt. Dabei ist Musikgeschichte mehr als Alltagsgeschichte. Die festliche musikalische Gestaltung wichtiger Ereignisse der Geschichte oder der Liturgie in bedeutenden Kirchen rückt auch die Musikgeschichte in den Bereich der Herrschaftsrepräsentation und verleiht ihr ein politisches Element.

Konferenzübersicht:

Volker Peckhaus (Paderborn), Andreas Münzmay (Detmold), Andreas Neuwöhner (Paderborn): Grußworte

Sabine Meine (Köln) u. Johannes Süßmann (Paderborn): Musiklandschaften zwischen Rhein und Pader – eine Einführung

The Orpheus Consort: Musikalischer Auftakt

Sektion I: Landschaft(en)

Werner Freitag (Münster): Trennendes und Verbindendes: Westfalen in der Frühen Neuzeit

Heinz-Dieter Heimann (Paderborn): Weshalb Landschaft(en)? Wie Raumkonstrukte in der Geschichtswissenschaft ‚kreative Räume‘ adressieren – Wegeweiser zur Aneigung von Musiklandschaften

Sektion II: Höfe

Britt Kägler (Trondheim): Mobilität und kulturelle Wechselbeziehungen frühneuzeitlicher Musiker. Westfalen im regionalhistorischen Vergleich

Vera Lüpkes (Brake): „…aber verwirrt mit Euren Verstrickungen nicht die Herzen.“ Niederländisch-italienische Musikkultur am lippischen Fürstenhof um 1600.

Sektion III: Transfer und Amt

Lars Wolfram (Paderborn): Der Opern-Komponist als Weihbischof. Agostino Steffani in Paderborn 1710–1718.

Hans-Walter Stork (Paderborn): Ortensio Mauro (1634–1725). Hofsekretär für italienische Angelegenheiten, Hofpoet und Librettist in Paderborn und Hannover.

The Orpheus Consort: Abendempfang

Sektion IV: Familiennetzwerke

Gerhard Aumüller (Marburg): Familiäre Netzwerke und interkonfessioneller Kulturtransfer (Orgelbauer und Organisten)

Markus Lauert (Paderborn): Funktionen landadliger Musikpraxis im Hellwegraum

Jörg Wunschhofer (Beckum): Ein Einblick in die Domkantorei des Paderborner Doms

Sektion V: Transfer im Druck

Frédérique Renno (Freiburg): Druck und Transfer von Musikalien: Kulturtransfer in der Frühen Neuzeit am Beispiel italienischer Notendrucke

Maria Kohle (Dortmund): Westfälisch-rheinisch singen und beten. Übernahmen, Adaptionen und Eigenständigkeiten in den Paderborner Gesangbüchern der Frühen Neuzeit.

Das Johann Rosenmüller Ensemble: Westfalia Cantat (Abendkonzert)

Sektion VI: Aufführungspraktiken

Arno Paduch (Wunstorf): Kirchenmusik in Westfalen. Repertoire, Institutionen und Aufführungspraxis

Arnold Otto (Paderborn): Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Musiklandschaften zwischen Pader und Rhein. Pluralisierung und Verflechtung entlang des Hellwegs in der Frühen Neuzeit, 15.07.2019 – 17.07.2019 Paderborn, in: H-Soz-Kult, 11.09.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8434>.