Die Politik in der Kultur und den Medien der Weimarer Republik. Konferenz für den wissenschaftlichen Nachwuchs

Ort
Jena
Veranstalter
Forschungsstelle Weimarer Republik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena; Weimarer Republik e.V.
Datum
28.08.2019 - 30.08.2019
Von
Ronny Noak, Institut für Politikwissenschaft, Friedrich-Schiller-Universität Jena; Sebastian Elsbach, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Beim Begriffspaar Kultur und Weimarer Republik mögen nicht zuletzt die Schlagwörter „Goldene Zwanziger“, Bauhaus, Expressionismus, Babelsberg (als Sitz der Universum Film AG (UFA)) oder Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ in den Sinn kommen. Darüber hinaus zeigten sich während der Jahre 1918 bis 1933 aber an vielen Stellen in der Kultur neue Entwicklungen und Herausforderungen, vom Einzug und der vermehrten Zugänglichkeit neuer Medien bis hin zu neuen Möglichkeiten durch technischen Fortschritt, bspw. in der Architektur. Die Kultur- und Kunstszene konnte dabei nicht nur aufgrund der durch die Republik gewonnenen Kunstfreiheit, sondern auch durch den in Artikel 142 der Weimarer Reichsverfassung festgeschriebenen Schutz und Pflege der Kunst aufblühen. In welch starker Wechselwirkung Kultur und Politik in der ersten deutschen Demokratie standen, untersuchte dabei die diesjährige Konferenz für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Forschungsstelle Weimarer Republik an der Universität Jena. Durch die Tagung führten die Veranstalter Andreas Braune und Michael Dreyer (beide Jena).

Den Auftakt machte FRANK JAKOB (Bodø, Norwegen) mit der Vorstellung seines Herausgeberprojektes zu Kurt Eisner, dem ersten Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern. Eisner, sicherlich eine der zentralen Figuren des Revolutionsgeschehens 1918/19, ist laut Jakob in der Forschung dennoch unterrepräsentiert. Dies mag auch daran liegen, dass Eisners Persönlichkeit wie auch seine politische Bilanz bereits in der Weimarer Republik höchst umstritten waren. Während Eisner laut Jakob vor allem an einer friedlichen Revolution interessiert gewesen sei, wurde er von rechtsradikaler Seite zu einem Vertreter des „jüdischen Bolschewismus“ gemacht. Seine Unterstützer hätten Eisner dagegen zu einem „Blutzeugen des Geistes“ stilisiert.

RICARDO ALTIERI (Potsdam) stellte im Anschluss sein laufendes Dissertationsvorhaben einer Doppelbiographie von Rosi Wolfstein und Paul Frölich vor. Beide Persönlichkeiten seien in ihrer Zeit zwar sehr prominente Köpfe des deutschen Kommunismus gewesen, aber aus mehreren Gründen seien beide weitgehend in Vergessenheit geraten. In der Weimarer Republik konnten Wolfstein und Frölich jedoch weitverzweigte Netze innerhalb der kommunistischen Verlagslandschaft knüpfen, was ihnen auch im Exil ab 1933 zugutekommen sollte. Altieri hob die geschlechterbedingten Unterschiede in ihrer öffentlichen Wahrnehmung sowie die jeweiligen parteipolitischen Werdegänge hervor.

Der Kontext des Kommunismus wurde auch im Beitrag von VALENTIN JOHANNES HEMBERGER (Gießen) gewahrt. Für sein Dissertationsprojekt untersucht Hemberger die mediale Darstellung der Sowjetunion und der russischen Geschichte in ausgewählten Illustrierten. Anhand mehrerer thematischer Beispiele verglich er die jeweilige Auswahl und Zusammenstellung der Bilder, die mit wenigen Ausnahmen aus Beständen der sowjetischen Fotoagentur stammten. Hieraus ergab sich eine teils enorme Diskrepanz zwischen dem ursprünglichen Kontext des Bildes und den kommentierenden bzw. erklärenden Texten.

Den Abschluss des ersten Konferenztages bildete der Abendvortrag von MICHAEL DREYER (Jena). Dieser hatte die Familie Mann und ihr Verhältnis zur Demokratie zum Gegenstand. Insbesondere die Brüder Heinrich und Thomas Mann und ihr stetes bzw. wachsendes Engagement für die Demokratie rückten hier in den Vordergrund, aber auch Golo sowie Klaus und Erika Mann blieben nicht unterwähnt. Dabei griff Dreyer über den Zeitraum der Weimarer Republik hinaus indem er bspw. das Wirken Thomas Manns nach 1933 und sein beherztes Eintreten für den Sieg der Demokratie darstellte. Allgemein gilt aber: die beiden Brüder Klaus und Thomas Mann sind – auch dank der Unterstützung der Republik für die Künstler – zum Aushängeschild der Weimarer Republik geworden. Durch Heinrich Manns Engagement in der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Kunstakademie und Thomas Manns Literaturnobelpreis 1929 zählen sie zu den exponiertesten Vertretern der Weimarer Kultur.

Der zweite Konferenztag wurde eingeleitet durch den Bericht von SIMON SAX (Bremen) und ERIK KOENEN (Leipzig/Bremen), die sich als – wie die Referenten selbst ausführten – „Freizeitbetätigung“ mit der Berliner Volkszeitung (BVZ) als „Experimentierfeld“ der digitalen Presseforschung befassen. Die beiden Kommunikationswissenschaftler präsentierten eine Analyse der BVZ der Jahrgänge 1853-1944 bezüglich ihrer Metadaten und in Form von „wordclouds“. Wie die Referenten anschaulich darstellen konnten, zogen sich verschiedene Stile durch die Jahrgänge. Schlagzeilen, Karten, Zeichnungen oder Fotografien fanden im Laufe der Jahre als stete Neuerungen Eingang auf das Titelblatt der BVZ. Durch die systematische Erfassung von Titelbildern und Volltexten der Zeitung gelang so ein Beitrag zur politischen Kulturforschung und der medialen Darstellung gleichermaßen.

Im Feld der politischen Kulturforschung bewegte sich auch das anschließende Referat von TIMO LEIMBACH (Erfurt/Hamburg). Dieser untersuchte das Verhältnis von Presselandschaft und dem Landtag in Thüringen im Zeitraum von 1920 bis 1933. Er konstatierte dabei eine starke Wechselwirkung zwischen Parlament und Presse. Da der Thüringer Landtag kaum eigene Berichterstattung vollzogen habe, sei er auf die Presse angewiesen gewesen. Dies zeigte sich nicht zuletzt in der räumlichen Verortung der Presse im Thüringer Landtag, wo die Journalisten trotz stetem Raummangel nah an den Parlamentariern verblieben. Welch fundamentale Bedeutung der Presse in der Demokratie zukommen kann, zeigte Leimbach exemplarisch am Fallbeispiel 1932. Die Thüringer Presse hatte hier, trotz einer regierungsfähigen und demokratischen Funktionsweise des Thüringer Landtags, im Schatten der Ereignisse auf Reichsebene (Preußenschlag und Präsidialkabinette) kaum mehr Positives über den Parlamentarismus zu berichten. Wenn sich auch nicht beziffern lässt, welchen Anteil die Presselandschaft an der Erosion der Demokratie hatte, nahm sie ihre Zerstörung so in Wort und Schlagzeilen zumindest vorweg.

Aus ihrem aktuelle Promotionsprojekt berichtete anschließend LILJA-RUBEN VOWE (Frankfurt an der Oder). Sie befasst sich mit der Bildberichterstattung in der Tagespresse zu den Reichstagswahlen der Weimarer Republik 1924-1932. Dabei ging die Referentin von der These aus, dass Bilder zur Illustration politischer Anliegen stetig an Bedeutung gewannen und sich schließlich zu den Hauptträgern politischer Botschaften entwickelten. Sie seien somit nicht mehr als reine Illustration dienlich sondern müssten als „interessengeleitete Vorhaben und Strategien“ angesehen werden. Gerade den Feinden der Demokratie sei es durch die Verwendung von Karikaturen oder der Inszenierung statt Abbildung politischer Demonstrationen gelungen, an Bedeutungsmacht zu gewinnen. Eine Entwicklung, der die republikanische Presse bis 1932 nur schwerlich positive Gegendarstellungen entgegensetzen konnte.

Mit dem Besuch des Weimarer Stadtmuseums und seiner Ausstellung zur Nationalversammlung in Weimar, dem Weimarer Bauhausmuseum und dem Haus der Weimarer Republik am Nachmittag konnte ein umfassender Einblick in die museale Darstellung der Epoche der ersten deutschen Demokratie gewonnen werden. Abschluss des Tages bildete dann schließlich die Teilnahme an der Vernissage zur Ausstellung Bildermagazin der Zeit, die sich mit einem Entwurf des Bauhausmeister László Moholy-Nagy befasst und ein zeitgenössisches – jedoch nicht verwirklichtes Projekt – über die ikonographische Arbeit in Zeitschriften der Weimarer Jahre rekonstruiert.

Der letzte Konferenztag begann mit einer Vorstellung des Habilitationsprojekts von MARCEL BIOS (Hamburg). Dies thematisiert die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die dem Neuen Frankfurt zuzurechnen ist und durch einen Küchenentwurf Bekanntheit erlangte. Bois verdeutlichte den Zusammenhang zwischen den politischen und den fachlichen Ansichten von Schütte-Lihotzky, die auch nach 1933 als Architektin arbeitete. Im sowjetischen Exil und in der DDR wirkte die Kommunistin an verschiedenen Bauprojekten mit. Während sie die generelle sowjetische Politik aus Überzeugung mittrug, war sie eine Kritikerin der staatlichen Baupolitik in der DDR und griff in diesem Sinne auf ihr aus der Weimarer Republik stammendes ästhetisches Arsenal zurück.

LION REICH (Jena) untersuchte die mediale Debatte der Freien Arbeiterunion Deutschlands (FAUD), die in der Nachkriegszeit einen nicht unbeträchtlichen Mitgliederbestand hatte. Ideologisch orientierte sich die FAUD und ihr geistiger Kopf Rudolf Rocker an der Ideenwelt des Anarchismus. Somit verstand sich die FAUD als antiparlamentarisch und lehnte mehrheitlich eine Zusammenarbeit mit allen Parteien ab. Dies schränkte jedoch auch den Einfluss der FAUD empfindlich ein. Im Kontext des Ruhraufstandes wichen die örtlichen Gruppen der FAUD von dieser Linie ab und suchten die Kooperation mit der USPD und KPD. Auch die Frage der Gewalt wurde innerhalb der FAUD sehr unterschiedlich beantwortet.

Im letzten Panel der Tagung wurden die medialen Formen des Kinos und der Unterhaltungsromane thematisiert. BRIGITTE BRAUN (Trier/Koblenz) stellte ihre Forschungen zur Nutzung des Kinos durch staatliche Stellen im Kontext des Ruhrkonfliktes vor. In den Auseinandersetzungen mit der Entente nutzte vor allem das Auswärtige Amt das neue Medium. Insgesamt könne jedoch nicht von einer kontrollierten Filmpolitik durch die demokratischen Regierungen gesprochen werden. Die in Auftrag gegebenen Filme waren in der Produktion teils zu langsam, um einen propagandistischen Effekt erzielen zu können. Gleichzeitig wurden in dieser Zeit erstmals staatliche Versuche zur Kontrolle dieses neuen Mediums erprobt, die zum Teil noch heute praktiziert werden.

Den inhaltlichen Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von LASSE WICHERT (Bochum). Sein durch die Fritz-Thyssen-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt widmet sich „Erfahrungsräumen“ und „Erwartungshorizonten“ (Koselleck) in Zukunftsromanen der 1920er- und 1930er-Jahre. Laut Wichert etablierten sich in Reaktion auf den Weltkrieg zentrale Motive dieser Literaturgattung während dieser Zeitperiode. Kriegserfahrungen und die Erwartung eines Zukunftskrieges wurden feste Bestandteile der Romane. Während kommunistische und nationalistische Narrative dominierten, seien pazifistische Zukunftsvisionen nur eine Randerscheinung gewesen. Auffällig war zudem die Reflexionsfähigkeit der Autoren, die in ihren Erzählungen mehrfach ihre eigene Literaturgattung kommentierten.

Es konnten auf der Tagung somit neue Forschungen insbesondere aus dem Bereich der Kommunismusforschung und der Mediengeschichte präsentiert werden. In eher quantitativ ausgerichteten Forschungsarbeiten wurden vorwiegend methodische Fragen diskutiert und die entsprechenden Auswirkungen von methodischen Restriktionen auf die Thesenbildung hinterfragt. So stellte der Ursprung von Bildunterschriften ein wiederkehrendes Problem dar, da deren Entstehungsprozess mitunter nicht rekonstruierbar ist. Bei den biographisch ausgerichteten Studien – aber nicht nur bei ihnen – tauchte wiederum das Problem des Vergessens vermehrt auf. Die Erinnerung an bestimmte Personen oder Organisationen (wie die FAUD) ist trotz ihrer damaligen Bedeutung für die Weimarer Republik hochgradig unvollständig, was sicherlich auch daran liegt, dass ein Gutteil der präsentierten Kulturschaffenden nicht zur heutigen parlamentarischen Demokratie passen. Doch gerade in der Auseinandersetzung auf dem kulturellen Gebiet zeigt sich erneut der vielschichtige Alltag der Weimarer Republik.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung (Michael Dreyer, Andreas Braune)

Frank Jacob (Bodø, Norwegen), Der Kampf um das Erbe der Revolution: Die Darstellung Kurt Eisners in den Printmedien der Weimarer Republik

Ricardo Altieri (Potsdam), Rosi Wolfstein, Paul Frölich und die Weimarer Republik

Valentin Johannes Hemberger (Gießen), Russlands Uhren laufen anders: Populäre historische Darstellungen Russlands und der Sowjetunion in politischen Illustrierten der Weimarer Republik

Michael Dreyer (Jena), Die aristokratischen Republikaner. Das Haus Mann und die Verteidigung der Republik

Erik Koenen (Bremen/Leipzig) / Simon Sax (Bremen), Die Berliner Volkszeitung (1853–1944) in der Weimarer Republik. Perspektiven der digitalen Presseforschung

Timo Leimbach (Erfurt), Parlament und Öffentlichkeit: Politische Berichterstattung zwischen Parteilichkeit, Substanzverlust und antiparlamentarischen Diskursen

Lilja-Ruben Vowe (Frankfurt an der Oder), Iconic Turn? Bildberichterstattung in der Tagespresse zu den Reichstagswahlen der Weimarer Republik 1924-1932

Besuch der Ausstellung zur Nationalversammlung im Stadtmuseum Weimar; Besuch des Bauhaus-Museums Weimar; Besuch des Hauses der Weimarer Republik. Forum für Demokratie; Vernissage zur Ausstellung „Bildermagazin der Zeit“, Angermuseum Erfurt

Marcel Bois (Hamburg), Soziale Architektur und sozialistische Politik. Margarete Schütte-Lihotzky als Akteurin des Neuen Frankfurt (1926–1930)

Lion Reich (Jena), Die FAUD(S) im Ruhraufstand. Die Rekonstruktion einer medialen Gewaltdebatte

Brigitte Braun (Trier/ Koblenz), Politik und Kino in der Weimarer Republik

Lasse Wichert (Bochum), Erfahrung und Erwartung in Zukunftsromanen der Weimarer Republik

Zitation
Tagungsbericht: Die Politik in der Kultur und den Medien der Weimarer Republik. Konferenz für den wissenschaftlichen Nachwuchs, 28.08.2019 – 30.08.2019 Jena, in: H-Soz-Kult, 11.10.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8438>.