Gewalt im Nachkrieg. Postwar Violence 1945–1949

Ort
München
Veranstalter
NS-Dokumentationszentrum München
Datum
27.06.2019 - 28.06.2019
Von
Sinja Gerdes, Historisches Seminar, Ludwigs-Maximilian-Universität München

In öffentlichen Debatten wird die Nachkriegszeit als Zeit des Wiederaufbaus und durch einen vielerorts stattfindenden Aufschwung charakterisiert. Weniger präsent ist die anhaltende Gewalt, die nicht mit der Kapitulation des Deutschen Reiches im Mai 1945 endete, sondern in vielen verschiedenen Formen und mit regionalen Unterschieden weiterhin existierte. Die Tagung konzentrierte sich auf diesen Aspekt der Nachkriegszeit. Dabei stand im Mittelpunkt des Interesses, welche Situationen, Praktiken, Akteure und Räume durch diese Perspektive sichtbar werden.

Nach Begrüßungsworten durch MIRJAM ZADOFF (München) folgte direkt der inhaltliche Einstieg. In ihrer Einführung stellten NICOLAI HANNIG (München) und PAUL-MORITZ RABE (München) an Fallbeispielen orientiert dar, welche Relevanz und welchen Erkenntniswert ihr Ansatz für die Forschung haben kann. Dabei wählten sie vier Perspektiven, um die Nachkriegszeit als Gewaltzeit zu untersuchen. Einerseits sei die eigentliche Gewalthandlung in der Forschung bisher unterrepräsentiert. Dabei sei es sinnvoll, die Praxis der Gewaltausübung situationsorientiert aus einem mikrohistorischen Blickwinkel zu betrachten. Andererseits müssten die beobachteten Phänomene gleichzeitig in die Umstände der Nachkriegszeit eingeordnet und somit historisch kontextualisiert werden. Darüber hinaus sei es notwendig, mithilfe einer synchronen Betrachtungsweise die Kollektivität zeittypischer Gewaltbedingungen in den Blick zu nehmen, um herauszuarbeiten, wie sich verschiedene Gewalttaten beeinflussten und bedingten. Letztlich solle ebenfalls eine diachrone Sicht berücksichtigt werden. Für einige Phänomene ließe sich, so Hannigs und Rabes Ansatz, ein doppelter Gewalttransfer herstellen, denn anhaltende Gewaltpraktiken, die sich im Zweiten Weltkrieg ereigneten und von dort eine Kontinuität in die Nachkriegszeit aufzuweisen scheinen, hätten oft eine Tradition, die weit vor die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreiche.

RICHARD BESSELs (York) anschließender Vortrag erweiterte das Spektrum der im Nachkrieg stattfindenden Gewalt einführend. Unter anderem mit dem Bürgerkrieg in Griechenland, der Situation in Polen und dem anhaltenden Krieg in Litauen nannte Bessel allein in Europa drei Orte, an denen die Gewalt nicht im Mai 1945 endete. Ebenfalls verwies er auf Gewalt, die als „inoffizielle Abrechnung“ oder durch Hinrichtungen stattgefunden habe und führte, als einen weiteren Herd für Gewalt, die in vielen Regionen zerstörten zivilen Gesellschaften an. Damit lieferte er einen erweiterten historischen Kontext, in den der vorangegangene, vorwiegend auf Beispielen basierende Vortrag von Hannig und Rabe hineingedacht werden konnte. Obwohl Bessel diese Situationen und Formen der Gewalt aufführte, betonte er gleichzeitig, die Gewalt sei nach 1947 insgesamt abgeebbt. Der Zweite Weltkrieg sei ein „Gewaltschock“ gewesen, der eine Umkehr der Menschen hervorgerufen habe. Konkret klänge die Gewalt in reziprokem Verhältnis zur zunehmenden Festigung staatlicher Institutionen ab.

MARTIN H. GEYER (München) beschrieb in seinem Vortrag, dass die Ausnahmezustände nach 1945 in Deutschland nicht zu Ende gewesen seien. Er nahm dabei Bezug auf Walter Benjamins Begrifflichkeit des „wirklichen Ausnahmezustands“. Geyer ging auf drei Konstellationen aus dem Jahr 1945 ein und brachte diese in Verbindung mit dem Aspekt der Selbsthilfe, die in seinen Beispielen mit ausgeübter Gewalt einhergehen konnte. Dabei thematisierte er Plünderungen von Nahrungsdepots, sowie die Situation der DPs und Bürgerkomitees. Dies ließe sich, so Geyer, auch in einen globalen Vergleich bringen.

Mit Fokus auf die Akteure thematisierte JÖRG ECHTERNKAMP (Potsdam) eine Sammlung an Briefen, die von ehemaligen Wehrmachtssoldaten der Ostfront und deren Angehörigen an ihren ehemaligen Kompanieführer geschrieben worden waren. Echternkamp erläuterte die Quellen in Abgrenzung zu den gut erforschten Feldpostbriefen und verdeutlichte ihre Kontextualisierung in den westlichen Besatzungszonen. Die Briefwechsel boten den ehemaligen Soldaten Kontinuität in den Zeiten des Umbruchs. Gewalterfahrungen und ihre Nachwirkungen waren in den Texten häufig nur indirekt sichtbar, etwa durch die Beschreibung von Gesundungsprozessen oder den frühen Tod eines ehemaligen Kameraden. In den Briefen sei die Gegenwärtigkeit des Krieges im Nachkrieg greifbar, wobei die Gewalterfahrung der Gefangennahme und der Kriegsgefangenschaft als existenzielle Bedrohung vor die Erinnerung an den eigentlichen Krieg mitunter zurückgetreten sei.

Erfahrung war auch bei JULIA WAMBACHs (Berlin) Vortrag ein wichtiger Schlüsselbegriff, ebenso wie Erwartungen und Lernprozesse. Wambach betonte, dass die Zeit der französischen Besatzung in einer langen Geschichte der gegenseitigen Besetzungen von Deutschland und Frankreich gedacht werden muss. So sprach Wambach von einer „Betriebsblindheit“ der französischen Besatzungsmacht, da diese noch Jahre nach dem Ende des Krieges davon ausging, dass sich ein deutscher Widerstand nach Vorbild der französischen Résistance bilden würde. Unter dieser Prämisse interpretierte die Besatzungsmacht eigentlich harmlose Zwischenfälle als Sabotage. Auch die Furcht der französischen Besatzer, durch ihr Handeln erst einen deutschen Widerstand zu erschaffen, habe auf der gemeinsamen Geschichte beruht. Zum Teil hatten Angehörige der Besatzungsmacht ein eigenes Interesse, die Gefahren von Seiten der deutschen Bevölkerung überzubetonen, denn daran konnte eine Notwendigkeit für den eigenen Verbleib in der Besatzungszone festgemacht werden, in welcher der Lebensstandard der französischen Armeeangehörigen vergleichsweise hoch war.

Im Abendvortrag zeichnete IAN BURUMA (New York) globale Aspekte der Zeit nach 1945 bis zur Gegenwart nach. Dabei kommentierte er Nationalismen, traf Unterscheidungen zwischen den Räumen Europa und Asien, und zog einen weiten Bogen zum neuen rechten Populismus. Exkurshaft griff Burumas Vortrag auch das Jahr 1989 und das Ende des Kalten Krieges auf, das dazu geführt habe, dass es ohne Systemkonflikt kein westliches Modell mehr für soziale Gleichheit geben müsse.

Der nächste Tag startete mit einem Themenrundgang durch die Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums, wobei ein Fokus auf dem Aspekt der Gewalt und den Formen und Grenzen ihrer Darstellbarkeit in der Museumsarbeit lag. Daran schloss sich das dritte Panel an, beginnend mit dem Beitrag von REGINA MÜHLHÄUSER (Hamburg). Sie thematisierte die ambivalente Natur von sexueller Gewalt, unter anderem auch deren Instrumentalisierung für Propagandazwecke und Beobachtungen zur Strafverfolgung. Mühlhäuser machte darauf aufmerksam, dass bei der Thematik der sexuellen Gewalt mitunter ein Widerspruch in der Wahrnehmung von Tätern und Opfern zu finden sei. Anhand von Beispielen verwies sie auf ein nicht vorhandenes Bewusstsein für eine Gewaltausübung von Seiten männlicher Täter. Sie bemerkte außerdem, dass die Opfer sexueller Gewalt verglichen mit anderen Opfergruppen im Diskurs relativ abwesend seien.

Anschließend drehte sich auch MARK ROSEMANs (Bloomington) Vortrag um Abwesenheiten, jedoch mit Blick auf die erwartete „jüdische Rache“ in der Nachkriegszeit. Er stellte in seinem Vortrag die Frage, ob jüdische Rache in der heutigen Wahrnehmung unsichtbar zu sein scheint, da diese als Phänomen nicht akzeptiert sei. Gründe dafür, dass es tatsächlich nur eine begrenzte Anzahl an Racheaktionen gegeben habe, könnte die krankheits- und erschöpfungsbedingte mangelnde Handlungsfähigkeit gewesen sein, aber auch die Unmöglichkeit, das Ausmaß der Verbrechen zu vergelten. Gleichzeitig erwog Roseman die Möglichkeit, dass es mehr Rache gegeben haben könnte, als uns heute bekannt ist.

ANDREA PETÖ (Budapest) bezog sich in ihrem Vortrag auf nationale Fallbeispiele aus Ungarn. Dabei konzentrierte sich Petö zunächst auf Täterinnen. Hierbei hob sie hervor, dass einer der Gründe für die Anwendung von Gewalt durch Frauen, die darin liegende Möglichkeit beinhaltete, ein Teil der Bürgerschaft zu werden. Die Referentin bezog zudem die ungarischen Nachkriegsprozesse in ihre Überlegungen mit ein und zeigte, wie machtlos und chaotisch die Gerichte agierten.

Darauffolgend sprach ATINA GROSSMANN (New York) in einem sehr persönlichen Beitrag über geflüchtete Juden in kolonialisierten Gebieten und knüpfte damit thematisch an die anhaltende globale Gewalt im Nachkrieg an. Sie beschrieb die Situation der jüdischen Flüchtlinge, die zwischen Kolonialmacht und Kolonialisierten immer noch einen Zwischen-Status innegehabt hätten. Weiterhin konfrontiert mit einem Rassismus, innerhalb dessen Antisemitismus nur ein kleiner Teil des Problems gewesen sei, hätten sie die Unabhängigkeitsgewalt und interethnische Konflikte erlebt.

In seinem Schlusskommentar fasste DIETMAR SÜSS (Augsburg) einzelne Rahmenpunkte von Vorträgen und Diskussionen zusammen und erweiterte diese durch eigene Bemerkungen. Er griff die Fragen nach dem Zuwachs der Gewalt im Nachkrieg und neuer Formen der Gewalt auf. Süß sprach von Gewaltgemeinschaften und deren sozialem Zusammenhalt, die im Nachkrieg auch immer vor dem Hintergrund der schwach ausgeprägten Form von Staatlichkeit gedacht werden müssten. Daneben gäbe es aber auch Friedensgemeinschaften, die nicht in jedem Raum vertreten gewesen seien, dennoch aber in den Blick genommen werden sollten. Ebenfalls sprach Süß eine zentrale Frage der Tagung an: Welche Form von Gewalt betrachten wir? Im Nachkrieg spiele gleichzeitig noch ein anderer wichtiger Faktor mit in die Auseinandersetzung ein, nämlich die Frage nach der Anerkennung von Eigentum. Süß betonte nochmals die Gebundenheit von Gewalt und Raum. Mit dem Ende des Krieges in Europa hätten sich auch die Räume der Gewalt verändert, wenn auch gleichsam manche bestehen geblieben seien. Man könne also durch die neu formulierte Frage nach Gewalt bereits gut erforschte Felder wie die Besatzungszonen in neuem Licht erscheinen lassen.

Durch die große Varianz an Themen und Zugängen der Vortragenden entstand im Laufe der Tagung eine umfassende Anzahl von Perspektiven, die den Komplex Gewalt im Nachkrieg mit unterschiedlicher Intensität veranschaulichten. Dadurch entstand vor allem die Wahrnehmung eines Nebeneinanders der einzelnen Facetten, welches durch den gemeinsamen Nenner der Gewalt zu einer Art „Gewaltpanorama“ zusammengefügt werden konnte. Wie dieses vielschichtige Bindeglied der Gewalt aber konkret zu fassen und damit im Rahmen der Tagung definier- und greifbar ist, blieb trotz lebhafter Diskussionen ein offener Punkt. Dabei kann gerade diese bestehende Herausforderung auch als Bekräftigung verstanden werden, sich weiter mit Fragen nach „der Gewaltzeit“ auseinanderzusetzen.

Konferenzübersicht

Einführung

Miriam Zadoff (München): Begrüßung

Nicolai Hannig (München) / Paul-Moritz Rabe (München): Der Nachkrieg als Gewaltzeit

Panel 1: Situationen
Chair: Svenja Goldermann (Zürich)

Richard Bessel (York): Gewalt im Nachkriegs-Europa: Ein Wendepunkt?

Martin H. Geyer (München): „Selbsthilfe“. Formen der Gewalt in Zeiten des Ausnahmezustands

Panel 2: Akteure
Chair: Gerhard Fürmetz (München)

Jörg Echternkamp (Potsdam): Soldaten im Nachkrieg. Vernetzung und Gewalterfahrung deutscher „Ostheimkehrer“

Julia Wambach (Berlin): Geister der Vergangenheit: Gewalt während der französischen Besatzung Deutschlands

Keynote

Ian Buruma (New York): Forgetting the Lessons of War

Themenrundgang

Paul-Moritz Rabe (München): Gewalt im Museum

Panel 3: Praktiken
Chair: Kim Wünschmann (München)

Regina Mühlhäuser (Hamburg): „There is no societal agreement that sexual violence is a crime.“ Zum Umgang mit sexueller Gewalt nach 1945 in Europa und Asien

Mark Roseman (Bloomington): Surviving with a Vengeance? Fears and Realities of Jewish Revenge after the Holocaust

Panel 4: Räume
Chair: Michael Brenner (München)

Andrea Petö (Budapest): Rethinking the Continuity of Violence in Red Army Occupied Eastern Europe

Atina Grossmann (New York): Postwar Violence in Translation: European Jewish Refugees confront Displacement, Racism, and Decolonization

Abschlussdiskussion
Moderation: Nikolai Hannig (München)

Dietmar Süß (Augsburg): Schlusskommentar

Zitation
Tagungsbericht: Gewalt im Nachkrieg. Postwar Violence 1945–1949, 27.06.2019 – 28.06.2019 München, in: H-Soz-Kult, 16.09.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8444>.