Medizintäter. Ärzte und Ärztinnen im Spiegel der NS-Täterforschung

Ort
Erlangen
Veranstalter
Philipp Rauh / Susanne Ude-Koeller / Karl-Heinz Leven, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Datum
01.04.2019 - 02.04.2019
Von
Saskia Wilhelmy, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, RWTH Aachen

Eröffnet wurde die von der DFG geförderte Konferenz durch KARL-HEINZ LEVEN (Erlangen), der in seiner Begrüßungsrede auf die Relevanz der Täterforschung für die Geschichte des Nationalsozialismus hinwies und die besondere Rolle der Medizin hervorhob. Seiner Eröffnung schlossen sich Begrüßungen durch FRIEDRICH PAULSEN (Erlangen), Vizepräsident der Erlanger Universitätsleitung und MARKUS F. NEURATH (Erlangen), Erster Prodekan der Medizinischen Fakultät, an.

Die erste Sektion setzte sich mit dem methodisch-ideengeschichtlichen Zugang sowie der Geschichte der Täterforschung auseinander. PHILIP RAUH (Erlangen) widmete sich der Differenzierung von Täterprofilen und -narrativen speziell von Medizinern. Dazu gab er einen Abriss über die Geschichte der Täterforschung und hob die zeitlich unterschiedliche gesellschaftliche Verortung der Täter hervor sowie den Umgang der Gesellschaft mit selbigen. Er verdeutlichte, dass bezüglich der Aufarbeitung der NS-Zeit unterschiedliche Auffassungen und Interessen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bestehen. Darüber hinaus deutete er die methodischen Unzulänglichkeiten der Forschung an, unterschiedliche Tätertypen zu berücksichtigen und zu bewerten.

Ausgehend von der These, dass sich Täter während des Nationalsozialismus nicht in einem moralischen Vakuum bewegten, sondern mit einem rechtfertigenden Bewusstsein agierten, widmete sich anschließend FLORIAN BRUNS (Halle) in seinem Vortrag der völkischen Ideologie um die moralische Verpflichtung der Gesunderhaltung des Volkskörpers. Nach 1933 passte sich das ärztliche Ethos in das nationalsozialistische Gefüge ein. Soziale, utilitaristische und auch praktische Begründungen wie die Hoffnung auf eine gesunde „Volksgemeinschaft“ wurden von der Ärzteschaft herangezogen, um diese Anbindung zu plausibilisieren.

HANS-LUDWIG SIEMEN (Erlangen) setzte sich in seinem Vortrag mit der Sozialpsychologie von Tätern und Täterinnen auseinander und zog dazu beispielhaft zwei Täter-Dynamiken der Erlanger Psychiatrie heran. Er verdeutlichte anhand von „Ich-Idealen“, wie die Dogmen der NS-Ideologie von Medizinern zu einem persönlichen Ideal stilisiert wurden, das es mit allen Mitteln zu erreichen oder zu erhalten galt. Dies legitimierte Feindlichkeit und Gewalt, sichtbar insbesondere anhand der Psychiatrie im Ersten Weltkrieg und verschärft nach 1933. Darüber hinaus ermöglichten die vorherrschenden Strukturen eine Abstrahierung und damit Delegierung der persönlichen Schuld des medizinischen Personals.

Der Frage, inwiefern es weibliche Tätertypen gab und eine spezifisch weibliche Schuld, widmete sich JULIA NEBE (Aachen) in ihrem Vortrag. Sie zeichnete nach, wie sich die Deutung der Frau vom „passiven Opfer“ der männlich geprägten Hierarchien (1970er-Jahre) zur aktiven Täterin (1980) wandelte. Mit Elsbeth von Schnizer (1900-1998) beleuchtete sie sodann eine linientreue Professorin für Zahnheilkunde, die in vielfältiger Weise die Möglichkeiten des Regimes zu Karrierezwecken nutzte. Damit stehe sie beispielhaft für Täterinnen, welche die ihr zugewiesene Rolle als Frau im „Dritten Reich“ nicht akzeptierten und sich aktiv gewisse Karrierechancen schufen.

Den Abschluss der ersten Sektion bildete der Vortrag von HANS GEORG HOFER (Münster) und RALF FORSBACH (Münster/Köln). Sie beschäftigen sich mit den Täterbiografien der beiden Mediziner Fritz Kaufmann (1921-1967) und Friedrich Panse (1899-1973). Im Fokus stand der Einsatz elektrischer (Aversions-)Methoden zur Behandlung kriegstraumatisierter Soldaten. Kaufmann wandte diese als Militärarzt im Ersten Weltkrieg an, um die Kampffähigkeit wiederherzustellen und geriet dadurch in die Kritik. Panse hingegen, bei dem eine rassenhygienische Ausrichtung erkennbar sei, wandte während des Zweiten Weltkriegs eine technische Abwandlung der Methode an. Diese diente im Rahmen seiner medizinischen Tätigkeit bei der Wehrmacht der „Verhinderung von Kriegsuntauglichkeit“.

Die zweite Sektion beschäftigte sich mit den NS-Verbrechenskomplexen der Zwangssterilisationen und der „Euthanasie“. SANDRA ROHLOFF (Magdeburg) widmete sich dem Chirurgen Robert von Büngner, der eine eigene Privatklinik leitete. Für die Umsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (GzVeN) konnten Kosten für Sterilisationen abgerechnet werden. Aufgrund zahlreicher Antragsgesuche wurde die Durchführung vermehrt an Privatkliniken und Niedergelassene vergeben. Von Büngner erhielt 1934 die Erlaubnis, männliche Patienten in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe zu sterilisieren. 189 Operationen rechnete er akribisch ab, wobei er das Doppelte des sonst üblichen Satzes berechnete. Ob es sich bei Büngners Motiven um ideologische Überzeugung oder ökonomische Bestrebungen handelte, musste offen bleiben – wobei durchaus auch beides zutreffen könne.

Der Vortrag von JULIA VAHLDIECK (Magdeburg) griff den Chirurgen und Gynäkologen Prof. Friedrich Lotsch (1879-1958) heraus, der als ausführendes Organ des GzVeN Zwangsterilisationen vornahm. Im Kreiskrankenhaus Burg wurden von 1934 bis 1944 insgesamt 406 Patientinnen und Patienten zwangssterilisiert – 73 Prozent durch Lotsch. Von den Zeitgenossen wurde er einerseits als den Patienten zugewandt beschrieben, andererseits verschwieg er die Durchführung von Zwangssterilisationen. Seine Mitwirkung an der NS-Gesundheitspolitik sei retrospektiv betrachtet vielmehr persönlichem Interesse erwachsen als ideologisch geprägt. Gleichzeitig spiegele sich in ihm das fehlende gesellschaftliche Problembewusstsein bezüglich Zwangssterilisationen wider, welches das Nachkriegsdeutschland kennzeichnete.

MARION HULVERSCHEIDT (Kassel) analysierte in ihrem Vortrag die Deutung der Täter durch die Nachkriegsgesellschaft sowie den Wandel des Täterbildes. Der Chirurg Richard Wilmanns (1880-1958) führte den Großteil der 1.500 Sterilisationen in den Krankenhäusern Nebo und Gilead der von Bodelschwingh’schen Anstalten Bethel durch. Dokumente belegten, dass vornehmlich Personen mit Epilepsie sterilisiert wurden und dass bereits im Sinne des GzVeN gehandelt wurde, bevor dieses offiziell in Kraft trat. Im Zuge der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit kam es in den 1980er-Jahren zu einer Neubewertung der Zwangssterilisationen als Medizinverbrechen, wodurch es auch zu einer Neubewertung der Rolle Wilmanns kam.

BERND REICHELT (Ravensburg) hinterfragte Motive und Handlungsspielräume des ärztlichen Personals der Heilanstalt Zwiefalten zwischen 1936 und 1939. Anhand empirischer Daten gab er einen Einblick in die strukturelle Organisation und analysierte an einzelnen Lebensläufen das Verhalten des medizinischen Personals gegenüber den Patientinnen und Patienten. In der Heilanstalt war überwiegend männliches Personal vertreten, das im Vergleich zum weiblichen Personal höhere Dienststellungen bekleidete. Bereits für die Zeit vor Beginn der NS-„Euthanasie“ ist eine rigorose und aktive Indienststellung der Anstalt in die NS-Rassenpolitik zu konstatieren; während des „Dritten Reiches“ wurden dort mehr als 200 Personen zwangssterilisiert und „Sippentafeln“ erstellt.

Die miteinander verknüpften Biografien von Werner Catel (1894-1981) und dessen Assistenzärztin Hannah Uflacker (1906-1964) untersuchten MAIKE ROTZOLL (Heidelberg) und CHRISTOPH BEYER (Heidelberg/Lübeck). Während Catel als einer der führenden Protagonisten der Kinder-„Euthanasie“ nach 1945 an seiner menschenverachtenden Überzeugung festhielt und trotz allem seine Universitätskarriere fortsetzen konnte, war die Sachlage bei Uflacker anders. Sie gab zu, auf Anweisung Catels sechs Kinder getötet zu haben und dabei keine Alternativen gehabt zu haben. Zwar folgten aufgrund der Verjährungsfristen keine juristischen Sanktionen, jedoch beging Uflacker 1964 Suizid, nachdem der Entzug ihrer Approbation angeregt worden war.

SUSANNE UDE-KOELLER (Erlangen) stellte die eher kritische Haltung des Göttinger Professors für Psychiatrie Gottfried Ewald (1888-1963) gegenüber der „Euthanasie“ in den Fokus. Während er in der NS-Zeit das Bild eines überzeugten Nationalsozialisten schaffen wollte, versuchte er nach 1945, dieses Bild zu widerlegen. Ewald war lediglich Anwärter auf Mitgliedschaft in der NSDAP, daneben aber in diversen anderen NS-Organisationen vertreten. Dennoch bildeten die Maßnahmen der NS-„Euthanasie“ für ihn eine Grenze, die er nicht überschreiten wollte.

Die Münchner Forschergruppe bestehend aus ANNEMARIE KINZELBACH, STEPHANIE NEUNER, JASMIN KINDEL und GERRIT HOHENDORF stellte Ergebnisse des Verbundprojekts „Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten“ vor. Im Mittelpunkt stand die Vorgehensweise hinsichtlich der Identifizierung und Dokumentation der Gehirne von „Euthanasie“-Opfern, die vor und nach 1945 zu Forschungszwecken genutzt wurden. Anhand der Sektionsberichte der Prosektur der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in Eglfing-Haar konnte aufgeschlüsselt werden, dass dort von 1939 bis 1945 vermutlich 200 Patientinnen und Patienten durch Medikamente ermordet wurden. Die genaue Todesursache bei über 400 Opfern bleibe aber weiterhin ungeklärt, bei denen in den zeitgenössischen Unterlagen ein „natürlicher Tod“ verzeichnet wurde.

Die dritte Sektion fokussierte auf Ärztinnen und Ärzte im Dienst der SS und der deutschen Wehrmacht. KATHARINA TRITTEL (Göttingen) untersuchte dazu die deutschen Flugmediziner während des NS. Diese pflegten einen eigenen „Flieger-Mythos“, der durch Schlagworte wie Patriotismus, Technikbegeisterung und Opferbereitschaft gekennzeichnet war; dieser Zusammenhalt zeigte sich auch auf institutioneller Ebene. Im Mittelpunkt ihres Vortrags standen die Entlastungsstrategien der Verantwortlichen nach 1945, insbesondere während der Nürnberger Prozesse. Die Luftfahrtmediziner kolportierten das Selbstbild einer unpolitischen Wissenschaft und einer „sauberen“ Wehrmacht in Abgrenzung zur „Pseudowissenschaft“ der verbrecherischen SS. Diese Strategie war durchaus erfolgreich: Die Beteiligten wurden nach 1945 weder öffentlich noch in der Forschung als Täter wahrgenommen.

Der SS-Arzt Friedrich Karl Dermietzel (1899-1981) stand im Mittelpunkt der Untersuchungen von MATHIAS SCHMIDT und JENS WESTEMEIER (beide Aachen). Dermietzel war einer der am besten ausgebildeten Militär-Ärzte der SS und baute in den 1930er-Jahren den SS-Sanitätsdienst auf. Seine Ämterhäufung sowie das generelle Kompetenzgerangel innerhalb der SS führten zu diversen Streitigkeiten bis hinein in die Führungsspitze. 1940 wurde schließlich Dermietzels Wunsch, in der (späteren) Waffen-SS an der Front zu kämpfen, erfüllt. Der SS-Sanitätsdienst stellte keine ideologisch homogene Elite dar, sondern bestand vielmehr aus „normalen Männern“ mit verschiedenen Motiven, Zielen und Strategien, die Handlungsspielräume unterschiedlich nutzten und schufen.

PETRA BETZIEN (Düsseldorf) beschäftigte sich in ihrem Vortag mit den drei Ärztinnen Erika Köhler (verh. Jantzen), Gerda Weyand (verh. Sonntag) und Herta Oberheuser. Als Lagerärztinnen in Ravensbrück waren sie Mitwisserinnen und Mittäterinnen von Unterversorgung, Gewalttaten und Morden an Patientinnen. Oberheuser war darüber hinaus an medizinischen Experimenten beteiligt, wofür sie sich im Nürnberger Ärzteprozess verantworten musste. In der Nachkriegszeit rekurrierten alle drei als Entlastungsstrategie auf das nationalsozialistische Frauenbild, um ihre Beteiligung zu relativieren. Ihre menschenfeindliche Haltung gegenüber den Häftlingen begründeten sie mit der fehlenden Arbeitsbereitschaft und „Asozialität“ der Häftlinge; diese Begründung schien ihnen als von der Nachkriegsgesellschaft akzeptierbar.

Den Lebensläufen der beiden Ärzte Eduard Krebsbach (1894-1947) und Ladislaus Conrad (1913-1944) widmete sich GREGOR HOLZINGER (Mauthausen) unter Berücksichtigung der Theorie der „ordinary men“. Krebsbach, der eine typische NS-Karriere durchlief, war seit 1941 Standortarzt im KZ Mauthausen. Er war bei Exekutionen anwesend, um den Tod von Häftlingen festzustellen und tötete selbst zahlreiche Häftlinge. Seine Handlungsweisen unterschieden sich gravierend von denjenigen Krebsbachs. Dieser wurde 1941 nach Mauthausen versetzt, weil er sich geweigert hatte, Häftlinge zu töten; auch im Hauptlager blieb er seiner Überzeugung treu. Die beiden Biografien veranschaulichen die unterschiedliche Nutzung von Handlungsspielräume durch SS-Angehörige bzw. KZ-Ärzte, so der Referent.

PAUL WEINDLING (Oxford) verknüpfte in seinem Vortrag die Täter und Opfer der NS-Humanexperimente. Anhand einer umfangreichen Datenbank mit Informationen zu Opfern, Tätern, Versuchen und Orten könne eine Intensivierung der Experimente in den KZs von 1941 bis 1943 festgestellt werden. Bisher sind fast 13.000 Personen in der Datenbank dokumentiert, die aufgrund von Experimenten in den Konzentrationslagern verstarben. Dadurch wurde deutlich, dass ein kombinativer Ansatz von Täter- und Opferforschung sehr fruchtbar sein kann und, so Weindling, beiden Forschungsrichtungen gerecht werde.

In der vierten Sektion setzten sich die Vortragenden mit den Nachkriegskarrieren ausgewählter Protagonisten im Speziellen und mit der Vergangenheitspolitik sowie Erinnerungskultur im Allgemeinen auseinander. NICHOLAS WILLIAMS (Mainz) entwirrte in seinem Vortrag das Verhältnis zwischen dem Theologen Hans Stempel (1894-1970) und dem Mediziner Otto Bickenback (1901-1971). Letzterer war Professor an der „Reichsuniversität Straßburg“ und führte im KZ Natzweiler-Strufhof tödliche Experimente durch. Aufgrund fehlender staatlicher Strukturen übernahmen die christlichen Kirchen die Betreuung von NS-Tätern im Sinne des christlichen Gebots der Barmherzigkeit. Stempel nahm sich Bickenbachs an und bemühte sich um dessen Freilassung; dieser wurde bereits 1955 aus der Haft entlassen. Die in dieser Konstellation sichtbar werdende Umdeutung des christlichen Hilfsangebots, mündete in einer Täter-Opfer-Umkehr und stelle eine typische Praxis der Nachkriegsgesellschaft dar.

SOPHIE FRIEDL (München) bezog sich in ihrem Vortrag auf das Amt des Anstaltsfachberaters in Bayern, der bei Personalbesetzungsfragen in öffentlichen Anstalten eingesetzt wurde. In der frühen Nachkriegszeit unterlag dieses Amt starken personellen Schwankungen, die als Spiegel für den Umgang mit der NS-Vergangenheit dienen können. Verschiedene Personen besetzten das Amt, deren Haltungen hinsichtlich der Vergangenheitsaufarbeitung unterschiedlich ausgeprägt waren. Laut Friedl sei es aber zu kurz gedacht, Erfolg oder Misserfolg der Karriere lediglich durch die Haltung des Einzelnen gegenüber der Vergangenheit zu erklären, vielmehr sei mit Bezug auf den „Idiosynkrasiekredit“ die Haltung der Institution bzw. der Gesellschaft maßgebend.

MARKUS WAHL (Stuttgart) behandelte in seinem Vortrag die Verteidigungsstrategien belasteter Ärzte in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR in den 1950er- und 1960er-Jahren. Mittels biografischer Analysen veranschaulichte er die unterschiedlichen Verhandlungs- und Überlebensstrategien dieser Personengruppe. Unterschiede in den Adaptionsstrategien konnten hinsichtlich Altersgruppe, Sozialisierung und Grad der Involvierung in den Nationalsozialismus festgestellt werden. Das Fortbestehen des sozialen Zusammenhalts der Profession blieb von den heterogenen Einzelstrategien aber unberührt. Das Gesundheitswesen der DDR wurde nach 1945 durch die Kontinuitäten dieser Personengruppe geprägt und reichte weit in die Nachkriegsgesellschaft hinein, ähnlich wie dies auch für die BRD zu konstatieren sei.

Unter dem Titel „Die Historisierung des Bösen“ widmete sich HENNING TÜMMERS (Tübingen) in seinem Vortrag Medizintätern in der Deutung der Geschichtswissenschaft. Dazu unterzog er Robert Jay Liftons „Ärzte im Dritten Reich“ (1988) einer kritischen Re-Analyse, um beispielhaft die Selbstinszenierung und -deutung von Tätern aufzuzeigen. Drei Hauptfaktoren und gleichzeitig Defizite prägten die frühe Täterforschung der 1980er-Jahre: Gegenwartsbezüge, zeitgenössische Forschungstrends sowie Lehrer-Schüler-Verhältnisse. Das Täterbild, das Lifton in seiner Pilotstudie zeichnete, sei das einer professionellen Elite und professioneller Mörder; darauffolgende Forschungen schufen zumeist eine Rückbindung. Zukünftige Täterforschung solle deshalb Interdisziplinarität und unterschiedliche Methoden stärker nutzbar machen, um multikausale Erklärungen besser beleuchten zu können.

Im Abschlussvortrag rückte HEINER FANGERAU (Düsseldorf) medizinische Fachgesellschaften und ihren Umgang mit der NS-Vergangenheit in den Mittelpunkt. Grundsätzlich setzte erst in den 1980er-Jahren eine veränderte Betrachtung der Frage „Who was a Nazi?“ ein. Mittlerweile haben viele Fachgesellschaften ihre Organisation und NS-belasteten Mitglieder untersucht, bis dahin aber einen langen Weg zurückgelegt: Beginnend mit der juristischen Verfolgung und „Entnazifizierung“ von NS-Tätern (1945-1949) über die Amnestierung und Integration dieser in den 1950er-Jahren, hin zur Kritik an der „Schlussstrich-Mentalität“ (1960er-/1970er-Jahre) und schließlich zu einem Perspektivenwechsel ab den 1980er Jahren; dieser zeichnete sich insbesondere durch eine Hinwendung zu den Individuen (Opfern und Tätern) aus.

Die Vielfalt der Tagungsbeiträge zeigte im gleichen Maße die vielfältige Herangehensweise in der Aufarbeitung der NS-Medizintäter. Zudem spiegelten sie auch Herausforderungen der Täterforschung wider, die sich oftmals in den Diskussionen der Tagungsteilnehmer wiederfanden: Was macht einen Täter zu einem Täter? Kann Täterschaft „skaliert“ werden? Mit welchen Begrifflichkeiten sollte die Forschung arbeiten?

Konferenzübersicht:

Karl-Heinz Leven (Erlangen): Eröffnung und Grußwort

Friedrich Paulsen (Erlangen) / Markus F. Neurath (Erlangen): Begrüßung

1. Sektion: Methodisch-ideengeschichtlicher Zugang/Vorgeschichte
Moderation: Renate Wittern-Sterzel (Erlangen) / Nadine Metzger (Erlangen)

Philipp Rauh (Erlangen): Sadisten, Schreibtischtäter oder ganz normale Deutsche? Medizintäter im Spiegel der NS-Täterforschung

Florian Bruns (Halle): Den „Volkskörper“ im Blick. Medizin, Ideologie und Ethik im Nationalsozialismus

Hans-Ludwig Siemen (Erlangen): Zur Sozialpsychologie der Täter und Täterinnen

Julia Nebe (Aachen): Ist schuld weiblich? NS-Täterforschung am Beispiel des vergessenen Fräulein Professors Dr. med. dent. Elsbeth von Schnizer

Georg Hofer (Münster) / Ralf Forsbach (Münster / Köln): Die „therapeutischen Täter“ Fritz Kaufmann und Friedrich Panse. Zur Frage der Kontinuität im Umgang mit Kriegstraumata

2. Sektion: Zwangssterilisation und NS-„Euthanasie“
Moderation: Astrid Ley (Oranienburg) / Fritz Dross (Erlangen)

Sandra Rohloff (Magdeburg): „Marktplatz Zwangssterilisation“ – Der niedergelassene Chirurg Dr. Robert von Büngner und seine Kooperation mit der Landesheilanstalt Uchtspringe, 1934-1936

Julia Vahldieck (Magdeburg): Zwangssterilisationen am ehemaligen Kreiskrankenhaus Burg 1943-1944: der Chirurg und Gynäkologe Prof. Lotsch (1879-1958) – ein Operateur als Exekutive des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN)“

Marion Hulverscheidt (Kassel): Richard Wilmanns (1880-1958), der Chirurg von Bethel – medizinhistorische Erkenntnisse und deren veränderte Wahrnehmung über die Zeit

Bernd Reichelt (Ravensburg): Zwischen Überzeugung und Anpassung? Motivationen und Handlungsspielräume des ärztlichen Personals einer psychiatrischen Anstalt zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Heilanstalt Zwiefalten 1936–1939

Maike Rotzoll (Heidelberg) / Christoph Beyer (Heidelberg/Lübeck): Der „Kindereuthanasie“-Protagonist und seine Assistentin – Die gemeinsame Karriere von Werner Catel und Hannah Uflacker, 1938-1964

Susanne Ude-Koeller (Erlangen): „Furchtlos und ohne Kompromiss“? – Gottfried Ewald und der „Komplott“ der Göttinger Anstaltsärzte

Annemarie Kinzelbach / Stephanie Neuner / Jasmin Kindel / Gerrit Hohendorf (München): Neuropathologische Forschung an „Euthanasie“-Opfern – Die Prosektur der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie und ihre Ärzte und Ärztinnen

3. Sektion: KZ-Ärzte/(Waffen-)SS-Ärzte/Wehrmachtsärzte
Moderation: Karl-Heinz Leven (Erlangen) / Saskia Wilhelmy (Aachen)

Katharina Trittel (Göttingen): Zwischen Erkenntnisstreben und Entgrenzung. Das Selbstverständnis der Wehrmachtsflugmediziner als Grundlage ihrer Elitenkontinuität

Mathias Schmidt / Jens Westemeier (Aachen): Friedrich Karl Dermietzel: Entwickler und Organisator des SS-Sanitätsdienstes

Sascha Lang (Aachen): Proband und Prototyp. Horst Schumann und die Eskalationsstufen der NS-Rassen- und Vernichtungspolitik [Vortrag ist leider entfallen]

Petra Betzien (Düsseldorf): Selbstverständnis, Dienst an den Patientinnen und (Nachkriegs-)Reflexion der drei Ärztinnen des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück

Gregor Holzinger (Mauthausen): Eduard Krebsbach und Ladislaus Conrad. Zwei unterschiedliche Ärztekarrieren im KZ Mauthausen

Paul Weindling (Oxford): Die Täter der NS-Humanexperimente

4. Sektion: Nachkriegskarrieren, NS-Vergangenheitspolitik und ärztliche Erinnerungskultur
Moderation: Stefanie Westermann (Halle) / Philipp Rauh (Erlangen)

Nicholas Williams (Mainz): Vergebung mit oder ohne Reue. Die „Betreuung“ des KZ-Arztes Otto Bickenbach durch den Kirchenpräsidenten Hans Stempel

Sophie Friedl (München): Die Personalie des Anstaltsfachberaters in den Nachkriegsjahren – Spiegel des Umgangs mit der NS-Vergangenheit in Bayern

Markus Wahl (Stuttgart): Die verhandelte Vergangenheit. Strategien NS-belasteter Ärzte in der SBZ/DDR

Henning Tümmers (Tübingen): Die Historisierung des Bösen. Medizintäter in den Deutungen der Geschichtswissenschaft

Heiner Fangerau (Düsseldorf): Was ist ein „Nazi“? Vom Umgang medizinischer Fachgesellschaften mit „Medizintätern“

Philipp Rauh (Erlangen): Schlusswort

Zitation
Tagungsbericht: Medizintäter. Ärzte und Ärztinnen im Spiegel der NS-Täterforschung, 01.04.2019 – 02.04.2019 Erlangen, in: H-Soz-Kult, 18.09.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8450>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.09.2019