Inventories as Texts and Artefacts – Methodological Approaches and Challenges

Ort
Salzburg
Veranstalter
Christina Antenhofer, Fachbereich Geschichte der Kultur- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät, Paris-Lodron-Universität Salzburg
Datum
05.09.2019 - 06.09.2019
Von
Barbara Denicolò / Ruth Isser, Universität Salzburg

Anfang September widmete sich der internationale Workshop “Inventories as Texts and Artefacts – Methodological Approaches and Challenges” an der Universität Salzburg ganz der gerade wieder bzw. neu entdeckten Quellengattung der Inventare. Wurden Inventare bisher meist nur aufgrund der darin beschriebenen Objekte untersucht, geraten sie nun in ihrer Ganzheit in den Fokus und werden vermehrt als Texte gelesen und als Artefakte mit individuellen Eigenschaften angesehen.

Ausgehend vom Spätmittelalter – mit dem 14. Jahrhundert steigt die Überlieferung von Inventaren aus nicht gänzlich geklärten Gründen merkbar an – bis hin zur Gegenwart wurden verschiedene Forschungsperspektiven und -ansätze zu Inventaren vorgestellt und diskutiert. Gemeinsamer Tenor all dieser gender-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen, realien- und quellenkundlichen, kunsthistorischen oder literaturwissenschaftlichen Vorträge war die Erkenntnis, dass Inventare keineswegs naiv als vollständige oder objektive Quellen zu lesen sind, sondern vielmehr Narrative und damit spezielle Perspektiven auf die Vergangenheit entwerfen. Die Beiträge zeigten dabei die Suche nach neuen Möglichkeiten auf, Inventare für die Forschung möglichst vielseitig nutzbar zu machen.

Ziel dieses Workshops war ein besseres Verständnis der Quellengattung sowie ihrer Besonderheiten und Herausforderungen, die – wie sich spätestens in den Diskussionen zeigte – in den meisten Fällen unabhängig von Epoche, Sprache und Kulturkreis sind. Aufmerksamkeit erhielten dabei auch die unterschiedlichen methodischen, theoretischen bzw. technischen Herangehensweisen an diesen von der Forschung bislang vernachlässigten Quellentyp.

Im Eröffnungsvortrag des ersten Tages in der Sektion „Medieval Inventories (I)“ analysierte KATHERINE WILSON (Chester) Inventare der burgundischen Dynastie aus dem frühen 15. Jahrhundert. Sie betrachtete diese als Dokumente, die den herzoglichen Haushalt als „Theater“ und „Performance“ beleuchteten und damit bei der Konstruktion und der Erhaltung entstehender burgundischer Gebiete eine Rolle spielten. Im Zentrum standen ein Inventar, das 1404 nach dem Tod des burgundischen Herzogs Philipps des Kühnen erstellt wurde, und das Inventar Margarets von Flandern, der Frau Philipps, von 1405. Anhand dieser beiden Dokumente gelang es Wilson mit Hilfe neuer methodischer Herangehensweisen (Erving Goffman) und im Vergleich zu anderen burgundisch-herzoglichen Inventaren, den performativen Aspekt, den Prozess der Inventur, zu beleuchten. Dabei berücksichtigte sie die teilnehmenden Akteure und Akteurinnen sowie die Rezipierenden, um schließlich die Funktionsweise der dynastischen Macht durch die Verwendung und den Austausch von Objekten darzulegen. Vor diesem Hintergrund werden auch Objekte zu Akteuren und entwerfen machtvolle Narrative, so die Vortragende.

CAROLA FEY (Erlangen-Nürnberg) untersuchte Inventare heiliger Schätze verwitweter Fürstinnen aus dem Hause Wittelsbach als Quellen zur Frömmigkeit und dem Wirkungsbereich der Fürstinnen am Beispiel zweier Inventare aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Den Anfang machte die Stiftungsurkunde des Pfalzgrafen Ludwig III. zur Übergabe des Reliquienschatzes seiner Mutter Königin Elisabeth aus dem Jahr 1411 gefolgt vom Nachlassinventar (1520) der bayerischen Herzogin Kunigunde. Diese Listen enthielten nicht nur zur Identifizierung der Objekte notwendige Informationen über Herkunft, Verwendung und Wert, sondern dienten auch dazu, die Verstorbenen zu charakterisieren bzw. die privilegierte Beziehung zu den Erblasserinnen darzustellen.

Die Hauptquelle für den Vortrag von BART LAMBERT (Brüssel) bildeten umfangreiche Listen von Waren, die 1404 von Herzog Philipp dem Kühnen von mehreren verunglückten englischen Schiffen beschlagnahmt wurden, um sie anschließend auf Auktionen zu versteigern. Dabei konzentrierte sich Lambert besonders auf die Typologie der Listen, auf methodische Probleme und die Verwendung der Inventare als Quellen für die Geschichte des Konsums und der Einzelhandelskreisläufe, aber auch auf die Sozialgeschichte der in die Inventur involvierten Personen. Die Inventare von beschlagnahmten Schiffsgütern liefern sehr detaillierte Beschreibungen der Objekte und geben Auskunft über Handelsbeziehungen und Warenströme, da Namen von Käufer/innen und Händler/innen genannt werden. In der Diskussion wurde vor allem betont, dass Güter während ihrer Inventarisierung oftmals aus ihrem eigentlichen Kontext entfernt, neu geordnet und gruppiert und so mit neuen Funktionen bedacht wurden.

SARAH HINDS (York) stellte im zweiten Panel zu mittelalterlichen Inventaren spätmittelalterliche englische Nachlassbestände als Quellentyp vor. Dabei betonte sie die Notwendigkeit qualitativer Methoden für die Analyse, da die für frühneuzeitliche Inventare passenden quantitativen Herangehensweisen für die meist singulären und heterogenen mittelalterlichen ungeeignet seien. Hinds plädierte dafür, Inventare als Narrative anzusehen, wofür sie Gérard Genettes methodisches Essay Narrative Discourse heranzog. Die narratologische Herangehensweise erlaube es, den Prozess der Inventur durch zeitgenössische Gutachter und die Reorganisation dieser Informationen durch die Sachbearbeiter, die diese Texte erstellt haben, aufzudecken und darüber die textuelle Konstruktion des Wohnraums und der Objekte in diesen Inventaren zu rekonstruieren.

Im Anschluss präsentierte ELISABETH GRUBER (Krems/Salzburg) Beziehungen zwischen Objekten und Personen am Beispiel von Wiener Rechnungsbüchern des 15. Jahrhunderts. Darin finden sich Pfandlisten, Inventare der von der Stadt verwalteten Kapellen oder andere Sammlungen von Objekten, deren Dokumentation für die zuständigen Akteur/innen – Eigentümer/innen, Steuereintreiber oder Stifter/innen von Kapellen – wichtig war. Gruber fokussierte sich dabei auf die Frage, wie diese spezifische Art von Eigentum qualitativ behandelt und bewertet werde und wie die Informationen über Objekte und ihre Eigentümer/innen oder Verwalter/innen im Kontext des Selbstverständnisses einer mittelalterlichen Stadt und ihrer Akteurinnen und Akteure interpretiert werden können.

Die dritte Sektion „Early Roots in Literature and Historiography“ blickte auf die frühen Anfänge der Inventarisierung in Literatur und Historiographie und wurde mit dem Vortrag von THOMAS PICKLES (Chester) eröffnet. Pickels referierte über die verschwommene Grenze zwischen Geschichte und Inventar anhand der Fallstudie eines Pamphlets, das in der Whitby Abbey in North Yorkshire um 1176 entstanden ist und ein neues Gründungsnarrativ, einen Bericht des Landbesitzes, Dokumente zur Abtwahl und zu einem Abschied eines Abts sowie ein Inventar der Bibliothek enthält. Anhand der darin auftauchenden Narrative untersuchte Pickles Aspekte zu Genre und Zweck des Dokuments im historischen Kontext der normannischen Eroberung und der Neugründung der Abtei. Dabei fragte er vor allem nach Gründen, warum Geschichte und Inventar anlässlich der Wahl eines neuen Abtes kombiniert wurden sowie nach möglichen Zwecken, die diese Kombination in diesem Moment des institutionellen Übergangs erbrachte.

Der Beitrag von MANFRED KERN (Salzburg) beschäftigte sich mit den literarischen Facetten des Phänomens und zeigte, dass nicht nur Inventare Geschichten erzählen, sondern auch Geschichten von diesen erzählen und selbst auf „Inventaren des Geschichtenerzählens“ basieren. Insbesondere die traditionellen rhetorischen Mittel Katalog und Beschreibung seien für die Betrachtung literarischer Inventare entscheidend. Der Beitrag konzentrierte sich dabei vor allem auf das Nibelungenlied und den Tristan, anhand derer der Zusammenhang zwischen den darin auftauchenden „Inventaren“ und deren Funktion für Ästhetik, Ideologie und Geschlecht diskutiert wurde.

Im letzten Beitrag des ersten Tages stellten CHRISTINA ANTENHOFER (Salzburg) und INGRID MATSCHINEGG (Salzburg/Krems) ein interdisziplinäres Projekt (Universitäten Salzburg und Innsbruck) zur Bestandsaufnahme von Burgen in der historischen Region Tirol vom 14. bis zum 16. Jahrhundert vor. Inventare würden dabei vor allem hinsichtlich der Beziehungen zwischen Objekten, Räumen und Menschen betrachtet. Darüber könnten so Funktionen von Innenräumen und deren Einrichtung rekonstruiert werden, um Rückschlüsse auf die in den Gebäuden lebenden Menschen zu ziehen. Ziel sei es, anhand von Inventaren den noch dominierenden „männlichen Blick“ auf Burgen herauszufordern und Burgen als soziale Räume sichtbar zu machen. Methodisch sollen dabei vor allem neue, digitale Herangehensweisen miteinbezogen werden wie etwa die automatische Transkriptionssoftware Transkribus. Die methodischen Ansätze wurden am Beispiel des Inventars von Schloss Bruck im heutigen Osttirol (Lienz) von 1501 visualisiert.

OLIVER KÜHSCHELM (Wien) fasste die Ergebnisse des ersten Tages unter der Frage zusammen, was denn Inventare eigentlich seien und was nicht. Inventare zeigten sich in einer erstaunlichen Bandbreite: sie seien Requisiten eines höfischen Theaters, Buchhaltungsartefakte, Schnappschüsse des Besitzes Verstorbener, Wertsachen und Werte, geschriebene Dokumente, Frachtlisten, Rechtsdokumente, Spuren von Handlungen und Gebrauch, flexible soziale Techniken, um Macht aller Art aufzubauen (politisch, militärisch, ökonomisch, ideologisch), rhetorische Strategien und zusätzlich – denkt man an Fotographien oder Bilder – visuelle Repräsentationen von Objekten.

Den zweiten Tag sowie die Sektion zu frühneuzeitlichen Inventaren eröffnete EMANUELE CURZEL (Trient) mit einer Studie zu frühneuzeitlichen Kircheninventaren aus Südtirol und dem Trentino. Trotz einer Verpflichtung, regelmäßig Inventare aller beweglichen Wertgegenstände in Kirchen und Kapellen zu erstellen, deren Einhaltung auch bei Synoden regelmäßig gefordert und bei Visitationen überprüft wurde, seien verhältnismäßig wenige Exemplare in den Archiven erhalten: Eigentlich zu erwartende Serien von Inventaren existierten nicht, da ein neues Verzeichnis das vorhergehende seiner Relevanz beraube und Inventare nur unter entsprechendem Druck von außen erstellt würden („Inventare als Barometer“). Die zahlreichen in den Inventaren verzeichneten Preziosen – Gewänder, Kreuze, Ostensorien, Reliquien etc. – dienten der feierlichen Liturgie und mussten daher möglichst wertvoll sein. Sie gehörten zur Kirche, wurden den jeweiligen Priestern lediglich zur Nutzung anvertraut und die Erstellung möglichst genauer Bestandslisten sollte daher Missbrauch verhindern. Im Fokus stand vor allem das in drei Versionen bzw. Sprachen überlieferte Inventar der Kirche von Madonna di Campiglio.

CARLA ALFARES PINTO (Lissabon) widmete ihre Ausführungen dem 1522 erstellten Brautschatzinventar der Beatrix von Portugal anlässlich ihrer Hochzeit mit Herzog Karl III. von Savoyen. Während die portugiesische Version durch einen Druck von 1742 überliefert ist, lässt sich die savoyische über unzusammenhängende Teile und Abschriften erschließen. Ausgehend von diesem Befund befasste sie sich einerseits mit der Überlieferungssituation und damit zusammenhängenden Fragen an die Quelle und andererseits mit den beiden Schatzmeistern, die das Inventar erstellten. Durch die Auswahl der Objekte, der Art der Beschreibung sowie der gewählten Begrifflichkeiten gestalteten diese das Brautschatzinventar wesentlich mit. Alfares Pinto schloss ihren Vortrag mit allgemeineren Überlegungen zur Bedeutung des Brautschatzes in den Beziehungen zwischen einzelnen Dynastien und bei der Selbstinszenierung der Braut und ihrer Positionierung am neuen Hof.

MONA GARLOFF (Stuttgart) stellte daraufhin Kataloge von Buchhändlern des 17. und 18. Jahrhunderts vor und betonte einerseits ihre Bedeutung für die Rekonstruktion von Buchhandelspraktiken und andererseits ihre große Ähnlichkeit zu Inventaren. Neben klassischen Verkaufskatalogen der Buchhändler untersuchte Garloff dazugehörige Werbeanzeigen in anderen Publikationen sowie Kataloge des Handels mit gebrauchten Büchern. Die Untersuchung dieser Listen lasse Rückschlüsse auf Buchhandelspraktiken der bedeutendsten deutschen Buchhändler um 1700 zu, welche sich zunehmend auf den Fernhandel spezialisierten und dazu weitreichende Geschäftsbeziehungen quer durch Europa knüpften. Die Kataloge geben weiters Hinweise auf Markt- und Kundenorientierung sowie die Herausforderungen des Fernhandels. In einem zweiten Teil beschäftigte sie sich mit den persönlichen Bücherkatalogen des Zacharias Konrad von Uffenbach (Frankfurt am Main) bzw. Adam Rudolph Solger (Nürnberg), die damit den Verkauf ihrer eigenen Bücher fördern wollten.

Im letzten Vortrag des Panels beschäftigte sich EDOARDO ROSSETTI (Mailand) schließlich mit der Frage, wie aristokratische Familien das historische Gedächtnis ihrer Familie bzw. ihrer Region bewusst pflegten oder inszenierten und welche Rolle Inventare dabei spielten. Am Beispiel der Inventare der Mailänder Oberschicht aus dem 16. und 17. Jahrhundert zeigte er bewusste oder unbewusste Erinnerungsanlässe an die Visconti-Sforza des 14. und 15. Jahrhunderts auf. Zentraler Angelpunkt seiner Ausführungen waren die großen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in der Stadt ab 1535, die offensichtlich zu einer Distanzierung Mailands von seiner eigenen Vergangenheit führten. Untersuchungen zu den Sforza von Caravaggio und anderen Zweigen der Visconti zeigten dem gegenüber deren Bewahrung spezieller Objekte, die die große Vergangenheit dieser Familien evozierten, wobei sich dieser Rückbezug auf die eigenen Vorfahren besonders im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts verdichtete, im Zusammenhang mit der Krise der spanischen Habsburger, die damals in Mailand an der Macht waren.

In der nächsten Sektion wurde der Blick auf Inventare der Moderne gerichtet. REINHOLD REITH (Salzburg) stellte in seinem Vortrag Nachlassinventare aus dem Salzburg des 18. und frühen 19. Jahrhunderts unter dem Blickwinkel der „World of Goods“ vor, verbunden mit der Frage, wie diese Art von Inventaren zur Konsumforschung beitragen könne. Anhand von vier Verlassenschaftsinventaren bedeutender Salzburger Spezereihändler zeigte er deren Informationsgehalt zu Handelspraktiken, der wirtschaftlichen Gesamtsituation sowie Geschäfts- und Kreditbeziehungen auf. Da sehr oft Angaben zu aktuellen Preisen und Warenwerten gegeben würden, seien auch Rückschlüsse auf die allgemeine sowie persönliche Finanzsituation möglich.

Anschließend präsentierte ANDREAS OBERHOFER (Bruneck) Inventare als Quellen für die Rekonstruktion von Museumssammlungen am Beispiel des Notizbuches des Goldschmieds und autodidaktischen Gelehrten Johann Nepomuk Tinkhauser (1787–1844) aus Bruneck. Zeit seines Lebens war Tinkhauser ein vielseitiger Sammler von Gemälden, Drucken, Skulpturen, Münzen und Antiquitäten, die er in diesem persönlichen Buch in Inventarform neben anderen Informationen zu Beruf, Geschäft und Familie aufzeichnete. Nach seinem Tod ging die Sammlung in öffentliche Hände über und wurde so zum Grundstein des Stadtmuseums. Anhand verschiedener im Laufe der Zeit entstandener, aufgrund der sich ändernden Anforderungen sehr unterschiedlicher Inventare zeichnete Oberhofer das Werden einer geschlossenen, als Einheit betrachteten Sammlung und ihren Weg zu einem Museum nach. In der Diskussion wurde vor allem der Quellenwert des Inventars als Egodokument unterstrichen, wie besonders am Beispiel des Notizbuches in Inventarform deutlich wurde.

Ausgehend von seinem aktuellen Forschungsprojekt zum privaten Buchbesitz und Leseverhalten in den Alpen zwischen 1750-1800 setzte sich MICHAEL SPAN (Innsbruck) im Folgenden mit der Frage nach der Vollständigkeit oder vielmehr Unvollständigkeit neuzeitlicher Inventare auseinander. Er widerlegte die noch häufig in der Literatur anzutreffende Annahme, Verlassenschaftsinventare seien erschöpfende Erfassungen der jeweiligen materiellen Ist-Zustände, mit anschaulichen Beispielen aus seinem Untersuchungsmaterial und der Anführung möglicher Gründe für Fehl- und Leerstellen. Span widmete sich zudem der Frage nach der Reaktion der Obrigkeiten, aber auch der Erben, Kreditoren und Schuldner, die eigentlich Wert auf Vollständigkeit der Testamente legten, auf diese oft sehr deutlichen Fehlstellen.

Der letzte Vortrag von ULRICH LEITNER (Innsbruck) führte schließlich ins 20. Jahrhundert und in die Geschichte der Tiroler Jugendfürsorge bzw. des Heimerziehungswesens. Auch in diesem Bereich wurden verschiedene Arten von Inventaren und Registern angelegt, um die Personen selbst, aber auch Aspekte ihres Lebens innerhalb der Anstalten zu erfassen und zu klassifizieren. Diese Listen offenbarten die soziale Macht dieser Institutionen über die Individuen und deren Leben. Exemplarisch stellte er die Akte eines 11-jährigen Heiminsassen vor, die inventarartige Beschreibungen seines Körpers, seiner Persönlichkeit und seiner Besitztümer enthalte und arbeitete die darin enthaltenen Machtdiskurse heraus. In der Diskussion im Anschluss zeigte sich, dass auch hier, trotz der großen zeitlichen Distanz, zahlreiche Gemeinsamkeiten zu Inventaren bzw. Inventarisierungsprozessen früherer Zeiten bestehen.

Im letzten Panel des Workshops präsentierten drei Dissertantinnen der Universität Salzburg ihre Projekte. BARBARA DENICOLÒ untersucht im Rahmen ihrer Arbeit mittelalterliche und frühneuzeitliche Kochbücher als kulturgeschichtliche Quellen und betonte zu Beginn ihrer Präsentation die strukturelle Ähnlichkeit von Inventaren und Kochrezepten. Kochbücher und Rezepte seien Inventare realer und imaginierter Lebensräume, da sie einerseits über die erwähnten Gerätschaften und Utensilien die unmittelbare Umgebung der Küche als Arbeitsraum charakterisierten, andererseits über die Herkunft der verwendeten Zutaten und Benennungen der Gerichte Auskunft über reale und imaginierte geographische Räume und Raumvorstellungen geben könnten.

NORA GRUNDTNER befasste sich in ihrer Präsentation mit Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Inventaren und Auflistungen in literarischen und nicht literarischen Kontexten. Dabei konzentriert sie sich in ihrem germanistischen Dissertationsvorhaben auf Beschreibungen von Kleidungsstücken aus Tierhaut. Im Vergleich eines „echten Inventars“ einer Burg und einer inventarartigen Auflistung aus Wolfram von Eschenbachs Parzival zeigte sie exemplarisch, dass Ähnlichkeiten zwischen den Texten überwögen und daher meist keine eindeutige Trennlinie zwischen fiktiven und faktischen Texten gezogen werden könne.

RUTH ISSER stellte ihr Projekt zu Buchbesitz und Bildung adeliger Frauen vom 13.-15. Jh. am Beispiel des „Ehrenbriefs“ des Jakob Püterich von Reichertshausen vor. Der deutsche Dichter, Büchersammler und herzoglich-bayerische Rat richtete diesen Brief als Huldigung an die literarisch interessierte Mechthild von der Pfalz und berichtete darin ausführlich über seine eigene sowie über Mechthilds Bibliothek. Abgesehen von der grundsätzlichen Frage nach Fakt und Fiktion zeige ein erster Vergleich der Aufzählungen eine mögliche Vorliebe Mechthilds für „modernere“ Literatur in den verschiedenen Vernakularsprachen, wobei die Frage, ob und wie sehr die Figur der Mechthild hier eine literarische Konstruktion ist, noch weiter zu untersuchen sei.

OLIVER KÜHSCHELM (Wien) betonte in seinem Abschlusskommentar die beeindruckende Bandbreite der Beiträge, und hob gleichzeitig hervor, dass die Tagung eindrücklich das Potential der Quelle erwiesen habe ebenso wie den Forschungsbedarf, der in diesem Bereich noch bestehe. Besonders deutlich habe sich das Thema der Macht gezeigt, das sich quer durch alle Vorträge zog. Inventare seien stets ein Instrument der Macht, die sowohl destruktiv bzw. restriktiv als auch konstruktiv sein könne, da Inventare Rechte und Ansprüche fixierten und legitimierten. Inventare seien daher in der Lage, Subjekte zu Objekten zu degradieren, gleichzeitig aber auch Menschen zur Emanzipation und Selbstermächtigung zu verhelfen.

Konferenzübersicht:

Christina Antenhofer, Salzburg: Welcome and Introduction

Panel I: Medieval Inventories I
Chair: Christina Antenhofer, Salzburg

Katherine Wilson, Chester: Burgundian Inventories as ‘Theatre’ and ‘Performance’ c. 1363–1477

Carola Fey, Erlangen-Nürnberg: Inventories of Sacred Treasures of Widowed Princesses from the House of Wittelsbach as Sources of their Piety and their Scope of Action (15th and 16th Century)

Bart Lambert, Brüssel: Accounts or Inventories? Auctions of Shipping Cargoes in the 15th-Century Low Countries

Panel II: Medieval Inventories II
Chair: Barbara Denicolò, Salzburg

Sarah Hinds, York: English Medieval Probate Inventories: the Potential of Qualitative Approaches

Elisabeth Gruber, Krems/Salzburg: Recorded Valuables – Profane and Sacred Objects in Late Medieval Vienna

Panel III: Early Roots in Literature and Historiography
Chair: Ruth Isser, Innsbruck/Salzburg

Thomas Pickles, Chester: History or Inventory: The Re-foundation Narrative, Record of Landholdings and Library Catalogue of Whitby Abbey, c. 1176

Manfred Kern, Salzburg (vertreten durch Michael Brauer, Salzburg): Literary Invention and Literary Inventories - the Art of „Listed“ Telling in Medieval Epic Literature

Project Presentation:
Christina Antenhofer, Salzburg/Ingrid Matschinegg (Salzburg/Krems): Tyrolean Castle Inventories (14th–16th Century)

Resümee of Day One: Oliver Kühschelm, Wien

Panel IV: Early Modern Inventories
Chair: Thomas Kühtreiber, Salzburg/Krems

Emanuele Curzel, Trient: Inventories of Movable Assets of Churches in the Alpine Area (15th/16th Century)

Carla Alferes Pinto, Lissabon: Beatrice of Portugal's Wedding and the Inventories of Her Dowry (1522). Textual Challenges, Imagination, and Agencies

Mona Garloff, Stuttgart: Catalogues and Inventories – Reflections on Sources for a History of the Book Trade in the 17th and 18th Centuries

Edoardo Rossetti, Milano: Memories of the Visconti-Sforza in the Inventories of Milanese Aristocracy (16th to the 17th Centuries)

Panel V: Inventories of Modern Times
Chair: Christina Antenhofer, Salzburg

Reinhold Reith, Salzburg: Merchant Probate Inventories and the „World of Goods“. The Example of Salzburg During the 18th and early 19th Century

Andreas Oberhofer, Bruneck: Lost Museums: Inventories as a Help for Reconstructing the Complicated History of a Civic Art Collection

Michael Span, Innsbruck: „Alles genau anzuzeigen, was zum hinterlassenen Vermögen gehörig“ Local Authorities in 18th Century Pustertal and the “Completeness” of Probate Inventories

Ulrich Leitner. Innsbruck: Lists and Registers as Artefacts of Social Power: Inventorying Processes in the History of Child and Youth Residential Care

Presentations of PhD-Projects
Chair: Tobias Pamer, Innsbruck

Barbara Denicolò, Salzburg: Cookbooks and Recipes as Inventories of real and imaginary Living Spaces

Nora Grundtner, Salzburg: „garnasch merderin – merderin kürsen“. My dissertation project and the link to inventories

Ruth Isser, Innsbruck/Salzburg: Inventories in the Letter of Honour of Jacob Püterich of Reichertshausen

Resümee of Day Two: Oliver Kühschelm, Wien

Zitation
Tagungsbericht: Inventories as Texts and Artefacts – Methodological Approaches and Challenges, 05.09.2019 – 06.09.2019 Salzburg, in: H-Soz-Kult, 08.10.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8471>.