9. Werkstattgespräche „Neues aus dem Mittelalter”

Ort
Heidelberg
Veranstalter
Benedikt Bego-Ghina / Stephan Köhler / Tanja Skambraks, Historisches Institut, Mannheim; Barbara Frenk / Sandra Schieweck / Maximilian Schuh, Historisches Seminar, Heidelberg; Benjamin Müsegades / Paul Schweitzer-Martin, Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde
Datum
05.09.2019 - 06.09.2019
Von
Lena von den Driesch / Isabel Kimpel, Historisches Seminar der Universität Heidelberg

Ziel der zweitägigen Tagung war der wissenschaftliche Austausch über aktuelle Forschungsvorhaben im Bereich der Mediävistik; zehn Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler präsentierten ihre Dissertations- bzw. Habilitationsprojekte in den Räumen des Historischen Seminars in Heidelberg.

Die erste Sektion zu England eröffnete MARKUS SCHNIGGENDILLER (Mannheim), der im Rahmen des DFG-Projektes „Kleinkredit und Marktteilhabe im Spätmittelalter“ die Kleriker der St.-Pauls-Kathedrale in London als Akteure auf dem spätmittelalterlichen Kreditmarkt analysiert. Bei den auszuwertenden Quellen legt er seinen Schwerpunkt auf die Gerichtsbeschlüsse des Court of Common Pleas und des Staple Court of Westminster, die Informationen zu Kreditgebern, Kreditnehmern, der Höhe der Kredite und der Herkunft der Schuldner bieten. Für den Untersuchungszeitraum 1300 bis 1450 konnte Schniggendiller anhand der quantitativen Analyse vorläufig einige Ergebnisse aufzeigen: Die Kleriker der Kathedrale traten auf dem Londoner Kreditmarkt besonders als Kreditgeber auf, ihre Kreditnehmer waren im niederen Adel, im gehobenen Bürgertum und im Klerus zu finden und stammten vor allem aus den Gebieten um London. Das Dissertationsprojekt möchte im weiteren Verlauf durch die qualitative Auswertung weitere offene Fragen klären, wie etwa die Motivation der Kleriker, für wiederkehrende Zwecke an bestimmte Personengruppen Kredite zu vergeben.

CHRISTINA BRÖKER (Regensburg) hielt ihren Vortrag über Beschreibungen herrscherlicher Reaktionen auf Widerstände im England des 13. Jahrhundert. In ihrem Disserationsvorhaben richtet sie einen neuen Blickwinkel auf Emotionszuschreibungen durch mittelalterliche Chronisten. Entgegen dem Ansatz, Emotionen eines Herrschers nur als politische Botschaften aufzufassen, möchte sie den textuellen Kontext solcher Beschreibungen herausstellen. Ihre zentralen Fragen lauten: Auf welche Weise tauchen Emotionen in Texten auf? Wie und warum werden Herrscher auf diese bestimmte Art und Weise emotional beschrieben? Welche Rolle können diese Emotionsbeschreibungen in Konflikten spielen? Besonders in den Blick nimmt sie die Regierungszeit der englischen Könige Johann Ohneland (1199–1216) und Heinrich III. (1216–1272) sowie den Konflikt um die Magna Charta. Daher dienen vor allem die Chronica sive Flores Historiarium von Roger de Wendover und die Chronica Maiora von Matthaeus Parisiensis als Quellengrundlage. Das Gesamtprojekt verfolgt perspektivisch das Ziel, auch andere Quellengattungen, wie etwa Briefe Johann Ohnelands, im Rahmen eines Vergleichs heranzuziehen.

In der zweiten Sektion wurden Forschungsvorhaben zu Fürsten präsentiert. CHRISTA BIRKEL (Luxemburg) widmet sich in ihrem Promotionsvorhaben dem Herzogtum Luxemburg unter „auswärtiger“ Governance. „Auswärtig“ definiert sie dabei in seiner doppelten Wortbedeutung als „an einem anderen Ort befindlich“ und „von auswärts kommend“. So führte einerseits die Verlagerung der luxemburgischen Hausmacht in Richtung Osten im 14. Jahrhundert zu einer Absenz der Herzöge von ihren Luxemburger Stammlanden. Andererseits agierten die dort stellvertretend herrschenden Pfandherren als Landesfremde gemeinsam mit den lokalen Eliten. Der Verzahnung zwischen den drei Akteursgruppen (Grafen und Herzöge, Pfandherren sowie lokale Eliten) nähert sich Birkel aus dem Blickwinkel des Multi-Level-Governance-Ansatzes. Die Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen den Herrschaftsebenen kann deren Handlungsmodalitäten und -räume sowie ihre jeweiligen Herrschaftsvorstellungen aufzeigen.

Im Rahmen eines von der DFG geförderten Promotionsprojekts beschäftigt sich LAURA POTZUWEIT (Kiel) mit Handlungsspielräumen fürstlicher Witwer im spätmittelalterlichen Reich. Potzuweit führte zunächst eine quantitative Analyse aller fürstlichen Witwer im Betrachtungszeitraum 1250–1550 durch, die sie in kurzfristige, langfristige und zwischeneheliche Witwer einteilte. Statistische Auswertungen zu den einzelnen Dynastien, dem durchschnittlichen Alter der Witwer und dem Zeitraum bis zu einer weiteren Eheschließung verdeutlichten die Heterogenität des Phänomens mittelalterlicher Witwer im Reichsfürstenstand. Am Beispiel Ottheinrichs von Pfalz-Neuburg (1502–1559) überprüfte Potzuweit erste Überlegungen zur Motivation der Fürsten, im Witwerstand zu verbleiben. Im Gegensatz zu Heinrich V. von Mecklenburg (1479–1552), der im Alter von 72 Jahren eine dritte Ehe einging, bewegte die ungeklärte Nachfolge im Fürstenstand Ottheinrich nicht zu einer erneuten Eheschließung. Hiermit wird das Spannungsfeld zwischen dynastischer Vernunft und persönlicher Motivation deutlich.

Zu Beginn der dritten Sektion zur Stadt stellte JANINA LEA GUTMANN (Mainz) ihr Projekt vor, das sich der kulturwissenschaftlichen Auswertung der Augsburger Baumeisterbücher für den Zeitraum 1400–1470 widmet. Sie beschäftigt sich nicht nur mit den in den Rechnungen verzeichneten Ausgaben, sondern analysiert insbesondere ihren strukturellen Aufbau. Die Überschriften, Rubriken, Marginalien und Summennotationen geben hierbei Aufschluss über die Sicht der städtischen Amtsleute auf die Welt. Strukturanalytisch wird untersucht, wofür die Rechnungsführenden Platz in ihren Rechnungsbüchern einplanten und wie flexibel sie auf neue Entwicklungen und Sonderausgaben reagieren konnten. Neben der Verwendung der Rechnungsbücher innerhalb der Verwaltungsstrukturen betrachtet Gutmann auch die Bedeutung der Rechnungslegung im städtischen Kontext.

Mit dem schwäbischen Raum im 14. Jahrhundert setzt sich DANIEL GNECKOW (Kassel) in seiner Dissertation zu städtischen Bündnissen in Schwaben 1376–1390 auseinander. Im Zentrum der Arbeit steht dabei die qualitative und quantitative Auswertung des umfangreichen Quellenbestandes, bestehend aus Akten und Korrespondenzen des Städtebundes. Ebenfalls soll eine Netzwerkanalyse Antworten auf Fragen nach Verflechtungen und Kooperationen der Städte mit verschiedenen umliegenden Akteuren (römisch-deutsche Könige, Landesherren, Niederadlige) liefern. Mit seinem dreischrittigen Vorgehen verfolgt Gneckow das Ziel, nicht nur die Vernetzungen des Bundes, sondern auch ihr Autonomiebestreben im Rahmen von Konflikten herauszuarbeiten. Hierbei betrachtet er die Ziele der am Bündnis beteiligten Akteure, die zwischenstädtische Kommunikation und Kooperation durch Bündnisse und die Strategien sowie Mittel des Städtebundes, Konflikte beizulegen und Frieden wiederherzustellen.

LISA MERKEL (Leipzig) referierte über das Pfarreiwesen in der Bischofsstadt Merseburg. In ihrem Dissertationsvorhaben untersucht sie die dortigen Pfarrkirchen sowie ihre wechselseitigen Beziehungen innerhalb der städtischen Sakraltopographie. Vor allem die Kirchen St. Maximi und St. Sixti sollen als Fallbeispiele herangezogen werden. Ziel der Arbeit ist es, das Verhältnis der verschiedenen Pfarrkirchen untereinander und zum Dom sowie die Verflechtungen der Kirchen mit der Stadt Merseburg und den Bürgern zu beleuchten. Als Quellen werden hierfür die Kirchenrechnungen und Stifterverzeichnisse der Pfarrkirchen aus dem 15. und 16. Jahrhundert ausgewertet. Darüber hinaus können auch aus der Analyse von Quellen städtischer Provenienz Erkenntnisse zum Verhältnis zwischen einzelnen Stiftern und Pfarreien gewonnen werden. In einem weiteren Schritt strebt Merkel einen Vergleich mit Pfarrkirchen anderer Städte und ihren Verflechtungen an, um die lokale Entwicklung in einen größeren Kontext einzuordnen.

In der abschließenden Sektion gruppierten sich die Vorträge um die Themen Krieg und Herrschaft. PHILIPP MARGREITER (Innsbruck) verknüpfte in seiner Präsentation zu justinianischen Festungen in Nordafrika archäologische und geschichtswissenschaftliche Herangehensweisen. Nach der byzantinischen Eroberung Nordafrikas wurden die Festungsbauten häufig unter Einbeziehung bestehender Gebäudeteile wie Theater, Thermen oder Stadtmauern errichtet. Zumeist an Straßen und Triftwegen gelegen, dienten sie besonders der Kontrolle der nomadisch lebenden Berber und der Überwachung der Zugänge in die Region. Obwohl zentraler Bestandteil der Kriegskultur, dürften die Festungsanlagen deshalb nicht ausschließlich als Konfliktorte gesehen werden. Sie stellten vielmehr einen Kontaktpunkt zwischen den beiden „Gravitationskräften“ – der byzantinischen Küste einerseits und dem berberischen Hinterland andererseits – dar. Über die archäologische Untersuchung einzelner Festungen hinaus plant Margreiter, auch die Rolle von Grenzorganisation und Kontakträumen zu untersuchen. Außerdem bietet die Analyse des Festungsnetzwerkes einen methodischen Zugang der Annäherung an die archäologisch sonst kaum belegten Berbergruppen.

Dem Krieg als zentralem Thema der frühmittelalterlichen Historiographie widmet sich ANNE FOERSTER (Paderborn). Sie analysiert Einhards Vita Karoli im Hinblick auf die Rechtfertigungsstrategien für Eroberungen. Der Chronist lobte Karl den Großen zwar für die Unterwerfung fremder Völker, begründete die Eroberungen jedoch zumeist. Dies könnte in Zusammenhang mit den Moralvorstellungen seines Vorbildes Sueton stehen, in dessen Augustus-Vita Eroberungen eines gerechten Grundes bedurften. Fehlt bei Einhard die Nennung eines Kriegsgrundes, kann dies also ein Hinweis darauf sein, dass seiner Ansicht nach kein legitimer Anlass gegeben war. Foerster stellt die These auf, dass sich für Einhard besonders die Rechtfertigung des Avarenkriegs problematisch gestaltete. So musste er den Anschein vermeiden, dass die Aneignung des Avarenschatzes die zentrale Motivation für den Kriegszug war. Laut Einhard seien die Franken von dem Fund überrascht worden und hätten sich seiner nur bemächtigt, weil es nach der Auslöschung der Avaren keinen rechtmäßigen Besitzer mehr gegeben habe.

Schließlich stellte DANIEL SCHUMACHER (Freiburg im Breisgau) sein Dissertationsvorhaben zu Handlungsspielräumen und Herrschaftsbildung fränkischer Spitzenmagnaten vor. Am Beispiel Arnulfs von Bayern verdeutlichte er seine Auseinandersetzungen mit der Forschungsgeschichte. Dabei stellte er die häufig anzutreffenden Charakterisierungen „Herzog“, „Rebell“ und „Thronprätendent“ als geeignete Beschreibungskategorien infrage. Diese methodischen Narrative, häufig wohl als Verlegenheitslösung gewählt, schafften Leerstellen in der Quellenauswertung. Schumacher bedient sich eines Fragerasters, um neue Erkenntnisse zur Organisation von Herrschaft sowie zu Formen der Konfliktführung und Legitimationsstrategien zu gewinnen.

Die 9. Werkstattgespräche deckten erneut ein breites Spektrum der mittelalterlichen Geschichtswissenschaft ab. Neben den Potentialen bewährter Forschungsansätze wurde auch der Mehrwert interdisziplinärer Methoden diskutiert. Entsprechend der bewährten Tradition bot sich für die Vortragenden die Möglichkeit, ihre Projekte mit dem Fachpublikum zu diskutieren und dabei Anregungen zu erhalten.

Konferenzübersicht:

Benjamin Müsegades (Heidelberg): Begrüßung und Einführung

Sektion I: England
Moderation: Benjamin Müsegades (Heidelberg)

Markus Schniggendiller (Mannheim): Die Kleriker der St.-Pauls-Kathedrale als Akteure auf dem spätmittelalterlichen Kreditmarkt

Christina Bröker (Regensburg): Emotionale Herrscher in Chroniken – Beschreibungen herrscherlicher Reaktionen auf Widerstände im England des 13. Jahrhundert

Sektion II: Fürsten
Moderation: Stephan Köhler (Mannheim)

Christa Birkel (Luxemburg): Das Herzogtum Luxemburg unter „auswärtiger“ Governance (1346–1437)

Laura Potzuweit (Kiel): Zwischen dynastischer Räson und persönlicher Motivation: Fürstliche Witwer und ihre Handlungsspielräume im spätmittelalterlichen Reich (1250–1550). Ein Werkstattbericht

Sektion III: Stadt
Moderation: Tanja Skambraks (Mannheim)

Janina Lea Gutmann (Mainz): Mit Buchstaben und Zahlen die Welt ordnen. Eine kulturwissenschaftliche Auswertung der Augsburger Baumeisterbücher des 15. Jahrhunderts

Daniel Gneckow (Kassel): Friedenswahrung und Konfliktaustragung im Südwesten des Reichs. Städtische Bündnisse in Schwaben 1376–1390

Lisa Merkel (Leipzig): Die Pfarrei in der Bischofsstadt

Sektion IV: Krieg und Herrschaft
Moderation: Paul Schweitzer-Martin (Heidelberg)

Philipp Margreiter (Innsbruck): Justinianische Festungen in Nordafrika. Kriegskultur zwischen Byzanz und den Berbern

Anne Foerster (Paderborn): (K)ein Ruhmesblatt? Einhard und die Eroberungen Karls des Großen

Daniel Schumacher (Freiburg im Breisgau): Arnulf von Bayern – Herzog, Rebell und Thronprätendent

Maximilian Schuh (Heidelberg): Abschlussworte

Zitation
Tagungsbericht: 9. Werkstattgespräche „Neues aus dem Mittelalter”, 05.09.2019 – 06.09.2019 Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 16.10.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8479>.
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Veröffentlicht am
16.10.2019
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