Empowerment? Selbstbestimmung und bürgerschaftliches Engagement in der DDR

Ort
Hagen
Veranstalter
Projekt "Empowerment GDR", FernUniversität Hagen
Datum
27.09.2019 - 28.09.2019
Von
Tunahan Keskin, Institut für Geschichte und Biographie, FernUniversität Hagen

Das Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen (IGB) feierte vom 27. bis zum 28. September 2019 sein 25-jähriges Bestehen. Der kleine Festakt wurde von einer wissenschaftlichen Tagung eingerahmt, die sich – anlässlich des aktuellen Forschungsprojektes „Empowerment GDR“[1] am IGB – mit kulturellen Gestaltungsräumen und Formen der Selbstermächtigung in der DDR auseinandersetze. Das Hauptanliegen bestand darin, Einblick in biographische Prozesse zu gewinnen, in denen Bürger der DDR einen Teil ihres persönlichen und sozialen Lebens selbst in die Hand nahmen und damit in Bereiche der öffentlichen Sphäre vordrangen, deren Regelung nominell durch das Regime beansprucht wurde. Derartige Verhaltensweisen liegen einerseits deutlich über dem Niveau des nischengesellschaftlichen Rückzugs, lassen sich andererseits durch Begrifflichkeiten der politischen Dissidenz und Opposition wiederum nicht auf den Punkt bringen. Hierbei stellt sich jedoch die Frage, wie Phänomene von zivil- und bürgerschaftlich geprägtem „Eigen-Sinn“ in der DDR aufgefunden und wissenschaftlich nachgewiesen werden können. Die Tagungsbeiträge aus den Fachbereichen der allgemeinen Geschichtswissenschaft, Oral History, Kulturgeschichte sowie Ethnologie sollten hierfür eine Diskussionsgrundlage schaffen.

Als Gastgeber und Leiter des IGB eröffnete ARTHUR SCHLEGELMILCH (Hagen) das erste Panel der Tagung und stellte in seinem Beitrag das Forschungsprojekt „Empowerment GDR“ vor. Der Begriff „Empowerment“, eigentlich eine Strategie der Sozialpsychologie zur Selbstermächtigung, wurde als theoretisches Prinzip bereits in den Sozialwissenschaften erfolgreich auf verschiedene Untersuchungsgegenstände angewendet und soll nun in der historischen Forschung zu neuen Fragestellungen führen. Das Hauptanliegen des Projekts sei es, Formen und Methoden des bürgerlichen „Empowerments“ in der DDR zu erschließen. Der Terminus Empowerment in der DDR bezeichne bürgerschaftliche Selbstermächtigung im Sinne der Schaffung selbstbestimmter Lebensräume innerhalb der sozialistischen Ordnung, die auf diesem Wege weiter ausgebaut, reformiert und lebenswerter gemacht werden sollte. Den gängigen Terminologien zur Beschreibung solcher Prozesse in der DDR fehle es bisweilen noch an wichtigen Nuancen. Mit „Empowerment“ werde insbesondere ein Graubereich zwischen den Polen Dissidenz, Widerstand, Opposition und Anpassung angesprochen, der im Rahmen der Tagung gemeinsam mit den Kernideen des Projekts diskutiert und durch die Vorträge um weitere Denkanstöße bereichert werden sollte.

Den ersten Vortrag hielt GERD DIETRICH (Berlin), der die Entwicklung der Kulturszene in der DDR während der 1960er-Jahre aus kulturhistorischer Perspektive beleuchtete und zahlreiche Beispiele für künstlerische Empowerment-Aktivitäten skizzierte. Diese spielten sich primär in intellektuellen Kreisen ab und wurden letztlich vom Staat, unter anderem durch das „Kahlschlagplenum“ von 1965, als systemgefährdend gewertet und unterbunden. Als Ausgangpunkt für den Aufbruch der Künste der DDR nannte Dietrich eine Welle an jungen Künstlern, die ab den 1960er-Jahren ihrer allgemeinen Unzufriedenheit in der DDR Ausdruck verliehen und sich dadurch selbst ermächtigt hätten. Denn die Kunst der DDR weise Kritik am kollektiven Erziehungsanspruch und an der starken Fremdbestimmung durch die sozialistischen Normen des Staats auf. Die kritischen Werke sollten aber den sozialistischen Staat nicht abschaffen, sondern vielmehr auf Missstände aufmerksam machen und zur Verbesserung anregen – was allerdings gemäß dem Dogma des sozialistischen Realismus nicht vorgesehen war.

Nach Grußworten von Andreas Kleine, Prorektor für Forschung und wissenschaftliche Nachwuchsförderung der FernUniversität in Hagen, und Jürgen Nagel, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften der FernUniversität in Hagen, folgte ein Podiumsgespräch. Moderiert von Almut Leh, sprachen die Wegbereiter der Oral History in Deutschland, LUTZ NIETHAMMER (Jena / Berlin), ALEXANDER VON PLATO (Hagen / Neuenkirchen) und DOROTHEE WIERLING (Hamburg / Berlin), über die Erfahrungen aus ihren ersten Forschungsprojekten. Nach „Leben und Sozialkultur im Ruhrgebiet“, das 1981 mit der in der deutschen Geschichtswissenschaft neuen Methode lebensgeschichtlicher Interviews die individuelle Erfahrung der westdeutschen Arbeiterschicht in den Blick nahm, folgte 1987 mit „Die volkseigene Erfahrung“ das ostdeutsche Pendant. Das habe als Sensation gegolten, denn nie zuvor durften westdeutsche Historiker in vergleichbarer Weise innerhalb der DDR über deren Bürger forschen. Obgleich Empowerment-Phänomene nicht Gegenstand der damaligen Untersuchung waren und die Interviewpartner nicht frei gewählt werden konnten, zeichneten sich in den Antworten Spuren von „Eigensinn“ und Kritik ab. Auf Seiten der westdeutschen Forscher habe sich damals der Eindruck eines substantiellen Autoritätsverfalls der real-sozialistischen Wertordnung ergeben. Ein abschließender Diskussionspunkt galt der gegenwärtigen Situation der Oral History. Die Diskutanten lobten die vielversprechenden Ansätze der aktuellen zeithistorischen Forschung, kritisierten jedoch den vielfach unreflektierten Gebrauch der Methode, deren Vermittlung an den Universitäten oftmals zu wünschen übrig ließe.

Das zweite Panel am 28. September 2019 eröffnete BALTHASAR DUSCH (Hagen). Er stellte in seinem Vortrag die neu eingerichtete digitale Infrastruktur des Empowerment-Projekts vor, die einen Web-Blog sowie eine Facebook-Seite umfasst. Ziel dieser Arbeit sei es, ein soziales Netzwerk zum Sammeln von Empowerment-Fällen zu etablieren, in welchem sich Zeitzeugen/innen von Empowerment-Aktivitäten austauschen und mit dem Institut für Geschichte und Biographie in Kontakt treten können. Die dort veröffentlichten Beiträge zu Empowerment-Aktivitäten sollen potentielle Zeitzeugen/innen ansprechen. Zudem erläuterte Dusch die strukturellen, konzeptionellen und inhaltlichen Anforderungen des Empowerment-Netzwerks. In der anschließenden Diskussion wurden methodische Aspekte vertiefend thematisiert. Eva Ochs machte hierbei darauf aufmerksam, dass die Nutzung von Social Media in der Geschichtswissenschaft größtenteils noch Grundlagenforschung darstelle und sich Überschneidungen mit den historischen Hilfswissenschaften ergäben. Somit befasse sich das Empowerment-Projekt nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch mit noch weitestgehend historiographisch unerforschten Bereichen.

Im zweiten Vortrag berichtete KATHARINA LENSKI (Jena) über das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ in Jena und legte den Fokus auf das Motiv „transformierte Dissidenz“. Lenski legte dar, wie der dubiose, nie aufgeklärte Tod des DDR-Bürgerrechtlers Matthias Domaschk 1981 die Entstehung oppositioneller Archive in der DDR in Gang gesetzt hatte. Vor diesem Hintergrund skizzierte sie die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Archivs von 1991 bis 2001. Dabei erläuterte sie, dass der Name des Archivs gewählt wurde, da „Opposition und Widerstand in der DDR nicht ohne den (gesellschaftlichen) Gesamtüberblick“ untersucht werden könnten. In der nachfolgenden Diskussion wurde unter anderem nach der exakten Bedeutung von „Dissidenz“ gefragt, was Lenski als „Denken in Alternativen“ definierte. Durch die Diskussion des Dissidenzbegriffs konnte der Terminus „Empowerment“ weiter abgegrenzt werden.

Zu Beginn des dritten Panels fand das Tischgespräch mit MARTIN SCHMIDT und HELENE SCHMIDT (Hoyerswerda) vom „Hoyerswerdaer Kunstverein e. V. Freundeskreis der Künste und Literatur“ unter der Moderation von Arthur Schlegelmilch statt. Das Ehepaar Schmidt berichtete über die Gründung des Kunstvereins Mitte der 1960er-Jahre in der DDR. Ziel des Vereins sei es gewesen, so Martin Schmidt, mittels Berücksichtigung und Präsentation zeitgenössischer Kunst und auf dem Wege der „menschliche[n] Begegnung für das Miteinander durch die Kunst“ die Lebensqualität der „zweiten sozialistischen Stadt“ zu fördern. Trotz der stetigen Überwachung durch den Staat wären dem Freundeskreis Repressionen erspart geblieben, da seine Mitglieder keinen direkten politischen Aktivitäten nachgegangen wären und sie beim wechselseitigen Austausch nicht jeden als staatskritisch auslegbaren Gedanken preisgegeben hätten. Ungeachtet seiner Hinwendung zu „unangepassten“ und kritischen Künstlern hätten die Aktivitäten des Kunstvereins unter dem Dach des Kulturbundes öffentlich stattfinden können. Die Geschichte des Hoyerswerdaer Kunstvereins kann als Beispiel für anhaltendes und nachhaltig wirksames bürgerschaftliches Empowerment unter den Bedingungen des SED-Regimes gelten.

Eine spannende Ergänzung zum Forschungsprojekt „Empowerment?“ lieferte MARIA HETZER (Siegen) mit ihrem Vortrag über den „Manövrierraum LPG: Landleben in der Aushandlungsgesellschaft“. Hetzers Forschungsprojekt verfolgt einen ethnographischen Ansatz und befasst sich mit der Entstehung von Handlungsfreiräumen im Rahmen Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften. Wichtige übergeordnete Fragestellungen ihres Vortrags bezogen sich auf das Verhältnis zwischen Einzelpersonen, kollektiven Akteuren und dem Staat sowie auf die kritische Diskussion des Terminus „Manövrierraum“, dem die Referentin das Konzept des Ermöglichungs- und Aushandlungsraums entgegenstellte.

Den letzten Vortrag hielt NORBERT REICHLING (Dorsten / Essen) über „Eigensinn und lokale Nonkonformität in der DDR“. Reichlings sozialhistorischer Ansatz lieferte wertvolle Erkenntnisse über die Jugendinitiative „Offene Arbeit“ der evangelischen Kirche und die Entstehung und Geschichte lokaler Subkulturen, die aus ihr hervorgegangen waren. Viele dieser Gruppierungen hätten Freiräume zur selbstbestimmten Lebensgestaltung schaffen wollen und damit den sozialistischen Lebensnormen widersprochen, was zu Überwachung und Repressionen geführt habe. Dass einige Gruppen teilweise zur Durchsetzung von Menschenrechten aufgerufen hatten, sei jedoch nicht in allen Fällen als direkte Opposition zum Staat zu werten, sondern eher als Aufruf zur Verbesserung der Lebensumstände innerhalb der sozialistischen Ordnung. Insgesamt betonte Reichling die Nuancen der Konzepte Eigensinn, Widerstand und Opposition und verwies auf das Spannungsverhältnis von Mensch und Staat, das in der DDR auch mit einer Aufspaltung in ein privates und ein öffentliches Individuum einhergegangen sei – dem hätten sich die untersuchten Jugendlichen verweigert.

Von hier aus entwickelte sich eine kontroverse Abschlussdebatte, die sich in erster Linie der Begriffsfrage zuwandte. Nach Auffassung Norbert Reichlings sei der Empowerment-Begriff nur in Bezug auf einen kleinen Ausschnitt nonkonformen Verhaltens anwendbar. Als Alternative präsentierte er ein Wörternetz, das verschiedene Nuancen der Nonkonformität inkludiert und „Empowerment“ mit einschließt. Von anderen Tagungsteilnehmern wurde der Begriff wiederum als wertbehaftet und damit für die Analyse ungeeignet empfunden. Arthur Schlegelmilch betonte hingegen das Differenzierungspotenzial des Begriffs – namentlich im Vergleich zum allzu weitläufigen „Eigen-Sinn“-Begriff. Almut Leh betonte, dass „Empowerment“ vor allem als offener Forschungsbegriff verstanden werden müsse, der sich am konkreten historischen Beispielsfall zu beweisen habe. Zum Schluss wies Dennis Möbus auf das Aufeinandertreffen von induktiven und deduktiven Forschungsansätzen hin, das sich während der Begriffsdebatte abgezeichnet habe. „Empowerment“ sei ein ahistorischer Kunstbegriff, der noch weithin unerforschte Bereiche der DDR-Geschichte abdecken solle. Er legte als mittleren Weg ein abduktives Vorgehen nahe und empfahl, mit den diskutierten Begriffen und Konzepten in die Quellen hineinzugehen, um Anknüpfungspunkte für die Evidenz der jeweiligen Begriffe zu finden. Im Zentrum der Tagung standen die Fragen der analytischen Ergiebigkeit des „Empowerment“-Begriffs im Sinne der differenzierten Erfassung bürgerschaftlichen Handelns zwischen „Eigen-Sinn“ und „Opposition“. Thematisiert wurden ferner methodische Fragen, namentlich die Nutzung von Social Media mit dem Ziel der Recherche und kollaborativen Auswertung von einschlägigen Quellen.

Konferenzübersicht:

Erstes Panel

Arthur Schlegelmilch (Hagen): Begrüßung und Einführung. Selbstermächtigung im Staatssozialismus?

Gerd Dietrich (Berlin): Aufbruch der Künste in eine Ersatzöffentlichkeit Anfang der 60er Jahre.

Andreas Kleine (Hagen) / Jürgen Nagel (Hagen): Grußworte zum Jubiläum

Lutz Niethammer (Jena / Berlin) / Alexander von Plato (Hagen / Neuenkirchen) / Dorothee Wierling (Hamburg / Berlin): „Die volkseigene Erfahrung“. Westdeutsche Oral Historians im realexistierenden Sozialismus. Podiumsgespräch.

Zweites Panel

Balthasar Dusch (Hagen): Aufbau einer digitalen Forschungsinfrastruktur im Rahmen der Empowerment-Forschung.

Katharina Lenski (Jena): Dissidenz-Archive zur DDR-Geschichte im Lichte von Geschlechterverhältnissen. Erkenntnisse und Erfahrungen.

Drittes Panel

Martin Schmidt / Helene Schmidt (Hoyerswerda): Tischgespräch mit Martin und Helene Schmidt und weiteren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Hoyerswerda: Kulturelle Selbstbestimmung und Handlungsspielräume in der „Zweiten sozialistischen Stadt“.

Maria Hetzer (Siegen): Manövrierraum LPG: Landleben in der Aushandlungsgesellschaft.

Norbert Reichling (Dorsten / Essen): Eigensinn in der DDR-Provinz. Schlaglichter auf ein Forschungsprojekt über lokale Nonkonformität in der DDR.

Anmerkung:
[1] Arthur Schlegelmilch, Projekt: Empowerment GDR, https://www.fernuni-hagen.de/geschichteundbiographie/projekte/empowerment_GDR.shtml (20.10.2019).

Zitation
Tagungsbericht: Empowerment? Selbstbestimmung und bürgerschaftliches Engagement in der DDR, 27.09.2019 – 28.09.2019 Hagen, in: H-Soz-Kult, 09.11.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8505>.