Remembering 1989: Actors, Approaches and Audiences

Ort
Jena
Veranstalter
Imre Kertész Kolleg Jena
Datum
04.10.2019
Von
Klara Muhle, Historisches Institut/Imre Kertesz Kolleg Jena, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Wie so viele Veranstaltungen in diesem Herbst, lag auch dem Workshop des Imre Kertész Kollegs in Jena der Gedanke zugrunde, das 30-jährige Jubiläum der sogenannten friedlichen Revolutionen von 1989 bis 1991 in Ostmittel- und Südosteuropa zu betrachten. Dabei sollte vor allem über die öffentliche Darstellung und über Narrative dieser Zeit diskutiert werden. Ein wesentlicher Fokus der Ausschreibung war es, den Blick auf die Akteure hinter den Repräsentationen der jüngsten Vergangenheit sowie auf das Publikum und die Rezeption von öffentlichen Geschichtsdarstellungen zu lenken. Die OrganisatorInnen verfolgten bei der Zusammenstellung des Workshops einen ausdrücklich multidisziplinären Ansatz. So wurden nicht nur Studien zu musealen Repräsentationen und öffentlichen Gedenkfeiern vorgestellt, sondern auch Arbeiten zur literarischen Verarbeitung von 1989, zu medialen Darstellungen sowie zur populistischen Inanspruchnahme historischer Bilder und Symbole in politisch rechten sozialen Bewegungen.

In ihrer Begrüßungsansprache lud EVA-CLARITA PETTAI (Jena) die TeilnehmerInnen ein, über die Diskussion von existierenden Geschichtserzählungen und -bildern zu 1989 und ihre Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte hinauszugehen und in stärkerem Maße danach zu fragen, welche Motive und Interessen die Akteure (agency) antreibe, die hinter kulturellen Repräsentationen der jüngsten Vergangenheit stünden. Sie betonte die Bedeutung der Frage, mit welchen technischen und ästhetischen Mitteln bestimmte Narrative und Bilder produziert würden und wie diese den Prozess historischer Meinungsbildung beeinflussten. Außerdem sei besonders darauf zu achten, an welches Publikum sich die verschiedenen Darstellungen richteten, wie mit diesem interagiert werde und welche neuen Formen der Koproduktion und Partizipation an historischer Wissensgenerierung dabei entstünden.

Das erste Panel mit dem weitgefassten Titel der öffentlichen Rituale und der Literatur thematisierte aktuelle Forschungsprojekte über verschiedene Deutungsrahmen um 1989. Im ersten Vortrag präsentierten JAMES KRAPFL (Montreal) und ANDREW KLOIBER (Toronto) die langfristigen Auswirkungen der Revolution in der Tschechoslowakei (Krapfl) und in der DDR (Kloiber) im Vergleich. Ihre Analyse der vier Städte Leipzig, Berlin, Prag und Bratislava zeige die langfristigen Entwicklungen der Revolution. Sie klassifizierten sie auf einer Skala von „lebendiger Revolution“ bis „toter Revolution“ und ordneten die Städte in folgender Reihenfolge von lebendig nach tot in eine Skala ein: Leipzig, Bratislava, Prag, Berlin. Sie beschrieben eine lebendige Revolution als eine, bei der die BürgerInnen weiterhin die Protagonisten und Träger der Revolution seien. Im Falle einer „toten Revolution“ würde diese von internationalen Kräften getragen und als abgeschlossenes historisches Ereignis betrachtet. Dabei sei nur die Form der Erinnerung noch gegenwärtig, nicht aber die Erinnerungen selbst. Somit hätte die lebendige Revolution einen deutlich größeren Einfluss auf die jeweilige Gesellschaft als die tote.

NATALLIA PRYSTUPA (Minsk) betrachtete den Umgang mit der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei mithilfe einer Analyse von Facebook-Einträgen über zwei Festivals, die seit 2014 an die Zeit vor der Samtenen Revolution erinnerten (Freiheits-Festival in Tschechien und Matryoshka-Festival in der Slowakei). Die Analyse zeige, dass nur Václav Havel größtenteils positiv beschrieben werde, alle anderen politischen Figuren der Zeit würden negativ beschrieben. Leider ging die Präsentation kaum über eine Beschreibung des Materials hinaus.

MÓNIKA DÁNÉL (Oslo) präsentierte ihre Analyse von Bildungsromanen in Ungarn und Rumänien, die die Vorkommnisse von 1989/90 thematisierten. Dabei verwies sie auf die besondere Bedeutung der revolutionären Ereignisse in den Romanen, die eine gemeinsame Vergangenheit in verschiedenen Sprachen verdeutlichten. Trotzdem sei dies für die ungarische und rumänische Gesellschaft nicht der Fall, so existiere kein gemeinsames Narrativ über die Geschehnisse.
Das zweite Panel betrachtete die Präsentation von 1989 in Ausstellungen in historischen Museen. MARIA KOBIELSKA (Krakau) konzentrierte sich in ihrer Analyse auf vier Museen in Polen (Museum des Warschauer Aufstands in Warschau, Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, Museum der Umbrüche in Stettin, Schlesisches Museum in Kattowitz). Der „Museumsboom“ der letzten Jahre in Polen habe zu keinem Konsens im Narrativ über 1989 geführt. Es lasse sich allerdings feststellen, dass 1989 das meistgenutzte Ereignis für das Ende der jeweiligen Ausstellungen sei.

KSENIA ROBBE (Groningen) betonte, dass für Russland nicht 1989 von großer Bedeutung sei, sondern der gesamte Zeitraum der Perestroika. Sie analysierte russische Museen im Hinblick auf deren Umgang mit der Perestroika und resümierte, dass in Russland Inkohärenz bzw. das Schweigen über die Thematik der Perestroika strategisch eingesetzt werde. Dies ermögliche der politischen Führung rhetorisch, die Deutung der Perestroika der jeweiligen Gegebenheit anzupassen.

LOTTE THAA (Berlin) sprach über eine Ausstellung, die bereits im Frühjahr 1990 im Museum für Deutsche Geschichte Berlin von DemonstrantInnen selbst über die größte Demonstration im Herbst 1989 in der DDR vom 4. November gestaltet wurde. Mit einer großen Auswahl an Originalplakaten und weiteren Zeugnissen hätten sie dort ausführlich die Forderungen der Demonstrierenden wie den Traum der Wiedervereinigung öffentlich ausstellen können. Bereits im August desselben Jahres sei diese Ausstellung nach Bonn ins Haus der Geschichte gezogen. Dieser Schritt stünde symbolisch für den Beginn der Vereinheitlichung des Narrativs über die revolutionäre Bewegung, da die ursprüngliche Ausstellung derartig stark verändert und vereinfacht worden sei, dass die Ausstellungsmacher aus Berlin sich geweigert hätten, zur Eröffnung zu erscheinen.

Joanna Wawrzyniak (Warschau) zog in der anschließenden Diskussion das Fazit, es scheine, als würden Museen als Institutionen nicht zu kommunikativen Orten werden, die (alternative) Narrative prägten. Vielmehr stünden sie außerhalb der eigentlichen Debatte, falls diese überhaupt existiere.

Das dritte Panel schließlich widmete sich der politischen Dimension heutiger Geschichtsdarstellungen von 1989 und seiner Folgen. Zwei Untersuchungen stellten dabei dezidiert die Frage, wie die Ereignisse von 1989 sowie die Erinnerungen an die Wendejahre heute für rechtsnationale, fremdenfeindliche und antiliberale Zwecke in Anspruch genommen und umgedeutet würden. EMILY GIOIELLI (Saint Joseph, MO) analysierte am Beispiel der diesjährigen Gedenkfeierlichkeiten zum Paneuropäischen Picknick (einer von mehreren spontanen Grenzöffnungen entlang der ungarisch-österreichischen Grenze im Spätsommer 1989), wie sich vor allem auf offizieller ungarischer Seite die Erzählungen der damaligen Ereignisse verändert hätten. In den ersten Jahren habe das Ereignis von 1989 vor allem für Ungarns Bestreben nach Freiheit und seine zentrale Rolle im Zusammenwachsen Europas gestanden. Mit der Finanzkrise von 2009 sei dieses Narrativ dann zunehmend von europaskeptischen Tönen überlagert worden, um schließlich nach der Flüchtlingskrise von 2015 umzuschlagen: Heute stehe die Grenzöffnung und der europäische Einheitsgedanke von damals einer neuen Grenzziehungs- und Abwehrpolitik unter Victor Orbán gegenüber. Während es Ungarn damals um Freiheit gegangen sei, so gehe es heute um die Verteidigung christlich-abendländischer Werte gegen Fremde (Moslems) von außen, aber auch gegen liberale Werte im Inneren.

Die beiden nachfolgenden Beiträge bezogen sich auf Ostdeutschland, und hier speziell auf Sachsen: JUDITH KRETSCHMAR und RÜDIGER STEINMETZ (Leipzig) stellten ein junges Projekt vor, in dem sie bislang kaum systematisiertes Quellenmaterial in Form von Fernsehsendungen über die unmittelbare Wendezeit, die in verschiedenen lokalen Fernsehsendern in Sachsen ausgestrahlt worden seien, sichten und auswerten wollen. Leider blieb es in diesem Vortrag überwiegend bei der Präsentation des Materials, das die beiden Medienwissenschaftler als „in Film geronnene Erinnerung“ bezeichneten. Inwieweit dieses Material in systematisierter und zugänglicher Form genutzt werden kann, um neue Erkenntnisse etwa über den Wandel von kollektivem Gedächtnis und seiner medialen Darstellung zu gewinnen, blieb offen.

Zuletzt präsentierte SABINE VOLK (Dresden) die Instrumentalisierung historischer Bilder und Narrative der Friedlichen Revolution durch soziale Bewegungen am rechten Rand und hier speziell durch die sogenannte PEGIDA-Bewegung in Dresden. Mithilfe von Framing-Theorien verdeutlichte sie, wie PEGIDA durch den Rückgriff auf bestimmte erinnerungskulturell fest verankerte Bilder, Symbole und Slogans Identitätsangebote schaffe und über mehrere Jahre hinweg erfolgreich mobilisieren könne. Wenngleich der Kampf um die Deutungshoheit in Bezug auf 1989 ein hochaktuelles Thema im heutigen Deutschland ist, so ging der Beitrag doch nicht wesentlich über die bloße Feststellung der historischen Referenzen, etwa zu Montagsdemonstrationen und „Wir sind das Volk“-Slogans hinaus. Inwieweit PEGIDA aktiv auch die Umschreibung der Geschichte und der öffentlichen Erinnerung an 1989 betreibt und mit welchem Erfolg dies geschieht, blieb offen.

In ihrer Schlussbemerkung resümierte VERONIKA PEHE (Prag), dass ihr Eindruck aus den Vorträgen sei, dass es mit zunehmendem zeitlichen Abstand zu den Ereignissen von 1989 immer weniger Kohärenz in der Erinnerung und öffentlichen Darstellung der Friedlichen Revolutionen gäbe. Im Gegenteil, die öffentliche Erinnerung an die Wendezeit, etwa in Polen, Ungarn oder auch Ostdeutschland, sei gespaltener und polarisierender als jemals zuvor. Ebenfalls sei deutlich geworden, dass die Erinnerung an 1989 zunehmend von anderen Ereignissen, wie etwa der Finanzkrise mit ihren enormen Auswirkungen auf die Region, aber auch die Flüchtlingskrise überlagert werde. Insofern hätten viele Beiträge deutlich gemacht, dass Erinnerungen und Repräsentationen wesentlich von dem, was nach 1989 kam, beeinflusst würden und viel weniger von dem, was zuvor geschah.

Tatsächlich wurde während des Workshops kaum die sozialistische Zeit thematisiert. Und dies ist vielleicht der stärkste Eindruck, der von diesem Workshop bleibt: In der Kanonisierung von 1989 im kulturellen Gedächtnis ganz Ostmitteleuropas spielt der real existierende Kommunismus eine wesentlich geringere Rolle als die Erfahrungen der Nachwendezeit. Wenn in diesem Jahr in öffentlichen Reden und Beiträgen viel die Rede sein wird von den „Werten der Friedlichen Revolution von 1989“, so zeigten die Beiträge des Workshops zudem, dass nicht immer ganz klar ist, von welchen Werten hier genau gesprochen wird. Steht 1989 für die Werte der liberalen Demokratie und Menschenrechte, oder vor allem für die des Marktliberalismus und der offenen Grenzen? Oder steht 1989 vor allem für den Wert nationaler Selbstbestimmung? Dies sind die eigentlichen Fragen, die in heutigen Geschichtsdebatten und öffentlichen Erinnerungsdisputen verhandelt werden. Sie zu klären, so waren sich alle TeilnehmerInnen des Workshops einig, ist eine der wesentlichen Herausforderungen der demokratischen Gesellschaften Europas in den kommenden Jahren. Insgesamt war dies ein zwar durchwachsener, aber dennoch sehr inspirierender Workshop, und es bleibt zu hoffen, dass die OrganisatorInnen vom Imre Kertész Kolleg zumindest einige Beiträge in schriftlicher Form im hauseigenen Online-Portal Cultures of History Forum veröffentlichen werden.

Konferenzübersicht:

Eva-Clarita Pettai (Jena): Welcome and Introduction

Panel I: Framing narratives of 1989 through public rituals and literature
Moderation: Jakub Jareš (Prague)

James Krapfl (Montreal) / Andrew Kloiber (Toronto): Is the Past Dead or Alive? Commemorating the Revolutions of 1989 in the DDR and ČSSR

Natallia Prystupa (Minsk): Remembering 1989 in Social Media Networks: Festival Culture in Czech and Slovak Republics

Mónika Dánél (Oslo): 1989 as a Local and Liminal Event. The Possibility of the Bildungsroman in Contemporary Hungarian and Romanian Literature

Panel II: Narrating and visualizing 1989 in exhibitions and art
Moderation: Diana Dumitru (Chișinău)

Maria Kobielska (Krakow): 1989 Exhibited in Polish “New Museums”

Ksenia Robbe (Groningen): Perestroika on the Mind: Memories of Russia’s Transition in Exhibitions and Visual Art – Between Display and Discussion

Lotte Thaa (Berlin): Musealization of a Revolution or The Peaceful Storming of the Bastille

Panel III: Re-imagining 1989 in an era of illiberal populism
Moderation: Joanna Wawrzyniak (Warsaw)

Emily Gioielli (Saint Joseph, MO): Europe Throws a Picnic: 1989 and the End of the Cold War in Europe

Judith Kretschmar / Rüdiger Steinmetz (Leipzig): Cultural and Political Transformation and its Memories after the Fall of the Berlin Wall in Eastern Germany, coagulated in local TV Programmes in the Federal State of Saxony (1990-95)

Sabine Volk (Dresden): Monday marches, once again: Contemporary usages of the memory of the 1989 ‘Peaceful Revolution’ by PEGIDA in Dresden

Veronika Pehe (Prague): Concluding remarks

Final discussion

Zitation
Tagungsbericht: Remembering 1989: Actors, Approaches and Audiences, 04.10.2019 Jena, in: H-Soz-Kult, 19.11.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8521>.