Enzo – König von Sardinien (um 1220–1272)

Ort
Göppingen
Veranstalter
Gesellschaft für staufische Geschichte e.V.
Datum
26.10.2019
Von
Thomas Wozniak, Institut für mittelalterliche Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Unter den Nachkommen Kaiser Friedrichs II. ist sein unehelich geborener, aber später legitimierter Sohn Enzo einer derjenigen, denen bisher das wenigste wissenschaftliche Interesse entgegengebracht wurde, obwohl oder gerade weil die historischen Darstellungen seines Lebens so stark von Legenden und Mythen durchsetzt sind. Die von der Gesellschaft für staufische Geschichte e.V. im zweijährigen Rhythmus veranstaltete Reihe „Staufergestalten“ bot den idealen Rahmen zur näheren Beschäftigung mit König Enzo von Sardinien [1].

Die vier wichtigsten Stationen Enzos (italienische Form von Heinrich/Heinz) wurden kurz skizziert, so war er um 1220 aus einer unehelichen Beziehung Friedrichs mit einer südwestdeutschen, sonst unbekannten Adelheid hervorgegangen. Mit ungefähr 18 Jahren wurde er durch die Heirat mit Adelasia König von Sardinien. Im Jahr darauf von Friedrich legitimiert, ernannte ihn dieser zunächst zum Generalvikar, dann zum Generallegaten in Italien, sodass Enzo hier in den zehn Jahren bis 1249 als bedeutendster Feldherr und Vertreter Friedrichs II. wirken konnte. In der Schlacht bei Fossalta 1249 wurde er gefangen genommen und gelangte so als Gefangener nach Bologna. Obwohl sich sein Vater Friedrich lange für seine Freilassung einsetzte, blieb Enzo über 20 Jahre, bis zu seinem Tod 1272, in Bologna in Haft.

In seiner Eröffnung des Symposiums wies KNUT GÖRICH (München) darauf hin, dass Enzo von der bisherigen Forschung recht stiefmütterlich behandelt wurde. Besonders die lange Gefangenschaft Enzos hat zur Bildung und sich verstärkenden Verfestigung von Legenden geführt, die Enzo zu einem positiv besetzten, integralen Bestandteil der Bologneser Geschichte machten, obwohl er sein Leben als Gefangener der Stadt beendete.

Auf dieses politische Symbol, das Enzo für Bologna darstellte sowie auf seine Geschwister ging ELLEN WIDDER (Tübingen) im ersten Vortrag ein. Enzo war nicht der einzige uneheliche Nachkomme Kaiser Friedrichs II., was besonders für die ältere Forschung problematisch war, die „Illegitimität“ als ein Unterschichtenphänomen oder als moralische Deformation einer zu überwindenden Adelswelt abtun wollte. Nicht zuletzt aufgrund der Zunahme der unehelich geborenen Kinder (1970: 7 Prozent, 2017: 35 Prozent) in der Bundesrepublik ist heute ein unverkrampfterer Zugriff (pater semper incertus est) möglich. Die ältere Forschung hatte die unehelich entstandenen Kinder noch mit einer angeblich in Süditalien anzutreffenden Freizügigkeit gerechtfertigt. Für einen „illegitimen Kaisersohn“, der die Herrschaftstechniken des Reitens und des Kämpfens beherrschte, blieben nur die Aufgaben eines Condottieres. Die Akzeptanz durch den hochadeligen Vater, die Hochzeit mit der kinderlosen Witwe Adelasia von Sardinien, deren Titel Enzo auch nach der Scheidung 1246 behielt, und das Konubium der eigenen Töchter mit sardischen Adeligen zeigen sein dynastisches Agieren.

Obwohl Enzo nur zehn Monate persönlich auf Sardinien weilte, war er, wie ALBERTO COTZA (Pisa) im zweiten Vortrag vorführte, bis an den Rest seines Lebens (also 34 Jahre lang) der regierende König, der selbst aus seiner Bologneser Gefangenschaft heraus die Fäden in der Hand hielt. Das in vier Judikate (Gallura, Cagliari, Arborea, Torres) unterteilte Sardinien stand aufgrund seiner topographischen Lage immer im besonderen Fokus der Päpste wie sich in den Registern Gregors IX. erkennen lässt. Jedem Judikat stand ein iudex/rex vor. Über seine Frau Adelasia – die Eheschließung wurde von einflussreichen pisanischen Familien unterstützt – war Enzo zum rex Turrium et Gallure geworden. Nach ihrer Trennung konzentrierte sich Adelasia stärker auf Gallura und ist in Torres nicht nachzuweisen. Die auf Konsens der sardischen Großen beruhende Herrschaft Enzos förderte dieser durch Gegenleistungen in Form von Karrieren. Zur langfristigen Sicherung verheiratete Enzo seine Tochter mit sardischen Großen. Aufgrund des Mangels belastbarer Quellen aus Sardinien kam es im Ergebnis zur starken intellektuellen Überformungen der Erinnerung durch spätere Generationen. So wird etwa bei Matthew Paris die Heirat Enzos mit Adelasia – Friedrich II. soll eine Hochzeit Enzos mit einer Nichte Papst Gregors IX. abgelehnt haben – gar zu einer der Ursachen des Konfliktes zwischen Papsttum und Kaisertum.

Im dritten Vortrag ging KNUT GÖRICH (München) auf die in den Quellen genannten Bezeichnungen Enzos als „Bild“ und „Spiegel“ des Kaisers ein – Quellenstellen, die immer wieder als Hinweis auf die physische Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn gedeutet wurden. Jedoch wurden solche Begrifflichkeiten auch für andere Söhne und Legaten benutzt und verdeutlichen die Herrschaft durch Stellvertretung und den Anspruch auf Entbietung der ansonsten dem Kaiser geschuldeten Formen symbolischer Ehrerweisung. Enzos uneheliche Abstammung war kein Hindernis für die Annahme des Titels eines rex Sardiniae, aber für die Ernennung zum Generalvikar war die Legitimierung offenbar notwendig. Als Enzo 1249 in Bologneser Gefangenschaft geriet, verlor Friedrich II. gleichzeitig seinen Sohn, seinen Legaten und seinen fähigsten Feldherren.

Die lange Zeit von 23 Jahren, die Enzo als Gefangener in Bologna verbrachte, betrachtete CHRISTOPH F. WEBER (Braunschweig), ausgehend von Enzos Gefängnis in Bologna, dem bis heute vorhandenen, aber durch Brände (14. Jahrhundert) und Umbauten (1771, 1905) stark überprägten Palazzo Re Enzo. Für die Stadtgeschichte Bolognas bildet Enzos Gefangenschaft eine Art goldenes Zeitalter, das in überbordenden Narrativen verherrlicht wird. Unter den zahlreichen bekannten Kriegsgefangenen im mittelalterlichen Italien handelt es sich um eine exemplarische Gefangenschaft. Die erhaltenen Matrikeln der Gefangenen der Schlacht bei Fossalta verzeichnen 400 Ritter und 1200 Fußsoldaten und zeigen, wie diese von privaten Subunternehmern in Kerkern gehalten wurden, bis sie gegen Lösegeld entlassen werden konnten. Bei Enzo überwog allerdings das symbolische Kapital als eine Art lebende Trophäe der Kommune Bologna die damit verbundenen pekuniären Möglichkeiten. Zudem rächte sich der drakonische Umgang Enzos mit Gefangenen während seiner Zeit als Generallegat Friedrichs II., weshalb er der erste mittelalterliche König ist, der auf Lebenszeit eingesperrt blieb. Nach seinem Tod am 14. März 1272 erfolgte die Beisetzung im Rang eines Königs auf Kosten der Kommune Bologna, was die Gestalt Enzos zu einer Art König von Bologna stilisierte. Mehr noch, aufgrund der nach seinem Tod ausbrechenden Bürgerkämpfe wurde Enzos Gefangenschaft als goldene Zeit stilisiert.

Einen Überblick über die spätstaufische Kunstförderung in Italien gab FRANCESCA SOFFIENTINO (Bonn / Pisa), die zeigte, dass Enzo auch als Kunstmäzen aktiv war. Ihre Ausführungen zeigen, dass der aula imperialis als Bildungseinrichtung eine wichtige Rolle zukam und insbesondere die Musik ein wichtiges Element der Machtinszenierung und –repräsentation war. Eine große Leidenschaft Enzos, der über eine außergewöhnliche Bildung verfügte, waren neben der Falkenjagd, Gedichte, die mit Begleitmusik vorgetragen wurden. Wenigstens in seiner Jugend hatte sich Enzo in Musik und Dichtkunst mit seinen Brüdern gemessen. Auch die in seiner Zeit getätigten Übersetzungen naturwissenschaftlicher Bücher über die Falkenjagd aus arabischer und persischer Sprache gehören zu den größten Kulturtransferleistungen.

Im abschließenden Vortrag gab JÖRG SCHWARZ (München) einen Überblick über Enzo im Spiegel der spätmittelalterlichen italienischen Chronistik. Betont wurde die sehr heterogene Überlieferung (Venedig, Florenz, Rom) im 13. Jahrhundert. Die frühere Unterteilung in aufzählende Annalen und ausgearbeitete Chroniken lässt sich oft nicht wiederfinden, denn es gibt Annalen mit chronikalischem Charakter und umgekehrt. Dabei handelt es sich nur um Konventionen und Verständigungsbegriffe. An Beispielen wurden unter anderem die Annales Ianuenses, die Annalen von Verona, die Schriften eines Thomas von Pavia oder von Brunetto Latini aufgezählt. In einem kurzen Exkurs zur Überlieferung des Bartolomeo di Neocastro wurde auf den Fall Akkons 1291 hingewiesen. Große Bedeutung hat Enzo für die Bolognerser Stadtchronistik, die seinen Briefwechsel in die Chroniken einbaute. Insgesamt spielte die Frage der Legitimität Enzos für die Chronisten eine größere Rolle als für Friedrich II. Die Vorträge werden zeitnah in der Buchreihe „Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst“ veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Knut Görich (München): Eröffnung des Symposiums und Moderation

Guido Till (Göppingen): Grußwort

Ellen Widder (Tübingen): Enzo und seine Geschwister. Illegitime Nachkommen Kaiser Friedrichs II.

Alberto Cotza (Pisa): Enzo als König von Sardinien

Knut Görich (München): „Bild“ und „Spiegel“ des Kaisers. Enzo als Legat Friedrichs II.

Christoph F. Weber (Braunschweig): Enzo als Gefangener in Bologna

Francesca Soffientino (Bonn / Pisa): Enzo als Kunstmäzen und ein Überblick über die spätstaufische Kunstförderung in Italien

Jörg Schwarz (München): Enzo im Spiegel der spätmittelalterlichen italienischen Chronistik

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Vgl. die Programme der Staufersymposien unter: https://www.goeppingen.de/start/Unsere+Stadt/staufer-symposium.html (19.11.2019)

Zitation
Tagungsbericht: Enzo – König von Sardinien (um 1220–1272), 26.10.2019 Göppingen, in: H-Soz-Kult, 23.11.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8529>.