Re-Spatializing Spain. Spanische Zeitgeschichte global und transnational

Ort
Wien
Veranstalter
Linda Erker, Universität Wien; Katharina Seibert, Universität Leipzig / Universität Wien
Datum
19.09.2019 - 21.09.2019
Von
Florence Klauda, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

Lange dominierten in der zeithistorischen Spanienforschung Narrative, die das Land als isolierten Sonderfall am Rande der zentraleuropäischen Geschichte verorteten. Seine geographische Lage, die sprachliche und kulturelle Nähe zu den (ehemaligen) Kolonien sowie der Franquismus wurden allzu oft für diesen Sonderwegstopos als Argumente bemüht. Diese Sichtweise galt es am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien zu hinterfragen. Entlang aktueller Forschungsansätze reflektierten Nachwuchswissenschafter/innen und etablierte Zeithistoriker/innen aus Deutschland, Österreich und Spanien das Verhältnis zwischen spanischer und europäischer Zeitgeschichte. Es wurden alternative Einordnungen Spaniens in gesamteuropäische Forschungsperspektiven sowie neue Verortungen der spanischen Zeitgeschichte diskutiert.

Ganz in diesem Sinne nahmen TILL KÖSSLER (Halle-Wittenberg) und CLAUDIA KRAFT (Wien), nach der Begrüßung durch die beiden Veranstalterinnen Linda Erker und Katharina Seibert, zu Beginn des Workshops erste Standortbestimmungen vor. Zunächst skizzierte Till Kössler die sich wandelnden Schwerpunktsetzungen in der historischen Spanienforschung seit dem 19. Jahrhundert und zeigte die Chancen einer explizit deutschsprachigen und nicht ausschließlich von nationalgeschichtlichen Modethemen geleiteten Geschichtswissenschaft auf. Gerade der abgleichende Blick zwischen spanischer Zeitgeschichte und anderen nationalen oder regionalen Fallbeispielen vermag dabei die häufig beschworenen Sonderwegs- und Rückständigkeitsnarrative zu dekonstruieren. Claudia Kraft fragte anschließend aus der Perspektive der Osteuropa-Historikerin nach der Bedeutung von Raum und Area Studies in den Geschichtswissenschaften. Sie schlug dabei vor, die Analysekategorie „Zentrum/Peripherie“ um die „Semiperipherie“ zu ergänzen, die sich insbesondere in der Osteuropaforschung bewährt hat.

Bereits das erste Panel veranschaulichte die Bandbreite an transnationalen Verknüpfungen, die durch die historische Studie räumlicher Besonderheiten zu Tage treten können. Am Beispiel der aktuellen Organisierungserfahrungen der südspanischen Landarbeiter/innengewerkschaft SOC/SAT zeigte der Politikwissenschaftler ALEXANDER BEHR (Wien) den Zusammenhang zwischen lokalen Produktionspraktiken, globalisierten Wertschöpfungsketten und allgemeinen Missständen der industriellen Landwirtschaft auf. Die Geschichte der Organisierung von Landarbeiter/innen im Süden Spaniens erwies sich, wie Behr es zeigte, als Geschichte illegaler Arbeitsmigration zwischen Marokko und Spanien und als Geschichte von internationalem Aktivismus vor Ort. ANDREAS JÜNGER (München) stellte seinerseits die historische Entwicklung des andalusischen Öko-Sektors vor: Kollektive Widerstandsbewegungen sowohl gegen prekäre Arbeitsbedingungen als auch invasive Monokulturen trugen dazu bei, dass sich in Andalusien faire und ökologische Landbauinitiativen formierten. Jünger erzählte eine Transfergeschichte, in der Europäische Agrarnormen, internationale Akteur/innen und Fachexpertisen die Landwirtschaft im Süden Spaniens ab der Transición nachhaltig veränderten.

Mit seinem Keynote-Vortrag zur „Weltgeschichte Spaniens im Kontext der südeuropäischen Mode der Weltgeschichten“ eröffnete XOSÉ M. NÚÑEZ SEIXAS (Santiago de Compostela) eine Diskussion über neue Formate der nationalen Geschichtsschreibung. Die 2018 erschienene Historia mundial de España hatte, so Núñez, zum Ziel in 127 Beiträgen anhand von punktuellen historischen Ereignissen die spanische Geschichte in einem globalen Kontext zu erzählen und etablierte Zäsuren in den Hintergrund zu stellen. In der Diskussion wurde dann kritisch hinterfragt, inwiefern diese Art der Geschichtsschreibung auch im Stande sei, nationale Meistererzählungen zu nuancieren, zu dekonstruieren und neue Erinnerungsorte im Sinne Pierre Noras zu definieren.

Das darauffolgende Panel befasste sich mit mikrogeschichtlichen Zugängen zur spanischen Zeitgeschichte, in denen Fragen der Ideologie im Vordergrund standen. JANNIS GIRGSDIES (Berlin) präsentierte erste Forschungsergebnisse seines Promotionsprojekts zur spanischen Fremdenlegion (1920–1939). Trotz ihrer unbestrittenen Bedeutung liegen bislang kaum Arbeiten zu den internen Strukturen und Mechanismen der spanischen Fremdenlegion vor. Girgsdies untersuchte woher die Legionäre kamen, was sie als Gruppe einte und wie sich ihr Alltag gestaltete, und verwies auf den Faktor der hohen Arbeitslosigkeit, der viele spanische wie internationale Söldner motivierte, sich der Legion anzuschließen. Neben diesen mikrogeschichtlichen Zugriffen wurde auch die Chance, Männlichkeitsideale innerhalb der heterogenen Legionärsgruppe zu beleuchten, aufgezeigt.

KATHARINA SEIBERT (Leipzig / Wien) wandte sich der medizinischen Versorgung an der Nordfront (Asturien) des spanischen Bürgerkriegs 1936/37 zu. Sie skizzierte das komplexe Spannungsverhältnis zwischen dem Berufsethos des medizinischen Personals des Sanitätsdienstes und der Arbeit der Polit-Kommissare auf Seiten der Republik. Ihren Fokus richtete die Historikerin auf die interne Kommunikation zwischen den Kommissaren. Sie zeigte, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Medizinischen Personal und den Kommissaren ein konstanter Aushandlungsprozess war. Dabei wurde deutlich, dass der Kriegsverlauf die politische Arbeit an der Nordfront ebenso wie die Krankenversorgung und die Arbeitsrealitäten aller beteiligten Akteur/innen dominierte.

Im dritten Vortrag dieses Panels befasste sich ANDREA ACLE-KREYSING (Leipzig) mit der deutschen und mexikanischen Rezeption des Spanischen Bürgerkrieges in den 1930er- und 1940er-Jahren. Die globale Bedeutung des Spanischen Bürgerkriegs machte diesen zu einem verbindenden Element zwischen der deutschsprachigen und der spanisch-sprechenden Linken. In Mexiko sollte der Bezug auf den Bürgerkrieg durch europäische, vor allem aber deutschsprachige, Exilant/innen zum Teil der Radikalisierung der heimischen Politik dienen, um an die Mexikanische Revolution (1910–1917) anzuknüpfen. Letztlich zeigte Acle-Kreysing, dass der Spanische Bürgerkrieg durch vielfältige Bezüge, die dem kritischen Blick nur teilweise standhalten, zum antifaschistischen Symbol stilisiert wurde.

Im folgenden Panel machte der Workshop einen zeitlichen Sprung: ANNA DELIUS (Berlin) präsentierte die Ergebnisse ihres diachronen Vergleichs spanischer und polnischer Arbeitsrechtsdiskurse aus dem späten Franquismus der 1960er-Jahre und dem Staatssozialismus der 1970er-Jahre. In beiden Fällen wurden die Zeitschriften der jeweiligen Arbeiter/innenbewegungen zu Medien der Kritik an der staatlichen Arbeitsrechtspolitik. Dabei verschränkten die Aktivist/innen sowohl in Spanien als auch in Polen ihre Forderungen nach Arbeiter/innenrechten mit allgemeinen Demokratisierungs- und Menschenrechtsdiskursen, wie Delius hervorstrich.

Ebenfalls mit Bezug auf die Arbeiter/innenbewegung schlug FLORIAN MUSIL (Kassel) in seinem Beitrag vor, die Transición „von unten“ zu betrachten: Am Beispiel Barcelonas arbeitete Musil den Beitrag der „Zivilgesellschaft“ im Ringen um die Demokratie heraus. Die vielfältigen ideologischen Einflüsse (Marxismus, Katalanismus und Katholizismus) seien an dieser Stelle von zentraler Bedeutung, um das mobilisierende Potenzial zu fassen, das die Arbeiter/innenbewegung in Kataloniens Hauptstadt entfalten konnte, um einen markanten Beitrag zum Ende der Franco-Diktatur zu leisten.

Das vierte Panel stellte die spanische Erinnerungspraxis der letzten 20 Jahre und ihre Europa-Bezüge in den Mittelpunkt. LEOPOLDO DOMÍNGUEZ (Sevilla) fragte dabei nach den Einflüssen von Generationen- und Regimewechsel auf die spanische Erinnerungskultur und den Umgang mit der eigenen diktatorischen Vergangenheit. Die Generation der Enkel/innen, für die der Holocaust ein Erinnerungsparadigma darstellt, sei die treibende Kraft hinter der Neuverhandlung des spanischen Geschichtsbewusstseins. Die Exhumierungen der Massengräber seit 2001 und ihre erinnerungspolitische Deutung stellt somit eine geschichtspolitische Herausforderung dar, der sich Spanien im europäischen Kontext zu stellen hat.

Im Zuge Spaniens (Re-)Demokratisierung spielte unter anderem die Beseitigung symbolischer Überreste der Franco-Diktatur aus dem öffentlichen Raum eine wichtige Rolle. Am Beispiel von Straßennahmen, unter anderem in Valencia, zeigte TONI MORANT I ARIÑO (Valencia) wie lange diese Spuren des Franquismus im öffentlichen Raum fortbestehen konnten. Erst mit den Gesetzen zum historischen Gedächtnis (Ley de la Memoria Histórica) von 2007 und in einer nächsten Phase ab 2015 kam es zu Diskussionen und zur systematischen Umbenennung. Räumliche und regionale Unterschiede in der Umsetzung führte Morant vor allem auf kulturelle und politische Faktoren sowie auf das lokale Fortwirken franquistischer Machtkonstellationen bis in die Gegenwart zurück.

„Imagewechsel durch Modernisierung?“ war die Leitfrage des abschließenden Panels, in dem es um die Suche Franco-Spaniens nach seinem Platz in der europäischen Familie ging. ANNA CATHARINA HOFMANN (Berlin) analysierte den Segundo Franquismo in einer globalen Perspektive. Sie brach durch einen Vergleich die Sonderwegserzählung auf und zeigte, dass die Strategie durch Modernisierungsversprechen politische Legitimität abzusichern, auch von den lateinamerikanischen und asiatischen Diktaturen der 1950er- bis 1970er- Jahre angewandt wurde (Brasilien, Chile, Südkorea). Hofmann wies auf Parallelen zwischen den Entwicklungsvorstellungen westeuropäischer Staaten und Spaniens hin und fand Gemeinsamkeiten in den diskursiven Strategien beispielweise zwischen Spanien und der DDR.

JOSÉ LUIS AGUILAR LÓPEZ-BARAJAS (Jena) widmete sich anschließend der Instrumentalisierung des Tourismus innerhalb Spaniens, welche vor allem ab den 1950er-Jahren forciert wurde, um westeuropäischen Standards zu entsprechen. Der Aufbau einer „Freizeitgesellschaft“, in der auch den Spanier/innen selbst mehr Reise- und Unterhaltungsmöglichkeiten geboten werden sollten, stand sowohl mit technokratischen als auch mit falangistischen Zielsetzungen im Einklang und sollte nicht zuletzt Spaniens Europäizität und Modernität unter Beweis stellen.

Im letzten Vortrag wandte sich JULIAN RIECK (Berlin) der franquistischen Selbstbildkonstruktion und dem Nation-Building seit den 1950er-Jahren zu. Der überdurchschnittliche Erfolg der Fußballmannschaft Real Madrid auf europäischer Ebene bot für Spanien eine Chance, sich jenseits von Politik und Wirtschaft in Szene zu setzen und durch sportliche Überlegenheit mit Rückständigkeitsnarrativen zu brechen. Dabei gelang es dem Verein mit dem Bau seines Stadions Santiago Bernabéu auch global eine Vorbildrolle einzunehmen.

In einer abschließenden Diskussionsrunde kamen schlussendlich alle Teilnehmer/innen des Workshops nochmals zu Wort, um Ihre Eindrücke und Anregungen mit dem Plenum zu teilen. Die Arbeit der Organisatorinnen wurde in hohen Tönen gelobt und der Wunsch nach einer Verstetigung dieses Formats wurde ebenfalls mehrfach geäußert. Dass neben den Panelist/innen auch zahlreiche Interessent/innen im Publikum am Workshop teilnahmen, bereicherte nicht nur die Diskussionen. Es zeigt auch, dass die Initiative der zeithistorischen Spanienforschung eine Plattform zur gemeinsamen Vertiefung aktueller Forschungsansätze zu bieten, über die Fachgrenzen hinaus großen Anklang fand. In einer kollegialen Atmosphäre, die konstruktive Diskussionen ermöglichte, trafen Forscher/innen aus Österreich, Deutschland und Spanien an der Universität Wien zusammen. Die Perspektiven auf die spanische und gesamteuropäische Zeitgeschichte, die in den Vorträgen präsentiert wurden, waren somit vielfältig, wodurch ein differenzierter und durchaus anregender Austausch zwischen den Teilnehmer/innen zustande kam.

Konferenzübersicht:

Linda Erker (Wien) / Katharina Seibert (Leipzig / Wien): Begrüßung

Standortbestimmungen

Till Kössler (Halle-Wittenberg): Historische Spanienforschung im deutschsprachigen Raum

Claudia Kraft (Wien): Verortung einer Semiperipherie. Spanien als Teil einer transnationalen Zeitgeschichtsforschung

Von der huerta auf den Tisch: Re-Spatializing Produktionsprozesse seit der Transición
Moderation: Claudia Kraft (Wien)

Alexander Behr (Wien): Alle Räder stehen still ...? Ausbeutung und Widerstand im industriellen Gemüsebau in Südspanien und die Herausforderung transnationaler gewerkschaftlicher Organisierung und Solidarität

Andreas Jünger (München): Lebenswege, Konsumgewohnheiten und Europäisierung – transnationale Verflechtungen des andalusischen Öko-Sektors

Keynote

Xosé M. Núñez Seixas (Santiago de Compostela): Die „Weltgeschichte Spaniens“ im Kontext der südeuropäischen Mode der Weltgeschichten: Was ist neu daran?

Mikrogeschichte(n) von Ideologie am Prüfstand
Moderation: Xosé M. Núñez Seixas (Santiago de Compostela)

Jannis Girgsdies (Berlin): Unter Bräutigamen des Todes? Eine Sozial- und Alltagsgeschichte der spanischen Fremdenlegion, 1920–1939

Katharina Seibert (Leipzig / Wien): Kommunistische Ideale und medizinischer Ethos. Polit-Kommissare im Sanitätsdienst an der Nordfront des spanischen Bürgerkriegs

Andrea Acle-Kreysing (Leipzig): Spanien als antifaschistisches Symbol in den 1930er und 1940er Jahren. Perspektiven aus Deutschland und Mexiko

Durchbruch der Demokratie. Oppositionsgeschichte schreiben
Moderation: Kathrin Raminger (Wien)

Anna Delius (Berlin): Links, katholisch, engagiert. Demokratische Oppositionen und ihr Einsatz für Arbeitsrechte im spätfranquistischen Spanien und in der Volksrepublik Polen in den 1960er und 1970er Jahren

Florian Musil (Kassel): Ein demokratischerer Blick auf die spanische Demokratisierung

Wieviel Europa steckt in Spaniens Erinnerungspraxis?
Moderation: Linda Erker (Wien)

Leopoldo Domínguez (Sevilla): Topographien der Abwesenheit. Spaniens Massengräber und Memory Boom im europäischen und globalen Kontext

Toni Morant i Ariño (Valencia): Straßen(namen) einer Demokratie? Spaniens Aufarbeitung der Franco-Diktatur am Beispiel ihrer symbolischen Überreste im öffentlichen Raum

Imagewechsel durch Modernisierung? Spanien auf der Suche nach einem Platz in der europäischen Familie
Moderation: Till Kössler (Halle-Wittenberg)

Anna Catharina Hofmann (Berlin): Das Ende des Sonderwegs. Vergleichende Perspektiven auf den Segundo Franquismo (1950er bis 1970er Jahre)

José Luis Aguilar López-Barajas (Jena): Der Westen am Horizont? Die Konzeption von Freizeit und Tourismus im zweiten Franquismus, 1959–1975

Julian Rieck (Berlin): Die spanische Nation mit dem Ball konstruieren? Nation-Building und alternative Außenpolitik mit dem Fußball während der Franco-Diktatur

Diskussion und Zusammenfassung
Linda Erker (Wien) / Katharina Seibert (Leipzig / Wien)

Zitation
Tagungsbericht: Re-Spatializing Spain. Spanische Zeitgeschichte global und transnational, 19.09.2019 – 21.09.2019 Wien, in: H-Soz-Kult, 20.12.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8574>.