Digitales Edieren in der Klassischen Philologie

Ort
München
Veranstalter
Fachinformationsdienst Altertumswissenschaften der Bayerischen Staatsbibliothek; Bayerische Akademie der Wissenschaften
Datum
25.09.2019 - 27.09.2019
Von
Philipp Weiß, Fachinformationsdienst Altertumswissenschaften - Propylaeum, Bayerische Staatsbibliothek München

Fünfzehn Vorträge mit eingehenden Diskussionen gaben ein Panorama der aktuellen Entwicklung in den Digital Classics. Editionsarbeit, heute nach wie vor ein Kernbereich klassisch-philologischer Grundlagenforschung, ist in Zeiten digitaler Forschungs- und Publikationsumgebungen einem tiefgreifenden Wandel unterlegen, der nicht nur die wissenschaftliche Praxis verändert, sondern auch neue Herausforderungen an das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure stellt. Der internationale Workshop adressierte damit ein ebenso zentrales wie aktuelles Thema der altertumswissenschaftlichen Fachdiskussion und stieß auf erfreuliche Resonanz beim Publikum. Die Kernfrage der Veranstaltung war, welche Rolle die relevanten Akteure – WissenschaftlerInnen, Verlage, Bibliotheken, private und öffentliche IT-Dienstleister, etc. – bei der Planung und Durchführung von Editionsprojekten an Universitäten, Akademien und Forschungseinrichtungen in Zukunft einnehmen sollten, und wie das Zusammenspiel dieser Akteure zu organisieren ist. VertreterInnen aus Wissenschaft, Verlagswesen und öffentlichen Infrastruktureinrichtungen wurden eingeladen, um ihre jeweiligen Projekte, Perspektiven und Angebote vorzustellen.[1]

Die editionswissenschaftlichen Einzelprojekte, die von sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im ersten Teil der Veranstaltung vorgestellt wurden, zeigten exemplarisch unterschiedliche Formen und Strategien der Kooperation und Vernetzung auf.

CHRISTOPH WEILBACH (Leipzig) präsentierte ein derzeit im Antragsstadium befindliches Projekt am Historischen Seminar der Universität Leipzig (Reinhold Scholz), in dem 120 bislang unveröffentlichte Papyri und Ostraka aus Hermupolis Magna (2.–4. Jh. n. Chr.) ediert und im Open Access publiziert werden sollen. Geplant ist eine digitale Präsentation der edierten Texte, bei der die angezeigten Metainformationen (Materialität, Morphologie, Syntax, etc.) je nach Bedarf vom Rezipienten ausgewählt werden können. Digitale Möglichkeiten wie Transkription, graphische Hervorhebungen und Durchsuchbarkeit werden einbezogen. Die Textdaten werden im Sinne von Linked Open Data mit Lexika, Volltextdatenbanken, Kookkurrenzanalyse-Tools, Forschungsliteratur u. a. umfassend vernetzt.

MONICA BERTI (Leipzig) ergänzte diese papyrologische Perspektive mit ihrem epigraphischen Editionsprojekt Digital Marmor Parium, das im Kontext der Digital Fragmenta Historicorum Graecorum angesiedelt ist. Die hellenistische Chronik, nach 264/263 v. Chr. entstanden und in zwei Fragmenten erhalten, stellt besondere Herausforderungen an die Editoren. Berti ging insbesondere auf die Kodierung unterschiedlicher textlicher Informationen in EpiDoc/XML, auf die Vernetzung mit Open Data sowie auf Fragen der Datenzugänglichkeit und -infrastruktur ein.

JOHANN MARTIN THESZ (Würzburg) leitete über auf den „Normalfall“ antiker Textüberlieferung in Handschriften. Im Rahmen eines an der Universität Würzburg angesiedelten DFG-Projekts zur Kommentierung von Prokops Geheimgeschichte ist auch eine Edition in synoptischer Darstellung dieses für die spätantike Historiographie zentralen Werks geplant. Thesz stellte eingehend die literarischen Charakteristika von Prokops Geheimgeschichte dar und zeigte die Perspektiven auf, die eine digitale Präsentation für die geplante Neukonstitution des Textes, den Kommentar sowie die Übersetzung haben könnte.

Eine für Editoren besonders herausfordernde Textgattung sind Scholien, Glossen und Kommentare. UTA HEIL (Wien) führte in die editorische Problematik der Gattung Katenenkommentar ein. Die Repräsentation der komplexen Anordnung und Verweisstruktur der Texte in den Überlieferungsträgern wird durch das digitale Medium wesentlich erleichtert, wie sie anhand ihrer Entwürfe für die Präsentationsoberfläche der in Arbeit befindlichen Edition anschaulich machen konnte.

Ein weiteres Projekt aus dem Bereich der Patristik stellte ANNETTE VON STOCKHAUSEN (Berlin) vor. Das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betreute Arbeitsvorhaben ist mit 50 Predigttexten aus der Zeit um 400 n. Chr. befasst, deren Entstehung und Überlieferung durch zahlreiche Zwischenstufen, Überarbeitungen und Wiederverwendungen überaus komplex ist. Von Stockhausen ging im Einzelnen auf die Erfassung der Überlieferungsträger, ihre Transkription und Kollation sowie auf die konkrete Ausarbeitung des edierten, annotierten und übersetzten Textes ein. Auf besonderes Interesse stießen dabei die Ausführungen zu dem von ihr ausgearbeiteten TEI-Schema sowie zur künftigen Einbindung in das Patristic Text Archive.

Mit zwei Vorträgen zu byzantinistischen Editionsprojekten schloss dieser erste Hauptteil. MICHAEL GRÜNBART (Münster) stellte ein Projekt vor, das komplementär zu den Epistularum Graecarum Initia (Hildesheim/New York 2019) einen Beitrag zur Erschließung und Analyse der umfangreichen Briefsammlungen aus byzantinischer Zeit auf Einzeltextebene leisten soll und über 100.000 Einzeldatensätze verfügbar machen wird. Das Projekt berücksichtigt die zeitgenössischen Ordnungssysteme, die diesen Korpora zugrundeliegen, und stellt damit einen Ausgangspunkt für die Rekonstruktion antiker Briefsammlungen dar. Zu den Herausforderungen bei der Umsetzung zählen die Vernetzung zu anderen Briefprojekten sowie die Einbindung von Normdatenbeständen.

RAIMONDO TOCCI (Komotini) hat sich in seiner Forschung intensiv mit der byzantinischen Chronikliteratur befasst und rückte dieses Thema ins Zentrum seines Beitrags. Problematisiert wurde insbesondere die Frage der Medialität von Print- und Digitaleditionen am Beispiel der Synopsis Chronike des Theodoros Skutariotes. Anhand dieses in seiner überlieferten Gestalt offenen und instabilen Textes konnte Tocci exemplarisch aufzeigen, welche editorischen Implikationen die verschiedenen Veröffentlichungsformen haben und wie sinnvoll eine hybride Präsentation der Forschungsergebnisse gegebenenfalls sein kann.

Im zweiten Hauptteil der Veranstaltung gaben zwei Verlage sowie ein privater IT-Service-Dienstleister Einblick in ihr Dienstleistungsangebot in den Bereichen Edition und Publikation.

ARLETTE NEUMANN (Basel) stellte aus dem Portfolio des Schwabe-Verlags u. a. das Corpus Augustinianum Gissense vor, das in Zusammenarbeit mit dem Würzburger Zentrum für Augustinus-Forschung bereitgestellt wird. Die webbasierte Datenbank ist über eine kostenpflichtige Lizenz verfügbar und bietet alle überlieferten lateinischen Schriften, Predigten und Briefe des Kirchenvaters. In der Diskussion wurde deutlich, dass etablierte Verlage in Zeiten von Open Science neue Geschäftsmodelle und Arbeitsfelder suchen müssen, um weiterhin eine Rolle im wissenschaftlichen Publikationswesen zu spielen.

PAUL DE JONGH (Turnhout) stellte ebenfalls die neuen Herausforderungen für wissenschaftliche Verlage ins Zentrum. Brepols Publishers verfügt über hohes Renommee und lange Erfahrung bei der Publikation wissenschaftlicher Editionen, wie er am Beispiel des Corpus Christianorum deutlich machte. Gerade hier zeige sich aber, wie kostenintensiv die editorische Betreuung von Editionen für Verlagshäuser ist. Vorstöße in Richtung Open Access unternimmt der Verlag derzeit beim Projekt Clavis Clavium, das lizenzfrei im Open Access zur Nutzung zur Verfügung stehen wird. De Jongh wies an diesem Beispiel die Finanzierungsproblematik im Kontext öffentlicher Forschungsförderung und kommerzieller Publikationsdienstleister auf.

Mit OLIVER GASPERLIN (Tübingen) brachte ein Vertreter eines privaten IT-Dienstleisters – im Bereich der Digital Humanities nach wie vor ein Sonderfall – seine Perspektive in die Diskussion ein. Die Firma pagina Publikationstechnologien bietet abseits der etablierten informationstechnologischen Strukturen an öffentlichen Einrichtungen einen kommerziellen Service zur Forschungsunterstützung an. Eine Marktlücke sieht Gasperlin für seine Produkte insbesondere deshalb, weil die konventionelle Einbindung von institutioneller IT-Expertise im zeitlich begrenzten Projektkontext oftmals mit Kapazitätsproblemen verbunden ist. Kommerzielle Anbieter könnten hier eine auch finanziell konkurrenzfähige und professionelle Alternative bieten.

ECKHART ARNOLD (München) stellte aus der Perspektive einer öffentlichen Forschungseinrichtung u. a. die Notwendigkeit von Veränderungen im wissenschaftlichen Publikationswesen heraus. Gerade bei Editionen müsse in Zukunft auf tragfähige Finanzierungsmodelle für die Publikation öffentlich finanzierter Forschungsergebnisse gesetzt werden.

Die von Stefan Müller moderierte Paneldiskussion der Verlagsvertreter zeigte noch einmal die unterschiedlichen Ansprüche von Wissenschaft, Forschungsförderern und Verlagen im Bereich von Open Access auf. Bemerkenswert war, dass auch von Seiten der Wissenschaft der Gedanke des freien Zugangs zu Forschungsergebnissen z. T. kontrovers diskutiert wurde.

Im dritten Teil der Veranstaltung kamen die Vertreter öffentlicher Einrichtungen zu Wort. In diesem Bereich haben sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Angebote zur Forschungsunterstützung etabliert, die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch rege angenommen und kooperativ weiterentwickelt werden.

Im Kontext der papyrologischen und epigraphischen Projektvorstellungen hatte THEODOR COSTEA (Berlin) das Serviceangebot ediarium.EPIGRAPHY schon am ersten Veranstaltungstag präsentiert. Eingebettet in die TELOTA-Initiative arbeiten die EntwicklerInnen derzeit an einer digitalen Arbeits- und Publikationsumgebung auch für den Bereich der Epigraphik.

STEFAN HAGEL (Wien) gab Einblicke in aktuelle und geplante Weiterentwicklungen des von ihm betreuten Classical Text Editor, einem seit 1997 etablierten Tool für gedruckte und digitale Editionen griechischer und lateinischer Texte.

TORSTEN SCHASSAN (Wolfenbüttel) beleuchtete den Stellenwert von IT-Dienstleistern bei der Planung und Umsetzung digitaler Editionsprojekte aus der Perspektive einer Forschungsbibliothek, die schon seit vielen Jahren über entsprechende Erfahrung verfügt. Er plädierte dafür, die Services von IT-Einrichtungen als integrales Element bei der Projektplanung von Beginn an zu berücksichtigen – z. B. in Fragen der Kodierung und Langzeitsicherung von Daten – und das Zusammenwirken dieser beiden Akteure hin zu einem gleichberechtigten Miteinander weiterzuentwickeln.

In den drei letzten Beiträgen wurde die bibliothekarische Perspektive auf den digitalen Editionsprozess von Mitarbeiterinnen aus der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek vertieft. Einleitend stellte KERSTIN HAJDÚ ihr in Planung befindliches Editionsprojekt zum Cod. graec. 208 vor. CAROLIN SCHREIBER gab einen Überblick über den Projektstand zum neuen Handschriftenportal, das in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Identifikation und Bereitstellung von editorisch relevanten Überlieferungsträgern spielen wird. CLAUDIA FABIAN ging abschließend auf die Rolle von Bibliotheken als Vermittlerinnen kultureller Überlieferung ein und zeigte insbesondere das Potenzial auf, das Bibliotheken mit ihren Kompetenzen in den Bereichen Bestandsvermittlung und Langzeitarchivierung in digitale Editionsprojekte einbringen können.

Die Vorträge und Diskussionen haben gezeigt, dass die etablierten wissenschaftlichen Praktiken bei digitalen Editionsprojekten neu überdacht werden müssen. Die Potenziale, die sich aus der Zusammenarbeit mit privaten und öffentlichen IT-Serviceprovidern ergeben, werden in Projektanträgen bislang nicht immer ausreichend berücksichtigt. Besonders notwendig erschien den TagungsteilnehmerInnen die frühzeitige Erarbeitung einer IT-Strategie, die als technische Komponente von Beginn an bei den inhaltlichen Fragestellungen mitbedacht werden muss. Die Beratungsangebote von Bibliotheken und Rechenzentren bieten dafür einen guten Ausgangspunkt. Für die Publikation der Forschungsergebnisse und ihrer Forschungsdaten hat sich die Angebotslandschaft bei öffentlichen und kommerziellen Anbietern mittlerweile ausdifferenziert. Ebenso wie bei der Technik erscheint es für Editoren hier angezeigt, frühzeitig Informationen über die verschiedenen Veröffentlichungsmodi einzuholen und passende Formate zu wählen.

Konferenzübersicht:

Dorothea Sommer (München): Grußwort

Philipp Weiß, Janina Sieber, Eckhart Arnold (München): Einführung

Christoph Weilbach (Universität Leipzig): Digitale Edition von Papyri und Ostraka aus den Sammlungen in Halle, Jena und Leipzig

Monica Berti (Universität Leipzig): The Digital Marmor Parium: Materiality of Ancient Greek Fragmentary Historiography

Theodor Costea (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin): ediarum.EPIGRAPHY

Johann Martin Thesz (Universität Würzburg): Die Kriege Prokops in synoptischer Darstellung

Uta Heil (Institut für Kirchengeschichte, Christliche Archäologie und Kirchliche Kunst an der Universität Wien): Digital Critical Edition of the Expositiones in Psalmos of (Ps)Athanasius of Alexandria

Annette von Stockhausen (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin): Digitale Edition der Homilien Severians von Gabala

Michael Grünbart (Institut für Byzantinistik der Universität Münster): Census Epistularum Graecarum – Die Erfassung und Analyse der griechischen Briefüberlieferung in den Handschriften vom 8. bis 18. Jahrhundert

Raimondo Tocci (Democritus University of Thrace in Komotini): Wie sinnvoll sind Hybrideditionen byzantinischer Chroniken?

Arlette Neumann (Programmleiterin für den Bereich Altertumswissenschaften beim Schwabe-Verlag, Basel): Perspektive Schwabe Verlag

Paul De Jongh (Brepols Publishers, Turnhout): Perspektive Brepols Verlag

Oliver Gasperlin (pagina Publikationstechnologien, Tübingen): Perspektive pagina Publikationstechnologien

Eckhart Arnold (Bayerische Akademie der Wissenschaften, München): Old Jobs – New Challenges. Producing, Providing and Sustaining Digital Scientific Literature

Paneldiskussion der Verlage
Moderation: Stefan Müller (Bayerische Akademie der Wissenschaften, München)

Stefan Hagel (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien): Perspektive Classical Text Editor

Torsten Schaßan (Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel): „Mehr als ein Dienstleister“: Die Rolle der Digital Humanities und der Infrastruktur für den Erfolg einer digitalen Edition

Claudia Fabian, Kerstin Hajdú, Carolin Schreiber (Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek, München): Das Handschriftenportal und seine Rolle für Editionsprojekte und Digital Humanities

Anmerkung:
[1] Die Ergebnisse des Workshops werden auf www.propylaeum.de publiziert. Einige InteressentInnen haben sich in einer informellen Arbeitsgruppe organisiert, um künftig Fragen der Standardisierung und Vernetzung gemeinsam zu besprechen (Kontakt: arnold@badw.de).

Zitation
Tagungsbericht: Digitales Edieren in der Klassischen Philologie, 25.09.2019 – 27.09.2019 München, in: H-Soz-Kult, 06.01.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8576>.