Views and constructions of global numbers. Workshop on the history and sociology of colonial and international statistics

Ort
Berlin
Veranstalter
Léa Renard, Centre Marc Bloch, Berlin; Theresa Wobbe, Universität Potsdam
Datum
07.10.2019 - 08.10.2019
Von
Léa Renard, Centre Marc Bloch, Berlin; Theresa Wobbe, Universität Potsdam

Lange Zeit hat die Geschichte und Soziologie der Statistik vor allem die Konstruktion des Nationalstaats und die nationale Bezugsebene in den Vordergrund gestellt. Die Global- und Weltgeschichte öffnet wiederum die Perspektive auf die Verknüpfung von Nationalisierung, Regionalisierung, Globalisierung wie auch auf Kolonialismus, Imperialismus und Nationalismus. Beide Forschungsfelder werden erst in jüngster Zeit aufeinander bezogen. Hierbei bieten internationale und koloniale Statistiken ein interessantes, aber unterschätztes Forschungsfeld. An beiden Praktiken und Prinzipien lassen sich nämlich die Entstehungsbedingungen von Globalität in Verbindung mit universalistischen Ansprüchen erforschen. Hier setzte der Workshop an, der von der Verknüpfung und Differenz zwischen kolonialer und internationaler Statistik ausging, um nach ihren Klassifikations- und Vergleichsprinzipien zu fragen.

In diesem im Entstehen begriffenen Forschungsfeld stehen noch keine handlichen Instrumente oder erprobten Konzepte zur Verfügung. Die Veranstaltung, die vom Centre Marc Bloch und dem Institute for World Society (Bielefeld) finanziell unterstützt wurde, war daher als Arbeitstreffen von Forscherinnen und Forschern aus Geschichtswissenschaften und Soziologie konzipiert, die methodische Fragen, Materialsorten und theoretische Problemstellungen am empirischen Gegenstand miteinander austauschen sollten. Die Eingeladenen wurden gebeten, Quellen, Daten, Medien, methodische Fragen und Zugänge möglichst anhand laufender Forschungsprojekte vorzustellen. Es war ein erster Versuch, die Diskussion über das Ineinandergreifen, aber auch die Differenz von kolonialer und internationaler Statistik in Gang zu bringen.

Der Workshop war nach drei Themensträngen gegliedert. Das erste Panel beschäftigte sich mit den Grenzen imperialer Souveränität und der Begrenzung von Standardisierungsprozessen. BÉATRICE TOUCHELAY (Lille) zeigte, wie die drei Kolonialmächte Frankreich, Belgien und Großbritannien ihre imperiale Souveränität gegenüber der International Labour Organization (ILO) durchsetzten, so dass es dieser kaum gelang, Informationen über die in den Kolonialgebieten praktizierten Ausbeutungspraktiken zu erhalten. Die französische Regierung verbot den Kolonialverwaltungen auch explizit, direkt Informationen an die ILO zu schicken, und sie weigerte sich, überhaupt die Arbeiten der Bevölkerung in den Kolonialgebieten zu erheben. Touchelay warf daher die Frage auf, ob die französische Kolonialstatistik zu einem „desire not to know“ beitrug. Ähnlich wurden in der belgischen Statistik Standardisierungsversuche des Indexes für industrielle Produktion verhindert – durch die Geheimhaltungspolitik der Regierung ebenso wie durch den fehlenden Willen zur Erfassung lokaler außereuropäischer Arbeit und die Unfähigkeit, den auf Europa zugeschnittenen Messrahmen zu überschreiten.

MALAK LABIB (Berlin) stellte die Frage nach der Souveränität im Zusammenhang mit dem Aufstieg statistischen Wissens in der ägyptischen Statistik am Beispiel von zwei historischen Momenten: (1) der Wirtschaftskrise (1875), bei der neue Instrumente des staatlichen Accounting zur Anwendung kamen und auch die Bodenbesteuerung initiiert wurde; (2) der ersten zentralen statistischen Behörde Ägyptens (1905), die aus britischen, französischen und italienischen Mitarbeitern zusammengesetzt war, während lokale Mitarbeiter lediglich in den unteren Rängen beschäftigt wurden. Die soziale Wirklichkeit vor Ort ließ sich allerdings nicht in die vorgegebenen Beobachtungsschemata einpassen, zumal eine Vielfalt von Gesetzen und eine Multiplizität von Entscheidungen bei gleichzeitigem Fehlen eines politischen Feldes auffällig sind. Labib stellte die Frage in den Raum, wie die statistischen Praktiken angesichts dieser „mehrschichtigen Souveränität“ überhaupt als koloniale und/oder internationale bestimmt werden können. Als die International Economic Conference 1928 in Genf tagte und Ägypten im sechsten Jahr der Unabhängigkeit war, klagte die Regierung darüber, dass die kolonialen Unternehmen der Statistik keine Informationen zur Verfügung stellten.

Das zweite Panel fokussierte auf die Frage nach den Beobachtungsmustern der League of Nations (LoN) und der ILO während der Zwischenkriegszeit. MARTIN BEMMANN (Freiburg) diskutierte die Thematik unter dem Gesichtspunkt des Vergleichs zwischen internationalen Wirtschaftsstatistiken und der Beobachtung der Kolonien. Der Fokus lag auf dem Wandel der Präsentationsmuster wirtschaftsstatistischer Tabellen. Während Otto Hübners „Statistische Tafel aller Länder der Erde“ (1857) die politische Ordnung souveräner Staaten sichtbar machte, stellt Bemmann insbesondere seit 1914 eine Tendenz des Verschwindens politischer Informationen fest, als Staaten zu den wichtigsten Produzenten der Statistik wurden. Hierfür war die LoN entscheidend, die über 150 Länder berichtete, die Statistik 1923 noch durch eine Hierarchie mit Europa am Beginn der Tabelle, gefolgt von Amerika und Asien, ordnete, und 1926 zur Präsentation in alphabethischer Reihenfolge – unabhängig von der politischen Verfasstheit – überging. Die Produzenten von Wirtschaftsstatistiken machten keinen Unterschied mehr zwischen Kolonie und Metropole, und trotz der methodologischen Probleme versuchten sie, heterogene Wirtschaftszusammenhänge statistisch darzustellen. Die britische Regierung strebte dagegen die Erzeugung statistischer Standards in den Kolonialgebieten für Vergleiche innerhalb des Imperiums an.

YANN STRICKER (Luzern) diskutierte anhand seines Dissertationsprojekts die Entstehung der internationalen Migrationsstatistik. Auf der ILO-Konferenz zur internationalen Migration (1932), an der 26 Länder teilnahmen, wurde Migration wie selbstverständlich als eine statistische Kategorie zur Beschreibung eines „weltweiten“ Problems verwendet, während 1920 noch von „Emigration“ gesprochen worden war. Stricker unterstrich drei Paradoxien zwischen imperialen und internationalen Beobachtungsweisen. (1) Für die meisten ILO-Statistiker war eine Vergleichbarkeit der großen Vielfalt von Kategorien und Praktiken kaum denkbar. Trotz der internationalen Inkommensurabilität von „Migration“ veröffentlichten sie ihre Zahlen als ein „Weltwissen“ und bezeichneten die Statistik als „international“. Ist hier von einer „statistical fiction“ zu sprechen? (2) Die Migrationsstatistik wurde zwar in einem imperialen Kontext eingerichtet, doch das British Empire, dem dieses Unternehmen suspekt erschien, war darin nicht involviert. Aufgrund der Erfahrungen innerhalb des Empire waren die britischen Statistiker sich der Probleme einer internationalen Migrationsstatistik stärker bewusst. (3) Die ILO-Statistiker bildeten in Genf in einem imperialen Kontext nur eine kleine Gruppe mit ähnlichen internationalen Berufsbiographien und Mindset. Daher fragte Stricker, ob das internationale Wissen während der Zwischenkriegszeit sowohl in den „imperialen Geist“ eingebettet war als auch ein Bestandteil verschiedener damals entstehender internationaler Weltbilder war.

Das dritte Panel adressierte die postkoloniale Situation an der Schnittstelle von Statistik und Politik. GERARDO SERRA (Manchester) vertrat die Auffassung, dass der exklusive Blick auf Kategorien unser Verständnis für die wechselseitige Dynamik der Bevölkerungszählung und politischen Transformationsprozesse begrenzt. So fungierte der erste Zensus im unabhängigen Ghana 1960 als Katalysator für kollektive Praktiken und Imaginationen, die die Beziehung zwischen den statistischen Standards der UN, der politischen Ikonographie und einem autoritären Regime rekonfigurierte. Der Zensus von 1960 war gleichermaßen in die Modernisierungsvision des Präsidenten Kwame Nkrimah und die UN-Mission der Verbreitung globaler statistischer Standards eingebettet: er galt als erster „moderner Zensus Afrikas“, der alle UN-Vorgaben umfasste. Mit der auf Vorschlag der UN konzipierten „Census Education and Enlightment Campain“ (1959/60) wollte das politische Regime das Vertrauen der Bevölkerung in den Zensus gewinnen. Hierzu wurden Kinder als die effektivste Gruppe mobilisiert, die als „junge Pioniere“ ihre Eltern von der Notwendigkeit der Zählung für ein „modernes“ Ghana überzeugen sollten. Dieses Beispiel wirft unbequeme Fragen über den Zusammenhang zwischen dem Entwicklungsdiskurs internationaler Organisationen und diktatorischen Regimen in Verbindung mit der Herstellung des „modernen“ Nationalstaats auf.

MORTEN JERVEN (Ås) beschäftigte sich mit der Schnittstelle von Statistik, Datenmanagement und finanzpolitischen Aufgaben in einer internationalen Organisation. Im Mittelpunkt stand die Frage, inwieweit die Statistiker und Statistikerinnen des Internationalen Währungsfonds (IMF) die statistischen Daten afrikanischer Länder kennen und ihre Qualität einschätzen können. Der IMF sammelt selbst keine Daten und führt auch keine Vergleiche durch, zumal der Fonds keine statistischen Zeitreihen produziert; er benötigt vielmehr Informationen für Schätzungen, um Projektionen der Weltwirtschaft zu formulieren. Da der IMF das Mandat für die finanzpolitische Stabilität und Überwachung hat, muss er einerseits Vertrauen in die Finanzstabilität erreichen, zum anderen aber auch Probleme der Datenqualität offenlegen. Die Überprüfung der Länderangaben findet faktisch vor Ort in zwei oder drei Tagen statt, und zwar durch Besuche beim statistischen Amt, beim Finanzministerium, bei der Zentralbank und bei der Steuerbehörde.

Ausblick

Anders als die historische Weltgeschichts- und die soziologische Weltgesellschaftsforschung steckt die Beschäftigung mit kolonialen und internationalen Statistiken noch in ihren Anfängen. Der Workshop verdeutlichte, dass der Forschungsaustausch und die Bündelung von Fragen in dieser Phase gewinnbringend sind. Vier Stränge kristallisierten sich in der Diskussion heraus: (1) Weder die koloniale noch die internationale Statistik sind als starres und homogenes soziale Gebilde anzusehen. Vielmehr gilt es ihre Ordnungs- und Vergleichsprinzipien durch empirisch solide Studien zu erforschen, ohne dabei vorab Homogenität und Konsistenz vorauszusetzen. (2) Jede Statistik beruht auf einer eigenen Kategorienbildung mit jeweiligen sozialen Referenzfeldern bzw. funktionalen Definitionen. Inwiefern lassen sich z.B. in der Arbeits-, Bevölkerungs-, Finanz- und Wirtschaftsstatistik verschiedene Sachlogiken erkennen, die auch für die Präsentationsmuster relevant werden?
(3) Dies führt zur Frage nach Untersuchungsdesigns, die die technokratischen Praktiken, die universalistische Stilisierung und die Sprache der Objektivität in der internationalen Statistik nicht bereits als hinreichendes Indiz für Kommensurabilität auffassen. Stattdessen ließe sich präziser nach impliziten Bewertungen, räumlichen Imaginationen, alternativen Praktiken, Konflikten, lokalen Expertisen etc. und nach der Verknüpfung von kolonialer und postkolonialer Situation fragen.
(4) Schließlich könnte die Schnittstelle von statistischer Klassifikation und politischen Praktiken künftig stärker einbezogen werden. Hiermit wird auch an einen klassischen Zugriff in der Soziologie der Statistik (Desrosières 2014; Speich Chassé 2016) angeschlossen, durch den sich eine vergleichstheoretische Perspektive sinnvoll ergänzen lässt.
Vor diesem Hintergrund lassen sich forschungsleitende Fragen entwickeln, nämlich wie sich das Verhältnis von kolonialer und internationaler Statistik wissensgeschichtlich und -soziologisch verstehen lässt, welche Asymmetrien statistische Auswahlkriterien und Taxonomien enthalten, was wir daraus über das Weltwissen und die Erfahrung von Globalität lernen können, und schließlich inwiefern diese Statistiken auf strukturelle Brüche und Differenzierungsprozesse in der Weltgesellschaft verweisen. Die Teilnehmenden des Workshops (und auch diejenigen, die aus Zeitgründen nicht partizipieren konnten) möchten diese Fragen vertiefen, wozu ein weiteres Arbeitstreffen angedacht ist.

Konferenzübersicht:

Léa Renard (Berlin) und Theresa Wobbe (Potsdam): Einführung

Panel 1: Statistical principles and colonial practices of classification

Béatrice Touchelay (Lille): Colonial statistics and their limits in a trans-imperial context (France-Belgium-Great Britain and ILO)

Malak Labib (Berlin): By what standards? Contested sovereignty and the rise of statistical knowledge in Egypt (1875-1922)

Panel 2: Statistical world views of international organizations

Martin Bemmann (Freiburg): Was there a difference? The development of international economic statistics and the observation of colonies

Yann Stricker (Luzern): Three paradoxes of international migration statistics from a history of knowledge perspective

Panel 3: Technical knowledge and governing practices

Morten Jerven (Ås): Monitoring the world: IMF and the quality of statistics from low income countries

Gerardo Serra (Manchester): Hail the census night: Trust and political imagination in the 1960 population census of Ghana

Zitation
Tagungsbericht: Views and constructions of global numbers. Workshop on the history and sociology of colonial and international statistics, 07.10.2019 – 08.10.2019 Berlin, in: H-Soz-Kult, 22.01.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8604>.