Ort
Gotha
Veranstalter
Arbeitskreis „Materielle Kultur und Konsum in der Vormoderne“
Datum
07.11.2019 - 09.11.2019
Von
Claudia Ravazzolo / Gabi Schopf, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Seit 2016 bietet der Arbeitskreis „Materielle Kultur und Konsum in der Vormoderne“ ein interdisziplinäres Forum zur Diskussion aktueller Fragen der Geschichte materieller Kultur und der Konsumforschung. Ein besonderes Anliegen ist es, den Austausch zwischen universitärer Wissenschaft und Museen zu fördern. Daher fand die 4. Jahrestagung des Arbeitskreises in Jena und Gotha in Kooperation mit dem Museum Stiftung Schloss Friedenstein statt. Unter dem Titel „Dinge des Glaubens“ widmete sich die Tagung konfessions- und religionsübergreifend der Materialität religiöser Praktiken. Dem Anliegen des Arbeitskreises entsprechend startete die Tagung im Museum mit der Hinwendung zu den Dingen selbst. Bei einer Führung durch die Sammlung des Museums Stiftung Schloss Friedenstein, die aus der barocken Kunstkammer der Gothaer Herzöge hervorging, konnten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen einen Eindruck von der großen Vielfalt religiöser Objekte in der Vormoderne erhalten. Die Bandbreite reichte vom berühmten Gothaer Tafelalter, über außereuropäische Objekte wie japanische Hausaltäre, die als Kuriositäten Eingang in die Sammlung fanden und hybride Artefakte wie ein in Südostasien mit alttestamentarischen Szenen versehener Nautiluspokal bis hin zu kleinen Hausaltären aus verschiedenen Materialien und protestantischen Erinnerungsobjekten wie einem Stiefel Friedrichs I, den dieser bei der Niederlage in der Schlacht von Mühlberg an der Elbe 1547 trug.

In ihrem Abendvortrag „Schädel und Knochen in der Kontaktzone“ beschäftigte sich URTE KRASS (Bern) mit der Verehrung sterblicher Überreste und der Frage, was mit solchen Reliquien geschah, wenn Kulturen mit ähnlichen beziehungsweise unterschiedlichen Verehrungspraktiken aufeinandertrafen. Krass untersuchte hierzu Kulturkontakte im Zusammenhang mit katholischen Missionsbestrebungen in Indien und Mexiko und zeigte, dass sich Aushandlungsprozesse um Machtverhältnisse in der Ausgestaltung von Reliquiaren und in Praktiken der Reliquienverehrung nachvollziehen lassen. So kam es einerseits zu Zerstörungen nichtchristlicher Reliquien, wie dem von Buddhisten verehrten „Zahn Buddhas“, andererseits aber auch zur Einbindung und Umdeutung nichtchristlicher Kultobjekte in einen christlichen Kontext, wie das Beispiel eines aztekischen Kristallschädels als Teil einer Monstranz deutlich machte. Ebenso wurde, wie an einem Kopfreliquiar ohne Gesicht aus Indien zu erkennen war, auf in Europa übliche Gestaltungsformen von Reliquiaren verzichtet, um das Christentum deutlicher von den anderen vor Ort praktizierten Religionen abzugrenzen.

Die erste Sektion am Freitag in Jena stand unter dem Titel „Devotionalien: taktile Effekte & Mobilität“. JÖRG RICHTERS (Hannover) Beitrag war Objekten aus dem Wienhäuser Klosterfund von 1953 gewidmet, bei welchem Tausende kleine Gegenstände unter dem Holzboden des Chorgestühls entdeckt wurden. Dabei handelte es sich sowohl um sakrale als auch um profane Dinge, welche Zisterzienserinnen und später evangelische Stiftsdamen in dem 1320 gebauten Chorraum über die Jahrhunderte benutzt und verloren hatten. Am Beispiel der Abnutzungsspuren an drei religiösen Objekten, einem Rosenkranzanhänger, einer kleinen Heiligenstatue und einem Holzstäbchen in Kreuzform, machte Richter deutlich, welche Bedeutung dem körperlichen Erfassen und Berühren von Andachtsobjekten in der Devotionspraxis zukam.

In Form eines Werkstattberichtes präsentierte DANIEL RIMSEL (Regensburg) einige Stücke aus dem Bestand des 2016 aufgelösten Ursulinenklosters in Landshut. Das Kloster besaß neben zahlreichen weiteren Jerusalemdevotionalien mehrere Setzkästchen mit Steinen aus dem Heiligen Land, aufgelesen an den Orten der Passion Christi. Diese ermöglichten es den ortsgebundenen Nonnen, sich das Heilige Land über Objekte zu vergegenwärtigten und die Pilgerreise aus der Ferne nachzuvollziehen.

Mit einem „Athos zum Anfassen“ sowie anderen, von griechisch-orthodoxen Almosenfahrern bei ihren Reisen durch das Alte Reich mitgeführten Devotionalien befasste sich STEFANO SARACINO (Erfurt / München). Für die von ihren Klöstern mit dem Auftrag Spenden einzusammeln ausgeschickten orthodoxen Geistlichen erfüllten die ihnen mitgegeben Devotionalien, so Saracino, vor allem drei Funktionen. Sie dienten als konfessionelles Erkennungszeichen und damit der Legitimierung der Spendensammlung, wurden aber auch dazu genutzt, die Aufmerksamkeit potenzieller Spender zu gewinnen und deren Spendenbereitschaft zu erhöhen. Den reisenden Geistlichen ermöglichten die portablen Devotionalien aber auch die Ausübung liturgischer und frommer Praktiken unter Bedingungen extremer Mobilität.

Am Beispiel von aus dem Wachs der Osterkerze gegossenen Agnus Deii zeigte MINOU SCHARVEN (Amsterdam), dass die Bedeutung von religiösen Objekten nach dem Konzil von Trient rapide stieg. In ihrem Vortrag wurde deutlich, wie das nachtridentinische Papsttum die Produktion dieser Objekte monopolisierte und versuchte, ihre Zirkulation und Nutzung zu kontrollieren. Die enge Verbindung der religiösen Devotionalien mit dem Papst in Rom machte das Tragen von Agnus Deii im protestantischen England zu einem Politikum.

ALBERTO SAVIELLO (Berlin) fragte nach den Bedeutungen von „Opazität, Haptik und Wunderglaube im Umgang mit christlichen Elfenbeinskulpturen aus Asien“. Am Beispiel indischer Elfenbeinfiguren, die Jesus als schlafenden Hirtenknaben zeigen, untersuchte er das Verhältnis zwischen der Materialität eines Objektes und dessen ideellen Inhalt. Saviello plädierte unter dem Verweis auf das Konzept der Opazität dafür, die Bedeutung von Objekten nicht nur aus dem Sinn des Dargestellten, sondern auch aus den sinnlich erfahrbaren Eigenschaften des Materials herzuleiten.

In der zweiten Sektion stellte DANIEL GEHRT (Gotha) mehrere kleine Holztäfelchen vor, die Kurfürst Johann I. von Sachsen im frühen 16. Jahrhundert mit Predigttexten und Notizen beschrieben hatte. Die Entstehung dieser Objekte führte Gehrt auf die lutherische Glaubenspraxis zurück, die Predigten der Reformatoren mitzuschreiben und für die Nachwelt zu erhalten. In der Bibliothek der Ernestiner haben sich diese Gebrauchsobjekte erhalten, da sie einen Bedeutungswandel hin zu dynastischen Erinnerungsobjekten erlebten.

Mit dem Bedeutungswandel, welcher der Schweriner Schlosskirchenaltar über die Jahrhunderte erfahren hat, befasste sich GERO SEELIG (Schwerin). Der 1561 vom Mecklenburger Herzog Johann Albrecht I. in Auftrag gegebene Altar war jenem in der Schlosskapelle in Torgau nachempfunden, welche von Martin Luther 1544 eingeweiht worden war. Damit war der Altar in Schwerin ein sichtbares Bekenntnis zur Reformation und zu deren Umsetzung in Mecklenburg. Darin lag, so Seelig, wohl auch der Grund, dass für den Erhalt und die Musealisierung des Altars gesorgt wurde, als das Schloss und die Schlosskirche umgebaut und der Altar 1851 aus der Kirche entfernt wurde.

LUISA COSCARELLI-LARKIN (Mannheim) analysierte ein Porträt von Lucas Cranach d. Ä., das Christoph Ering im Jahr 1532 zeigt. Obwohl die Darstellung der Tradition der Lutherportäts folgt, liegt der Fokus des Bildes auf dem Rosenkranz, den Ering in den Händen hält. Dieser Widerspruch lässt sich laut Coscarelli-Larkin dadurch erklären, dass hier eine konfessionelle Neusemantisierung des vorkonfessionellen Rosenkranzes stattfand. Statt auf der Mutter Gottes liegt der Fokus der Darstellung nun auf Jesus Christus und der Heiligen Dreifaltigkeit. Dadurch funktionierte das ehemals katholische Objekt auch im frühen Luthertum weiter.

Die Porzellanfigurengruppe "Tod des Heiligen Franz Xaver" stand im Zentrum des Beitrags von SABRINA LEPS (Münster). Der sächsische Kurfürst und König von Polen August III. gab die sakrale Porzellanplastik 1737 in Meißen als Geschenk für seine Schwiegermutter in Auftrag. Bei der Umsetzung nutzte der Modelleur Johann Joachim Kaendler innovative Fertigungstechniken sowie die Möglichkeiten und qualitativen Eigenschaften des Porzellans, um eine Art dreidimensionales Historiengemälde zu erschaffen.

ANNE MARISS (Regensburg) zeigte in der dritten Sektion am Beispiel des illustrierten Schmuckinventars der Kaiserin Maria Anna von Spanien (1606–1646) die globale Verflechtung und reiche materielle Kultur der Frühen Neuzeit und der katholischen Spiritualität. Diese Aspekte kommen besonders in den im Inventar beschriebenen und gezeichneten Rosenkränzen zum Ausdruck, die aus exotischen Hölzern und wohlriechenden Essenzen wie Ambra gefertigt wurden. Gerade dem Wohlgeruch kam eine wichtige Bedeutung zu, da er mit dem Heiligen und der göttlichen Sphäre gleichgesetzt wurde.

Ebenfalls mit Inventaren, nämlich solchen von Bürgern aus dem bikonfessionellen Erfurt des 16. und 17. Jahrhunderts, befasste sich HANNAH GRATZ (Jena). Verschiedene Objekte, wie eine vergoldete Marienfigur, ein Taufbecher oder ein Rosenkranz, die sich im Inventar eines wohlhabenden protestantischen Bürgers fanden, machen deutlich, dass sich Gläubige, auch wenn sie die Konfession wechselten, nicht unbedingt von Devotionalien des alten Glaubens trennten. Andere Artefakte, wie etwa ein gefasster Wolfszahn, weisen darauf hin, dass man sich nicht nur von christlichen Devotionalien eine Schutz- oder Heilwirkung erhoffte, sondern auch von Praktiken und Dingen des Volks- oder „Aberglaubens“.

Abschließende zeichnete EVA DOLEZEL (Berlin) in der vierten Sektion die Objektbiografie und die Aneignungsgeschichte einer sámischen Schamanentrommel aus Lappland vom 18. bis ins 20. Jahrhundert nach. Von sámischen Schamanen ursprünglich in einem religiös-kultischen Kontext als Orakelinstrument benutzt, kam die Trommel um 1700 als Missionstrophäe und fürstliches Geschenk aus Schweden nach Berlin. Dort diente die Trommel erst als Staffage in der Kunstkammer, ehe sie im 19. Jahrhundert Teil einer ethnografischen Sammlung wurde. Dabei verlor sich das Wissen über die ursprüngliche Funktion der Trommel, welches erst wiederentdeckt wurde, als das Objekt in den 1930er Jahren zu einem Forschungsgegenstand wurde.

Insgesamt hat die Tagung das Potential der Forschungsfragen nach der Materialität vormoderner Religiosität deutlich gemacht und Historiker/innen, Kunsthistoriker/innen und Museumswissenschafler/innen in einen anregenden Dialog gebracht. Sie adressierte ein zentrales Desiderat der Erforschung der materiellen Kultur, die sich bislang meist mit dem Konsum und der Zirkulation von weltlichen Dingen beschäftigt hat, und widmete sich dem Wandel der materiellen Kultur durch Konfessionalisierungsprozesse und globale Vernetzung ebenso wie der Rolle von meist portablen Dingen in der religiösen Praxis.

Konferenzübersicht:

Keynote

Urte Krass (Bern): Schädel und Knochen in der Kontaktzone: Die Verehrung von sterblichen Überresten in globaler Perspektive

I. Devotionalien: taktile Effekte & Mobilität

Jörg Richter (Hannover): Nahe Bilder: Beobachtungen zum Umgang mit kleinformatigen Objekten anhand des Wienhäuser Klosterfundes

Daniel Rimsl (Regensburg): Ein Stück Passion für Zuhause: Jerusalem-Devotionalien

Stefano Saracino (Erfurt / München): Der Athos zum Anfassen: Mitgeführte Devotionalien von griechisch-orthodoxen Almosenfahrern im Alten Reich

Minou Schraven (Amsterdam): "The Pope’s Merchandise”: Blessed Beads, Medals, Crosses and Agni Dei. Creating and Controlling Demand for Indulgenced Portable Objects after Trent

Alberto Saviello (Berlin): Opazität, Haptik und Wunderglaube im Umgang mit christlichen Elfenbeinskulpturen aus Asien

II. Konfessionelle Identitäten: Konstruktion und (Inter-)Medialität

Daniel Gehrt (Gotha): Objects of Faith in Princely Libraries: Observations on Material Expressions of Piety in the Wake of the Reformation

Gero Seelig (Schwerin): Der Schweriner Schlosskirchenaltar, Bedeutungswandel einer lutherischen Reliquie

Sabrina Leps (Münster): Sakrale Porzellanplastik aus Meissen: Innovative Dinge des neuen alten Glaubens

III. Fromme Dinge: Inventarisieren & Visualisieren

Anne Mariss (Regensburg): Rosenkränze im illustrierten Schmuckinventar der Kaiserin Maria Anna von Spanien (1606–1646)

Hannah Gratz (Jena): Fromme Dinge Erfurter Bürgerfamilien im 16. und 17. Jahrhundert

IV. Fundstücke: Dekontextualisieren & Aneignen

Eva Dolezel (Berlin): Heiliges Objekt, Staffage, Forschungsgegenstand: Zu einer sámischen Schamanentrommel aus der Berliner Kunstkammer

Zitation
Tagungsbericht: Dinge des Glaubens, 07.11.2019 – 09.11.2019 Gotha, in: H-Soz-Kult, 17.02.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8611>.