Frauenstifte – Männerstifte. Handlungsspielräume und Lebensweisen im Südwesten

Ort
Weingarten
Veranstalter
Oliver Auge, Abteilung für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt Schleswig-Holstein, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Sigrid Hirbodian, Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften, Eberhard Karls Universität Tübingen; Petra Steymans-Kurz, Fachbereich Geschichte der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Datum
28.11.2019 - 30.11.2019
Von
Felicia Elisa Engelhard / Christoph Alex, Abteilung für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins in Mittelalter und Früher Neuzeit, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Schon auf den vorangegangenen Tagungen der Jahre 2000–2004 waren Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit den Stiftskirchen im deutschen Südwesten präsentiert worden. Bei diesem sechsten Symposium dieser Art sollten gezielt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Frauen- und Männerstiften näher beleuchtet werden. Die Konferenz bot einen Überblick über die südwestdeutsche Stiftslandschaft sowie Einblicke in die Macht- und Herrschaftsformen, Lebensweisen und architektonischen Phänomene der einzelnen Stiftskirchen und fragte nach den Übereinstimmungen beziehungsweise Alleinstellungsmerkmalen weiblicher und männlicher Stifte sowohl im Vergleich als auch innerhalb der eigenen Kategorie. Ein Höhepunkt der Veranstaltung war die Vorstellung des Handbuchs der Stiftskirchen in Baden-Württemberg[1] mit dem dazugehörigen Festvortrag.

In ihrer Begrüßung leitete SIGRID HIRBODIAN (Tübingen) in das Thema der Tagung ein und hob hervor, dass die Betrachtung von Frauenstiften und insbesondere deren Vergleich mit Männerstiften bisher ein Forschungsdesiderat darstellen und das Symposium deshalb viele neue Impulse setzen werde. Sie betonte, dass Frauenstifte lange eher durch die Erforschung von Einzelkirchen geprägt waren und das Phänomen weiblicher Stifte bisher kaum Gegenstand einer gezielten und umfangreichen Untersuchung gewesen sei. Darüber hinaus mangele es an einer Gegenüberstellung zu Männerstiften. Erst seit 2001 rücke das Thema immer weiter in den allgemeinen Fokus der Forschung, wozu die vorangegangenen Tagungen in Weingarten beigetragen hätten.

OLIVER AUGE (Kiel) griff im ersten thematischen Vortrag zunächst doch noch einmal die Männerstifte im Südwesten auf, die in der bisherigen Forschung den Hauptfokus einnahmen und auch im neuen Handbuch rund 80 Prozent der Beiträge für sich beanspruchen. Er betonte, dass die drei Gründungsphasen von Stiftskirchen, wie Peter Moraw sie vorgeschlagen hat, um drei weitere Etappen erweitert werden müssen, um bei den Gründungen genauer differenzieren zu können. Auch plädierte er für eine spezifischere Unterteilung der Stiftskirchentypen und schlug Reformstifte als neue Kategorie vor, da sie im deutschen Südwesten stark vertreten waren und als Ausdruck gesellschaftlichen Wandels zu betrachten seien.

AGNES SCHORMANN (Tübingen) zeigte in einem Überblick die unterschiedlichen Typen von Frauenstiften und deren Anzahl im deutschen Südwesten auf. Dabei widmete sie sich ausführlich den Prämonstratenserinnen, den Augustiner-Chorfrauen und auch den weltlichen Stiften, erläuterte diese an einzelnen Beispielen und zeichnete die Lage der Stifte in Baden-Württemberg nach. Neben den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Frauenstiftstypen, ihrer jeweiligen Organisation und ihrer Lebensformen ging sie übergreifend auf die Bedeutung der Frauenstifte für die Chorfrauen selbst sowie für die Region und die Möglichkeiten der ökonomischen Teilhabe ein. So war es den einzelnen Stiftsdamen beispielsweise in einem gewissen Rahmen möglich, selbst Handel zu betreiben.

Die Präsentation des Handbuchs der Stiftskirchen in Baden-Württemberg bot einen umfassenden Überblick über knapp 140 untersuchte Stiftskirchen im südwestdeutschen Raum. In Anwesenheit einiger der rund 80 beteiligten Autorinnen und Autoren gaben SIGRID HIRBODIAN und JÜRGEN WEIS (Ostfildern) einen kurzen Rückblick auf das langjährige und aufwendige Projekt, das nun seinen erfolgreichen Abschluss gefunden hat. Hirbodian hob noch einmal die Bedeutung des 2012 verstorbenen Landeshistorikers Sönke Lorenz hervor, auf dessen Initiative das gewichtige Werk entstand und dessen Wirken das Vorhaben bedeutend prägte.

Auch OLIVER AUGE stellte in seinem anschließenden Festvortrag noch einmal heraus, dass es bis zum Ende der 1990er-Jahre nur einzelne Forschungen über Stiftskirchen gegeben habe und dass sich dieses Sammelwerk von Anfang an das Ziel gesetzt habe, sich hiervon zu lösen, die Erkenntnisse zu bündeln und überregionale Vergleiche zu ermöglichen. Bedingt durch personelle Veränderungen habe das Vorhaben zwar 20 Jahre gebraucht, sei aber auf dem neusten Forschungsstand. Auch betonte Auge, dass das Handbuch nicht wie viele in der jüngsten Vergangenheit erschienene Klosterbücher mit der Reformation abschließe, sondern auch die Zeit danach und die damit einhergehenden Umwandlungen der Stiftskirchen berücksichtige. Abschießend drückte er die Hoffnung aus, das Handbuch möge künftig zu weiteren Forschungsfragen und Erkenntnissen anregen.

Den zweiten Sitzungstag eröffnete SIGRID HIRBODIAN mit ihrem Vortrag über den Vergleich von Stiftsdamen und -herren in der Ausübung von Macht und Herrschaft. So nahm ihr zufolge eine Stiftsherrin genau wie ihr männliches Pendant die Herrschaftsausübung in den stiftischen Territorien und Angelegenheiten wahr. Sie hatte die Gerichtsbarkeit inne, konnte Lehen vergeben und verteidigte ihre Herrschaftsprivilegien und Rechte gegen äußere Einflüsse, wie Hirbodian an verschiedenen Beispielen zeigen konnte. Auch in den Rechtsquellen ließen sich zur Wahrnehmung der stiftischen Grundherrin durch die Beherrschten keine Rückschlüsse auf eine andere Haltung im Vergleich mit männlichen Stiftsherren feststellen.

Auch TJARK WEGNER (Tübingen) verschrieb sich der Herrschaft und Macht der Stifte, indem er die institutionellen Beziehungen zwischen Stadt und Stift in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte. Am Beispiel des stiftischen Lebens in Ulm zeigte er, dass dessen Beziehungen zur städtischen Herrschaft sehr unterschiedliche Gestalt annehmen konnten. Diese Verhältnisse seien nicht immer konfliktfrei, sondern zum Teil gar gewaltsam gewesen, wie etwa die aus militärischen Gründen vollzogene Zerstörung des Wengenstifts im 14. Jahrhundert belege. Nach Wegner konnten die Verflechtungen zwischen Stadt und Stift jedoch auch sehr positiv ausfallen – wie beispielsweise bei der „Sammlung an der Frauenstraße“, einer stiftischen Frauengemeinschaft, die sich vollständig aus Ulmer Bürgerinnen zusammensetzte und durch ihre Familienverbindungen gute Kontakte in der Stadt unterhielt.

Einen besonders großen Themenblock bildeten die Vorträge, die sich im weitesten Sinne mit der Lebensweise in Stiften und ihrer Entwicklung beschäftigten. Den Anfang machte FREDERIEKE M. SCHNACK (Kiel), die anhand der unterschiedlichen Ausbreitungsmodi die charakteristische Verbreitung der Brüder und Schwestern vom gemeinsamen Leben nachzeichnete. Denn während die Damenstifte hauptsächlich im deutschen Nordwesten zu finden seien, habe Eberhard im Bart als Initiativgeber dafür gesorgt, dass die Brüder vom gemeinsamen Leben seinem Ruf folgten und die neuen Niederlassungen in Baden-Württemberg eine gewisse Sonderstellung erhielten. Wie entscheidend dieser Förderer für die Verbreitung der Brüder im Südwesten gewesen sei, zeige sich auch in seiner großzügigen Versorgung der Sammlungen mit Gütern und in dem Verzicht auf Herrschafts- und Repräsentationsansprüche zugunsten der neuen Gemeinschaften.

Anschließend stellte STEPHANIE HAARLÄNDER (München) die prämonstratensischen Doppelstifte als Spezialfall unter den Stiften vor, in denen Frauen und Männer, wenn auch räumlich getrennt, in nahe beieinander liegenden Gebäuden gelebt haben. Entscheidend daran sei, dass die Regelungen, die für diese Form des Zusammenlebens getroffen wurden, nicht vom Einzelstift, sondern vom Orden als straff zentralistischem Stiftsverband festgelegt worden seien und über die Stifte des Südwestens hinaus allgemeine Geltung gehabt hätten. Nach einer von Offenheit geprägten Anfangsphase hätten die Männer einen Aufnahmestopp oder wenigstens eine Separierung der Frauen in weiter entfernte Gebäude gewünscht, wie die Referentin an den Beispielen Adelberg, Marchtal und Weißenau zeigte.

Eine ganz andere Perspektive auf die Lebensweise und die Entwicklung der südwestdeutschen Frauenstifte nahm ANDREAS REHBERG (Rom) ein, indem er sich von der römischen Überlieferung ausgehend näherte. Zunächst stellte er ausführlich das Repertorium Germanicum und die damit verbundenen Recherchemöglichkeiten vor, ehe er anhand von zehn Damenstiften die römische Quellenlage aufzeigte. Zusammenfassend stellte Rehberg fest, dass die Ausbeute für die Stiftsdamen in Baden-Württemberg insgesamt überschaubar war und die genauen Verhältnisse in den Einzelstiften in Rom weitgehend unbekannte Größen dargestellt hätten. Deshalb von einer Entfremdung von der Papstkirche schon vor der Reformation zu sprechen, gehe jedoch zu weit, da Rom zwar weit weg, aber doch als kirchliche Ordnungsmacht präsent gewesen sei.

DIETMAR SCHIERSNER (Weingarten) verglich die Institutionen Damenstift und Domstift in der Frühen Neuzeit am Augsburger Beispiel. In einem Strukturvergleich beleuchtete er Verfassung, ökonomische Grundlagen, geistlichen Charakter und liturgische Aufgaben und insbesondere die Zusammensetzung der Gemeinschaften. Als Gemeinsamkeit stach die aristokratisch-ständische Prägung beider Institutionen hervor. Sie nahmen im Wesentlichen Söhne und Töchter derselben schwäbischen Ritterfamilien auf, die mit nur niederen Weihen das Stift wieder verlassen konnten, um eine Ehe einzugehen, wie Schiersner an drei Beispielen illustrierte. Beide Institutionen bewährten sich auf diese Weise für den Adel als ständische Einrichtungen innerhalb der Kirche dank ihrer Offenheit gegenüber der Welt, worin der Referent den wichtigsten Aspekt der Funktionsäquivalenz beider Institutionen sah.

Interdisziplinäre Impulse setzten die beiden letzten Vorträge zu Kunst und Architektur. MARIELUISE KLIEGEL (Weingarten) begab sich auf eine Spurensuche nach den Gewandformen in Frauen- und Männerstiften, da diese damals wie heute Rückschlüsse auf die Lebensform, das Selbstverständnis sowie die gesellschaftliche Verortung zulassen würden. Ausgehend von der Kostümkunde legte sie dar, wie der Bekleidung unterschiedliche Repräsentationseigenschaften sowohl als Ausdruck von Rang und Stand als auch als Schmuck zukommen können und worin die Motivation für in Kleiderordnungen geregelte, einheitliche Kleidung gegenüber der ständischen Garderobe lag. Kliegel sprach auch über die lange Geschichte der Tunika als Grundgewand, und obwohl sich kaum originale Textilien erhalten haben, gelang es ihr, sich anhand von Abbildungen und überlieferten Kleidungstraditionen den Gewändern der Stiftsdamen und -herren zu nähern.

Auf der Grundlage zahlreicher Beispiele stellten sich daraufhin VIVIEN BIENERT und KLAUS G. BEUCKERS (beide Kiel) in ihrem gemeinsamen Vortrag der Frage der architektonischen Besonderheit von Frauenkonventskirchen. Beuckers betonte, dass eine Differenzierung zwischen Damenstiften und Klöstern durch die Quellen nur schwer möglich sei, da die Lebensformen nicht klar zuzuordnen und vom Kontext und dem Selbstverständnis der Frauengemeinden abhängig seien. Da die Quellen in ihren Bezeichnungen der einzelnen Konvente zudem nicht einheitlich und über die Jahre auch häufige Wechsel und Umformungen der Klöster zu Stiften und wieder zurück erfolgt seien, sollten die Institutionen allgemein als Frauenkonventskirchen betrachtet werden. Aufgrund der großen architektonischen Unterschiede der Gebäude dürften die Frauenkonvente jedoch nicht generalisiert werden, sondern sollten durch Einzelforschung intensiv untersucht werden.

Die Tagung gab einen gewinnbringenden Überblick über die Stiftslandschaft im deutschen Südwesten sowie die Multiperspektivität ihrer Erforschung und verfolgte zeitlich einen „dreidimensionalen Ansatz“, wie Oliver Auge zusammenfassend bemerkte. Zum einen sind im Rahmen der Buchvorstellung alle langjährigen Beteiligten sowie die Autorinnen und Autoren zu nennen, die durch dieses Werk eine Brücke zwischen den vergangenen Tagungen und dem Beginn der Loslösung von der Einzelstiftsforschung hin zur aktuellen Tagung und zu der sammelnden und vergleichenden Betrachtung der Stiftsgemeinden schlugen. Darüber hinaus wurden durch die zahlreichen Vorträge über den aktuellen Forschungsstand viele neue Erkenntnisse, insbesondere über die Frauenkonvente, vorgestellt und angeregt diskutiert, was wiederum die Bedeutung der Thematik in der aktuellen wissenschaftlichen Debatte erkennen ließ. Gleichzeitig wurde mit Blick über alle Vorträge und Diskussionen hinweg deutlich, dass auch bei der sechsten Weingartener Stiftskirchentagung und nach dem erfolgreichen Abschluss des Handbuchs noch viele Fragen offenbleiben müssen und zahlreiche Ansätze für neue Projekte und Forschungsvorhaben bieten. Besonders der immer wieder angesprochene überregionale Vergleich der südwestdeutschen Stiftslandschaft mit anderen Teilen des Alten Reiches oder darüber hinaus innerhalb Mittel- und Westeuropas stellt noch ein großes Desiderat dar und gewährt genügend Raum für eine Weiterführung der Forschungsdiskussion. Ein Tagungsband ist vorgesehen, und die Veranstalter äußerten sich sehr positiv dahingehend, die bewährte Tradition der Stiftskirchentagungen fortzuführen.

Konferenzübersicht:

Sigrid Hirbodian (Tübingen): Begrüßung und Einführung

Sektion 1: Überblick über Forschungsfragen

Oliver Auge (Kiel): Residenzstift, Grenzstift, Universitätsstift. Eine typologische Annäherung an die Männerstifte im deutschen Südwesten

Agnes Schormann (Tübingen): Frauenstifte im deutschen Südwesten

Sektion 2: Buchpräsentation und Abendvortrag
Jürgen Weis (Ostfildern) / Sigrid Hirbodian (Tübingen) / Oliver Auge (Kiel): Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg. Übergabe und Präsentation

Oliver Auge (Kiel): „Was lange währt…“ Die Genese der südwestdeutschen Stiftslandschaft und das Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg

Sektion 3: Herrschaft und Macht

Sigrid Hirbodian (Tübingen): Weibliche Herrschaft – Männliche Herrschaft? Stiftsdamen und -herren im Vergleich

Tjark Wegner (Tübingen): Konkurrenz, Konflikte und Kooperation. Städtische Herrschaft und stiftisches Leben in der Stadt

Sektion 4: Lebensweise und Entwicklung

Frederieke M. Schnack (Kiel): Frauen im Norden, Männer im Süden? Die unterschiedliche geographische Verbreitung der Schwestern und Brüder vom gemeinsamen Leben

Stephanie Haarländer (München): Prämonstratensische Doppelstifte unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Südwestens

Andreas Rehberg (Rom): Südwestdeutsche Frauenstifte in römischer Überlieferung. Erste Beobachtungen

Dietmar Schiersner (Weingarten): Damenstifte und Domstifte – Stiftsdamen und Domherren. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Lebensformen in der Frühen Neuzeit

Sektion 5: Kunst und Architektur

Marieluise Kliegel (Weingarten): Gebet, Arbeit und Repräsentation. Gewandformen in Frauen- und Männerstiften, eine Spurensuche

Vivien Bienert / Klaus Gereon Beuckers (beide Kiel): Frauenstifte – Männerstifte. Zur Frage architektonischer Spezifik von Frauenkonventskirchen im Früh- und Hochmittelalter

Oliver Auge (Kiel): Zusammenfassung und Abschluss

Anmerkung:
[1] Sönke Lorenz / Oliver Auge / Sigrid Hirbodian (Hrsg.), Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg, Ostfildern 2019.

Zitation
Tagungsbericht: Frauenstifte – Männerstifte. Handlungsspielräume und Lebensweisen im Südwesten, 28.11.2019 – 30.11.2019 Weingarten, in: H-Soz-Kult, 31.01.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8625>.