Die Frankfurter Paulskirche: Ort der deutschen Demokratie

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main; Hessische Landeszentrale für politische Bildung
Datum
30.09.2019 - 01.10.2019
Von
Kristina Matron, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Institut für Stadtgeschichte

Die Veranstalter des zweitägigen Symposions „Die Frankfurter Paulskirche: Ort der deutschen Demokratie“ hatten sich zum Ziel gesetzt, nicht nur aus historischer Perspektive die Baugeschichte der Paulskirche und die Bedeutung der Nationalversammlung 1848/49 zu diskutieren, sondern auch erinnerungskulturelle und denkmalpolitische Fragen in den neun Vorträgen zu erörtern. Die Tagung wandte sich an ein akademisches Publikum, an Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Studierende sowie stadtgeschichtlich Interessierte. Etwa 200 Zuhörerinnen und Zuhörer folgten der Einladung.

Das Symposion begleitete die Diskussion über die Zukunft der Paulskirche, die innerhalb und über die Grenzen der Stadt Frankfurt hinaus im Hinblick auf das 175jährige Jubiläum der Nationalversammlung im Jahr 2023 im Gange ist. So nahmen einzelne Beiträge beim Symposium explizit Bezug auf die aktuelle Debatte über die künftige Gestaltung sowie die erinnerungspolitische Verortung der Paulskirche, was von den Veranstaltern so gewollt war, wie Moderatorin FRANZISKA KIERMEIER (Frankfurt am Main) zu Beginn in ihrem Grußwort feststellte. Stadtrat BERND HEIDENREICH (Frankfurt am Main), der den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main vertrat, machte sich in seinem Grußwort für die behutsame Fortschreibung des Erscheinungsbildes der Nachkriegszeit stark und erteilte einer Wiederherstellung des Zustandes der Paulskirche vor 1945 eine Absage. Die Paulskirche solle nicht nur durch ein Demokratiezentrum ergänzt werden, sondern künftig auch einen offenen Raum zur Stärkung der Demokratie bilden, einen Raum für politische Streitkultur und politische Bildung ohne parteipolitische Inobhutnahme. ALEXANDER JEHN (Wiesbaden) betonte in seinem Grußwort, Kirchen seien bedeutende Symbole kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung, was insbesondere für die Paulskirche gelte, die neben ihrer Funktion eine so facettenreiche politische und gesellschaftliche Geschichte abbilde. Sie sei ein idealer Lern- und Gedenkort, an dem die Demokratie immer wieder neu erobert werden könne.

Die Kunsthistorikerin LUCIA SEIß (Frankfurt am Main) beleuchtete in ihrem Auftaktvortrag die über 40-jährige Baugeschichte der Paulskirche vor ihrer Eröffnung 1833. Ihre Gestaltung wandelte sich während dieser langen Bauphase mit den wechselnden Akteurinnen und Akteuren, Stadtbaumeistern und mehreren Bauunterbrechungen ständig. Sie stand im gestalterischen Spannungsfeld von Einflüssen des nordeuropäischen Barocks und französisch-italienischem Klassizismus und im politischen Spannungsfeld innerhalb des komplexen Geflechts städtischer Entscheidungsinstanzen. So entwickelte sich der Entwurf zum ungewöhnlichen ovalen Grundriss mit einer klaren und einfachen Formgebung. Ziel war die bewusste Abkehr von der katholischen Vergangenheit und Repräsentation des lutherischen Charakters der neuen Hauptkirche. Nach Auflösung der Nationalversammlung erfuhr die Paulskirche eine „Resakralisierung“, auch wenn sie weiter als politischer Versammlungsort genutzt wurde. Angebrachte Gedenktafeln zeigten und zeigen zugleich ihre Bedeutung als politisches Denkmal.

Im folgenden Vortrag stand die deutsche Nationalstaatsbewegung im Mittelpunkt. FRANK ENEGEHAUSEN (Heidelberg) ging der Frage nach, welche Erwartungen an die Nationalversammlung geknüpft wurden und welches Selbstverständnis die Versammlung und ihre sich bildenden Fraktionen über ihre Aufgabe im Frühsommer 1848 hatten. Sollte sie eine verfassungsgebende oder -vereinbarende Versammlung sein? Veränderten sich die Auffassungen schon im Laufe des Frühsommers 1848? Das Vorparlament dachte an eine verfassungsgebende Alleinkompetenz, ein Selbstverständnis, das von den sich bildenden Fraktionen der Linken und Liberalen 1848 zunächst geteilt wurde. Später jedoch wurde dieses Selbstverständnis von den Liberalen aufgegeben, die, so Engehausen, möglicherweise in der Anfangsphase der Revolution die politische Gesamtlage noch gravierend falsch eingeschätzt hatten.

Der Vortrag von GÜNTHER MICK (Frankfurt am Main) schloss sich inhaltlich an. Im beinahe reportageartigen Stil stellte er das Ringen der Nationalversammlung 1848 und 1849 den machtpolitischen Verschiebungen gegenüber und beschrieb fast auf die jeweiligen Tage genau die schwierigen Verhandlungen innerhalb der Paulskirche sowie die blutigen, konterrevolutionären Kämpfe außerhalb, sodass sich vor allem den Zuhörerinnen und Zuhörern, die noch nicht im Detail mit den Ereignissen vertraut waren, ein lebendiges Bild der Geschehnisse auftat. Die Schilderung sprengte jedoch damit den vorgegebenen Zeitrahmen deutlich und eine theoretische Einordnung fiel eher knapp aus. Mick schloss sich dem Zitat des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss an, der die Paulskirche als „Herberge deutscher Hoffnungen und Schaubühne deutscher Tragik“ bezeichnete und machte die „Macht der Realitäten“ aus, die auch zum Scheitern der zu hoch gesteckten Ziele der Nationalversammlung geführt hätten.

DIETER HEIN (Frankfurt am Main) untersuchte die Nachwirkungen der Nationalversammlung und ihrer Beschlüsse. Er würdigte die verabschiedete Verfassung als revolutionärer, linker und demokratischer, als es von der Zusammensetzung der Versammlung zu erwarten gewesen sei. Das Werk der Revolution könne jedoch nicht nur mit dieser Verfassung gleichgesetzt werden, die nie verabschiedet, also gescheitert war. Die Revolution wirkte über das Scheitern hinaus mit der starken Politisierung in dieser Zeit, mit der Etablierung eines Presse- und Vereinswesens sowie eines Parlamentes als maßgebliche verfassungsgebende Kraft und als Gegenentwurf gegen den monarchistisch-bürokratischen Staat. Während der Bismarck’sche Staat ein Zwitterwesen aus Obrigkeitsstaat und modernisiertem Staat gewesen sei, konnte die Weimarer Republik stärker an die Verfassung anknüpfen, blieb aber dennoch auf Distanz zu den Grundrechten, auf die sich erst 1948/1949 in der Bundesrepublik Deutschland bezogen wurde, verbunden mit dem Streben nach Abgrenzung von der NS Zeit und als Versuch, aus dem Scheitern von Weimar zu lernen.

Zum Abschluss des ersten Tages erläuterten TILL FISCHER (Frankfurt am Main) und CHRISTIAN SETZEPFAND (Frankfurt am Main) die Baugeschichte der Paulskirche. Anhand der zahlreichen Gedenktafeln und Monumente visualisierten die Tourguides die heutige Bedeutung des Bauwerks als Gedenkort über die Nationalversammlung hinaus.

Auch am zweiten Tagungstag stand mit Nationskonzepten zunächst die Geschichte der Nationalversammlung von 1848/49 im Fokus. ANDREAS FAHRMEIR (Frankfurt am Main) fragte danach, für welches Gebiet die Konstitution gelten sollte. Die nationale Frage war für die Nationalversammlung normativer Kern ihres Projektes, gleichzeitig aber höchst problematisch, innerhalb der Versammlung umstritten und in steter struktureller Konkurrenz zu den Einzelstaaten. Die Nationsvorstellungen der Mehrheit der Abgeordneten enthielten Ambivalenzen, Unschärfen und Unbestimmtheiten, wie Fahrmeir ausführte. Er konzentrierte sich in seinem Vortrag auf Abgeordnete, die die Ränder des deutschen Bundes im Süden und Westen repräsentierten, und darauf, wie die Versammlung mit diesen Vertretern nationaler Minderheiten umging. In diesem Kontext zeigte er die Widersprüche der Nationskonzepte auf.

Anschließend leitete WALTER MÜHLHAUSEN (Heidelberg) mit seinem Beitrag den erinnerungskulturellen und denkmalpolitischen Teil des Symposions ein. Er analysierte die Frankfurter Gedenkfeiern an 1848 im Kaiserreich und während der Weimarer Republik. Im Kaiserreich erinnerte die Frankfurter Sozialdemokratie in Märzfeiern an den Barrikadenkampf vom März 1848, während die Liberalen in Maifeiern den Einzug des Parlaments feierten, verbunden nicht nur mit einer Würdigung, sondern auch mit einer Kritik am System des aktuellen Staates. Auch die Stadt Frankfurt feierte im Mai 1898 ohne staatliche Vertreterinnen und Vertreter. Im Vergleich zu den Feiern im Kaiserreich 1873 und 1898, die nur lokale Ereignisse waren, war die 75-Jahrfeier im Mai 1923 glanzvoll und wurde überlokal sowohl von der Stadt Frankfurt als auch von der Reichsregierung initiiert. Im Mittelpunkt des Programms stand Reichspräsident Friedrich Ebert, der an diesem Tag eine republikanische Begeisterung erlebt habe wie vorher und später nie wieder. 1848 wurde Bezugspunkt und Legitimation aus der Vergangenheit für die junge Republik.

THOMAS BAUER (Frankfurt am Main) stellte in seinem reich bebilderten Vortrag den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Paulskirche als zentrales Anliegen des damaligen Frankfurter Bürgermeisters Walter Kolb dar. Die Paulskirche stand in der Nachkriegsnot zunächst nicht auf der Dringlichkeitsliste für den Wiederaufbau, gerade noch rechtzeitig wurde jedoch ihr hoher Symbolwert für die neue Demokratie erkannt und der Wiederaufbau bis zur 100-Jahr-Feier 1948 geplant. Der Bau konnte als „Haus aller Deutschen“ mit Spenden aus ganz Deutschland, darunter auch Geldern der SED, verwirklicht werden. Auch die 100-Jahrfeier sollte mit den Staffelläufern, die sternförmig aus allen Teilen des Landes zur Paulskirche kamen, die Hoffnung auf eine geeinte Nation symbolisieren, die sich jedoch schon durch das Verbot des Staffellaufs durch die sowjetische Zone als trügerisch erwies. Die zeitgemäß schlichte Architektur der Architektengemeinschaft um Rudolf Schwarz, die keine Empore vorsah und die Schlichtheit und Monumentalität des Innenraums betonte, stieß bei Traditionalisten auf Ablehnung.

MICHAEL DREYER (Jena) machte sich für einen „demokratischen Patriotismus“ stark, der angesichts neuer Bedrohungen der Demokratie in Deutschland und der Welt Aufgabe des Staates sein müsse. Dieser müsse sich seiner positiven Wurzeln erinnern und Orte und Symbole der Demokratie unterhalten – darunter auch die Paulskirche, die zu einem solchen demokratischen Erinnerungsort mit entsprechender Öffentlichkeitswirkung erhoben werden müsse. Würde der Staat dieser Aufgabe nicht gerecht, würden Populisten diese Leerstelle füllen und sich die demokratische Erinnerungskultur aneignen, da sie sich selbst als die größten Demokraten gebärdeten. Hauptsächlich konzentrierte er sich jedoch inhaltlich auf das Haus der Weimarer Republik – Forum für Demokratie. GERHARD VINKEN (Bamberg) skizzierte in seinen Vortrag zunächst Befürchtungen, die angesichts der Pläne, die Paulskirche als nationalen Symbolort neu zu inszenieren, geweckt würden. Aus Denkmalschutzgründen komme eine Rekonstruktion nicht in Frage, denn der Schutz beziehe sich immer nur auf den Ist-Zustand eines Gebäudes, in diesem Fall auf den Nachkriegszustand. Trotz dieser Selbstverpflichtung der Denkmalschützer in der Charta von Venedig 1964 [1] habe es jedoch in den vergangenen Jahrzehnten eine ganze Reihe von Rekonstruktionen gegeben, die diesem Grundsatz zuwiderliefen. Mit vehementer Wortwahl führte Vinken diese aus seiner Sicht misslungenen Projekte vor, unter die er auch die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt zählte und für die er eine neue Sehnsucht nach Prunk und Pracht, die Ablehnung von Heterogenität und Widersprüchlichem, ja, eine „neue Dickfelligkeit“ als ursächlich ausmachte. Gegen eine Rückkehr zur alten Form der Paulskirche spreche nicht zuletzt, dass ihre letzte Schicht die bedeutendste sei, denn diese sei die Schicht, die die Erinnerung an die Kriegsschuld in sich trage. Trotz seiner Vehemenz wurden seine Ausführungen gegen eine Rekonstruktion der Vorkriegs-Paulskirche in der anschließenden Diskussion wenig in Frage gestellt.

Das sehr gut besuchte zweitägige Symposion zur Frankfurter Paulskirche eröffnete einen breiten und interdisziplinären Rahmen, in dem geschichtswissenschaftliche, kunsthistorische und denkmalpolitische Fragen umfassend behandelt wurden. Die Vorträge bewegten sich auf unterschiedlichem wissenschaftlichem Niveau und mussten mit der Herausforderung umgehen, dass das Publikum unterschiedliche Vorkenntnisse und Erfahrungen mit akademischem Austausch mitbrachte, sodass zum Ende des Symposions hin aus dem Publikum auch die manchmal schwere Verständlichkeit bemängelt wurde. Es ist das Verdienst der einzelnen Referentinnen und Referenten, der Moderatorin sowie der Konzeption des Symposions, dass die Publikumsbeteiligung dennoch in den Diskussionsrunden nach den Vorträgen jeweils hoch war. Insbesondere regte der Beitrag von Dreyer, der einen „politischen Patriotismus“ forderte, Publikumsbeiträge an. In der Diskussion wurde seine Forderung zwar nicht in Frage gestellt, jedoch angemerkt, dass bei einer Inszenierung der Paulskirche als demokratischer Erinnerungsort die undemokratischen sowie antisemitischen Züge der Nationalversammlung von 1848/49 nicht aus dem Blick zu verlieren seien.

Die lokalen Medien ordneten das Symposion in die Diskussion um die Neugestaltung bzw. Renovierung der Paulskirche ein, während das Publikum des Symposiums diese Frage nur am Rande diskutierte. Unterrepräsentiert blieben die Frauen – sowohl thematisch als auch unter den Referenten. Nur am Rande wurde erwähnt, dass sie zwar am Revolutionsgeschehen 1848 aktiv teilnahmen, nicht jedoch als Abgeordnete in der Nationalversammlung – noch sah die Verfassungsgebung 1848/49 Wahlrecht für diese Hälfte der Bevölkerung vor.

Konferenzübersicht:

Franziska Kiermeier (Frankfurt am Main) / Bernd Heidenreich (Frankfurt am Main) / Alexander Jehn (Wiebaden): Begrüßung

Lucia Seiß (Frankfurt am Main): Kirche und Parlament. Die Bau- und Nutzungsgeschichte der Paulskirche bis 1944

Frank Engehausen (Heidelberg): Das Selbstverständnis der deutschen Nationalstaatsbewegung im Frühjahr 1848

Günter Mick (Frankfurt am Main): Das Ringen um Einigkeit und Recht und Freiheit

Dieter Hein (Frankfurt am Main): Das Werk der Paulskirche: Scheitern und Nachwirken

Till Fischer (Frankfurt am Main) / Christian Setzepfandt (Frankfurt am Main ): Die Paulskirche – Stadtgang zum Gedenkort der deutschen Demokratie

Andreas Fahrmeir (Frankfurt am Main): Eine Verfassung – aber für wen? Nationskonzepte innerhalb und außerhalb der Paulskirche

Walter Mühlhausen (Heidelberg): Erinnerung und Tradition – Die Frankfurter Gedenkfeiern an 1848 in Kaiserreich und Republik

Thomas Bauer (Frankfurt am Main): „Das Haus aller Deutschen“: Der Wiederaufbau der Paulskirche als Signal

Michael Dreyer (Jena): Demokratische Kirchen und Schlösser? Demokratieorte in Deutschland

Gerhard Vinken (Bamberg): Denkmal-Politik zwischen Prunksucht, Reinigungsphantasien und Geschichts-Revisionismus. Anmerkungen zu jüngeren Denkmal-Projekten in Deutschland

Anmerkung:
[1] International Charter for the Conservation and Restoration of Monuments and Sites (THE VENICE CHARTER 1964) https://www.icomos.org/charters/venice_e.pdf (21.10.2019).

Zitation
Tagungsbericht: Die Frankfurter Paulskirche: Ort der deutschen Demokratie, 30.09.2019 – 01.10.2019 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 05.02.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8628>.