Die revolutionären Umbrüche in Europa 1989/91: Deutungen und Repräsentationen. 18. Internationales Symposium der Stiftung Ettersberg

Ort
Weimar
Veranstalter
Stiftung Ettersberg, Weimar; BMBF-Verbund „Diktaturerfahrung und Transformation“; Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt
Datum
01.11.2019 - 02.11.2019
Von
Jenny Price, University of Warwick / Friedrich-Schiller-Universität Jena

Unweit des Platzes der Demokratie in Weimar, wo dreißig Jahre zuvor, im Herbst 1989, die Dienstagsdemonstrationen begonnen hatten, trafen Anfang November 2019 HistorikerInnen, GermanistInnen, SoziologInnen und JournalistInnen zusammen, um über aktuelle Darstellungen der bewegten Zeit zu diskutieren. Dass es beim 18. Internationalen Symposium persönlich und auch kontrovers werden würde, war anhand der interdisziplinären Ausrichtung des Symposiums und des Bezugs zur Gegenwart zu erwarten und somit ganz im Sinne des Jubiläums der Friedlichen Revolution in der DDR.

Oder doch nicht? Denn genau um diese wechselhaften Darstellungen und Deutungen der Geschichte von 1989/1991 ging es in den Debatten. Welche Begriffe, Bilder und Bedeutungen werden in der Wissenschaft, in der Öffentlichkeit und im Privaten mit den Umbrüchen verbunden und wie unterscheiden sich diese voneinander? Wie werden sie von verschiedenen Akteuren eingesetzt, und wozu? Welche Einsichten liefert der erweiterte Blick in andere osteuropäische Länder, und wie werden die unterschiedlichen Entwicklungen in den jeweiligen Kulturen präsentiert und erinnert? Wie gehen wir damit um, dass diese Erinnerungsnarrative von politischen Akteuren aufgegriffen und umgedeutet werden? Und wozu dient letztendlich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Themen?

In seinem Eröffnungsvortrag stieg JÖRG GANZENMÜLLER (Weimar/Jena) gleich in die Methodik der Veranstaltung ein, indem er sich mit dem Titel der Veranstaltung auseinandersetzte. Ist hier tatsächlich von einer Revolution zu sprechen, hat man einen Umbruch oder eher einen Zusammenbruch erlebt, und wem gehört eigentlich diese sogenannte Revolution? Fragen, von denen man dächte, sie seien längst schon beantwortet oder sogar überflüssig geworden. Dennoch lohnt sich, wie er zeigte, der erneute Blick darauf spätestens seit vergangenem Sommer, weil uns diese Fragen und Begriffe in Zeitungsdebatten und in der Wahlwerbung in Sachsen und Thüringen immer wieder begegneten. Vor allem der Wendebegriff, der von der Wissenschaft weitgehend abgelehnt wurde, aber im allgemeinen Sprachgebrauch weiterhin Verwendung findet, wurde jüngst in der politischen Debatte wieder aufgegriffen. Doch Deutungskämpfe und „geschichtspolitische Instrumentalisierung“ seien keine deutsche Eigenheit, sondern fänden im gesamten östlichen Europa statt. Aufgabe der Wissenschaft und des Symposiums sei es, nicht nur die Ereignisse von damals in den Blick zu nehmen, sondern auf deren Deutungen in den vergangenen dreißig Jahren einzugehen.

Denn „auch Worte werden zu Ereignissen, wenn sie zur Geltung kommen“, erklärte RALPH JESSEN (Köln) in seiner historiographischen und linguistischen Analyse der zentralen Begriffe rund um 1989. Die Elastizität des Wendebegriffs, der sich gut mit anderen Wörtern kombinieren lasse und somit viele Facetten dieser Zeit verbinde, mache ihn zu einem „meist neutral verstandenen Omnibegriff“, der bei den Enquete-Kommissionen „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ und „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit", der Stiftung Aufarbeitung und auch in der Tagesschau häufiger benutzt werde als der sonst bevorzugte Revolutionsbegriff. Der Wendebegriff spiegele also die heterogenen Erfahrungen dieser Zeit wider. Doch die Ungenauigkeit und Uneinheitlichkeit der Erzählungen zum Herbst 1989 seien auch Gründe, weswegen diese Zeit für populistische Zwecke instrumentalisiert werde. Der Revolutionsbegriff habe laut Jessen nicht dieselbe Tragweite, da die Revolution mit dem Mauerfall ihren Höhepunkt und mit der Wiedervereinigung ihr Ende fand. Dennoch plädierte er dafür, den Revolutionsbegriff zu erweitern und auf die lange Geschichte von 1989 zu beziehen.

Viele Begriffe wandeln sich im Laufe der Zeit oder lassen sich nachträglich mit Bedeutung aufladen und umdeuten, so zum Beispiel der strittige Begriff des Volkes, der heutzutage als Schlüsselwort für die Straßendemonstrationen verstanden wird und jüngst auch von der Klimaaktivistin Greta Thunberg aufgegriffen wurde. Mit seinem Vortrag zum Anfang der Sektion „Visualisierungen der Umbrüche 1989/91“ zeigte AXEL DOSSMANN (Jena) anhand einiger weniger bekannter Fotos, wie schwer zu greifen dieses „Volk“ tatsächlich ist. Die Bilder der Straßenproteste verdeckten nämlich oft die Vielfalt der Protestierenden; das Volk als Ganzes sei daher unsichtbar. Doch die Wahl und Verwendung der Fotos ermögliche es, sich selbst in Szene zu setzen. Eine Bildanalyse zeige also auf, wie diese Zeit inszeniert, gedeutet und letztendlich von den Beteiligten selbst konstruiert werde. Ausgewählte Fotos fließen dann direkt in die multimediale Erinnerungskultur ein, wie PETRA MAYRHOFER (Wien) mit Bildern der Runden Tische in Polen, der Tschechoslowakei und der DDR zeigte. Der Runde Tisch in Polen sei als einziger in die Erinnerungskultur übernommen worden, während Fotografien der „kantigen“ Tische in den anderen Ländern, trotz deren Bedeutung für den politischen Prozess, visuell nicht angekommen seien. Andere Male wurden Fotos komplett umgedeutet – so zum Beispiel das eindrucksvolle Foto einer Warteschlange von MARTINA BALEVA (Innsbruck). Schlange stehen im Alltag sei keine Seltenheit gewesen, nur entstand das Bild zu einer Zeit, in der es erstmals möglich war, Warteschlangen zu fotografieren. Dazu zeige es nicht, wie oftmals gedeutet, die Mangelwirtschaft im Sozialismus, sondern eine Wartschlange für Milch Anfang der 90er-Jahre und widerspreche damit dem verbreiteten Narrativ vom neugewonnenen Wohlstand. Genau wie die Begriffe des Herbstes 1989 lassen auch die Bilder der Revolutionen die unterschiedlichsten Interpretationen zu.

Die zweite Sektion zu zeitgenössischen Deutungen war einer der Höhepunkte der Veranstaltung. Eingeladen waren PASCALE HUGHES (Berlin) ehemalige Korrespondentin der Tageszeitung Libération, und RICHARD SWARTZ (Wien), ehemaliger Osteuropa-Korrespondent des Svenska Dagbladet, die die journalistische Perspektive auf den Herbst 1989 erläutern sollten. Immer wieder wurden sie gebeten, den Herbst zu deuten, zu analysieren oder sogar zu erklären, und immer wieder wiesen sie darauf hin, dass sie als Journalisten eine Beobachterrolle innehatten und aufgrund der Geschwindigkeit der Ereignisse damals nicht in der Lage waren, lange nachzudenken. „Im Herbst 1989 befand ich mich im Chaos“, erklärte Swartz. „Geschichte wurde geschrieben, aber nicht von uns Journalisten.“ Mit Witz und Erzählkunst beschrieben Hughes und Swartz, wie es dazu kam, dass letztendlich weder der eine noch die andere vom Mauerfall in Berlin berichten konnte: Swartz hatte von der Pressekonferenz mit Schabowski wenig erwartet und war kurz nach Stockholm geflogen, und die Drucker in Frankreich waren ausgerechnet am 9. November 1989 in den Streik getreten! Doch aus ihren Erzählungen wurden sowohl die einzigartige Dynamik des Herbstes 1989 als auch die alltägliche journalistische Praxis in Umbruchszeiten und die damit verbundenen Schwierigkeiten und Handlungsspielräume deutlich. Somit vermittelten sie dem Publikum indirekt auch den hohen Quellenwert von Zeitzeugenerzählungen in der Wissenschaft. Nicht zuletzt drückten beide aus heutiger Perspektive ihre Sorge um die fragile demokratische Ordnung in Europa und vor allem in Deutschland aus, wobei Swartz den Umbruch 1989/91 nicht als Ruf nach Demokratie, sondern als Fortsetzung verschiedener nationalistischer Projekte deutete.

Diese Gedanken prägten auch den zweiten Tag des Symposiums, an dem verschiedene nationalistische Geschichtsdeutungen dekonstruiert wurden, aber die Meinungen, wie damit umzugehen sei, dennoch auseinandergingen. In der dritten Sektion zu Repräsentationen und Erinnerungsorten zeigte EKATERINA MAKHOTINA (Bonn), wie der Systemwechsel Anfang der 90er-Jahre auch in Litauen mit nationaler Unabhängigkeit zusammenhing und somit als nationale Wiedergeburt gedeutet wurde. Die Opfer des „Blutsonntags“ in Vilnius am 31. Januar 1991 wurden zu Märtyrern gemacht und als „Verteidiger der Freiheit“ erinnert. DANIEL LOGEMANN (Weimar) beschrieb am Beispiel des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig die romantisierende Nationalgeschichtsschreibung in Polen und zeigte, wie Gründungsmythen nicht hinterfragt und Narrative überschrieben oder umgedeutet werden. Passend dazu hatte RAINETTE LANGE (Potsdam) einen Vergleich der Wende-Erfahrungsnarrative in der jüngeren ostdeutschen und tschechischen Literatur präsentiert, der auf Gemeinsamkeiten in literarischen wie erinnerungsgeschichtlichen Darstellungen der Zeit aufmerksam machte. Auch hier seien Raumkonnotationen aussagekräftig und daher als wichtiges Element von Geschichtsschreibung wahrzunehmen.

Der Analyse von Geschichtsnarrativen widmeten sich auch ANNA LUX (Freiburg) und ALEXANDER LEISTNER (Leipzig) in ihrem gemeinsamen Vortrag zu Um- und Neudeutungen der Friedlichen Revolution und kehrten somit in der letzten Sektion zum Ausgangspunkt des Symposiums zurück. In Deutschland sei sowohl eine konservatorische wie auch eine aktualisierende Bezugnahme zum Jahr 1989 zu verzeichnen, wobei letztere das Jahr 1989 nicht als abgeschlossenen Erinnerungsort, sondern als hoch dynamisches Symbol zur Kritik an der Gegenwart nutze. Wie wechselhaft die Deutungen der Umbrüche um 1989 sein können, zeigte MARTIN JUNG (Jena) in seinem Vortrag zur filmischen Darstellung des Umbruchs und den aktuellen Entwicklungen in Rumänien. Dort werde die Revolution als solche nicht nur in Frage gestellt, sondern inzwischen auch als Desinformationskampagne zur Machtübernahme und gewalttätiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit strafrechtlich untersucht. In dieser Sektion zu aktuellen geschichtspolitischen Umdeutungen wurden der Bezug zur heutigen Politik und die Bedeutung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit 1989 stärker betont. Inwieweit dies lediglich der „Legitimierung des rechten Narrativs“ diene, fragte WŁODZIMIERZ BORODZIEJ (Warschau) in seinem Referat zum Systembruch in Polen; eine Frage, die zeigte, dass auch der Einfluss der Wissenschaft auf den Deutungsprozess nicht außer Acht gelassen werden sollte.

Dennoch ist unbestritten, dass es der Dekonstruktion von Geschichts- und Erinnerungsnarrativen bedarf, um Umdeutungen und Instrumentalisierungen entgegenzuwirken, denn das Festhalten an alten Erfolgsnarrativen hat längst an Wirksamkeit verloren. Auch zeigte das Symposium, dass die Erweiterung des Blicks durch umfassendere Quellen und über nationale Grenzen hinweg die Möglichkeit bietet, strukturelle Gemeinsamkeiten zu erkennen und somit eher auf die Praxis der Sinnstiftung einzugehen. Dies ist über die zwei Tage sehr gelungen, wie FRANZ-JOSEF SCHLICHTING (Erfurt) in seinem Schlusswort betonte. Indem unterschiedliche Quellen und Länder in Betracht gezogen wurden, war das Symposium in Weimar letztendlich eine gemeinsame Übung im Dekonstruieren sinnstiftender Narrative, die vor allem durch die interdisziplinäre Ausrichtung ermöglicht wurde. Das Symposium im kommenden Jahr wird inhaltlich anschließen und sich mit der Transformation und den frühen 90er-Jahren befassen.

Konferenzübersicht:

Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller (Weimar/Jena): Eröffnung

Prof. Dr. Ralph Jessen (Köln): Revolution – Eine begriffsgeschichtliche Annäherung an 1989/91 in europäischer Perspektive

Sektion I: Visualisierungen der Umbrüche 1989/91

Dr. Axel Doßmann (Jena): Wer soll das Volk gewesen sein? 1989 als Geschichte fotopublizistischer Interpretationen

Dr. Petra Mayrhofer (Wien): Bilder vom Runden Tisch – Visualisierungen von Systemtransformationen im europäischen Vergleich

Prof. Dr. Martina Baleva (Innsbruck): Menschen in der Reihe. Ein visueller Topos der bulgarischen Wende

Sektion II: Zeitgenössische Deutungen: Journalistische Perspektiven im Herbst 1989

Pascale Hugues (Berlin), 1989-1995 Korrespondentin der Tageszeitung Libération in Berlin und Richard Swartz (Wien), 1972-2009 Osteuropa-Korrespondent für das Svenska Dagbladet
Moderation: Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller (Weimar/Jena)

Sektion III: Repräsentationen und Erinnerungsorte: Deutungen der Umbrüche seit den 1990er-Jahren

Rainette Lange (Potsdam): Reflexionen des gesellschaftlichen Umbruchs von 1989/90 in den Texten jüngerer deutscher und tschechischer Autoren

Dr. Ekaterina Makhotina (Bonn): Erinnerungsorte der nationalen Unabhängigkeit von 1991 in Litauen

Dr. Daniel Logemann (Weimar): Das Europäische Solidarność-Zentrum in Danzig. Wie zeigt man regionale Weltgeschichte?

Sektion IV: Vereinnahmung und Delegitimierung: Aktuelle geschichtspolitische Umdeutungen

Dr. Alexander Leistner (Leipzig) und Dr. Anna Lux (Freiburg): Um- und Neudeutungen der Friedlichen Revolution

Prof. Dr. Włodzimierz Borodziej (Warschau): Die „gestohlene Revolution“ – Die Delegitimierung des Systemumbruchs in Polen

Dr. Martin Jung (Jena): Geschichtspolitische Deutungen zum Sturz der kommunistischen Diktatur in Rumänien 1989

Franz-Josef Schlichting (Erfurt): Schlusswort

Zitation
Tagungsbericht: Die revolutionären Umbrüche in Europa 1989/91: Deutungen und Repräsentationen. 18. Internationales Symposium der Stiftung Ettersberg, 01.11.2019 – 02.11.2019 Weimar, in: H-Soz-Kult, 07.02.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8636>.