Leonhard Christoph Sturm – zwischen Theorie und Praxis der Architektur im frühen 18. Jahrhundert

Ort
Berlin
Veranstalter
Professur für Denkmalkunde der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder; Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg; Research Center Sanssouci. Für Wissen und Gesellschaft (RECS), Potsdam
Datum
06.12.2019 - 06.12.2019
Von
Arvid Hansmann, Kunsthistoriker, Greifswald

Wenn man in der Welt des Absolutismus ein großes Bauprojekt umsetzen wollte, waren weniger die Grundlagen der funktionalen Raumaufteilung oder der Statik gefragt, mit denen ein Architekt unter Fachkollegen in einen Diskurs treten konnte. Vielmehr galt es, als ein Baukünstler aufzutreten, der durch die Präsentation seiner Entwürfe den jeweiligen Landesfürsten beeindrucken konnte.

Mit Leonhard Christoph Sturm (1669-1719) wurde vor 350 Jahren ein Mann geboren, der zeitlebens in der Spannung zwischen akademischer Theorie und praktischem Bauen stand. Um sein Leben und Schaffen historisch zu verorten, seine Bedeutung für nachfolgende Generationen zu beleuchten sowie ihn für die heutige Zeit greifbar zu machen, fand im ehemaligen Theaterbau des Berliner Schlosses Charlottenburg ein Fachkolloquium statt, das gleichzeitig als Auftaktveranstaltung für eine engere Zusammenarbeit der Veranstalter diente. So wurde das Kolloquium auch durch Grußworte von Christoph Martin Vogtherr (Berlin) und Julia von Blumenthal (Frankfurt an der Oder) eingeleitet.

In seinem Einführungsvortrag ging PAUL ZALEWSKI (Frankfurt an der Oder) zunächst auf die biographischen Hintergründe Leonhard Christoph Sturms ein. So war diesem eine akademische Laufbahn quasi in die Wiege gelegt worden, da bereits sein Vater Johann Christoph Sturm (1635-1703) als Professor für Mathematik und Physik an der einstigen Nürnbergischen Hochschule in Altdorf tätig war. Ebendort studierte Sturm Theologie, wobei seine 1688 erfolgte Abschlussarbeit als Magister Artium bereits seinen Interessenschwerpunkt in der mathematischen Erfassung architektonischer Formen artikulierte. Nach Lehraufträgen in Jena und Leipzig kam er 1694 an die Akademie Rudolph-Antoniana in Wolfenbüttel, wo er die Nachfolge des jung verstorbenen Johann Balthasar Lauterbach (1663-1694) als Dozent für Geometrie, Mathematik, Zivil- und Militärbaukunst antrat. Dessen Position als Landbaumeister und damit eine umfangreichere Architektentätigkeit wurde ihm jedoch nicht übertragen, was er, wie Zalewski es an einem Briefwechsel verdeutlichte, mehrfach gegenüber dem seinerzeit ebenfalls in Wolfenbüttel tätigen Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) beklagte. Mit der Bearbeitung und Herausgabe der Vollständigen Anweisung zu der Civil Bau-Kunst von Nicolaus Goldmann (1611-1665), den Sturms Vater persönlich in Leiden kennengelernt hatte, legte er 1696 sein theoretisches Hauptwerk vor, das seine nachfolgenden Schriften maßgeblich prägte. Sein akademisches Renommee führte ihn 1702 an die Brandenburgische Universität Frankfurt (Oder) und er wurde Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. Besonders hier litt er unter der Divergenz zwischen seinem theoretischen Anspruch und dem Mangel an Möglichkeiten, diesen auch an größeren Staatsaufträgen umzusetzen. Zalewski lies dies in dem Beispiel des Schadensgutachtens nach dem Einsturz des Berliner Münzturmes 1706 kulminieren: Sturm erzürnte sich über den (vermeintlichen) Dilettantismus Andreas Schlüters (um 1660-1714) und legte Alternativpläne vor. Dennoch musste er mit ansehen, wie der Bildhauer als „Künstlererscheinung“ mehr Eindruck auf den frisch gekrönten König in Preußen, Friedrich I., machte. Zumindest gelang es ihm jedoch, ebenfalls 1706, für den festlichen Einzug des Monarchen in Frankfurt (Oder) zwei Ehrenpforten in der antiken Tradition des Triumphbogens als temporäre Schauarchitektur zu errichten. Erst 1711 kam Sturm offiziell seinem angestrebten Ziel nahe, als er Baudirektor im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin wurde. Jedoch war ihm auch hier kein umfangreicheres praktisches Schaffen vergönnt, da sein Dienstherr Herzog Friedrich Wilhelm I. bereits 1713 verstarb. Sturms Wille zur Umsetzung eines repräsentativen Bauwerkes ging hier so weit, dass er das ab 1711 ausgebaute Neue Schloss in Neustadt-Glewe bis 1717 aus eigener Tasche fertigstellen ließ. Weiterhin als Theoretiker und Publizist tätig, bahnten sich erst 1719 neue Perspektiven an, als er, wiederum in Braunschweig-Wolfenbüttel, zum Baudirektor berufen wurde. Jedoch starb er bereits im Juni desselben Jahres.

Wie weit Leonhard Christoph Sturm mit seinem Schaffen in den internationalen Diskurs über architektonische Praxis und Ästhetik eingebunden war, machte der Kunsthistoriker AXEL CHRISTOPH GAMPP (Basel) in seinem Vortrag deutlich. Durch die Benutzervermerke in der Wolfenbütteler Bibliothek konnte er aufzeigen, wie oft Sturm vor allem französische, niederländische und italienische Werke entlieh. Über die Theorie hinaus machte Sturm sich aber auch auf mehreren Reisen mit konkreten Bauprojekten vertraut. Diese führten ihn nicht nur zu verschiedenen deutschen Fürstenhöfen und Städten, sondern unter anderem nach Frankreich.

Ein besonderes Reiseziel Sturms waren auch die Niederlande. Wie hier vor allem die von Sturm edierte Schrift Goldmanns zur Civil Bau-Kunst insbesondere die Fragen der Stadtplanung bestimmten, legte JEROME GOUDEAU (Nijmegen) dar. Dabei wurde jedoch wieder der idealistisch-theoretische Anspruch des Mathematikers deutlich, mit dem die einzelnen urbanen Quartiere in strenge, funktionale Raster unterteilt wurden. Sturms ingenieurtechnisches Interesse wurde durchaus durch lokale Beobachtungen beeinflusst. So resultierte aus seiner Reise in die Niederlande eine Studie zur Mühlen Bau-Kunst.

Wie essenziell das Zusammenspiel von funktionaler Planung und ingenieurtechnischer Leistung im speziellen Gebiet des Festungsbaus war, zeigte GRZEGORZ PODRUCZNY (Poznań). Nicht nur die Abwehr feindlicher Artillerie, sondern auch der effiziente Einsatz eigener Kanonen innerhalb des Verteidigungssystems aus Bastionen und Kasematten waren Gegenstände eines weiten zeitgenössischen Diskurses, in den sich Sturm einbrachte. Dabei wurde deutlich, dass die von ihm angedachten Prinzipien teils erst Jahrzehnte nach seinem Tod praktische Anwendung fanden, was die lange Geltung seiner Schriften in diesem Metier verdeutlichte.

Das Tätigkeitsfeld, in dem Sturm die meisten Spuren für die Nachwelt hinterließ bzw. selbige ihn in die Position eines Vordenkers stellt, ist der Kirchenbau. Diesem Thema widmete sich MEINRAD VON ENGELBERG (Darmstadt). Während Sturm einzig mit der Schweriner Schelfkirche (Neubau 1708 unter Jacob Reutz (gest. 1710) begonnen und von Sturm 1713 vollendet) einen größeren Sakralbau umsetzen konnte, avancierten seine Schriften Architectonisches Bedencken Von Protestantischer Kleinen Kirchen Figur und Einrichtung (1712) und Vollständige Anweisung, alle Arten von Kirchen wohl anzugeben (1718) nicht nur zu zeitgenössischen Bestsellern. Gerade sein Durchspielen verschiedenster geometrischer Formen bei der Grundrisslösung und der Positionierung von Altar, Kanzel, Orgel und Gestühl setzte Maßstäbe für die protestantische Kirchengestaltung. Auch wenn die primäre Urheberschaft nicht sicher geklärt ist, so vermutete von Engelberg, dass das Bauschema eines quergelagerten Saales mit einem Kanzelaltar und einer darüberliegenden Orgel in der Mitte der Längsseite, wie es paradigmatisch die einstige Potsdamer Garnisonkirche (errichtet 1730-1732) artikulierte und gerade in Preußen viele Neu- und Umbauten bis ins beginnende 19. Jahrhundert bestimmte, auf Sturm zurückgeht. Waren diese Pläne im Verlaufe des 19. Jahrhunderts durch die Begeisterung für die Neogotik und die weitgehende Umsetzung der im Eisenacher Regulativ (1861) geforderten liturgischen Trennung von Kanzel und Altar verpönt, so erlebten sie mit dem Wiesbadener Programm (1891) im evangelischen Kirchenbau eine gewisse Renaissance. Wie von Engelberg besonders herausstellte, orientierte sich Otto Bartning (1883-1959) in seiner für die Moderne folgenreichen Schrift Vom neuen Kirchbau (1919) explizit an Sturm, der beispielsweise mit der Einbindung verschiedener Funktionsräume in den Typus der Winkelhakenkirche das Konzept des Gemeindezentrums vorweggenommen hatte.

In einer lebhaften Abschlussdiskussion kreisten die meisten Anmerkungen um die zentrale Frage, ob sich Leonhard Christoph Sturm nun als akademisch-(natur-)wissenschaftlicher Gelehrter oder als praktischer Architekt verstand. In der damaligen Sozialhierarchie war ein Universitätsdozent dem handwerklich tätigen Baumeister übergeordnet. Durch die richtigen Aufträge konnte letzterer aber weitaus mehr Eindruck bei den Zeitgenossen hinterlassen. Mochte Sturm auch unter der mangelnden Zuweisung prestigeträchtiger Bauprojekte gelitten haben, so war er im engeren Zirkel seiner Fachkollegen hoch angesehen. Sein Schaffen blieb im kulturellen Gedächtnis bis ins digitale Zeitalter bewahrt. Erst heute ist es möglich, die Proportionen der antiken Säulenordnungen so exakt zu visualisieren, wie er sie bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert in abstrakten Zahlen berechnet hatte.

Konferenzübersicht:

Christoph Martin Vogtherr (Stiftung Preußischer Schlösser, Berlin): Grußwort

Julia von Blumenthal (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder): Grußwort

Paul Zalewski (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder): Einführung in das Tagungsthema

Axel Christoph Gampp (Universität Basel): Sturm und das stürmische Europa

Meinrad von Engelberg (Technische Universität Darmstadt). Sturm und die Theorie des Kirchenentwurfs

Grzegorz Podruczny (Adam-Mickiewicz-Universität Poznań): Sturm und die Militärarchitektur

Jerome Goudeau (Radboud Universiteit Nijmegen): Sturm and the Netherlands

Zitation
Tagungsbericht: Leonhard Christoph Sturm – zwischen Theorie und Praxis der Architektur im frühen 18. Jahrhundert, 06.12.2019 – 06.12.2019 Berlin, in: H-Soz-Kult, 10.02.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8646>.
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Veröffentlicht am
10.02.2020
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