99 Luftballons – Luftstreitkräfte und die Jugend in Deutschland

Ort
Berlin
Veranstalter
Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Flugplatz Berlin-Gatow
Datum
18.01.2020 - 18.01.2020
Von
Stephan Horn, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Flugplatz Berlin-Gatow

Das Symposium zu der für das Jahr 2022 geplanten Sonderausstellung „99 Luftballons – Luftstreitkräfte und die Jugend in Deutschland“ sollte Themenfelder, Forschungsdesiderate und Potentiale des Ausstellungsvorhabens erkunden und näherte sich dem Thema Luftstreitkräfte interdisziplinär über die Kategorie der Jugend/Jugendlichkeit an.

In seiner Begrüßung betonte der Museumsleiter Oberstleutnant RALF-GUNTER LEONHARDT (Berlin) die Relevanz von Sonderausstellungen für die Arbeit des Militärhistorischen Museums (MHM). Sie seien es, die neben der Qualität der Dauerausstellung die Lebendigkeit des Standortes garantierten. Anschließend skizzierte der Sammlungsleiter und Ausstellungskurator JAN BEHRENDT (Berlin) vier potentielle Sujets der projektierten Sonderausstellung: Traumwelten, Nachwuchswerbung, das Spannungsfeld von Individuum und Kollektiv sowie der Kontext von Krieg und Frieden bieten Zugang zu den Inhalten und Exponaten der künftigen Ausstellung.

Das erste Panel eröffnete ALEXANDER QUERENGÄSSER (Leipzig) mit seinem Vortrag über Luftkriegsutopien in der deutschen Jugendliteratur vor dem Ersten Weltkrieg. Retrospektiv überraschen die visionären Zukunftsentwürfe heute vergessener Autoren wie Wilhelm Köbler oder Rudolf Martin. Martin, dessen bellizistisches und kolonialistisches Werk Berlin-Bagdad H. G. Wells zum heutigen Klassiker der Science-Fiction-Literatur War in the Air inspirierte, schildert deutsche Luftschiffangriffe auf Verdun, dem er bereits eine kriegerische Schlüsselstellung beimaß. Auch technische Visionen wie jene der „fliegenden Lazarette“, die Verwundete vom Schlachtfeld abtransportieren, entwirft Martin in seinen Zukunftsvisionen.

DAMIEN ACCOULON (Nanterre/Braunschweig) lenkte anschließend den Blick auf den Fliegerheldenkult des Ersten Weltkrieges. Er strich die identifikationsstiftende und „wehrerzieherische“ Funktion des Heldendiskurses in der Weimarer Republik und der frühen nationalsozialistischen Diktatur heraus. Die Idealisierung der jung gefallenen Jagdflieger Oswald Boelcke, Max Immelmann und Manfred von Richthofen erlebte in der Nachkriegszeit unterschiedliche Konjunkturen. So war Boelcke in der Weimarer Zeit weitaus populärer als Richthofen, dem erst in der NS-Zeit stärkere Aufmerksamkeit zuteilwurde. Accoulon betonte die federführende Rolle der nächsten Verwandten der drei Jagdflieger, die durch eine rege Publikationstätigkeit maßgeblich an der Genese der Heldenmythen beteiligt waren.

IMMANUEL VOIGT (Jena) griff die unterschiedlichen Ausprägungen der Heldennarrative in der sogenannten Fliegerliteratur auf. Besonders deutlich arbeitete er die kontinuierliche Ansprache der deutschen Jugend als Adressat der preiswerten, aber bildreich gestalteten (Groschen-)Romane heraus, denen die Nationalsozialisten allerhöchsten Stellenwert im Schulunterricht einräumten.

Die abschließende Paneldiskussion zeigte, dass die Zukunftsutopien der Vorkriegszeit und Fliegerliteratur im Buhlen um die Jugend zwischen Technikbegeisterung und politisch motivierter Kriegsverherrlichung oszillierten. Während vor dem Ersten Weltkrieg mangels realer Identifikationsfiguren die Faszination am Technischen vorherrschte, kam es nachfolgend zur politischen Instrumentalisierung ambivalenter Akteure des Ersten Weltkrieges.

Im zweiten Panel nahm ARNDT MACHELEDT (Fulda) den studentischen Segelflug der Weimarer Republik in den Blick und demonstrierte am Beispiel der Aktivitäten am höchsten Berg Hessens – der Wasserkuppe in der Rhön – die Verflechtungen von akademischen Segelfluggruppen, militärischen Traditionsverbänden und illegalen Paramilitärs. Es zeigte sich deutlich die frühe Vereinnahmung der segelflugbegeisterten Jugendlichen durch revisionistische und militaristische Interessengruppen wie die „Schwarze Reichswehr“ oder den „Ring der Flieger“. Andererseits bot die Wasserkuppe auch den an technischen Aspekten interessierten Jugendlichen ein Betätigungsfeld. Mit Willy Messerschmitt und Alexander Lippisch waren dort in der Vorkriegszeit auch wichtige Akteure der deutschen Luftrüstung des Zweiten Weltkrieges anzutreffen.

BEATE WINZER (Berlin) beschäftigte sich mit Görings Anteil am Kult um Manfred von Richthofen. Sie zeichnete nach, wie der Weltkriegsjagdflieger und Nachkriegsverkehrsflieger Hermann Göring vom Nimbus Richthofens profitierte, indem er sich fernab realer Bezüge als Intimus und Gralshüter des „Roten Barons“ inszenierte. Göring, der nach dem Tod Richthofens dessen Geschwader kommandierte, schlug aus diesem Umstand erfolgreich politisches Kapital, obwohl er Richthofen vermutlich nie persönlich kennengelernt hatte.

Die Abschlussdiskussion des Panels entwickelte sich entlang der Frage, ob die militaristische Instrumentalisierung des Segelflugs in der Weimarer Republik prototypisch für die nationalsozialistische Glorifizierung der Luftwaffe unter den Vorzeichen des Jugendlichkeitstopos gewesen war.

FRIEDERIKE KROSCHEL (Hildesheim) bezog sich direkt auf das Themenfeld „Traumwelten“ der geplanten Ausstellung. In ihrer Analyse der Jugend- und Schulbuchliteratur der DDR untersuchte sie im Hinblick auf eine künftige museale Präsentation auch die bildliche Darstellung der Fliegerei in den ostdeutschen Bildungsmedien. Dort fungierten Luftfahrzeugabbildungen meist als Symbole der Moderne. Die politisierte Technikfaszination stand im Vordergrund. Explizit sozialistische Propaganda der Blockkonfrontation hingegen wurde weniger über die Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee (NVA) als über Formationen wie die Grenztruppen vermittelt.

CORNELIA BRUHN (Jena/Weimar) wies in ihrem Beitrag über die FDJ-Singebewegung darauf hin, dass die Untersuchung der NVA-Singeklubs noch ein Desiderat der Forschung sei. Die Existenz von Gesangsvereinigungen im Militär kann als gesichert gelten, aber insbesondere für die Luftstreitkräfte fehle es an bekannten Beispielen. Aufschlussreich seien die inhärenten Widersprüche der staatssozialistischen Singebewegung. So waren Friedenslieder eigentlich Kampflieder. Auch konnten die NVA-Singeklubs ihrer Funktion als Ventil jugendlicher Kritik im strikten militärischen Betrieb der „Bewaffneten Organe der DDR“ nicht gerecht werden.

Die Paneldiskussion zeigte, dass die sowjetischen Fliegerhelden und/oder Raumfahrtthemen offenbar die Luftstreitkräfte der NVA in den propagandistischen Kulturangeboten übertrumpften.

Das letzte Panel leitete THOMAS ROST (Hamburg) mit seinem Vortrag über den Traditionsverband „Gemeinschaft der Jagdflieger“ ein, dem einflussreichsten aller Nachkriegszusammenschlüsse deutscher Luftwaffenangehöriger des Zweiten Weltkrieges. Er schilderte eindrücklich, wie der Verein den Mythos der unpolitischen und im Kriege „von der Führung geopferten“ Jagdflieger kultivierte. Auch verurteilte Kriegsverbrecher wie den General der Flieger Friedrich Christiansen versuchte die Vereinigung zu rehabilitieren. Rost beschrieb die „Gemeinschaft“ als eine Art Erinnerungsagentur, deren Zweck es war, eine moralisch möglichst integre Meistererzählung der eigenen Kriegsjugend zu entwerfen.

HEINER MÖLLERS (Potsdam) wandte sich der Außenkommunikation der Bundesluftwaffe zwischen 1970 und 1990 zu. Im Nachgang der Starfighter-Krise kam es unter der Ägide des damaligen Luftwaffeninspekteurs Johannes Steinhoff zu einer veritablen „Öffentlichkeitsoffensive“. In der Inszenierung der Teilstreitkraft dominierten Bilder von Jugendlichkeit, die Betonung von Teamgeist und die habituelle Abgrenzung zu Heer und Marine.

JOSEFINE HONKE (Konstanz) widmete sich aktuellen Youtube-Videos als „Erinnerungsmedien“ für jugendliche Zielgruppen. Im Fokus stand die Verarbeitung alliierter Luftangriffe auf Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Honke arbeitete heraus, dass in den Videos auf Youtube, dem beliebtesten Internetangebot für deutsche Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren, mehrheitlich emotionalisierende Opfernarrative den Diskurs um den Bombenkrieg prägen.

In der Paneldiskussion schnitten die Teilnehmenden die Frage nach der Kriegsenkelgeneration an und verknüpften das Thema Bombenkrieg mit den heutigen Erfahrungen Jugendlicher in Krisen- und Kriegsgebieten.
Die engagierte Abschlussdiskussion kreiste um die kuratorische Herausforderung, die positiv besetzten Attribute von Jugendlichkeit mit den harschen Konsequenzen des Luftkrieges in ein ausgewogenes Verhältnis zu stellen. Dabei zeichnete sich das Spannungsfeld von Binnensicht (Bundeswehr) und Außenperspektive (Zivilgesellschaft) ab. Welchen Einfluss übte die Jugend auf die Luftstreitkräfte aus? Was eignete sich die Zivilgesellschaft aus dem Bereich der Luftstreitkräfte an? Dem Appell, der Aussagekraft potentieller Ausstellungsobjekte zu vertrauen, stand der kritische Hinweis gegenüber, mit der angedachten diachronen Präsentationstruktur einer gewissen Beliebigkeit der Darstellung in die Hände zu spielen.

Konferenzübersicht:

Ralf-Gunter Leonhardt und Jan Behrendt (beide Berlin): Begrüßung und Einführung

Panel 1: Luftstreitkräfte und die Jugend im Ersten Weltkrieg
Chair: Heiner Bröckermann, Potsdam

Alexander Querengässer (Leipzig): Luftschiffschlacht über Verdun – Luftkriegsutopien in deutscher Jugendliteratur vor dem Ersten Weltkrieg

Damien Accoulon (Nanterre/Braunschweig): Boelcke, Immelmann and Richthofen: Genealogy und Function of Idealized Young Airmen in Germany from 1915 to 1939

Immanuel Voigt (Jena): Stars des Krieges. Darstellung und Deutung der deutschen Luftstreitkräfte des Ersten Weltkrieges in zeitgenössischer Literatur

_Panel 2: Luftstreitkräfte und die Jugend im „Dritten Reich“:
Chair: Jens Wehner, Dresden

Arndt Macheledt (Fulda), Studentischer Segelflug in der Weimarer Republik. Entwicklung eines jugendlichen (Wehr-)Sports

Beate Winzer (Berlin), Görings Beitrag. Der Luftfahrtkult um Manfred von Richthofen

_Panel 3: Luftstreitkräfte und die Jugend in der DDR:
Chair: Eric Denis Strohmeier, Berlin

Friederike Kroschel (Hildesheim): „Der Traum vom Fliegen“ in Bildungsmedien der DDR

Cornelia Bruhn (Jena/Weimar): Die FDJ-Singebewegung in den Singeklubs der NVA

Panel 4: Luftstreitkräfte und die Jugend in der Bundesrepublik
Chair: Thorsten Loch, Potsdam

Thomas Rost (Hamburg): Ewig junge „Helden der Lüfte“? – Die Gemeinschaft der Jagdflieger

Heiner Möllers (Potsdam): „Gut anzusehen“. Die Luftwaffe und ihr (Selbst-)Bild in der Außenkommunikation 1970-1990

Josefine Honke (Konstanz): 99 Düsenflieger: Erinnerungen an Bombenangriffe in aktuellen Youtube-Videos

Zitation
Tagungsbericht: 99 Luftballons – Luftstreitkräfte und die Jugend in Deutschland, 18.01.2020 – 18.01.2020 Berlin, in: H-Soz-Kult, 09.03.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8688>.