„Sprachhandeln“. Reflexionen über die deutsche Sprache nach dem Holocaust

Ort
Leipzig
Veranstalter
Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow (DI); Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin; DFG/ANR-Kooperationsprojekt "Frühe Schreibweisen der Shoah. Wissens- und Textpraktiken von jüdischen Überlebenden in Europa 1942–1965"
Datum
21.10.2019 - 22.10.2019
Von
Cornelia von Einem, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

Das Projekt „Frühe Schreibweisen der Shoah. Wissens- und Textpraktiken von jüdischen Überlebenden in Europa 1942–1965“ erforscht die Wissens- und Textpraktiken fünf jüdischer Autoren, die zwischen 1942 und 1965 besondere Schreibweisen über die Shoah ausbildeten. Joseph Wulf, Michal Borwicz, Nachman Blumental und Noé Grüss gehörten der polnischen Jüdischen Historischen Kommission an und emigrierten später nach Frankreich bzw. Deutschland. Der aus der Tschechoslowakei stammende H. G. Adler emigrierte 1947 nach England. Der in diesem Forschungszusammenhang situierte Workshop zeigte eindrücklich, dass die Holocaustforschung bis heute Desiderata aufweist und bedeutende Impulse für die Geschichtsschreibung der Shoah aus der Erforschung ihrer Verflechtungen mit dem literarischen Diskurs hervorgehen. Darauf verwies bereits der Programmflyer. Er zeigte ein Foto des Archivbestands von Blumental, das 2018 in Vancouver entstand und die erstmalige Sichtung seines Privatnachlasses dokumentiert. Sie erfolgte durch die Historikerin Katrin Stoll, die in Leipzig über die späte, dringliche Erschließung dieser bedeutenden Sammlung zur Geschichte der Shoah referierte.

Einführend skizzierten die Veranstalter/innen NICOLAS BERG (Leipzig), ELISABETH GALLAS (DI) und Aurélia Kalisky (Berlin) ihre konzeptionellen Überlegungen zur Struktur des Workshops. Sie zentrierten sich um die Verschränkung von Sprache und Gewalt im Nationalsozialismus, deren Nexus des „Sprachhandelns“ sich als gewaltsame Funktionalisierung der deutschen Sprache in der NS-Terminologie präsentiert. Sowie um die an der Praxis dieses politischen Sprachhandelns geübte Sprachkritik jüdischer Survivor-Scholars als unmittelbare Reaktion auf die Präzedenzlosigkeit der Shoah als Zivilisationsbruch. Nach 1945 sei der Fokus auf die Verschränkung von Sprache und ihrer Gewaltfunktion in auffallend vielen Zeitdiagnosen jüdischer Gelehrter anzutreffen. Ihre Verfasser/innen verstanden Sprache als Tat, als Sprachhandlung und untersuchten ihren vorgreifenden Einfluss auf die Praxis von Diktatur, Vertreibung und Vernichtung. Zugleich sei das Nachdenken über Sprache jener Ort geblieben, an dem neue Begrifflichkeiten für die Erfahrung von Juden unter deutscher Herrschaft erprobt wurden, die mit dem herkömmlichen Vokabular nicht mehr adäquat zu bezeichnen waren.

Beispielweise analysierten Blumental und Victor Klemperer die Kontamination der deutschen Sprache durch die NS-Ideologie als Tätersprache, die der nationalsozialistischen Politik der Vernichtung zuarbeitete und reflektierten über das latente Fortwirken dieser totalitären Gewalt in der Sprache nach Auschwitz. Während Klemperers Werk seit den 1990er-Jahren verstärkt rezipiert wird, sind Blumentals Arbeiten bis heute nicht erschlossen und vollständig publiziert. Diese Leerstelle in der Holocaustforschung muss irritieren. Dass die nicht-jüdisch dominierte Zeitgeschichtsforschung die Arbeiten jüdischer Survivor-Scholars über Jahrzehnte ausblendete, wies Berg bereits 2003 in seiner wirkmächtigen Studie zur westdeutschen Historiographie des Holocaust aus.[1] Der Workshop aktualisierte diese Kritik, indem er das erkenntnistheoretische Potential der Projekte der Survivor-Scholars fokussierte. Konzipiert war die Veranstaltung als historische Bestandsaufnahme, um Sprachkritik durch eine kritische Re-Lektüre ausgewählter Texte als historisches Thema neu zu denken und als konstitutives Genre in die geschichts- und kulturwissenschaftliche Reflexion der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zu integrieren.

Zuerst referierte STEPHAN BRAESE (Aachen) über eine editorische Konstellation, nämlich fünf Antworten auf George Steiners 1963 von Walter Höllerer veröffentlichten Aufsatz „The Hollow Miracle“. Steiner formuliert hier, dass die deutsche Sprache nicht unschuldig an den NS-Verbrechen gewesen sei. Denn die Deutschen hätten im Deutschen genau vorgefunden, was sie für ihre Untaten benötigten: eine Flut von präzisen, brauchbaren Worten. Höllerer hatte den Aufsatz, der zuvor im US-amerikanischen „Reporter“ erschienen war, in der deutschen Übersetzung eines Friedrich Handt vorgestellt und u.a. Hilde Spiel, Hans Weigel, Francois Bondy und Marcel Reich-Ranicki um Stellungnahme gebeten. In ihren Antworten zeigte Braese die Heterogenität jüdischer Positionen im westdeutschen, konservativ geprägten Literaturbetrieb der 1960er Jahre auf. Die subjektgeschichtliche Erfahrung der Verfolgung durch das NS-Regime habe keineswegs den Grundstein dafür gelegt, Steiners radikaler These einer tiefgreifenden Beschädigung der deutschen Sprache durch ihre Zurichtung und Verwendung während des NS zuzustimmen.

MONA KÖRTE (Bielefeld) sprach über die Ökonomie von Reden und Schweigen in Ilse Aichingers Kurzprosa. In ihrem konzisen Vortrag analysierte sie die Beziehung zwischen dem Ich und seiner Sprache in Aichingers 1968 veröffentlichter Prosaminiatur „Meine Sprache und Ich“. Die Erzählung werde häufig als Dokument einer Sprachskepsis oder Proklamation eines Verstummens gewertet. Körte betonte hingegen die Autonomie der Sprache. Sie verweigere die Tätigkeit des Sprechens, deute aber im gezielten Schweigen auf ihr Vermögen dazu. Damit eröffne Aichinger eine dritte Option zwischen Steiners Position und Klemperers These zur Sprache als Tat. Als österreichisch-jüdische Schriftstellerin, die den Nationalsozialismus überlebte, verhandelt Aichinger paradigmatisch den Topos des Schweigens. Hier wurden erste Bezüge zum repräsentationstheoretischen Diskurs deutlich. Denn in der genuinen Aporie zwischen Schweigen und Bezeugen gründet die Literatur der Shoah.[2] Aichinger habe versucht, eine neue Form für die deutsche Sprache zwischen Narrativität und Sprachkritik zu finden.

JEREMY ADLER (London) ließ im öffentlichen Abendvortrag seine biographische Nähe als Sohn des Survivor-Scholars H.G. Adler in seine Reflexionen der Positionen von unter anderem von Karl Kraus, Dolf Sternberger und H.G. Adler zum Begriff des Bösen einfließen. Sie begründeten mit der „Philologie des Bösen“ eine neue Wissenschaft und entlarvten die Sprachpolitik der Nationalsozialisten.

Im zweiten Panel analysierte ARVI SEPP (Brussel) Klemperers LTI-Projekt, für das die philologischen Notizen in den Tagebüchern zwischen 1933-45 einen wichtigen Teil der Vorbereitungen darstellten. Als Materialspeicher linguistischer und lexikographischer Sprachbeispiele seien sie auf spätere Auswertungen für das anvisierte LTI-Projekt ausgerichtet gewesen. Die Notizen seien zunächst ein primär philologisches Unterfangen gewesen, das durch das Trauma der Verfolgung eine Verschiebung zu einem Akt der Selbstvergewisserung und des Selbstschutzes erfahren habe. Damit markierte Sepp die Verflechtung zwischen Sprachkritik und Zeugenschaft. Denn wie Young auswies, bedeutete das Schreiben für die Tagebuchschreiber/innen eine Bestätigung ihrer eigenen Existenz. Indem sie ihre Erfahrungen in geschriebene Texte verwandelten, erhielten sie sich selbst am Leben und sicherten sich bleibende Existenz.[3] Klemperer habe die in der NS-Sprache angelegten Sprechakte totalitärer Gewalt in der LTI-Arbeit nicht nur gespeichert und geordnet, sondern auch über ihre verletzenden Auswirkungen auf die Psyche der jüdischen Opfer reflektiert.

KATRIN STOLL (Jena) referierte zum Doppelcharakter „unschuldiger Worte“ in Blumentals Wörterbuchprojekt der deutschen NS-Sprache. Blumental sei wie Klemperer davon überzeugt gewesen, dass die NS-Sprache eines der wichtigsten Instrumente der Deutschen bei der physischen Vernichtung der Juden war und eine Untersuchung der Ereignisse auch die Analyse der Tätersprache miteinschließen müsse. Stoll analysierte Blumentals philologisches Vorgehen für die Wörter „Figuren“ und „Lazarett“. Sein Wörterbuch decodiere systematisch die Chiffren des NS-Vernichtungsdiskurses. Der Nachlass zeige, dass Blumental intensiv mit deutschen Täterdokumenten arbeitete. Diese Nähe zu Raul Hilberg verweist auf das Potential seiner Sprachkritik, die von der Holocaustforschung aber unterbelichtet blieb. Zwar veröffentlichte 1947 die Zentrale Jüdische Historische Kommission den ersten Teil des Wörterbuchs unter dem Titel „Słowa niewinne“ (Unschuldige Wörter). Doch scheiterten Versuche, Anfang der 1970er-Jahre eine deutsche Fassung zu publizieren an den sich im westdeutschen Literaturbetrieb artikulierenden Abwehrmechanismen der Post-Holocaust Gesellschaft gegenüber den jüdischen Survivor-Scholars.

Das dritte Panel fokussierte H.G. Adlers und Theodor W. Adornos Reflexionen über den Konnex zwischen Sprache und Zivilisationsbruch. Wie MAGNUS KLAUE (Leipzig) skizzierte, interessierte sich Adorno für die Sedimentierung gesellschaftlicher Herrschaft im sprachlichen Ausdruck. Ebenso H.G. Adler, in dessen 1955 erstveröffentlichter Monographie über das Ghetto Theresienstadt die Verschränkung von politischer Gewalt und deutscher Sprache große Bedeutung auch für die gewählte Form habe. Hier konturierte LYNN L. WOLFF (Michigan) die wechselseitigen Bezüge zwischen Historiographie, Sprachkritik und Repräsentation. Sie rekurrierte auf Paul Celans Bremer Rede als poetologischem Referenztext zur Lektüre von H.G. Adler. Celans kontinuierliches Vertrauen in die deutsche Sprache nach Auschwitz imprägniere auch Adlers Arbeiten. Er habe sich bewusst entschieden, nach dem Holocaust weiter auf Deutsch zu schreiben. Charakteristisch für Adlers Schreibweisen seien die verschiedenen Disziplinen und Genres. Seinen historiographischen Ansatz zur Beschreibung der Shoah, in dem sich subjektive Erfahrung vermittle, beschrieb Wolff als political philologie.

HANS-JOACHIM HAHN (Aachen) beleuchtete Adornos Reflexionen beschädigter Sprache nach Auschwitz. Ein in der Dialektik der Aufklärung entfaltetes Grundmotiv der Sprachkritik Adornos und Horkheimers sei das der Kälte einer von instrumenteller Vernunft beherrschten Sprache. Vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus und ihrer Erfahrung mit der US-amerikanischen Massenkultur der dreißiger und frühen vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts hielten sie hier den Zustand einer radikal verdinglichten Sprache fest, der die Menschen in spätkapitalistischen Gesellschaften von einem früheren Zustand, in dem die Sprache noch eine Schicht von Erfahrung besessen habe, entfremdet zeige. Hahn konstatierte eine Adornos sprachlichen Reflexionen „nach Auschwitz“ eingeschriebene Ambiguität. Wenn Adorno in den Minima Moralia das Ganze das Unwahre nenne, gelte dieses auch der liberalen Demokratie. Die darin angelegten Sprachreflexionen vollzögen keinen radikalen Bruch mit der programmatisch entworfenen kritischen Theorie. Allerdings erhalte die Analyse totalitärer Sprache in der Moderne in der beginnenden Reflexion auf den Antisemitismus und Holocaust eine sich verändernde Perspektive.

Im vierten Panel referierte JENNY WILLNER (München) zur Sprache des Autoritarismus. Sie rückte die Freud`sche Psychoanalyse als Kategorie zur Analyse der Verschränkung von Sprache und Gewalt ins Zentrum und entfaltete kritische Perspektiven von Sándor Ferenczi bis George-Arthur Goldschmidt. ARNDT KREMER (Köln) referierte zur Verflechtung von Sprachkritik und Exil in den Erfahrungen der in den 1930er-Jahren auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Palästina exilierten deutschen Juden. Sie seien in ein Land gekommen, in dem ihre deutsche Muttersprache nicht mehr willkommen und als Sprache der Judenfeinde diskreditiert war – und dennoch ihre Muttersprache blieb. Kremer beschrieb die Ambiguitäten dieses Sprachkonflikts im Kontext der Präsenz der deutschen Sprache in Palästina als einer Geschichte von Sprachenstreits. Die deutsche Sprache sei vielen deutsch-jüdischen Emigrant/innen zum Substituenten für den verlorenen Heimatraum geworden.

Die Abschlussdiskussion bündelte offene Forschungsfragen. Sie bezogen sich insbesondere auf die Verflechtungen zwischen Sprachkritik und Zeugenschaft. Es gelte, stärker auszuformulieren, wie sich beide Diskurse überlagern bzw. welche Anschlüsse an die Phänomenologie der Zeugnisse für die Konturierung von Sprachkritik fruchtbar gemacht werden können. Auch wurde auf die seit dem 18.Jahrhundert bestehende Tradition der Sprachkritik verwiesen, die in der Auseinandersetzung der Survivor-Scholars mit dem Nationalsozialismus neu figuriert wurde. Weiterer Forschungsbedarf wurde zum Topos der Verschleierung der NS-Sprache markiert. Sowie zum Umgang der Überlebenden mit der Kontamination der eigenen Sprache durch die NS-Gewalt und ihren Erfahrungen zur Überlagerung verschiedener Sprachen: Sprache der Kindheit, NS-Sprache und Exilsprache.

Zusammenfassend wurde der exzellente Workshop seinem Anspruch gerecht, einen transdisziplinären Aufschlag für eine historische Bestandsaufnahme und Re-Konzeptualisierung von Sprachkritik als konstitutivem Genre zur geschichts- und kulturwissenschaftlichen Reflexion der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zu machen. Entgegen den in der Holocaustforschung immer noch starken Vorbehalten gegenüber literatur- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen rückte die Veranstaltung die erkenntnistheoretischen Anschlüsse ins Zentrum, die sich aus der Verflechtung von Historiographie, Literatur- und Kulturwissenschaft ergeben. Denn wie die Analyse der Reflexionen jüdischer Survivor-Scholars über den Konnex zwischen Sprache und Zivilisationsbruch deutlich machte, dekonstruieren die von ihnen eingesetzten Schreibweisen zur Konstituierung der Shoah als Wissensobjekt die klassischen Trennungen zwischen den Gattungen, Genres und Disziplinen. Um diese jüdisch-partikulare Perspektive in die Holocaustforschung zu integrieren, bedarf es eines transdisziplinären Forschungsansatzes, wie ihn der Workshop enfaltete.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Literarische Reflexionen zur Sprache

Stephan Braese (Aachen): „Sprachlos ist das Schicksal der Dichter“: Fünf Antworten auf George Steiner

Mona Körte (Bielefeld): „Meine Sprache ist eine, die zu Fremdwörtern neigt“: Zur Ökonomie von Reden und Schweigen in Ilse Aichingers Kurzprosa

Öffentlicher Abendvortrag

Jeremy Adler (London): Zur Philologie des Bösen. Sprachkritik als Widerstand

Sektion 2: Vokabularien der Gewalt

Arvi Sepp (Brüssel): Sprachgewalt: Victor Klemperers Reflexionen zum verletzenden Sprechen im Nationalsozialismus

Katrin Stoll (Jena): Der Doppelcharakter „unschuldiger Worte“: Nachman Blumentals Wörterbuchprojekt der NS-Sprache

Sektion 3: Sprachsoziologie und Sprachphilosophie

Lynn L. Wolff (Michigan): Continuity in Spite of the Catastrophe: H.G. Adler`s Relationship to and Reflections on the German Language

Hans-Joachim Hahn (Aachen): Rausch, Rancune und „ambitiöse Transzendenz“: Adornos Reflexionen beschädigter Sprache

Sektion 4: Das Deutsche im Spiegel der Sprachen

Jenny Willner (München): Die Sprache des Autoritarismus: Kritische Perspektiven von Sándor Ferenczi bis George-Arthur Goldschmidt

Arndt Kremer (Köln): Brisante Sprache: Deutsch in Palästina und Israel

Anmerkungen:
[1] Vgl. Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003.
[2] Vgl. Alvin Rosenfeld, Ein Mund voll Schweigen. Literarische Reaktionen auf den Holocaust, Göttingen 2000.
[3] James E. Young, Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation, Frankfurt am Main 1992, S. 70.

Zitation
Tagungsbericht: „Sprachhandeln“. Reflexionen über die deutsche Sprache nach dem Holocaust, 21.10.2019 – 22.10.2019 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 23.03.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8701>.
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Veröffentlicht am
23.03.2020