Nationalsozialismus digital. Die Verantwortung von Bibliotheken, Archiven und Museen sowie Forschungseinrichtungen und Medien im Umgang mit der NS-Zeit im Netz

Ort
Wien
Veranstalter
Hans Petschar, Österreichische Nationalbibliothek; Markus Stumpf und Oliver Rathkolb, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
Datum
27.11.2019 - 29.11.2019
Von
Jutta Fuchshuber, NS-Provenienzforschung, Universitätsbibliothek, Universität Wien

Während der durchgängig ausgezeichnet besuchten Veranstaltung erörterten 22 Vortragende aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden in sechs Vortrags- und zwei Diskussionspanels die zunehmende Digitalisierung von historischen Beständen mit dem Fokus auf problematischen Inhalten, wie etwa NS-Propaganda. Die Expert/innen diskutierten, wie Bibliotheken, Archive, Museen und Forschungseinrichtungen verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen sollten und wie Missbrauch von digitalisierten Inhalten im Netz verhindern werde könne.

In der Begrüßungsrede sprach die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB), JOHANNA RACHINGER (Wien), über die Wichtigkeit, sich im Rahmen der Tagung mit diesem Thema intensiv auseinanderzusetzen. Sie ging auf eine Reihe von Projekten und Forschungen zur Aufarbeitung der NS-Geschichte der ÖNB ein. Besonders hob sie das virtuelle Zeitungsportal ANNO, den vor kurzem eingeführten Disclaimer bei der Zeitung „Völkischer Beobachter“ und den Aufbau der digitalen Bibliothek an der ÖNB hervor. Der seit Oktober 2019 berufene Vizerektor für Digitalisierung und Wissenstransfer der Universität Wien, ROLAND MAIER (Wien), wies darauf hin, dass Digitalisierung institutionenübergreifend passieren sollte, und sieht die ÖNB als Modell dafür. In seiner Begrüßung legte PETER SEITZ (Wien) vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung den inhaltlichen Schwerpunkt auf den Umgang mit dem Nationalsozialismus. Er plädierte für eine stärkere Sensibilisierung der Jugend für die NS-Vergangenheit, da diese wichtig für den demokratischen Grundkonsens in der Gesellschaft sei.

Den inhaltlichen Auftakt der Tagung machte eine Diskussionsrunde mit BENJAMIN GRILJ (St. Pölten), FELICITAS HEIMANN-JELINEK (Wien), HANS PETSCHAR (Wien), ILSE REITER-ZATLOUKAL (Wien) und MARKUS STUMPF (Wien) über das Thema „Aktuelle Diskurse“, welche von OLIVER RATHKOLB (Wien) moderiert wurde. Sie diskutierten über den Zugang zu nationalsozialistischen Quellen im Netz und beleuchteten auch die problematischen Seiten der Digitalisierung, wobei die unterschiedlichen Positionen zu Kontroversen führten. Auch verlangte STUMPF eine erste Professur für Bibliothekswissenschaften in Österreich, um sich dem Thema auch mit bibliothekswissenschaftlicher Perspektive stärker annähern zu können und eine Kontextualisierung der rassistischen, antisemitischen und NS-propagandistischen Inhalte sicherzustellen.

Das erste Panel widmet sich dem Thema „Zugänge von Gedächtnisinstitutionen“, welches von der Journalistin MARIANNE ENIGL (Wien) moderiert wurde. KLAUS CEYNOWA (München) verdeutlichte am Beispiel des „Fotoarchivs Hoffmann“ in der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) die Erschließung, das Verfassen von Beschreibungen und die Nutzung der Fotos im Internet. Er argumentierte, dass digitale Inhalte im Netz nicht kontrollierbar seien und aus diesem Grund eine Kontextualisierung sowie Metadaten unerlässlich seien. BRIGITTE RIGELE (Wien) ging der Frage nach, ob Archivgut von öffentlichen Archiven offen zugänglich sei und wie dieses weiterverwendet werden könne. Sie skizzierte die Veränderung des Schwerpunktes der Arbeit in öffentlichen Archiven in den letzten 30 Jahren, welche sich zunehmend an den Bedürfnissen der BenutzerInnen orientierte. HANS WALTER HÜTTER (Bonn) legte in seinem Vortrag den Fokus auf die internationale Museumslandschaft und auf die mit der Digitalisierung einhergehende Veränderung des Sammelns und Bewahrens sowie des Forschens als auch des Vermittelns und Ausstellens.

Darauffolgend gaben die Vortragenden in dem von CHRISTIAN RECHT (Wien) moderierten Panels „Fallbeispiele aus Gedächtnisinstitutionen“ Einblicke in den unterschiedlichen Umgang mit der Thematik. CLAUDIA KURETSIDIS-HAIDER (Wien) skizzierte am Beispiel der am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) angesiedelten „Forschungsstelle für Nachkriegsjustiz“ die Erschließung und Aufbereitung der Volksgerichtsverfahren in Wien für die wissenschaftliche Forschung. Im Rahmen eines aktuellen Projekts sollen die Reden Adolf Hitlers von 1933 bis 1945 erstmals vollständig erfasst und, wie MAXIMILIAN BECKER (München) weiter ausführte, auch kommentiert zugänglich gemacht werden. EDWIN KLIJN (Amsterdam) skizzierte in seinem Vortrag den Umgang von Kulturerbe-Institutionen mit der Wiederveröffentlichung nationalsozialistischer Quellen in den Niederlanden und gab einen guten Überblick von den 1990er-Jahren bis in die Gegenwart. RENÉ BIENERT und PHILIPP ROHRBACH (Wien) stellten in ihrem Vortrag die gesammelten Materialien des „Austrian Heritage Archive“ vor. Die Audio- und Video-Interviews mit österreichisch-jüdischen Emigrant/innen, welche während des NS-Regimes aus Österreich flüchten mussten, werden dort in aufbereiteter Form und in Verbindung mit lebensgeschichtlichen Dokumenten auf der Website zur Verfügung gestellt.

Das dritte Panel, von der Historikerin INA MARKOVA (Wien) moderiert, befasste sich mit „Nationalsozialismus audiovisuell und virtuell“. In seinem Vortrag legt der Historiker und Filmemacher ROBERT GOKL (Wien) den Fokus auf die Spuren von NS-Propaganda im globalen Digital-Stream. MICHAEL LIENSBERGER (Wien) skizzierte die verschiedenen Projekte des Österreichischen Rundfunks (ORF) und thematisierte einen bedeutenden Quellenfundus im Deutschen Rundfunkarchiv. 2019 wurden die nationalsozialistischen Originaltöne der RAVAG in Form von 180 Trägern an das ORF-Archiv zurückgegeben. EUGEN PFISTER (Bern) thematisierte die Darstellung des Zweiten Weltkriegs und der Verbrechen des NS-Regimes in digitalen Spielen sowie den Umgang mit Bildern und verbotenen Symbolen.

In dem von KLAUS TASCHWER (Wien) moderierten Panel setzten sich die ReferentInnen mit der Thematik „Nationalsozialismus und Rechtsextremismus online und in den sozialen Medien“ auseinander. In ihrem Beitrag rekonstruierte KARIN LIEBHART (Wien) visuelle und diskursive Bezugnahmen ausgewählter Personen der Neuen Rechten. Dabei analysierte sie vor allem die nationalsozialistische Ästhetik und Ideologie sowie die Umdeutung von nationalsozialistischen und rechtsextremen Symbolen. BERNHARD WEIDINGER (Wien) beleuchtete in seinem Vortrag die Online-Aktivitäten der österreichischen extremen Rechten und ging auf die Bedeutung des Internets für diese im heutigen Österreich ein. Seit mehr als 20 Jahren gibt es die Plattform „Stopline – OnlineMeldestelle“ gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung. BARBARA SCHLOSSBAUER (Salzburg) skizzierte ihre bisherigen Aktivitäten und hob das Spannungsverhältnis zwischen nationalem Recht und der Internationalität des Internets hervor.

Daran anknüpfend wurde moderiert von HERBERT HAYDUCK (Wien) „Digitalisierung und Digital Humanities“ thematisiert und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. HARALD KATZMAIR (Wien) ging in seinem Beitrag auf die sozialen Medien als „weapon of mass dissemination of weaponized information“ ein. Am Beispiel der Dresdner NS-Zeitung „Der Freiheitskampf“ zeigte THOMAS LINDENBERGER (Dresden) die digitale Aufbereitung und Nutzungsmöglichkeiten der Quelle auf. In seinem Vortrag ging NORMAN DOMEIER (Stuttgart) der Frage nach, wo sich die digitalisierte NS-Presse befindet und wie die NS-Pressefotos transatlantisch und global zwischen 1942 und 1945 verbreitet wurden. GÜNTER MÜHLBERGER (Innsbruck) präsentierte das Tool „Transkribus“, welches handschriftliche Texte und Frakturschriften erkennt sowie eine Suche mittels Keyword-Spotting ermöglicht.

Im letzten Panel der Konferenz, welches von ANDERAS BRANDTNER (Berlin) moderiert wurde, warfen die Vortragenden einen Blick auf das Thema „Digital Ethics“. HANS-CHRISTOPH HOBOHM (Potsdam) setzte sich mit der Zensur in der Digitalität in Deutschland auseinander und ging in diesem Kontext der Frage nach, ob die Gesellschaft in vormoderne Verhältnisse zurückfallen könne. In seinem Vortrag thematisierte HERMANN RÖSCH (Köln) den Zugang zu nationalsozialistischen Zeitungen in deutschen Bibliotheken unter ethischen Gesichtspunkten und brachte Vorschläge zum weiteren Vorgehen. THOMAS BÜRGER (Dresden) hielt in seinem Beitrag fest, dass bislang NS-Quellen in Deutschland nicht systematisch digitalisiert wurden – einerseits aus urheberrechtlichen Gründen und andererseits aus Bedenken vor der Verbreitung verfassungsfeindlicher und menschverachtender Schriften. In ihrem Vortrag stellte CHRISTA MÜLLER (Wien) das Online-Tool ANNO vor, in welchem die ÖNB Zeitungen aus den Jahren 1568 bis 1948 erfasst. Sie ging näher darauf ein, was online gestellt wird und welche begleitenden Maßnahmen ergriffen wurden, wie etwa der Disclaimer bei der Zeitung „Der Völkische Beobachter“. In seinem Beitrag skizzierte MARKUS STUMPF (Wien) zunächst den Umgang mit wissenschaftlichen Bibliotheken und in diesen enthaltenen NS-Schriften nach 1945 und kontextualisierte die gesetzlichen, politischen und gesellschaftspolitischen Aspekte. Dabei ging er auf den unterschiedlichen Umgang zwischen physischer und digitaler Nutzung ein. Auch ist dem Rollenwechsel von Kultureinrichtungen vom zur Verfügung stellen hin zu einer Herausgebertätigkeit Rechnung zu tragen: Kein seriöser Verlag würde NS-Propaganda und NS-Hetze unkritisch und unkommentiert wiederveröffentlichen. Daher sieht Stumpf für das Bibliothekswesen eine Chance in der Kontextualisierung und Aufarbeitung der Inhalte aus der NS-Zeit, in Kooperation mit wissenschaftlichen Institutionen, die eine entsprechende historische Expertise einbringen können.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Diskussionsrunde über internationale Vergleiche, Status Quo, Standards und Perspektiven. Am Podium saßen BRUNO BAUER (Wien), FRITZ HAUSJELL (Wien), CHRISTIAN MERTENS (Wien), OLIVER RATHKOLB (Wien), MONIKA SOMMER (Wien) und MARGOT WERNER (Wien). Die Moderatorin TANJA MALLE (Wien) zog ein kurzes Resümee der Konferenz und fragte die Diskutant/innen, welche Inputs sie mitgenommen hätten. Ersichtlich wurde einerseits die Relevanz der Thematik für die verschiedenen Gedächtnisinstitutionen und andererseits das Fehlen von gemeinsamen Standards. Deutlich wurde in der Diskussion auch, dass die Kontextualisierung der online gestellten Materialien relevant sei und mit der Digitalisierung auch immer die Frage nach deren Finanzierung einhergehe. Künftig müsse auch eine intensivere Kontextualisierung der Digitalisate vorgenommen und diese auch von Anfang an mitfinanziert werden. Auch wurde festgehalten, dass gesellschaftlich mehr Medienkompetenz notwendig sei und die gesetzlichen Rahmenbedingungen in das digitale Zeitalter geholt werden müssten.

Resümierend muss festgehalten werden, dass die Tagung bei allen Beteiligten als substantiell empfunden wurde, vor allem auch, weil es gelang, Bibliothekswissenschaft, Zeitgeschichte, Digital Humanities, Archiv- und Museumswesen sowie Erinnerungskultur interdisziplinär zu vernetzen. Einerseits wurden klare Schattenseiten der Digitalisierung aufgezeigt, andererseits das große Potential für Historiker/innen und Bibliothekar/innen durch notwendige wissenschaftliche Kontextualisierung und Quellenkritik herausgearbeitet. Die Ergebnisse werden als Tagungsband in der Reihe „Bibliotheken im Kontext“ bei Vienna University Press/V&R unipress veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Johanna Rachinger (Wien) / Ronald Maier (Wien) / Peter Seitz (Wien): Begrüßung

Diskussionspanel: „Aktuelle Diskurse“
Oliver Rathkolb (Wien): Moderation

Benjamin Grilj (St. Pölten) / Felicitas Heimann-Jelinek (Wien) / Hans Petschar (Wien) / Ilse Reiter-Zatloukal (Wien) / Markus Stumpf (Wien): Diskutant/innen

Panel I: Zugänge von Gedächtnisinstitutionen
Marianne Enigl (Wien): Moderation

Klaus Ceynowa (München): „Problematische Inhalte“ als Open Data? Das Beispiel des „Fotoarchivs Hoffmann“

Brigitte Rigele (Wien): Alles für alle? – Offener Zugang und Weiterverwendung von Archivgut in öffentlichen Archiven

Hans Walter Hütter (Bonn): Objekte der Diktatur. Der Nationalsozialismus in musealen Zeugnissen

Panel II: Fallbeispiele aus Gedächtnisinstitutionen
Christian Recht (Wien): Moderation

Claudia Kuretsidis-Haider (Wien): Die elektronischen Findhilfsmittel, Mikrofilme und Digitalisate der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz am DÖW – Nutzungsmöglichkeit und Anwendung

Maximilian Becker (München): Die Edition der Reden Adolf Hitlers 1933–1945. Ein Projekt des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin

Edwin Klijn (Amsterdam): Dutch nazi heritage online. Perspectives on how heritage institutions deal with publishing national socialist source materials on the internet

René Bienert (Wien) / Philipp Rohrbach (Wien): Die Materialien des Austrian Heritage Archive online und im Archiv des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI)

Panel III: Nationalsozialismus audiovisuell und virtuell
Ina Markova (Wien): Moderation

Robert Gokl (Wien): Auf den Spuren von NS-Propaganda im globalen Digital-Stream

Michael Liensberger (Wien): Nationalsozialistische Originaltöne – ein bedeutender Quellenfundus

Eugen Pfister (Bern): „Man spielt nicht mit Hakenkreuzen!“ Zur Darstellung der Shoah in digitalen Spielen

Panel IV: Nationalsozialismus und Rechtsextremismus online und in den sozialen Medien
Klaus Taschwer (Wien): Moderation

Karin Liebhart (Wien): Nationalsozialismus „light“ – visuelle und diskursive Verweise in Social Media Auftritten der Neuen Rechten

Bernhard Weidinger (Wien): Online-Aktivitäten der österreichischen extremen Rechten

Barbara Schloßbauer (Salzburg): Stopline – Online-Meldestelle gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung im Internet

Panel V Digitalisierung und Digital Humanities
Herbert Hayduck (Wien): Moderation

Harald Katzmair (Wien): weapon of mass dissemination of weaponized information

Thomas Lindenberger (Dresden): Die Dresdner NS-Zeitung „Freiheitskampf“

Norman Domeier (Stuttgart): Fotos in Zeitungen der NS-Zeit als Quelle

Günter Mühlberger (Innsbruck): Wie man mit Transkribus ein umfassendes Digitalisierungsprojekt durchführt. Eine kurze Einführung in die Erkennung von handschriftlichem Text und der Suche mittels Keyword-Spotting

Panel VI: Digital Ethics
Andreas Brandtner (Berlin): Moderation

Hans-Christoph Hobohm (Potsdam): Zensur in der Digitalität. Eine Überwindung der Moderne?

Hermann Rösch (Köln): Informationsfreiheit versus Strafrecht? Benutzung und Digitalisierung nationalsozialistischer Zeitungen aus ethischer Sicht

Thomas Bürger (Dresden): Aufklärung durch NS-Zeitungen in Bibliotheksportalen? Ein Plädoyer für den Zugang auch zu problematischen Inhalten

Christa Müller (Wien): Zeitungen der NS-Zeit in ANNO, dem digitalen Zeitungslesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek

Markus Stumpf (Wien): Sinnvoll, angemessen und gerecht? Anmerkungen und Fragen zur digitalen Veröffentlichung von NS-Schrifttum durch Bibliotheken

Abschlussdiskussion: Internationaler Vergleich, Status Quo, Standards und Perspektiven
Moderation: Tanja Malle (Wien): Moderation

Bruno Bauer (Wien) / Fritz Hausjell, (Wien) / Christian Mertens (Wien) / Oliver Rathkolb (Wien) / Monika Sommer (Wien) / Margot Werner (Wien)

Zitation
Tagungsbericht: Nationalsozialismus digital. Die Verantwortung von Bibliotheken, Archiven und Museen sowie Forschungseinrichtungen und Medien im Umgang mit der NS-Zeit im Netz, 27.11.2019 – 29.11.2019 Wien, in: H-Soz-Kult, 31.03.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8710>.