History Goes Pop? On the Popularization of the Past in Eastern European Cultures

Ort
Frankfurt/Oder
Veranstalter
Nina Weller, Europa-Universität Viadrina (BMBF-Projekt: Vergangenheit der Gegenwart), Frankfurt/Oder; Matthias Schwartz, Leibniz-Zentrum für Kultur- und Literaturforschung, Berlin
Datum
10.12.2019 - 12.12.2019
Von
Tom Koltermann / Nikolai Okunew, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Den Krieg in der Ukraine und den lauter werdenden Rechtspopulismus in Osteuropa konnte man im Dezember 2019 auch in Frankfurt/Oder noch gut vernehmen. Der Workshop widmete sich dem Zusammenhang von populären Formen der Geschichte, der Erinnerungspolitik und der (post-)sowjetischen Erfahrung. Er verstand sich als Fortführung des vor zehn Jahren erschienen Tagungsbandes History goes Pop von Barbara Korte und Sylvia Palatschek, der sich auf mediale und popkulturelle Phänomene in westlichen Regionen konzentriert hatte. Geografisch verteilten sich die Präsentationen der internationalen Vortragenden auf die Ukraine, Deutschland, Russland, Ungarn und Weißrussland; thematisch umfassten sie neben Literatur und Film punktuell auch die Internetkultur.

Das erste Panel widmete sich populären Darstellungen sowjetischer Vergangenheit(en) in Fotografie und Film. OLGA SHPARAGA (Minsk) näherte sich diesem Thema anhand verschiedener seit 1989 durch weißrussische KünstlerInnen entstandener Fotoserien. In der Perestroika-Zeit und in den frühen 1990er Jahren hätten sich FotografInnen vor allem an der Rolle des Individuums im als anonym wahrgenommenen Sozialismus spätsowjetischer Prägung abgearbeitet. In der zeitgenössischen Fotografie Weißrusslands sei diese Dichotomie aufgrund einer durch veränderte politische Umstände ausgelösten Neubewertung der Rolle der Fotografie seltener zu finden. Stattdessen ständen eben diese Umstände, denen man sich nicht entziehen könne, im Fokus der KünstlerInnen. Als dritte Spielart identifizierte Shparaga den distanzierten Blick von nachgeborenen FotografInnen, die den Sozialismus selbst nicht mehr erlebt haben, aber noch täglich von dessen Symbolen umgeben sind.

YARASLAVA ANANKA (Innsbruck) schloss daran an, indem sie auf den nicht-materiellen Teil des sowjetischen Erbes fokussierte. Sie bezog sich dabei auf ein Musikvideo des ukrainischen Künstlers Antin Muchars'kyi (Pseudonym: Orest Liutyi). An diesem bilingualen, deftig-vulgären Video stellte sie die Auseinandersetzung mit den kulturellen Idiomen des Staatssozialismus dar, die sich im Gegensatz zu Denkmälern nicht einfach abbauen lassen. Stattdessen mutieren kulturelle Leitbilder, wie die des Sowjetmenschen, im Internet zum „Vatnik”-Meme: einem unterwürfigen und häufig alkoholkranken Kremltreuen. Hier wie auch in vielen folgenden Präsentationen wurde deutlich, was für einen großen Einfluss der Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Expansionsbestrebungen Russlands auf die Erinnerungskulturen in Osteuropa haben.

Das zweite Panel verhandelte ebenfalls den Umgang mit kulturellen Leitbildern. Zunächst stellte OLGA ROMANAVA (Minsk) filmische Strategien der Dekonstruktion der sowjetischen Subjekte vor, die vor allem während der Perestroika und in den frühen 1990er Jahren in Weißrussland zur Anwendung kamen.

Anschließend widmete MATTHIAS SCHWARTZ (Berlin) sich der erfolgreichen ukrainischen Serie Sluha Narodu, deren Hauptdarsteller Wolodymyr Selenskyj einen Geschichtslehrer spielt, der zum Präsidenten der Ukraine gewählt wird, und der 2019 selbst Präsident wurde. In der Serie wird der Lehrer in Alpträumen regelmäßig von der Historie in Form „großer Männer” heimgesucht, die einfache negative Botschaften aus der Vergangenheit übermitteln. Abwesend in den Träumen sind nicht nur die Figuren der sowjetischen, sondern auch die der ukrainischen Geschichte und das „Volk“. Schwartz argumentierte, dass diese Abwesenheit Resultat der aufoktroyierten marxistisch-leninistischen Geschichtsdeutung ist und dass das „Volk“ in der Serie narrativ neu entworfen werden musste. Es kann die Bühne nunmehr nur noch als eine Menge von an sich selbst interessierten UnternehmerInnen betreten.

JEROME DE GROOT (Manchester) gab in seiner Keynote einen weiträumigen theoretischen Überblick zu Erzählformen in fiktiven Geschichtsdarstellungen. Dabei wies er besonders auf die oft sehr konservative Strukturierung historischer Erzählungen hin, die sich meist an klassischen Formen der Literatur orientierten. Dies gelte allerdings auch für die Geschichtswissenschaft.

Ganz im Zeichen erzählter Gewalt stand das dritte Panel. MARIA GALINA (Moskau) beschäftigte sich mit der in Russland sehr beliebten fiktionalen futuristischen Kriegsliteratur, deren Covergestaltung auf eine männliche Zielgruppe schließen lässt. Die Fantasien beinhalten Szenarien, in denen das Zarenreich nie unterging, die Sowjetunion keinen Zusammenbruch erlebte oder in denen westliche Aggression den Auslöser eines Dritten Weltkriegs darstellt. Nicht selten und bereits vor 2013/14 stellt die Ukraine das imaginierte Schlachtfeld in diesen Werken dar.

TANYA ZAHARCHENKO (Oslo) widmete sich ukrainischer Kriegsliteratur aus der Perspektive der literaturwissenschaftlichen Traumatheorie: Hier sei ein Aufbrechen alter Wunden zu beobachten, das den Heilungsprozess erst möglich machte.

ALEKSEY BRATOCHKIN (Minsk) fokussierte im vierten Panel auf die kommerzielle Seite bei Aneignungsprozessen von Geschichte. Ausgehend von der These, dass sich politischer Aktivismus in Weißrussland seit den späten 1980er Jahren vor allem in die kulturelle Sphäre verlegt hat, demonstrierte er, wie insbesondere Personen aus dem Marketing sich erfolgreich historischer Symbole bedienen oder gar selbst historische Narrative prägen. Im Zentrum der populären Geschichtsdarstellungen in Weißrussland stehen laut Bratochkin vor allem heroische Männlichkeitsbilder. In den Produkten der Marketingleute, aber auch in Geschichtszeitschriften für ein breites Publikum spiele die Zeit nach 1991 keine Rolle. Bratochkin führte die starke Fokussierung auf die Sowjetzeit auch auf die russische Annexion der Krim zurück.

KARIN REICHENBACH (Leipzig) lenkte den Blick auf die vorher schon mehrmals angerissene Nutzung von Geschichte als Ankerpunkt von spezifischen Wertvorstellungen. Sie konzentrierte sich dabei auf Gruppen, die sich auf die Geschichte der Slawen bzw. deren Mythologie – etwa in Reenactments – beziehen. Die politischen Einstellungen der Teilnehmenden seien zwar divers, aber Reichenbach konnte zeigen, wie die prächristliche Geschichte in Osteuropa von sehr verschiedenen Akteuren für deren antimoderne und ethnonationalistische Agenda instrumentalisiert wird. So inszeniert sich etwa die polnische Organisation Rodzima Wiara (in etwa „heimatlicher Glaube”) als unpolitische Bewegung, vertritt aber klar rassistische, antisemitische und antichristliche Positionen.

Im Panel Mainstream Sites of Memory standen wieder ganz konkrete Werke im Fokus. STEPHAN KRAUSE (Leipzig) entschied sich für zwei Spielfilme, die vor dem Hintergrund der Ereignisse des Jahres 1956 in Ungarn spielen. Er konzentrierte sich vor allem auf die Ästhetisierung von nationaler Geschichte in den Werken. Dies zeigte er am Film Szabadság, szerelem (2006), der den politischen Ereignissen von 1956 neue Deutungsmöglichkeiten abgewinnt, indem er ihn mit dem Wasserballspiel zwischen Ungarn und der Sowjetunion bei den olympischen Spielen parallelisierte.

OLEKSANDR ZABIRKO (Bochum) lenkte den Blick auf das Leben des Schriftstellers Lew Gumiljow und seine Vermittlerrolle bei der Ideologie des Eurasismus. Das von russischen Emigranten in den 1920er Jahren entwickelte Konzept geht von einem russisch geprägten dritten Kontinent zwischen Europa und Asien aus, nämlich Eurasien. Die BewohnerInnen dieses Territoriums werden vor allem in Abgrenzung zu den westeuropäischen „Küstenvölkern” definiert. Die Ideologien der BewohnerInnen dieser verschiedenen Erdteile sind der Ideologie des Eurasismus zufolge unvereinbar. Zabirko demonstrierte, wie Gumiljows Schriften den Boden für Ideologen der postsowjetischen Zeit bereiteten und stellte mehrere Romane vor, die auf Gumiljows Ideen aufbauen.

ROMAN DUBASEVYCH (Greifswald) unterzog die erfolgreichen russischen Musikfilme Stilyagi (2008) und Leto (2018) einer kritischen Untersuchung. Beide Filme nehmen sich subkultureller Szenen an. Der sehr bunte Stilyagi spielt Mitte der 1950er Jahre in der poststalinistischen Sowjetunion. Leto konzentriert sich dagegen auf den russischen Rock-Underground im spätsozialistischen Leningrad Anfang der 1980er Jahre. Dubasevych argumentierte, dass sich die Filme trotz sehr unterschiedlicher filmischer Gestaltung in ihrer Darstellung der russischen Geschichte ähneln. So würden beide Werke eine starke Dichotomie zwischen den „grauen” Durchschnittsbürgern des Staatssozialismus und den „bunten” Subkulturen aufmachen. Die Filme seien aber nicht subversiv, sondern bedienten vor allem die Nostalgie nach einem verlorengegangenen sowjetischen Gemeinschaftsgefühl (Stilyagi) bzw. zeigten fast ausschließlich eine auf private Räume beschränkte, selbstreferentielle Hipster-Version der Sowjetunion (Leto).

Die Beiträge der Tagung warfen Schlaglichter insbesondere auf die sonst weniger im Fokus stehenden Länder Ukraine und Weißrussland. Besonders deutlich wurden die weitreichenden Auswirkungen der russischen Krim-Annexion, des Krieges in der West-Ukraine und der Implementierung „sowjetischer” Identitäten. Als DDR-Historiker konnten die beiden Autoren des Tagungsberichts sowohl markante Unterschiede als auch überraschende Gemeinsamkeiten zum eigenen Untersuchungsgegenstand feststellen. Der Pop-Begriff und etwaige Unterscheidungen zur Massen- oder Populärkultur fanden auf der Tagung allerdings keine besondere Aufmerksamkeit. Letztendlich orientierte man sich, positiv gesprochen, an Alexa Geisthövels und Bodo Mrozeks Diktum einer „übertheoretisierten” und “unterforschten” Popgeschichte und untersuchte eine Vielzahl von Genres und Medien.[1] Dennoch hätten einige Präsentationen von einem engeren Pop-Begriff – der etwa nach der körperlichen und emotionalen Dimension der untersuchten Phänomene fragt – und pointierteren Thesen profitieren können.

Conference overview:

Panel I: Transforming the Soviet Past: Popular Photographic and Cinematic Devices

Chair: Erik Martin (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder)

Olga Shparaga (European College of Liberal Arts in Belarus, Minsk): From External to Inner Contradictions. The Soviet Past in Belarusian Photography

Yaraslava Ananka (Universität Innsbruck): Catherine the Little and Crimean Puppets. From Vandalism to Voodoo in Ukrainian Popular Culture

Panel II: Reinventing the Soviet Subject: Audio-visual Representations of Collective Belongings

Chair: Nina Frieß (Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien, Berlin)

Оlga Romanova (European College of Liberal Arts in Belarus, Minsk): Deconstructing the "Soviet Man“ in Belorussian Films of the Perestroika Period and the Early 1990s (in Russian)

Matthias Schwartz (Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung / Freie Universität Berlin): Reconstructing the "Soviet People". Entertaining History Narratives in the TV Series Sluga Naroda

Keynote Lecture

Jerome De Groot (University of Manchester): "Do You Ever Think how Different Life Could be if You Could Change One Thing?" Experimental and Counterfactual Historical Fictions (via Skype)

Panel III: Narrating Violence: Imagined and Actual War Stories in Popular Fiction

Chair: Clemens Günther (Freie Universität Berlin)

Maria Galina (Novy Mir Magazine Moscow): Speculative Military Fiction in Post-Soviet Russian Literature. Themes and Tendencies (2000–2014)

Tanya Zaharchenko (University of Oslo): Reading the Wound. Trauma and War Literature in Ukraine

Panel IV: Post-Soviet Identity Formations: Strategies of Appropriating History

Chair: Nikolai Okunew (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam)

Aleksey Bratochkin (European College of Liberal Arts in Belarus, Minsk): "Our history": How Belorussian History and Identity Became Part of the Global "Experience Economy"

Karin Reichenbach (Universität Leipzig): Slavic Myth and Right-Wing Extremism in Eastern European Popular Cultures of History

Panel V: Mainstream Sites of Memory: Consuming and Occupying Past Events (I)
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Chair: Bodo Mrozek (Berlin Center for Cold War Studies / Institut für Zeitgeschichte München/Berlin)

Stephan Krause (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, Leipzig): "What Was Outside?" Popular Film(hi)stories of 1956 in Hungary

Oleksandr Zabirko (Universität Bochum): Fictionalized Eurasianism: Lev Gumilev's Ideas of History in Popular Russian Literature after 2000

Panel V: Mainstream Sites of Memory: Consuming and Occupying Past Events (II)

Chair: Nina Weller (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder)

Roman Dubasevych (Universität Greifswald): Mummified Subversion. Reconstructions of Soviet Rock Underground in Contemporary Russian Cinema

Note:
[1] Alexa Geisthövel / Bodo Mrozek, Einleitung, in: dies. (Hg.), Popgeschichte. Konzepte und Methoden, Bd. 1, Bielefeld 2014, S. 7–32, hier S. 8.

Zitation
Tagungsbericht: History Goes Pop? On the Popularization of the Past in Eastern European Cultures, 10.12.2019 – 12.12.2019 Frankfurt/Oder, in: H-Soz-Kult, 22.04.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8730>.