XI. Nachwuchskolloquium des Forschungsverbundes FUER (Förderung und Entwicklung eines reflektierten und selbstreflexiven) Geschichtsbewusstsein

Ort
Hamburg
Veranstalter
Andreas Körber, Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik, Universität Hamburg
Datum
30.01.2020 - 31.01.2020
Von
Jan Scheller, Arbeitsbereich Fachdidaktik Geschichte, Universität Greifswald

Im Wintersemester 2019/20 fand nunmehr zum 11. Mal das Nachwuchskolloquium des Forschungsverbundes FUER Geschichtsbewusstsein statt. Insgesamt zehn Forscher/innen stellten ihre wissenschaftlichen Projekte vor und zur Diskussion. Im Folgenden werden die Präsentationen und anschließenden Diskussionen nicht chronologisch, sondern thematisch strukturiert resümiert. Insgesamt ließen sich vier Schwerpunkte ausmachen: Forschungen zu 1. Ausprägungen historischen Denkens von Schüler/innen, 2. Historischem Denken und Digitalität, 3. Geschichtslehrpersonen sowie 4. historischem Denken während und nach Museumsbesuchen.

1. Forschungsprojekte über Ausprägungen historischen Denkens von Schüler/innen

JAN SCHELLER (Aarau/Greifswald) analysiert in seiner Pilotstudie, wie Schüler/innen und Studierende verschiedener Altersstufen bei der Analyse eines historischen Plakats vorgehen und welche historischen Denkoperationen dabei zu Tage treten. Ebenfalls nach unterschiedlichen Ausprägungen historischen Denkens sucht LUKAS GREVEN (Aachen), wählt jedoch dafür einen retrospektiven Längsschnitt und fragt, inwiefern sich das forschend-historische Lernen im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten in Abhängigkeit vom geschichtsdidaktischen Diskurs zwischen 1975 und 2013 verändert hat. Beide analysieren das Material mittels qualitativer (integrativer) Inhaltsanalyse. Während beim erstgenannten Beitrag insbesondere Überlappungsbereiche und Trennendes zwischen Graduierung und Progression diskutiert wurden, stand im zweiten Forschungsprojekt das Kategorienraster, welches deduktiv auf der 6-Felder-Matrix[1] basiert, zur Diskussion. ANNIKA STORK (Hamburg) fokussiert mit Perspektivität ein konstitutives Merkmal historischen Denkens. Sie fragt danach, wie sich in transkribierten Geschichtsstunden unterschiedliche Formen des Umgangs mit Perspektivität identifizieren lassen. Dazu nutzt sie eine Methodentriangulation, indem sie die Analyseergebnisse aus Dokumentarischer Methode sowie sprachwissenschaftlicher Analyse (Systemic Functional Linguistics) miteinander verschränkt. Im Plenum wurden die mitgebrachten Ausschnitte eingehend erläutert und diskutiert. DANIEL FASTLABEND (Paderborn) untersucht Narrationen Jugendlicher im internationalen Vergleich dahingehend, inwiefern sie jeweilige geschichtskulturelle Konventionen spiegeln. Er modelliert Geschichtskultur als eine Dimension des Geschichtsbewusstseins und plant geschichtskulturelle Einflüsse auf historisches Denken durch ein kontrastives Sample im Rahmen einer Interviewstudie mit deutschen und US-amerikanischen Schüler/innen zu prüfen. Die eben genannten sowie weitere Überlegungen zur Datenerhebung wurden im Folgenden diskutiert.

2. Forschungsprojekte über historisches Denken und Digitalität

Ebenfalls historisches Denken von Schüler/innen, allerdings mittels digitaler Datenerhebung, plant ALEXANDRA KREBS (Paderborn) in den Blick zu nehmen. Sie entwickelt für die Datenerhebung eine App, die sich zurzeit in der Pilotierungsphase befindet. Die Lernenden sollen darin auf der Basis selbstgewählter historischer Themen und Fragestellungen sowie anhand digitalisierter Archivalien und mithilfe verschiedener digitaler Tools eigenständig forschen, um darauf aufbauend eigene Geschichten zu schreiben. In ihrem Vortrag erläuterte die Referentin vor allem die Aufgaben und deren Strukturen in der App und stellte abschließend ihr empirisches Forschungsvorhaben zur Diskussion, in welchem sie untersucht, wie die Lernenden im digitalen Lernraum historisch erzählen. LARS STERN (Konstanz) fragt hingegen danach, inwiefern Geschichtsunterricht mit digitalen Merkmalen überhaupt zu besseren Ergebnissen führt. In seiner Wirksamkeitsstudie misst er den Zuwachs an historischen Kompetenzen, curricularem Wissen sowie Interesse bei Klassen mit sowie ohne Tablets zu mehreren Zeitpunkten im Schuljahresverlauf. Nach Auswertung der ersten Kohorte zu zwei Messzeitpunkten wurden weder Vor- noch Nachteile der unterschiedlichen Lernumgebungen festgestellt.

3. Forschungsprojekte zu Geschichtslehrpersonen

Zwei Forschende fokussieren in ihren Projekten Geschichtslehrpersonen. Im vom BMBF geförderten Forschungsprojekt von SUSANNE SACHENBACHER (Eichstätt) wurden Geschichtslehrpersonen zunächst im Unterrichten in zunehmend heterogenen Klassen der Sekundarstufe 1 geschichtsdidaktisch sowie bildungswissenschaftlich fortgebildet. In einem Kontrollgruppendesign soll nun die Wirksamkeit der Fortbildung untersucht werden. Dabei sind neben standardisierten Tests auch qualitativ auszuwertende Unterrichtsbeobachtungen geplant. Im Plenum wurde insbesondere das dafür entwickelte Beobachtungsraster diskutiert. ALEXANDER BUCK (Hamburg) verfolgt dagegen ein exploratives Setting, in welchem er die Niveauvorstellungen von Geschichtslehrpersonen rekonstruiert. Dazu führte er Interviews in Deutschland und der Schweiz durch und wertete sie mittels dokumentarischer Methode aus. In seinem Vortrag präsentiert er erste Ergebnisse seiner qualitativen Erhebung hinsichtlich der Art und Weise, wie Geschichtslehrer/innen den Umgang mit Perspektivität für Qualitätsunterscheidungen nutzen und welche Rolle die sogenannten Anforderungsbereiche für die subjektiven Konzepte der Geschichtslehrpersonen spielen. In der Diskussion wurde u.a. der Auftrag an die Disziplin formuliert, für Schule anschlussfähige Niveaukonzepte zu entwickeln.

4. Forschungsprojekte zu historischem Denken während bzw. nach Museumsbesuchen

Zwei Forschende fokussieren Museumsbesuche und davon initiiertes historisches Denken. JULIA THYROFF (Basel) stellte die Ergebnisse ihres abgeschlossenen Dissertationsprojekts vor. In diesem erforschte sie mittels prozessbegleitendem lauten Denken Aneignungsweisen bei erwachsenen Besuchenden der Ausstellung »14/18. Die Schweiz und der Grosse Krieg«, insbesondere durch die von den Besuchenden hergestellte Gegenwarts- und Lebensweltbezüge. Im Vortrag präsentierte sie als zentrales Ergebnis ihrer Studie ein Modell, das zentrale von den Besuchenden eingenommene Fokusse systematisiert. Die Einbettung von Museumsbesuchen im Rahmen schulischen historischen Lernens untersucht ANDREA BRAIT (Innsbruck) im Rahmen ihres Habilitationsprojekts „Historisches Lernen zwischen Schule und Museum“. Sie analysiert dabei unter anderem ethnographisch durchgeführte Beobachtungen von Geschichtsstunden in österreichischen Schulklassen vor sowie nach einem Museumsbesuch. Im Vortrag wurden als Ergebnis drei verschiedene Typen von diesen vorgestellt: inhaltsorientierter Unterricht, kompetenzorientierter Unterricht sowie inhaltsorientierter Unterricht mit einzelnen kompetenzorientierten Elementen.

Als Termin für das nächste FUER-Nachwuchskolloquium war zunächst Ende des Sommersemesters 2020 vorgesehen, jedoch ist die Austragung derzeit noch ungewiss.

Konferenzübersicht:

Jan Scheller (Aarau/Greifswald): Von der Erfassung historischen Denkens zur Ableitung von Progressionsstufen?

Lukas Greven (Aachen): Forschend-historisches Lernen dynamisch. Konzeption einer retrospektiven Längsschnittstudie zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.

Lars Stern (Konstanz): Besser historisch denken lernen mit Tablets und dem mBook Geschichte?

Annika Stork (Hamburg): Formen des Umgangs mit Perspektivität in der mündlichen Kommunikation über Geschichte – Diskussion eines Fallbeispiels.

Alexandra Krebs (Paderborn): Auf Spurensuche mit der „App in die Geschichte“. Eine Untersuchung historischer Lernprozesse und Narrationen von Schülerinnen und Schülern im digitalen Medium am Beispiel der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel.

Andrea Brait (Innsbruck): Einbettung von Museumsbesuchen in den Geschichtsunterricht.

Daniel Fastlabend (Paderborn): Wie denken Jugendliche historisch im internationalen Vergleich? Eine empirische Untersuchung zu geschichtskulturellen Einflüssen auf historisches Denken am Beispiel des Themas Migration.

Julia Thyroff (Basel): Aneignen in einer historischen Ausstellung. Eine Bestandsaufnahme von Elementen historischen Denkens bei Besuchenden. Abschlussbericht.

Alexander Buck (Hamburg): Graduierungskonzepte von Geschichtslehrkräften. Erste Ergebnisse einer explorativen Interviewstudie.

Susanne Sachenbacher (Eichstätt): Beforschung der Wirksamkeit einer Fortbildung für Lehrpersonen.

Anmerkung:
[1] Wolfgang Hasberg / Andreas Körber, Geschichtsbewusstsein dynamisch, in: Andreas Körber (Hrsg.): Geschichte – Leben – Lernen. Bodo von Borries zum 60. Geburtstag, Schwalbach im Taunus 2003, S. 177–200.

Zitation
Tagungsbericht: XI. Nachwuchskolloquium des Forschungsverbundes FUER (Förderung und Entwicklung eines reflektierten und selbstreflexiven) Geschichtsbewusstsein, 30.01.2020 – 31.01.2020 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 13.05.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8757>.
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Veröffentlicht am
13.05.2020
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